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Psychisch Kranke als soziale Randgruppe

Hausarbeit 2006 26 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Soziale Randgruppen im Überblick
1.1 Stigma und Stigmatisierung

2. Psychisch Kranke als soziale Randgruppe
2.1 Der historisch-gesellschaftliche Hintergrund
2.2 Das Erscheinungsbild vom psychisch Kranken in den modernen Gesellschaften
2.3 Der Weg zum Psychiater
2.4 Die Versorgung psychisch Kranker in Deutschland
2.4.1 Psychiatrische Versorgungstypen
2.5 Die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten

Fazit

Literatur

Einleitung

Die hier vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen des Hauptseminars „Soziale Randgruppen“ im Sommersemester 2006 und fasst die Ergebnisse einer mehrmonatigen Beschäftigung mit dem Thema sozialer Randgruppen und der Stigmatisierung psychisch Kranker zusammen.

Der Titel der Arbeit „Psychisch Kranke als soziale Randgruppe“ beinhaltet schon den Schwerpunkt, welcher im weiteren Verlauf näher beleuchtet werden soll. Zum einen wird im ersten Kapitel den Begriffen der sozialen Randgruppe und der Stigmatisierung eine Definition gegeben. Dabei wird besonders auf negative Auswirkungen der Diskriminierung von stigmatisierten Personen hingewiesen.

Des Weiteren wird es im zweiten Kapitel auf soziale Randgruppe von psychisch Erkrankten eingegangen. Fürs Erste wird ein Versuch unternommen, das Erscheinungsbild von psychisch kranken Menschen in der Vergangenheit und in den modernen Gesellschaften zu differenzieren. Es wird ferner, teilweise mit Hilfe von Abbildungen, eine Übersicht über die Arten psychischer Störungen, Behandlungsmethoden, psychiatrische Versorgungstype in Deutschland und damit verbundene Probleme gegeben.

Abschließend werden Antistigmakampagnen vorgestellt, die sich weltweit mithilfe der Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit gegen die Diskriminierung von psychisch Erkrankten einsetzen. Es wird unter anderem für eine erfolgreichere Zusammenarbeit zwischen psychiatrischen Einrichtungen, Medien und Vereinigungen plädiert, die für die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten kämpfen.

Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit besteht vor allem darin, den Gesamtüberblick über die durch Stigmatisierung entstehenden Probleme mit dem Schwerpunkt auf der sozialen Randgruppe psychisch Kranker zu vermitteln.

1. Soziale Randgruppen im Überblick

Den Begriff „soziale Randgruppen“ wurde von Fürstenberg (1965) eingeführt. Er sah die Entstehung von Randgruppen in den misslungenen Sozialisations- und Integrationsprozessen Einzelner.[1] Von Fürstenberg stammt auch die erste Konzeption der sozialen Randgruppe: „Derartige lose oder fester organisierte Zusammenschlüsse von Personen, die durch ein niedriges Niveau der Anerkennung allgemein-verbindlicher soziokultureller Werte und Normen und der Teilhabe an ihren Verwirklichungen sowie am Sozialleben überhaupt gekennzeichnet sind […]“[2] Es werden dementsprechend folgende soziale Randgruppen genannt:[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist nur eine der möglichen Klassifikationen sozialer Randgruppen. Sie kann je nach Land anders ausfallen. Ein ausführlicherer Überblick würde jedoch den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.

Es soll von Anfang an darauf hingewiesen werden, dass Randgruppen nicht von selbst entstehen. Ganz im Gegenteil werden sie von der „herrschenden Mehrheit“ produziert.[4]

Jede Gesellschaft verfügt über ein System sozialer Normen. Dieses Normensystem besteht aus einer Sammlung von „Anweisungen“, die das Verhalten des Mitglieds einer Gesellschaft in verschiedensten Bereichen seiner alltäglichen Tätigkeit koordinieren. Einige Normen sind dabei gesetzlich festgelegt, andere gehen auf Sitten und Bräuche, die als kulturelle Güter bezeichnet werden, zurück. Die „herrschende Mehrheit“ sorgt einerseits dafür, sich selbst an die „Regeln“ zu halten, andererseits kontrolliert sie, ob das Verhalten ihrer Mitbürger von diesen Normen abweicht. Die durch sein atypisches Verhalten stark auffallenden Individuen werden distanziert und aus der Gesellschaft „normaler Bürger“ ausgeschlossen.

