Lade Inhalt...

Die Erziehung Tristans und Isoldes bei Gottfried von Straßburg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 38 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Verhältnis von Bildung und Erziehung

3 Höfische Erziehung im Hochmittelalter
3.1 Zum Problem der Quellenlage
3.2 Erziehung zum ritter
3.3 Erziehung zur frouwe

4 Die Erziehung als Thema bei Gottfried

5 Die Erziehung Tristans
5.1 Die Schwertleite als Abschluß der Ausbildung
5.2 Die Besonderheiten der Erziehung Tristans
5.3 Last durch Bildung

6 Die Erziehung Isoldes
6.1 Isoldes Ausbildung vor der Begegnung mit Tristan
6.2 Erziehung durch den Spielmann Tantris
6.3 Die Rolle der morâliteit
6.4 Isoldes Ausbildung als Voraussetzung für ihre Exzeptionalität

7 Die Folgen der Erziehung für Isolde und für Tristan

8 Die Rolle der Musik
8.1 Tristan und die Musik
8.2 Isoldes musikalische Fähigkeiten
8.3 Tristan und Isolde musizieren in der Minnegrotte
8.4 Bewertung der Rolle der Musik im Tristan

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In keinem anderen Werk der höfischen Literatur wird der Erziehung und Ausbildung des Protagonisten ein so breiter Raum eingeräumt, wie es Gottfried von Straßburg im Tristan tut, der um 1210 entstanden ist.[1] Allein diese Tatsache verlangt nach Erklärungen. Warum legt Gottfried so großen Wert nicht nur auf die Erziehung seines Helden, sondern auch auf die adäquate Bildung von dessen Geliebter?

Der Tristan bildet im Blick auf die Beschreibung von Erziehung den Höhepunkt in der höfischen Literatur. Die Bildung, welche die beiden Protagonisten Tristan und Isolde aufgrund ihrer Erziehung erlangt haben, spielt für den gesamten Handlungsverlauf eine eminent wichtige Rolle.

Zunächst wird kurz der Bildungsbegriff des Mittelalters dargestellt, um von dem heutigen Bildungsbegriff, der sich in vielerlei Hinsicht von dem des Mittelalters unterscheidet, abzurücken. Denn die Übertragung der modernen Bildungsmaßstäbe auf das Mittelalter muß unweigerlich zu Mißverständnissen und Brüchen in der Deutung des zu untersuchenden Materials führen.

Um einen Eindruck von der Erziehung junger Adeliger im Hochmittelalter zu bekommen, wird diese zunächst kurz skizziert, wobei zwischen Jungen- und Mädchenerziehung unterschieden wird.

Es folgt die Erziehung Tristans, die mit seiner Schwertleite ihren Abschluß findet. Die Schwertleite findet hier nur unter dem Gesichtspunkt als Schlußpunkt einer adeligen Erziehung Beachtung. Die Besonderheiten der Beschreibung, die bei Gottfried zu finden sind, wie z.B. der Literaturexkurs, werden beiseite gelassen, da ihre Analyse im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.

Parallel zu der Schilderung der Ausbildung Tristans wird die Erziehung Isoldes beschrieben, um im Anschluß wieder die Besonderheiten des Ausbildungsganges aufzuzeigen.

Eine besondere Rolle im Rahmen der Erziehung der beiden Protagonisten spielt die Musik. Diese ist der Bereich, in dem Tristan und Isolde zu vollkommener Harmonie gelangen. Aus diesem Grund widmet sich ein breiter Teil der Arbeit zunächst den musikalischen Fähigkeiten der beiden, um dann detailliert die Rolle der Musik im Tristan Gottfrieds zu beschreiben.

2 Zum Verhältnis von Bildung und Erziehung

Erziehung geht im heutigen Verständnis immer einher mit Bildung, da diese das Ergebnis von Erziehung und Ausbildung ist. Auch für das Mittelalter ist die Bildung das Ergebnis der Ausbildung des Einzelnen. Es ist jedoch ein anderer Bildungsbegriff als der heute geläufige. Ein bedeutender Unterschied ist die Verengung des Bildungsbegriffes in der Gegenwart auf eine Kultur, die von Lese- und Schreibfähigkeit ihrer Mitglieder beherrscht wird.[2] Wer nicht lesen und schreiben kann, der kann auch nicht gebildet sein. Bildung setzt vermeintlich Literarizität voraus.

