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"Lo real maravilloso" in "El reino de este mundo" von Alejo Carpentier

Hausarbeit 2006 16 Seiten

Leseprobe

1. Einleitung

Diese Arbeit soll sich mit dem zweiten Roman des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier, El reino de este mundo (1949)[1], befassen. Im Fokus der Betrachtung soll dabei das Konzept stehen, welches Carpentier im Prolog zu jenem Roman ursprünglich als Polemik gegen den Surrealismus verfasst hat: Lo real maravilloso. In dem erstmals 1964 erschienenen Essayband Tientos y diferencias veröffentlichte Carpentier unter dem Titel De lo real maravilloso americano eine erweiterte Fassung dieses Prologs, wobei er diesen auch dahingehend ergänzt, dass er immer häufiger in Werken junger lateinamerikanischer Schriftsteller lo real maravilloso entdecke. Ursprünglich, im Prolog von 1949, machte Carpentier das Wunderbare noch als ein Charakteristikum der lateinamerikanischen Wirklichkeit aus; mit der Aussage, dass immer mehr lateinamerikanische Autoren das wunderbar Wirkliche schrieben, transformiert er es in eine Art literarische Kategorie.[2]

Um die literarische Umsetzung des Programms in El reino de este mundo adäquat bewerten zu können, beginnt der Hauptteil dieser Arbeit mit einem Abriss von Leben und Werk des Mannes, der „(v)on Geburt Cubaner, nach seiner Erziehung wesentlich Europäer und nach seiner Neigung zutiefst hispanoamerikanisch“[3] war. Im anschließenden Teil dieser Arbeit soll das Konzept des real maravilloso genau identifiziert werden, um danach zu analysieren, wie Carpentier El reino de este mundo vor dem Hintergrund des real maravilloso gestaltet hat.

Aus Platzgründen wird keine vollständige Interpretation des gesamten Romans erfolgen können. Stattdessen wird exemplarisch anhand repräsentativer Textstellen versucht werden, „lo real maravilloso novelado“[4] zu erfassen.

2. Für das real maravilloso relevante Aspekte in Leben und Werk Carpentiers

2.1 Ein Leben zwischen Amerika und Europa

Alejo Carpentier y Valmont wird am 26. Dezember 1904 in Havanna als Sohn eines französischen Architekten und einer russischen Sprachlehrerin geboren. Carpentier wächst zweisprachig auf, spricht Französisch und Spanisch. Zu Beginn der 1920er Jahre beginnt Carpentier ein Architekturstudium in seiner Heimatstadt Havanna und studiert später Musikwissenschaften und Völkerkunde. 1921 wendet er sich ebenfalls dem Journalismus zu. Im Jahre 1927 gerät er aufgrund seiner Beteiligung an einer Protestaktion gegen das kubanische Machado-Regime für sieben Monate in Haft.[5]

Wichtig für das Verständnis seines Werkes ist, dass sich bei Carpentier bereits früh eine „Liebe zur Musik und Architektur“[6] herausbildet, und er ferner eine ausgeprägte Kenntnis der französischen und spanischen Literatur entwickelt – „ausschlaggebend für sein reifes Werk“[7].

Auf seine Zeit im Gefängnis folgt das politische Exil des Literaten. Ihm gelingt es, mit der Hilfe des französischen surrealistischen Dichters Robert Desnos, Kuba zu verlassen, und sich 1928 in Paris niederzulassen. In Paris angekommen, veröffentlicht Carpentier in einigen Zeitschriften Artikel über die Musik in Paris und Kuba. Durch Desnos eingeführt, steht Carpentier, von seiner Ankunft in Paris an, in regem Kontakt mit der surrealistischen Bewegung, was sein Werk nachhaltig beeinflussen sollte. Von André Breton wird er dazu aufgefordert, an der Zeitschrift Révolution surréaliste mitzuwirken. Vom surrealistischen Umfeld geprägt, schreibt Carpentier die surrealistische Erzählung El Estudiante.

1933 kann er seinen ersten Roman Ecué-Yamba-Ó abschließen und fasst den Beschluss, zur Veröffentlichung des Buches eine Weile in Madrid zu leben. Zu dieser Zeit wohnt er dem literarischen Zirkel des „Café Correos“ bei und lernt unter anderem Federico García Lorca kennen. Nachdem 1935 die Machado-Regierung gestürzt wurde, reist er 1936 nach Kuba, kehrt danach aber wieder relativ schnell nach Paris zurück. Mit den erwähnten Unterbrechungen hält sich Carpentier von 1928 bis 1939 in Paris auf, was den Literaten ungemein bereichert. So „verhilft ihm [der Pariser Aufenthalt] zu neuen expressiven Vorstellungen. Er vertieft und verfeinert seine Sensibilität; zugleich entfernt er sich von den allzu provinziellen afrokubanischen Produktionen und vom Surrealismus.“[8] Seine Hauptkritik am Surrealismus bestand darin, dass er befand, sie schaffe letztlich nichts Neues mehr. Der Bruch mit dem Surrealismus hat für die Entwicklung seines literarischen Konzeptes des „real maravilloso“ entscheidende Auswirkungen, was im nächsten Abschnitt der vorliegenden Arbeit auch noch eingehender untersucht werden wird. Die psychologische Wirkung des langen Exils schlägt sich im Denken Carpentiers nieder, wie das folgende Zitat verdeutlicht:

