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Tiergestützte Arbeit. Auswirkungen und Nutzen für die Menschen

Diplomarbeit 2009 106 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Tiergestützte Interventionen – Tiere helfen Menschen
1.1 Begriffsklärung
1.2 Die Tiere der tiergestützten Arbeit
1.3 Die Kommunikation zwischen Tier und Mensch
1.4 Die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen

2 Die Tier-Mensch-Beziehung - Erklärungsmodelle
2.1 Die Du-Evidenz
2.2 Die Biophilie-Hypothese
2.3 Zur Bindungstheorie
2.4 Tiefenpsychologische Erklärungsmodelle

3 Zur Wirkung von Tieren auf den Menschen
3.1 Auf physischer und physiologischer Ebene
3.2 Auf psychologischer Ebene
3.3 Auf sozialer Ebene
3.4 Studien über die Wirkung von Tieren
3.5 Tiere in der psychosozialen Entwicklung

4 Tiere bei Kindern und Jugendlichen
4.1 Tiere helfen Kindern…
4.2 Mit Tieren lernen
4.3 Tiergestützte Kinderpsychotherapie
4.4 Tiere in der Jugend
4.5 Die Green Chimneys – Ein Vorbild

5 Ältere Menschen und Tiere
5.1 Studien zum Thema Tiere im Alter
5.2 Tiere im Altersheim

6 Tiere bei Menschen mit besonderen Bedürfnissen
6.1 Menschen mit Behinderung
6.2 Kranke Menschen
6.3 Menschen in der Psychiatrie
6.4 Suchtkranke
6.5 Straftäter/innen in Gefangenschaft
6.6 Tiere bei Vernehmungen von Opfern und Täter/innen

7 Resümee

Literaturverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Heimtierhaltung in Europa 2007 in Millionen

Abbildung 2: Heimtiere in Europa pro 1000 Einwohner 2007

Abbildung 3: Heimtierhaltung in Deutschland 2006

Abbildung 4: Heimtiere in Deutschland

Abbildung 5: Hundehaltung in Europa

Abbildung 6: Heimtierhaltung in Südtirol 2006/2007

Abbildung 7: Einwirkungen eines Tieres auf Kinder und ihr Umfeld

Abbildung 8: Das Mensch-Tier-Begegnungshaus

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Körperliche Wirkungen von Heimtieren

Tabelle 2: Psychische Wirkungen von Heimtieren

Tabelle 3: Soziale Wirkungen von Heimtieren

Tabelle 4: Positive Auswirkungen eines Hundes

Tabelle 5: Heimtiere bei Jugendlichen in Berlin

Einleitung

Im Jahr 2007 wurden in Deutschland 23,2 Millionen Heimtiere gezählt, in Österreich 2,8 Millionen. Am beliebtesten scheinen Hunde und Katzen zu sein, doch auch Nagetiere, Fische und Vögel erfreuen sich großer Beliebtheit. Ganz offensichtlich freut es die Menschen, Tiere um sich zu haben. Auf Nachfragen wird immer wieder betont wie schön es ist, freundlich zu Hause begrüßt zu werden und einen treuen Freund zu haben.

Aber nicht nur in Privathaushalten, sondern auch in immer mehr Institutionen leben Tiere. Es gibt heute Altenheime, Gefängnisse, Kindergärten, Krankenhäuser und noch viele mehr, wo Tiere zum Alltag gehören. Sie leben auf dem Gelände oder bei den Pfleger/innen. Mancherorts leben nicht nur Heimtiere sondern auch Nutztiere bis hin zu Lamas und Alpakas.

Während in den meisten Privathaushalten ein Tier zum Vergnügen gehalten wird, geht es den meisten Einrichtungen eher um gezielte therapeutische Wirkungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich nämlich herauskristallisiert, dass der Kontakt und der Umgang mit verschiedenen Tieren auch viele therapeutische und pädagogische Auswirkungen auf Menschen hat. Untersuchungen haben gezeigt, dass Tiere die Psyche, den Körper und auch das Sozialleben eines Menschen beeinflussen.

Um diese Erkenntnisse zu nutzen, haben sich in den letzten Jahrzehnten verschiedene Formen von tiergestützten Interventionen herausgebildet. So gibt es inzwischen Tiergestützte Therapieen, Tiergestützte Aktivitäten und auch Tiergestützte Pädagogik. Ihnen gemeinsam ist die Arbeit mit Tieren an Menschen.