Diese Prämissen führen dazu, daß das im Mittelalter übliche Analphabetentum eines Großteils der Bevölkerung in der Gegenwart häufig mit ungebildet gleichgesetzt wird. Eine Gesellschaft, in der die Schrift auch zur Tradierung von Wissen nur eine untergeordnete Rolle spielt, kann kein hohes Bildungsniveau besitzen. Dies ist eine weit verbreitete Ansicht in der Gegenwart.

Es ist aber unbestritten, daß die Gesellschaft des Mittelalters keineswegs ungebildet war, sondern durchaus einen hohen Bildungsgrad besaß. Denn „illiterat“ war nicht gleichbedeutend mit ungebildet. Es hieß schlicht „schriftunkundig“, war also in diesem Sinne eher gleichbedeutend mit „Laie“ im Gegensatz zum lateinisch gebildeten Kleriker[3]. Literat oder illiterat waren im Mittelalter Alternativen, die nebeneinander existierten. Es war nicht „tadelnswert“, nicht lesen und schreiben zu können. Die Bezeichnung „illiterat“ stellte keine Abwertung dar, sondern sie war zeitweise eher eine Abgrenzung zu anderen Gesellschaftsschichten und Ständen, die aufgrund der Lese- und Schreibfähigkeit charakterisiert wurden.[4]

So bezeichnet der Begriff „literat“ an heutigen Maßstäben gemessen ein Minimum an literarischen Fähigkeiten, das in der Gegenwart „jedem Schulkind“ und „erst recht jedem Erwachsenen“ zugemutet wird.[5] Dieses Mindestmaß war in der mittelalterlichen Gesellschaft nicht gefordert, gefordert wurde es lediglich von Klerikern und Mönchen.

Die ständespezifische Differenzierung der Erziehung führte dazu, daß sich mit dem Adel auch eine Art illiterate Elite herausbildete, die sich auch in ihren Bildungsansprüchen deutlich von den niederen Ständen abgrenzen wollte. Obwohl ein Großteil des Adels nicht lesen konnte, sind viele ambitionierte Werke von „gebildeten“ Autoren überliefert, die für ein „gebildetes“ Publikum geschrieben haben. Es existierte in der Laienkultur eine mündliche Überlieferung in der Volkssprache, die bewahrt und später aufgeschrieben wurde und so ihre Überlieferung in die Gegenwart gefunden hat.[6]

Literat und illiterat wurden im Mittelalter also nicht wertend oder abwertend verwendet, sondern die Begriffe beschreiben jeweils unterschiedliche Bildungswelten, die nebeneinander existierten und sich gegenseitig respektierten.

Deutlich war jedoch die Verteilung der unterschiedlichen Bildungsformen auf die verschiedenen Stände: Ein lateinkundiger „Litteratus“ war Mönch oder Kleriker, also ein Mann der Kirche, der auch Verwaltungsaufgaben in der Kanzlei übernahm. Die schrift- und lateinunkundige „Illitterati“ waren Laien aller Gesellschaftsschichten. Ein bestimmtes Maß an literarischer Bildung wurde bei den Laien von Königssöhnen und Frauen des Hofes gefordert, „bei anderen Laien ist es ungewöhnlich und auffällig, wenn sie litterati sind“.[7]

Wenn in dieser Arbeit von Bildung gesprochen wird, liegt immer der mittelalterliche Bildungsbegriff zugrunde.

3 Höfische Erziehung im Hochmittelalter

Die Erziehung an den Adelshöfen des Mittelalters unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der scholastischen Ausbildung, die angehende Kleriker an den Schulen der Klöster erhalten.

Bei der in den Klöstern vermittelten Bildung handelt es sich um eine „schriftliche, lateinische Klosterkultur“[8], deren Grundlage die aus der Antike überlieferten septem artes liberales sind. Lesen und Schreiben und das Beherrschen der lateinischen Sprache sind die Grundvoraussetzungen für die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien.

Den Gegensatz zu dieser Kloster- oder Gelehrtenbildung bildet die an den Adelshöfen vermittelte volkssprachliche und schriftlose Laienkultur. Folgt die scholastische Ausbildung einem Lehrplan, so gründet sich die Adelserziehung im wesentlichen auf altgermanische Gewohnheiten, die volkssprachlich überliefert worden sind. Die schriftlose Bildung wird nicht als Makel empfunden, sondern mit einem gewissen Standesstolz und dem Bewußtsein getragen, sich von anderen Ständen abzugrenzen.[9]

3.1 Zum Problem der Quellenlage

Für die Erforschung der Erziehung der adeligen Jugend im Mittelalter liegen im Prinzip zwei Quellentypen vor, in denen diese Ausbildung geschildert wird. Dies sind zum einen die literarischen Texte, wie z.B. der Tristan Gottfrieds von Straßburg, andere höfische Epen oder auch Lehrdichtungen, wie z.B. der Wälsche Gast des Thomasin von Zerkl#re. Es ist mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, daß die in diesen Werken geschilderte oder geforderte Erziehung einem Idealbild entspricht, das in der Realität nicht eingehalten werden konnte.