Im Laufe des Ausstoßprozesses entstehen Vorurteile und Stereotype. So kommt es dazu, dass die Rolle des „Außenseiters“ aus der Sicht des „normalen Bürgers“ alle Aktivitäten des „Betroffenen“ in den jeweiligen gesellschaftlichen Bereichen wie Arbeit, Familie und Freizeit (negativ) zu bestimmen scheint.[5] Das Denken in Stereotypen simplifiziert und verfälscht die Realität und stempelt die Randgruppenmitglieder mit dem Label „Asoziale“.[6] Diese stereotypenbezogene Denkweise steuert auch den Prozess der „selektiven Wahrnehmung“, so dass nur solche Inhalte ins Bewusstsein dringen, die dem bisherigen Weltbild entsprechen. Alles andere, was gegen die Konventionen verstößt, verunsichert oder ruft Misstrauen und Unbehagen hervor.[7]

Das Randgruppenmitglied wird, um das metaphorisch auszudrücken, zu dem „alttestamentlichen Sündenbock, dem symbolisch alle Sünden des Volkes Israel aufgeladen wurden und der sodann in die Wildnis hinausgestoßen wurde (3. Mose, 16. Kapitel, Vers 22) […]“[8] Mit anderen Worten heißt es, dass die innerhalb einer Gesellschaft entstandenen Frustrationen auf die diskriminierenden Außenseiter übertragen und an ihnen abreagiert werden (z.B. Ausländerkinder bei Pisa-Studie).

In Problemfällen, wie z.B. Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Krise usw., werden Schuldigen gesucht, die leistungsschwächer sind. Der leider immer noch verbreitete Typ Biedermanns (in seiner negativen Konnotation) mit seiner Irrationalität und Starre des Denkens, dessen Welt und Schreibtisch immer in Ordnung ist, ist der ärgste Feind aller Randgruppen. Sein Glaube an Sauberkeit kann „Asoziale“ und Außenseiter nicht dulden.[9] Das bezieht sich vor allem auf die Gesellschaften, die unter starkem Anpassungs- und Konformitätsdruck stehen. Soziale Randgruppen werden dabei wegen ihres Nonkonformismus als Bedrohung gesehen.[10]

Je zentraler die den Arbeitsprozess und den Produktionsprozess bestimmenden Werte sind und je größer die Abweichung der Randgruppe ist, desto massiver wird die Bedrohung empfunden.[11] Eine solche überwiegend an der Verwertbarkeit des Menschen im Produktionsprozess orientierte Gesellschaft „sorgt“ dafür, dass leistungsschwache, behinderte und alte Menschen[12] „im Getto für Randständige landen“,[13] weil sie „unbrauchbar“ sind.

Aus der Sicht der Randgruppe sei es anzumerken, dass Diskriminierung und Vorurteile auch zu einem Bindemittel werden können, das die Gruppe zusammenhält. Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe hat in diesem Falle die Funktion der Abschirmung nach außen.[14] Struktur und normative Orientierung der Subkultur der Randgruppen entwickeln sich immerhin in Beziehung zum herrschenden Normensystem.[15] Das betrifft ebenso individuelle Problemlösungsstrategien der Randgruppenangehörigen, die an zwei Extremen grenzen – an der Überidentifikation einerseits und an der Ablehnung der herrschenden Normen andererseits.[16] Die Bereitschaft der „normalen Mehrheit“, seine Vorurteile gegenüber Randgruppenmitgliedern abzubauen und sie als Mitbürger anzuerkennen, spielt in diesem Prozess eine entscheidende Rolle.

1.1 Stigma und Stigmatisierung

Den Ausstoßprozess eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen aus der Gesellschaft kann ferner durch den Terminus „Stigmatisierung“ ersetzt werden. Damit wird ein verbales oder nonverbales Verhalten bezeichnet, das aufgrund eines zueigen gemachten Stigmas jemandem entgegengebracht wird.[17] Wie jeder Prozess, hat der Prozess der Stigmatisierung ebenfalls seine Folgen, und zwar:[18]

1. formelle und informelle Verluste von bisher ausgeübten Rollen
2. Ausübung von bestimmten Rollen ist von vornherein unmöglich (kein Zugang zu vielen Berufen)
3. Minderung der Teilhabe an der Gesellschaft
4. Disprivilegierung und Isolation
5. psychische Vernichtung
6. Kontaktverlust