„Ich fühlte den brennenden Wunsch, die amerikanische Welt auszudrücken. Noch wußte ich nicht wie. Die Schwierigkeit der Aufgabe, die in meiner Unkenntnis des amerikanischen Wesens begründet lag, beflügelte mich. Lange Jahre hindurch widmete ich mich der Lektüre all dessen, was es über Amerika gab, angefangen bei den Briefen des Kolumbus, weiter zu Inca Garcilaso und bis zu den Autoren des 18. Jahrhunderts. Fast acht Jahre lang habe ich wohl nichts anderes als amerikanische Texte gelesen. Amerika erschien mir wie eine große Nebelwolke, die ich zu verstehen suchte, weil ich dunkel davon überzeugt war, daß mein Werk sich hier entwickeln, daß es zutiefst amerikanisch sein würde.“[9]

In diesem Zitat drückt sich deutlich das aufflammende Interesse des Schriftstellers für die amerikanische Wirklichkeit aus. Carpentier leitet daraus seine literarische Verpflichtung ab, jene Wirklichkeit zu identifizieren und auszudrücken.

1939 schließlich, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, reist Carpentier zurück in die kubanische Heimat, wo er Radioprogramme produziert und schreibt, und gleichzeitig auch einen Lehrauftrag für Musikgeschichte an der Universität von Havanna inne hat.

2.2 Reise nach Haiti

Ende 1943 unternimmt Carpentier mit seiner Frau Lilia und einem französischen Freund, Louis Jouvet, die zum Verständnis des real maravilloso im Werk Carpentiers im Allgemeinen, in El reino de este mundo im Besonderen, essentielle Reise nach Haiti. Carpentier bereist die Küstenregionen, den Norden und die Zentral-Meseta, die Ruinen von Sans-Souci, Ciudadela de la Ferrière, Ciudad del Cabo, und den ehemaligen Palast Pauline Bonapartes. Carpentier kommt hier endlich mit der amerikanischen „wunderbaren Wirklichkeit“ in Berührung, die er nicht nur zum Wesen Haitis, sondern ganz Lateinamerikas, erklärt:

[...]


[1] Verwendete Ausgabe: Alejo Carpentier, El reino de este mundo, Barcelona 1969.

[2] Vgl. Eva Lukavská, ¿Lo real mágico o realismo maravilloso?, Brünn (Tschechien) 1991, S. 69.

[3] Klaus Müller-Bergh, Alejo Carpentier – Autor und Werk in ihrer Epoche, in: Mechthild Strausfeld (Hrsg.), Lateinamerikanische Literatur, Frankfurt a.M. 1983.

[4] Hans-Otto Dill, Teoría y praxis de lo real maravilloso carpenteriano, S. 199-212, in: Beiträge zur Romanischen Philologie, XXII/1984, Heft 2, S. 203.

[5] Da es in dieser Arbeit um lo real maravilloso in El reino de este mundo gehen soll, schließt dieser Abriss von Leben und Werk Carpentiers auch mit der Veröffentlichung von El reino de este mundo ab.

[6] Klaus Müller-Bergh, Alejo Carpentier – Autor und Werk in ihrer Epoche, S. 71-111, in: Mechthild Strausfeld (Hrsg.), Lateinamerikanische Literatur, Frankfurt a. M. 1983¹, S. 73.

[7] Ebd.

[8] Klaus Müller-Bergh, Alejo Carpentier, S. 80.

[9] Alejo Carpentier, Confesiones sencillas de un escritor barroco, S. 30-33, in: César Leante, Cuba, III, Nr. 24, 1964, zitiert nach Klaus Müller-Bergh, Alejo Carpentier, S. 81.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640406005
ISBN (Buch)
9783640406074
DOI
10.3239/9783640406005
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Trier – Romanistik
Erscheinungsdatum
2009 (August)
Note
1,0
Schlagworte
Spanisch Literatur Moderne Lateinamerika Hispanische Literatur Real Maravilloso Carpentier Alejo Reino Mundo

Autor

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Titel: "Lo real maravilloso" in "El reino de este mundo" von Alejo Carpentier