Auf der anderen Seite stehen die historischen Quellen, die – so sollte man vermuten - einen realistischeren Blick auf die Erziehung ermöglichen sollten. Nur ist auch hier die Quellenlage, wie für einen großen Teil des Mittelalters, sehr dürftig, so daß es schwierig ist, von den vorhandenen Bruchstücken auf allgemeine Tendenzen zu schließen. Erschwerend für den deutschen Sprachraum kommt noch hinzu, daß es nur wenige deutsche Quellen gibt, die über die Erziehung von Fürsten an fremden Höfen berichten. Aus diesem Grund führt L. Fenske seine ausführliche Untersuchung zur Knappenerziehung auf der Grundlage von anglo-normannischen und französischen Quellen.[10] Das Fehlen der deutschen Quellen zu diesem Themenkomplex ist für Fenske bereits bezeichnend.

Trotz der prekären Quellenlage unternimmt Fenske den Versuch, Grundzüge einer Knappenerziehung im Mittelalter darzulegen und die Ergebnisse, die er aus einzelnen Quellen gewinnt, vorsichtig zu verallgemeinern, auch wenn sich dieses als recht schwierig herausstellt.

Das folgende Kapitel über die Erziehung zum Ritter stützt sich dann auch im wesentlichen auf die Ergebnisse von Fenske, die auf den vorhandenen historischen Quellen beruhen. Diese sind deshalb für die literarischen Texte wichtig, weil auch fiktionale Texte ein gewisses Maß an Realität widerspiegeln müssen, um bei den Rezipienten auf Akzeptanz zu stoßen. So bleiben für sie die geschilderten Vorgänge auf der einen Seite nachvollziehbar und auf der anderen Seite können sie eventuelle Besonderheiten erkennen und bewerten.

3.2 Erziehung zum ritter

Die Ausbildung der jungen Adeligen teilt sich sowohl in den literarischen Zeugnissen als auch in den historischen Quellen in zwei unterschiedliche Bereiche: auf der einen Seite steht das körperliche Training für die männlichen Adeligen, die für eine Ritterlaufbahn vorgesehen sind und auf der anderen Seite steht die geistige Bildung, die auch die Vermittlung höfischer Verhaltensweisen und Umgangsformen umfaßt. Beide Bereiche sind in jeder Hinsicht eng an den Hof geknüpft.[11]

Auf eine gewisse Systematik in der ritterlichen Erziehung lassen die sieben probitates schließen, die seit dem 12. Jahrhundert immer wieder als „Grundstock“ der Ausbildung begegnen. Bereits der Name läßt die Anlehnung an die septem artes liberales aus der scholastischen Ausbildung erkennen. Petrus Alfonsi nennt sieben ritterliche Künste: Reiten, Schwimmen, Pfeilschießen, Fechten, Jagen, Schachspiel und Versemachen.[12] Die Aufzählung dieser probitates zeigt, daß die physische Ausbildung zwar im Vordergrund steht, jedoch von den Jungen auch die Kunst höfischen Verhaltens gefordert wird.

Die körperlichen Übungen beinhalten in erster Linie Training im Umgang mit Waffen und das Reiten im ritterlichen Kampf. Obwohl es zunächst plausibel erscheint, diesen Teil der Erziehung von der Einübung des höfischen Verhaltens streng zu trennen, ist eine solche Trennung nicht möglich, da auch im ritterlichen Kampf von den Teilnehmern höfisches Verhalten gefordert wird. Zumal sich die vornehme und adelige Gesinnung in der Vorstellung des Mittelalters auch in der körperlichen Haltung ausdrückt und diese beiden Bereiche somit nicht voneinander zu trennen sind.

Neben der körperlichen Ertüchtigung spielen die gesellschaftlichen Umgangsformen eine sehr wichtige Rolle bei der Erziehung. In diesen Bereich gehören auch für den Mann musische Fähigkeiten wie das erwähnte Versemachen oder auch die Kenntnis von Heldenliedern, „Spruchweisheit mit Saitenspiel“[13] und Schachspiel. Letzteres nimmt in der mittelalterlichen Adelskultur eine herausragende Stellung ein, da es als das Spiel der Könige nur dieser vornehmen Gesellschaftsschicht vorbehalten ist und somit auch zur Abgrenzung gegenüber den anderen Bevölkerungsschichten gilt.