Bekannte Tiergestützte Therapieformen sind die Reittherapie mit Pferden und die Delfintherapie. Ich habe diese zwei tierischen Therapeuten in dieser Arbeit außen vor gelassen und mich mehr mit der unbekannteren Arbeit mit Heimtieren und Nutztieren befasst.

Diese Arbeit soll einen Überblick über die derzeitigen Erkenntnisse der Auswirkungen von Mensch-Tier-Beziehungen geben und die wichtigsten möglichen Einsatzbereiche für Heim- und Nutztiere aufzeigen. Im ersten Kapitel werden zunächst die derzeit verwendeten Begriffe definiert und die geschichtliche Entwicklung der tiergestützten Arbeit dargestellt. Außerdem gibt es zwei Abschnitte zu den Tieren, die in der tiergestützten Arbeit eine Rolle spielen und die Kommunikation mit ihnen. Im darauffolgenden Kapitel werden die verschiedenen Theorien aufgezeigt, die versuchen die besonderen Wirkungen von Tieren auf den Menschen zu erklären und zu begründen. Das dritte Kapitel ist den allgemeinen Wirkungen von Tieren auf physischer, psychologischer und sozialer Ebene gewidmet. Die nachfolgenden Kapitel setzen sich mit den Auswirkungen von Heimtieren und Nutztieren im Besonderen auseinander. Den Anfang machen die Effekte auf Kinder und Jugendliche, gefolgt von den Wirkungen auf alte Menschen. Danach folgen kurze weitere Wirkungen auf physisch und psychisch kranke Menschen sowie auf Menschen mit Behinderungen. In den letzten Kapiteln werden außerdem auch die Einsatzmöglichkeiten von Tieren in Drogenrehabilitationszentren, Gefängnissen und Vernehmungen aufgezeigt. Das letzte Kapitel betrachtet die derzeitige tiergestützte Arbeit kritisch und zeigt ihre Grenzen auf.

1 Tiergestützte Interventionen – Tiere helfen Menschen

Tiergestützte Interventionen wird heute als Sammelbegriff für sämtliche Methoden genutzt, bei denen Tiere eine Rolle spielen. Die Tiere sollen Menschen durch ihre Anwesenheit und ihre Interaktionen mit den Menschen helfen und heilen. Das können sowohl Heim- als auch Nutztiere, indem sie mit dem Menschen kommunizieren und ihn beeinflussen. Die Arbeit mit Tieren ist kein neues Phänomen. Die ersten Erfahrungen damit wurden bereits im 8. Jahrhundert gemacht. Leider gibt es darüber und auch über spätere Erfahrungen kaum Aufzeichnungen. Inzwischen wurde die Idee der Arbeit mit Tieren wieder aufgegriffen, wissenschaftlich dokumentiert und definiert. Heute unterteilen sich die tiergestützten Interventionen in drei verschiedene große Bereiche.

1.1 Begriffsklärung

Boris M. Levinson prägte, als Pionier der tiergestützten Arbeit, den Begriff der Pet Therapy, was übersetzt soviel wie Therapie durch ein Haustier bedeutet. Seit dieser Zeit sind sowohl der Name Pet Therapy, wie auch tausend Andere in Umlauf. Es gibt inzwischen Pet-facilitated Therapy oder auch Canistherapie oder Felinaltherapie und noch viele andere mehr. Alle diese Begriffe bezeichnen im Endeffekt aber dasselbe: die Arbeit durch und mit Tieren. Obwohl alle diese Namen nicht falsch sind, so entstand durch soviele verschiedene, nicht klar definierte Begriffe doch viel Verwirrung. Um ein wenig Licht in dieses begriffliche Dickicht zu bringen, definierte die Delta Society, einer der größten und ältesten internationalen Organisationen im Bereich Mensch-Tier-Beziehung, zwei große Begriffe, die sich mittlerweile auch größtenteils durchgesetzt haben. Alle anderen Namen für tiergestützte Arbeit sind zwar noch in Umlauf, doch immer mehr Organisationen benutzen diese einheitlichen Benennungen und berufen sich auf die Definitionen der Delta Society. Diese unterteilte sämtliche tiergestützte Interventionen in zwei Kategorien, in Animal-Assisted Activitiy (AAA) und Animal-Assisted Therapy (AAT). Die deutschen Übersetzungen dafür lauten Tiergestützte Aktivitäten (TGA) und Tiergestützte Therapie (TGT).

1.1.1 Animal-Assisted Therapy

“AAT is a goal-directed intervention in which an animal that meets specific criteria is an integral part of the treatment process. AAT is directed and/or delivered by a health/human service professional with specialized expertise, and within the scope of practice of his/her profession.