Es wird evident, dass Stigmatisierung die Lebenschancen der betroffenen Person erheblich reduziert. Es wäre dennoch voreilig, den Prozess der Stigmatisierung als eine reine Unterteilung der Gesellschaft in Normale und Stigmatisierte aufzufassen. Laut Goffman ist es eher „[…] ein durchgehender sozialer Zwei-Rollen-Prozess, in dem jedes Individuum an beiden Rollen partizipiert, zumindest in einigen Zusammenhängen und in einigen Lebensphasen. Der Normale und der Stigmatisierte sind nicht Personen, sondern eher Perspektiven“.[19]

Der Stigmatisierungsprozess hat seinen Namen von dem Terminus „Stigma“ bekommen. Den Begriff „Stigma“ wurde von Goffman eingeführt. Er kommt aus dem Griechischen und war früher als Verweis auf ein körperliches Zeichen gebraucht. Träger von solch einem „Brandmal“ waren Sklaven, Verbrecher oder Verräter – Personen, die rituell für unrein erklärt wurden, geächtet und gemieden werden sollten, vor allem auf öffentlichen Plätzen.[20] Heutzutage wird dieser Terminus im übertragenen Sinne gebraucht. In schlimmsten Fällen wird eine stigmatisierte Person mit den Stigmatermini wie Krüppel, Bastard, Schwachsinniger, Zigeuner oder Neger abgestempelt.[21]

In Sozialwissenschaft ist die Palette für die Bezeichnung von Personen und Gruppen, die von der Mehrheit abweichen und die damit in eine randständige Position zur Gesellschaft geraten, auch ziemlich breit. Neben den Begriffen „Außenseiter“, „Randgruppe“, „Stigmatisierter“ kennt man ferner den Terminus „Devianz“. „Devianz ist keine Qualität eines Handels an sich, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Definitionen.“[22] Ein Devianter ist demnach eine Person, dem ein bestimmtes Etikett zugeschrieben worden ist.[23] Die Synonymie zwischen den Wörtern „Brandmal“ und „Etikett“ ist in diesem Kontext evident.

Die „normale Mehrheit“ verfügt über eine schematische Vorstellung von Attributen, die ihr Mitglied haben soll, um als „normal“ zu gelten, nicht aus der Reihe zu fallen. Ein Individuum, das ein Stigma hat, ist dagegen – wie bereits oben erwähnt – „in einer unerwünschten Weise anders, als wir es antizipiert hatten“.[24] Sein Anderssein kommt durch eine bestimmte Eigenschaft zustande, die nicht dieser Vorstellung von Attributen entspricht und diesen Menschen von anderen in einer bestimmten Personenkategorie unterscheidet. In meisten Fällen ist es eine Eigenschaft, die diese Person in unseren Augen schlechter oder schwächer ansehen lässt. Solch ein Attribut wird auch als Fehler oder Handikap bezeichnet. Eine stigmatisierte Person wird demzufolge als „befleckt“ oder „herabgemindert“ betrachtet.[25]

[...]


[1] vgl. Brusten/ Hohmeier, Stigmatisierung Band 1, (Hrsg.) Luchterhand Verlag, 1975, S. 170

[2] vgl. ebd. S. 181-182

[3] Die Unterteilung erfolgt nach Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S. 188

[4] vgl. ebd. S.169

[5] vgl. Brusten/ Hohmeier 1975, Band 1, S. 183

[6] vgl. Iben 1972, S.18

[7] vgl. ebd. S.17

[8] ebd. S.16

[9] ebd. S.18

[10] ebd. S.20

[11] vgl. Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S. 183

[12] vgl. Iben 1972, S.18-19

[13] Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S. 169

[14] vgl. Iben 1972, S.14

[15] Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S. 185

[16] vgl. ebd. S. 186

[17] vgl.ebd. S.7

[18] Erfolgt nach Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S.13-14

[19] Goffman 1996, S.169-170

[20] vgl. ebd. S.9

[21] vgl. ebd. S.14

[22] Brusten/ Hohmeier 1975, Band1, S.6

[23] vgl. ebd.

[24] Goffman 1996, S.13

[25] vgl. Goffman 1996, S.10-11

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640416516
ISBN (Buch)
9783640412037
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134024
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,9
Schlagworte
soziale Randgruppen Stigma Stigmatisierung Entstigmatisierung psychisch Kranke Psychiatrische Versorgungstypen Antistigmakampagnen psychische Störungen stigmatisierte Personen

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Titel: Psychisch Kranke als soziale Randgruppe