Der erste Teil der Ausbildung findet am elterlichen Hof statt. Mit ungefähr vierzehn Jahren kommt der Jugendliche zur eigentlichen Knappenerziehung an einen fremden Hof.

Die Entscheidung, den Sohn an einen fremden Hof zu geben, ist gleichzeitig eine Vorentscheidung für den Verlauf des weiteren Lebensweges des Jugendlichen. Dieser Übergang von der pueritia zur adolescentia, der ungefähr stattfindet, wenn der Jugendliche 14 Jahre als ist, verlangt eine Entscheidung entweder für einen weltlichen oder einen geistlichen Lebensweg.[14] Erst nach dieser Entscheidung beginnt die eigentliche Ausbildung zum Ritter. An dieser Stelle verortet Fenske die Aufteilung der Ausbildung in die körperliche Erziehung, die auf das Kämpfen vorbereiten soll und die darüber hinausgehende Vermittlung von Verhaltensformen, die den Jugendlichen dazu befähigen sollen, später den Anforderungen der adeligen Oberschicht zu genügen.[15]

3.3 Erziehung zur frouwe

Ähnlich wie die Männer unterliegen auch die adeligen Frauen im Mittelalter einer strengen, auf ihre zukünftige Rolle innerhalb der Gesellschaft ausgerichteten Erziehung und Ausbildung.

Die Erziehung der adeligen Mädchen unterscheidet sich schon aufgrund ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft, die derjenigen des Mannes untergeordnet ist, in einem hohen Maße von dem Ausbildungsgang der adeligen Jungen. Frauen sollen repräsentieren und die Gesellschaft erfreuen, sei es durch einen angenehmen Anblick oder durch schöne Künste, wie musizieren, singen oder das Vortragen von Gedichten. Auch wenn die Dame somit im Mittelpunkt der höfischen Gesellschaft steht, spielt sie nur eine repräsentative Rolle und hat fast keinerlei Chancen auf Selbstbestimmung.

Aufgrund der bereits von den Kirchenvätern immer wieder herausgestellten Schwäche der Frauen erhalten diese eine Erziehung, die auf eine strenge Bewachung und Kontrolle der jungen Mädchen zielt, damit sie ein sittsames Leben führen. Sittsamkeit, Keuschheit, Schamhaftigkeit und Demut sind die herausragenden Erziehungsziele bei den adeligen Mädchen.[16]

Eine wichtige Rolle im täglichen Leben spielen die Handarbeiten, zu denen die Mädchen und Frauen angehalten werden. Weben, Sticken und das Verzieren von Kleidung sind Beschäftigungen, die auch für die großen Damen durchaus angemessen sind. Die Handarbeit soll die Mädchen vor sittlichen Verfehlungen bewahren.

Hinzu kommt eine literarische und künstlerische Ausbildung, welche die Mädchenerziehung in der adeligen illiteraten Laiengesellschaft zu einer Ausnahme macht. An den Adelshöfen des Mittelalters sind es meist die Frauen, die lesen und schreiben können und oft auch elementare Lateinkenntnisse besitzen; sie sind also in der Lage, den Psalter auf Lateinisch zu lesen. Diese elementare Kenntnisse verschaffen den Frauen in der adeligen Laiengesellschaft eine höhere Bildung, die über das Maß der meisten männlichen Standesgenossen hinaus geht, auch wenn sie von der gelehrten Bildung, die ihren Ausdruck in den septem artes findet, fast gänzlich ausgeschlossen sind. Dennoch gibt es immer wieder einzelne hochgebildete Frauen auch unter den weltlichen Damen, die aber wirklich nur Ausnahmen darstellen.

Ein weiterer wichtiger Bereich in der Erziehung der Frauen sind die Anstandsregeln, die beinahe sämtliche Bereiche und Situationen des höfischen Lebens umfassen, in denen die Frauen auftreten. Auch dieser Teil der Ausbildung ist auf die Sittsamkeit der Frauen ausgelegt. Die Frauen werden auf diese Weise in eine passive Rolle gezwungen, in der sie kaum Aktionsmöglichkeiten besitzen.