AAT is designed to promote improvement in human physical, social, emotional, and/or cognitive functioning [cognitive functioning refers to thinking and intellectual skills]. AAT is provided in a variety of settings and may be group or individual in nature. This process is documented and evaluated.

The Key Features of AAT:

There are specified goals and objectives for each individual.

Progress is measured.”

(Delta Society)

Von Tiergestützter Therapie ist laut der Delta Society nur dann die Rede, wenn ein konkretes therapeutisches Ziel vorliegt, das erreicht werden soll. Die Therapie wird genau dokumentiert und immer von therapeutisch geschultem Personal durchgeführt oder von Laien, die von professionell ausgebildeten Personen unterstützt werden. Es kann sich dabei um Psycholog/innen, Mediziner/innen, Physiotherapeut/innen, Logopäd/innen, Ergotherapeut/innen oder um andere Angehörige der Heilberufsgruppe handeln, die meistens eine Zusatzqualifikation als Tiergestützte Therapeut/innen erworben haben. (vgl. Prothmann 2007, S. 88) Das Tier fungiert als Co-Therapeut, es unterstützt und erleichtert die Therapie.

1.1.2 Animal-Assisted Activity

“AAA provides opportunities for motivational, educational, recreational, and/or therapeutic benefits to enhance quality of life. AAA are delivered in a variety of environments by specially trained professionals, paraprofessionals, and/or volunteers, in association with animals that meet specific criteria.

The Key Features of AAA:

Specific treatment goals are not planned for each visit.

Volunteers and treatment providers are not required to take detailed notes.

Visit content is spontaneous and visits last as long or as short as needed.“

(Delta Society)

Unter Tiergestützte Aktivitäten fallen alle Aktivitäten zwischen Mensch und Tier, die die Lebensqualität der Menschen steigern. Die Anwesenheit der Tiere wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus, doch der genaue Verlauf der Begegnung wird nicht geplant oder dokumentiert. (vgl. Frömming 2006, S. 29) Außerdem gibt es auch kein klares therapeutisches Ziel und die durchführende Person muss nicht zwingend therapeutisch geschult werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel die inzwischen weit verbreiteten Tierbesuchsdienste, die regelmäßig mit verschiedenen Tieren Institutionen mit alten, kranken oder behinderten Menschen oder auch Schulen und Kindergärten besuchen. (vgl. Prothmann 2007, S. 87) Auch Heim-Tiere, die in solchen Institutionen leben, und vom Pflegepersonal oder von den Bewohner/innen gepflegt werden, gehören in diese Kategorie. Manchmal wird der Begriff auch mit Tiergestützten Fördermaßnahmen übersetzt, was aber dieselbe Bedeutung hat.

1.1.3 Animal-Assisted Pedagogy

Die Animal-Assisted Pedagogy (AAP) oder Tiergestützte Pädagogik (TGP) wird von vielen Organisationen als dritter eigener Bereich gesehen, da sie weder zu den Aktivitäten noch zur Therapie gezählt werden kann, allerdings nicht von der Delta Society. Unter diesen Begriff fallen sämtliche pädagogische Ansätze, also alle Ansätze die sich im Bereich Erziehung und Bildung abspielen. Die Zielgruppe dieser tiergestützten Arbeit sind Kinder und Jugendliche. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit mit Tieren an Schulen, wie Hunde im Klassenzimmer während des Unterrichts. (vgl. Prothmann 2007, S. 89) Meistens wird die Tiergestützte Pädagogik von ausgebildeten Pädagog/innen durchgeführt, oft ebenfalls mit einer Zusatzqualifikation. Diese tiergestützte Arbeit im Bereich Erziehung steckt allerdings noch in den Kinderschuhen, sie ist eine relative Neuheit. Manchmal wird sie auch Animal-Assisted Education, also Tiergestützte Erziehung genannt.

1.2 Die Tiere der tiergestützten Arbeit

Die Tiere, die in der Therapie eine Rolle spielen, sind sowohl Heimtiere als auch Nutztiere. Wildtiere haben so gut wie keinen Platz in der tiergestützten Arbeit, mit Ausnahme der Delphine. Von den Heim- und Nutztieren dagegen gibt es eigentlich kein Tier, das nicht für tiergestützte Zwecke geeignet wäre. Aber nicht jedes Tier kommt für jede Form von tiergestützter Arbeit in Frage. Außerdem besitzt jedes Tier andere Eigenschaften und löst etwas Unterschiedliches bei Menschen aus, deshalb muss von Fall zu Fall ausgewählt werden, welches Tier für jemanden in Frage kommt und in welcher Form.

1.2.1 Heimtiere

„Der Ausdruck Heimtier bezeichnet ein Tier, das der Mensch insbesondere in seinem Haushalt zu seiner eigenen Freude und als Gefährten hält oder das für diesen Zweck bestimmt ist.“

(Europäisches Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren)

Als Heimtiere werden also nur die Tiere bezeichnet, die in der Wohnung des/r Tierhalters/in wohnen und nur die Tiere, die aus reiner Freude am Tier dort leben. Tiere auf dem Hof oder im Stall gehören nicht dazu. Und auch nicht Tiere, die zu Arbeitszwecken oder Ähnlichem gehalten werden. Auch exotische „Haustiere“, von Schlangen bis zu Spinnen, zählen nicht zu den Haustieren, auch wenn sie manchmal im Haus leben und zahm sind. Im Grunde fallen deshalb hauptsächlich Hunde, Katzen, Vögel, Fische und Nagetiere in diese Kategorie. Mit Nagetieren sind Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen und auch Mäuse und Ratten gemeint.

Heimtiere sind die Tiere, die in der tiergestützten Arbeit hauptsächlich eine Rolle spielen. Alle hier aufgezählten Tiere werden heute wie selbstverständlich in das tiergestützte Arbeiten eingebunden. Am typischsten für die Therapie und auch die Tiergestützten Aktivitäten ist der Hund. Er ist und bleibt der klassische und wichtigste Co-Therapeut und beliebteste Freund des Menschen. Hunde sind sehr sozial und treu, und so auch gute Therapeuten.

Natürlich aber nur, wenn eine liebe- und vertrauensvolle Beziehung zwischen Hund und Herrchen oder Frauchen besteht. Es ist deshalb Vorraussetzung, dass sowohl der Hund gut ausgebildet ist, wie auch der Mensch. Nur wer seinen Hund gut behandelt, bekommt es durch positive Effekte gedankt. (vgl. Otterstedt 2001, S. 139) Aktivitäten wie gemeinsame Spaziergänge oder Kuscheln und Spielen werden dann zu einem positiven Erlebnis für beide Seiten. Es gibt unzählige verschiedene Hunderassen und Mischlinge, von denen im Grunde eigentlich alle geeignet sind, die folgsam, ruhig und ausgeglichen sind. Ausgenommen davon sind nur einige besonders aggressive Rassen oder Jagdhunde und ähnliche. Meist hängt es aber gar nicht so von der Rasse ab, sondern eher vom individuellen Wesen eines jeden Tieres.

Hat ein Hund ein sanftes Wesen und ist er an Menschen gewöhnt und gut ausgebildet, kann er ein hervorragender Co-Therapeut oder auch ein ausgezeichneter Besuchsdienst-Hund oder Heim-Hund werden. (vgl. ebd. S. 138)

Katzen sind dagegen besondere Wesen, mit denen nicht jeder Mensch zurechtkommt.

Sie sind einerseits sehr unabhängig, haben aber dennoch eine innige Beziehung zu Menschen. Im Tierbesuchsdienst tun sich Katzen schwer, da sie nicht an ihrem gewohnten Ort sind. (vgl. ebd. S. 147) Gut geeignet sind sie dagegen als privates Heimtier, als Heim-Katze in Institutionen oder in der Therapie.

Genauso wie beim Hund ist auch hier Körperkontakt mit dem Tier ein wichtiger Faktor, obwohl sie meist weniger verspielt ist. (vgl. ebd. S. 147) Außerdem sind sie sehr reinlich. Der Vorteil einer Katze kann der Umstand sein, dass sie weniger Auslauf braucht und oft leichter und für längere Zeit alleine bleiben kann. (vgl. Krowatschek 2007, S. 95) Es gibt auch hier Rassen, die sich weniger eignen, doch die meisten unterscheiden sich kaum. Der Charakter einer Katze sollte neugierig und kontaktfreudig, nicht zu stürmisch oder ängstlich und eher verschmust als distanziert sein. (vgl. Otterstedt 2001, S. 148)

Auch Kleintiere sind sehr beliebte Therapeuten. Kaninchen sind niedlich und haben ein weiches Fell. Auch Meerschweinchen lassen sich gut streicheln. Sie kommunizieren allerdings weniger mit den Menschen.