Eine ganz zentrale Rolle spielt in der Erziehung der Frauen die Tugendlehre. Das Leben der Frauen ist sittlichen Normen unterworfen, wobei ihr gesamtes Handeln nur auf deren Einhaltung ausgerichtet sein soll. Die vermittelten Werte sind zwar im Grunde die gleichen wie diejenigen für die Ritter, es werden aber andere Akzente gesetzt. Im Vordergrund steht die Erhaltung des guten Rufes; das Maß hierfür ist das angemessene sexuelle Verhalten der Frauen. Deshalb stehen Schamhaftigkeit, Keuschheit und Reinheit in dem vermittelten Tugendkatalog ganz oben, gefolgt von Sanftmütigkeit, Bescheidenheit, Barmherzigkeit, Güte, Demut. Die moralische Unterweisung unternehmen meist Geistliche oder geistlich gebildete Lehrer. Da die Frauen an den sittlichen Forderungen, die an sie gestellt werden, gemessen werden, bemühen sie sich eher, diese zu erfüllen als die Männer. Denn das gesamte Ansehen in der Gesellschaft gründet sich auf den guten Ruf der Frau und den zu bewahren ist sie bemüht.

Mälzer spricht in diesem Zusammenhang von einem „Funktionscharakter der Frau“; ihr guter Ruf, der durch ein normenkonformes Verhalten aufrecht erhalten wird, festigt wiederum den guten Ruf ihres Mannes, so daß dieser sich zu seiner eigenen Vervollkommnung seiner Frau bedient. Hinter diesen gesellschaftlichen Ansprüchen stehen persönliche Wünsche zurück.[17]

4 Die Erziehung als Thema bei Gottfried

Das Besondere an der Darstellung der Erziehung bei Gottfried von Straßburg ist die Tatsache, daß die Erziehung der beiden Hauptfiguren Auswirkungen auf die Handlung hat wie noch zu zeigen sein wird. Der Fortlauf der Handlung basiert jeweils auf dem angeeigneten Wissen, so daß der Erziehung gleichsam eine strukturierende Bedeutung zukommt.

Kein anderer Autor dieser Zeit hat sich so ausführlich und detailliert der Erziehung und Ausbildung seiner Protagonisten gewidmet wie Gottfried.[18] Nicht erst die durch die Erziehung erlangte Bildung Tristans und Isoldes spielt in der Handlung eine eminent wichtige Rolle, sondern bereits die Schilderung der Ausbildung der beiden nimmt einen breiten Raum ein und zeigt, daß Gottfried darauf jede Menge Sorgfalt verwandt hat.

[...]


[1] zum Problem der Datierung vgl.: Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin 2000, S. 27-30.

[2] Boehm, Laetitia: Art. „Erziehungs- und Bildungswesen. A. Westliches Europa.“ In: Lexikon des Mittelalters. Bd. III. München, Zürich 1986, Sp. 2196f.

[3] vgl. hierzu. Grundmann, Herbert: Die Frauen und die Literatur im Mittelalter. In: Archiv für Kulturgeschichte 26 (1936), S. 130f.

[4] vgl. ausführlich zu der Entwicklung der beiden Begriffe: Grundmann, Herbert: Litteratus – Illitteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm von der Antike zum Mittelalter. In: Archiv für Kulturgeschichte 40 (1958), S. 1 – 65, hier S. 3.

[5] Grundmann: Litteratus, S. 3.

[6] Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik. 3., durchges. u. erw. Aufl. München 1997, S. 55.

[7] Grundmann: Litteratus, S. 14.

[8] Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik, S. 45.

[9] Boehm: Erziehungs- und Bildungswesen, Sp. 2199.

[10] vgl. zu diesem Problem: Fenske, Lutz: Der Knappe: Erziehung und Funktion. In: Josef Fleckenstein (Hg.): Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Göttingen 1990, S. 59.

[11] Bumke, Joachim: Höfischer Körper – Höfische Kultur. In: Joachim Heinzle (Hg.): Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Frankfurt/Main, Leipzig 1994, S. 68.

[12] Feilzer, Heinrich: Jugend in der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Ein Beitrag zum Problem der Generationen. Wien 1971, S. 168.

[13] Boehm: Erziehungs- und Bildungswesen, Sp. 2199.

[14] Fenske: Der Knappe, S. 91.

[15] Fenske: Der Knappe, S. 94.

[16] zur hier geschilderten Erziehung der adeligen Frau vgl.: Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 7. Aufl. München 1994, S. 471 - 483.

[17] Mälzer, Marion: Die Isolde-Gestalten in den mittelalterlichen deutschen Tristan-Dichtungen. Ein Beitrag zum diachronischen Wandel. Heidelberg 1991, S. 22f.

[18] Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. 2. Teil. Berlin 1980, S. 225.

Details

Seiten
38
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638190503
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13377
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Gernanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Erziehung Tristans Isoldes Gottfried Straßburg Ausbildung Literatur Mittelalters

Autor

Zurück

Titel: Die Erziehung Tristans und Isoldes bei Gottfried von Straßburg