Mäuse oder Ratten können angebracht sein, aber bei diesen Tieren muss immer Vorsicht walten, denn viele Menschen haben keinen Bezug zu diesen Tieren. Nagetiere sollten ebenfalls ein ausgeglichenes Wesen besitzen, an Menschen gewöhnt sein, nicht nur nachtaktiv sein und artgerecht gepflegt werden. (vgl. ebd. S. 151) Letzteres muss besonders hervorgehoben werden, da gerade diese kleinen Tiere gerne an unwissende Kinder als Spielzeug verschenkt werden. (vgl. Krowatschek 2007, S. 96) Es muss immer klar sein, dass auch wenn diese Tiere kleiner sind und nach außen weniger menschenähnliche Emotionen sichtbar sind, sie doch auch lebendige Wesen sind.

Vögel waren lange Zeit, besonders bei älteren Menschen, sehr beliebt.

Heute spricht allerdings der Wunsch nach Berührung und Kuscheln gegen diese Tiere. (vgl. Otterstedt 2001, S. 148) Vögel in einer großen Voliere zu beobachten, kann durchaus spannend sein, aber ein Vogel in einem winzigen Käfig, wie es meistens der Fall ist, ist weder für das Tier noch für den Menschen besonders aufregend.

Vögel sind nur dann gute Begleiter, wenn sie Freiraum haben und freiwillig Kontakt zum Menschen suchen, in guter Pflege leben und kontaktfreudig und zahm sind. (vgl. ebd. S. 149)

Fische dagegen haben zwar auch kein Kuschelfell, aber sie wirken beruhigend auf den Mensch. Ein Aquarium macht Räume gemütlich und wirkt entspannend. Natürlich sind sie überhaupt nicht für Besuche in Institutionen geeignet. Und bei ihnen gilt ebenfalls: Auch wenn sie nicht Emotionen zeigen, sind sie doch kein Spielzeug.

Sie müssen artgerecht gehalten und versorgt werden, was nicht immer so einfach ist, wie es scheint. (vgl. ebd. S. 150)

1.2.2 Zahlen zur Heimtiersituation

Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V. veröffentlichte eine Statistik zur Heimtierhaltung in Europa aus dem Jahr 2007, leider ohne die Zierfische zu berücksichtigen. Laut dieser Studie gibt es in Russland, Italien und Frankreich auf den ersten Blick die meisten Heimtiere. In diesem internationalen Vergleich landet Österreich auf dem drittletzten Platz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Heimtierhaltung in Europa 2007 in Millionen

Quelle: Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V.

Leider lassen diese Zahlen aber keinen wirklichen Vergleich zwischen den Staaten zu, da dazu noch weitere Faktoren notwendig wären. Um ein genaueres Bild von der Heimtierhaltung in europäischen Staaten zu erhalten, habe ich deshalb die Zahlen der jeweiligen Staaten mit den Bevölkerungszahlen verglichen, und die durchschnittliche Anzahl von Heimtieren für jeweils 1000 Einwohner errechnet. Dabei kam zum Vorschein, dass in Belgien und in den Niederlanden im Durchschnitt deutlich mehr Heimtiere leben als in anderen europäischen Staaten. An dritter Stelle steht bereits Italien, inklusive Südtirol. Auch Österreich hat nun einen etwas besseren Stand, es liegt aber immer noch im hinteren Mittelfeld.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Heimtiere in Europa pro 1000 Einwohner 2007

Der gleiche Verband weist außerdem auch eine Studie über die Heimtierhaltung in Deutschland von 2006 hin. Hier wurden sogar die exotischen Heimtiere mitberücksichtigt und auch die Fische der deutschen Gartenteiche, die allerdings nicht zu den Heimtieren gezählt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Heimtierhaltung in Deutschland 2006

Quelle: Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V.

Laut dieser Zahlen ist die Katze der große Gewinner. An zweiter Stelle stehen hier die Nagetiere, oder Kleintiere, und erst an dritter der Hund. Die Schlusslichter bilden die Ziervögel und die Fische.

Der Informationsdienst für die Pet-Branche in Österreich berichtet, dass laut einer Umfrage im Jahr 2006 29,7 % der deutschen Bevölkerung mit einem oder mehreren Haustieren zusammenleben. Dies sind 7,4 % weniger als im Jahr 2003. In dieser Umfrage landet die Katze allerdings mit 44,2 % knapp hinter dem Hund, der hier den ersten Platz mit 47,6 % belegt. Nach den Nagetieren, die den dritten Platz besetzen, landen die Fische und die Vögel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Heimtiere in Deutschland

Der Verband für das Deutsche Hundewesen untersuchte 2005 die Anzahl von Hunden in Deutschland und in anderen Ländern Europas. Dabei stellte sich heraus, dass Deutschland im europäischen Vergleich sehr weit unten steht. In nur 13 % der deutschen Haushalte werden ein oder mehrere Hunde gehalten. In Frankreich, Belgien oder Irland leben dagegen in über 35 % der Haushalte Hunde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Hundehaltung in Europa

Quelle: Verband für das Deutsche Hundewesen

Als Südtirolerin habe ich aber auch versucht, Statistiken zu finden, die die südtiroler Heimtierpopulation darstellen, und bin auf eine Erhebung des Landesinstituts für Statistik der Provinz Bozen gestoßen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Heimtierhaltung in Südtirol 2006/2007

Quelle: Landesinstitut für Statistik

Auch laut dieser Studie sind 2006/2007 die Katzen in südtiroler Haushalten mit 22,3 %, die beliebtesten Heimtiere. 18,7 % der Haushalte halten einen Hund, 5,1 % Fische. 10,5 % halten andere Haustiere, wobei leider nicht spezifiziert wurde welche. 59 % der Familien in Südtirol halten keine Heimtiere. Auf dem Land gibt es mehr Hunde- und Katzenbesitzer/innen, in der Stadt mehr Zierfische.

1.2.3 Nutztiere

Neuerdings spielen auch immer mehr die sogenannten Nutztiere eine Rolle. Waren es anfangs nur Heimtiere, so werden inzwischen auch zunehmend Schweine, Rinder, Esel, Hühner, Schafe oder Ziegen eingesetzt. Solche und andere Nutztiere wurden zwar genauso wie die Heimtiere domestiziert, aber sie leben nicht unmittelbar bei den Menschen. Sie leben auf Bauernhöfen, aber nicht im Heim der Besitzer. Außerdem werden sie normalerweise nicht zum Vergnügen gehalten, sondern haben einen Nutzen für den Besitzer. Sie werden in der landwirtschaftlichen Arbeit, zur Jagd, als Rohstofflieferanten und vieles mehr eingesetzt. Dennoch sind die meisten von ihnen genauso wie die Heimtiere dazu geeignet, das Wohlbefinden von Menschen zu steigern.

So lassen sich Tiere wie Ziegen oder Schafe genauso beobachten, füttern und streicheln. (vgl. ebd. S. 156) Ziegen sind sehr lustige und intelligente Tiere, Schafe sehr ruhig und friedfertig. (vgl. Krowatschek 2007, S. 102)

Auch andere Tiere wie Rinder, Schweine, Hühner oder Esel leben inzwischen in vielen Kinder- und Pflegeheimen. Denn sie können genauso zum Wohlbefinden von Menschen beitragen, wenn sie gut an den Kontakt mit Menschen gewöhnt sind. Und wenn auch der Mensch keine Berührungsängste hat, was bei diesen Tieren vorkommen kann. (vgl. Otterstedt 2001, S. 156) Besonders die Jungtiere sind für Kinder, aber auch für Erwachsene, immer ein unvergessliches Erlebnis. In den letzten Jahren wurden auch einige neue tierische Therapeuten eingeführt, so zum Beispiel Lamas und Alpakas.

Diese Tiere sind sehr intelligent und sensibel und besitzen samtweiche Wolle. Auch sie leben seit einigen Jahren in vielen Institutionen. Dort brauchen sie artgerechte Pflege und viel Auslauf. (vgl. Frömming 2006, S 44)

Für Tierbesuchsdienste, wo Tiere zu Menschen gebracht werden, finde ich Nutztiere weniger passend.

Allerdings gibt es inzwischen auch ein Gegenstück zum Tierbesuchsdienst, nämlich Aktivitäten, bei denen die Menschen zu den Tieren kommen. (vgl. ebd. S. 45) Sie können die Tiere in artgerechter Umgebung erleben und Kontakt zu ihnen haben, für eine gewisse Zeit. Ein bekanntes Beispiel sind die Besuche mit Kindern auf Bauernhöfen mit Nutztieren, damit sie die verschiedenen Tiere kennen lernen und ihnen nahe kommen können.

Normalerweise ist heute die Unterscheidung von Heim- und Nutztieren relativ einfach, auch wenn es immer wieder Überschneidungen gibt. Besonders sichtbar ist das beim Pferd. Es gehört im Grunde in beide Kategorien. Es wurde und wird immer noch als Nutztier eingesetzt, aber andererseits wird es auch immer mehr zum Heimtier, auch wenn es nicht im Heim der Menschen leben kann. Immer mehr Pferde werden zum Vergnügen gehalten, Reiten wurde zum Sport. Der Delphin hingegen gehört in keine der beiden Kategorien, obwohl auch er ein beliebtes Therapietier ist. Er ist das einzige Nicht-Haustier, das in der tiergestützten Arbeit etabliert ist.

1.3 Die Kommunikation zwischen Tier und Mensch

Watzlawick, Beavin und Jackson unterscheiden zwei Formen der Kommunikation, nämlich die digitale und die analoge Kommunikation.

Die verbal-digitale Kommunikation bezeichnet die Beziehung zwischen einem Wort und dem damit gemeinten Inhalt. Diese Zusammenhänge können ganz willkürlich hergestellt werden. Worte sind hier Zeichen für etwas Gemeintes. Sie werden normalerweise nach den Regeln der Logik und nach einer bestimmten Syntax und Grammatik verwendet. (vgl. Olbrich 2003, S. 84) Die digitale Kommunikation ist im Grunde das, was wir die menschliche Sprache nennen. Doch die verbale Kommunikation hat Grenzen, nicht nur dass es zu viele verschiedene Sprachen gibt, es gibt auch Probleme durch fehlende Kongruenz aufgrund möglicher Ambivalenzen zwischen dem Gesprochenen und den tatsächlichen Gefühlen. (vgl. Hegedusch 2007, S. 45)

Die analoge Kommunikation ist da ganz anders, sie ist ehrlicher, sie sagt das aus, was wir wirklich meinen. (vgl. Olbrich 2003, S. 85) Diese Art der Kommunikation kann auch bewusst eingesetzt werden, meistens ist sie jedoch ganz unbewusst und nicht leicht verstellbar.

Unter analoge Kommunikation fallen alle körperlichen Signale, wie Gestik, Mimik, die Sprache der Augen und der Berührungen, und der Klang der Stimme. Im Gegensatz zur digitalen, sehr beschränkten, Kommunikation ist die analoge Form die Sprache, die jede/r versteht. Bereits Neugeborene kommunizieren mit ihrer Umgebung analog. (vgl. ebd. S. 85) Später sind Menschen in der Lage auf beiden Ebenen zu kommunizieren.

Über die digitale Ebene wird Wissen und Inhalt vermittelt, auf der digitalen geht es eher um Beziehungen, um Gefühle. (vgl. ebd. S. 85)

Watzlawick ist berühmt für seine Aussage: Man kann nicht nicht kommunizieren. Damit ist gemeint, dass auch, wenn nicht digital kommuniziert wird, so kommunizieren wir doch immer in analoger Form. Und wenn wir digital kommunizieren, spielt immer auch die analoge Ebene eine Rolle.

Insgesamt ist die analoge Kommunikation die ehrlichere, ältere und allgemein verständlichere Form der Mitteilung. Älter deshalb, da bereits unsere Vorfahren bis zur „Erfindung“ der Sprache sie benutzten. Und nicht nur jeder Mensch, sondern auch alle anderen Lebewesen kommunizieren vorrangig über die analoge Ebene. Sie empfangen in erster Linie die analogen Signale und senden ihre Botschaften auch wieder in dieser Form. (vgl. ebd. S. 85)

Deshalb ist die Form der analogen Kommunikation die Art von Kommunikation, die auch zwischen Menschen und Tieren vorrangig ist, sowohl im Alltag mit Tieren als auch in der tiergestützten Arbeit. In der analogen Kommunikation zwischen Mensch und Tier gibt es sowohl lautliche und verbale Elemente, als auch nonverbale. Denn auch wenn die einzelnen Wörter wenig bis gar keine Bedeutung haben, so hat die Stimme dennoch wichtige Funktionen.

In der verbalen analogen Kommunikation geht es um Stimmlage, Stimmqualität, Lautstärke, Stimmcharakter und um andere Lautäußerungen. (vgl. Otterstedt 2003, S. 99) Je nachdem, wie eine Stimme klingt, wird etwas Anderes vermittelt. Es macht einen sehr großen Unterschied, ob eine Stimme fröhlich und gelassen klingt oder herrisch und laut. Besonders Tiere nehmen solche feinen Unterschiede genau wahr. Aber auch der Mensch unterscheidet zwischen verschiedenen tierischen Lauten.

Auch wir bemerken den Unterschied zwischen einem freundlichen Bellen und einem tiefen Knurren. Zusätzlich zu Klang und Lautstärke der Stimme fallen auch andere lautliche Ausdrucksmittel in diese Kategorie. Zischlaute, Räuspern, Husten oder Pfeifen sind nur einige der menschlichen Lautäußerungen. Hunde schnüffeln, heulen oder schlappern zum Beispiel. (vgl. ebd. S. 99) Die verbale analoge Kommunikation ist noch eng mit der digitalen Kommunikation verbunden: Jedes Wort in der digitalen Form bringt auch verbale analoge Elemente mit sich. Ganz anders die nonverbalen analogen Elemente unserer Kommunikation. Diese Elemente sind körperliche Signale, die dem Gegenüber zeigen, was in uns vorgeht. Und das auch dann, wenn wir gerade mal keine digitale Kommunikation verwenden. Diese Elemente sind noch schwieriger zu verstecken als die verbalen Elemente. Mit ihnen kommunizieren wir auch dann, wenn wir nicht kommunizieren möchten.

An erster Stelle stehen hier Mimik und Gestik. Die Augen, die Nase oder der Mund spielen als Mimik eine kommunikative Rolle. (vgl. Otterstedt 2003, S. 99) Zur Mimik gehört auch der Blickkontakt. Er spielt eine sehr wichtige Rolle für uns:

Das Auge ist das primäre Sinnesorgan der Menschen geworden. Die Art und Häufigkeit eines Blickkontaktes ist abhängig von sozialer Stellung, Geschlecht, Kultur, Alter und vielem mehr. Kurze, flüchtige Blickintervalle wirken ganz anders als längerer Blickkontakt mit ruhigen Augenbewegungen und Lidschlüssen. Während ersteres als nicht direktes Ansehen empfunden wird, gilt letzteres als verbindlicher Blickkontakt. Ein Blick in die Augen des Anderen dient einerseits mir selbst zur Erkennung, aber auch dem/der Anderen um mich zu erkennen. Für den Menschen ist direkter Blickkontakt sehr wichtig, da er ein Willkommen sein, einen Gruß, Friedfertigkeit und Vertrauen oder aber auch Ablehnung zeigt. (vgl. ebd. S. 100) Auch für viele Tiere ist der Blick ein wichtiger Teil der Kommunikation. Hunde beispielsweise kommunizieren durch Blickkontakt bzw. reagieren darauf.

Gesten sind ebenfalls eine sehr menschliche Art der Kommunikation, da sie auf zwei Beinen gehen können und die Hände frei bewegen können. Mit ihnen unterstreicht der Mensch meistens seine digitale Kommunikation. (vgl. Otterstedt 2003, S. 103) Tiere selbst besitzen keine Hände um selbst mit Gesten kommunizieren zu können, aber sie reagieren auf menschliche Gesten.

Weniger bekannt sind andere Signale wie die Körperhaltung und Körperbewegung, wie beispielsweise Körperdrehungen, Rückenhaltung, Tempo und Rhythmus des Körpers. (vgl. ebd. 2001, S. 99) Zum Schluss gibt es noch die sensiblen nonverbalen Zeichen.

Darunter fallen körperliche Vorgänge wie die Atmung, Herzfrequenz, Körpertemperatur, Gerüche, Schwitzen, Zittern, Gänsehaut und vieles mehr. (vgl. ebd. 2003, S. 99)

Besonders die analogen Kommunikationsmittel werden meist ganz unreflektiert eingesetzt, obwohl sie meistens wichtiger und echter wären als die digitalen Worte. Sie sind allerdings auch sehr schwer zu kontrollieren, da sie zwar hin und wieder bewusst eingesetzt werden können, aber in der Regel unbewusst und ganz automatisch ablaufen. Die sensiblen nonverbalen Signale sind besonders schwierig zu beeinflussen, da sie normalerweise ganz automatisch und unbemerkt ablaufen. So können wir unsere Atmung nicht wirklich steuern. Auch Zittern oder Schwitzen können wir nicht wirklich kontrollieren, weshalb es deutliche und echte Signale bei Menschen aber auch bei Tieren sind.

Eine flache, erregte Atmung kann in einem Mensch-Tier-Dialog Unruhe bringen, während eine ruhige und tiefe Atmung entspannend wirkt. (vgl. ebd. S. 100)

Hunde teilen sehr viel mehr über solche körperliche Signale mit als der Mensch. Sie lecken ihre Gegenüber ab, wedeln mit dem Schwanz, oder stellen die Ohren auf. Sie schnappen nach Anderen oder legen sich vor Anderen auf den Rücken. Jedes einzelne Signal oder auch jede Kombination von Signalen hat eine ganz bestimmte Bedeutung.

Obwohl sowohl Menschen als auch Tiere ähnliche analoge Signale benutzen, so werden sie doch sehr häufig ganz anders interpretiert.

Der Mensch übernimmt im Kontakt mit Tieren beispielsweise vielfach seine eigenen Interpretationen von Mimik, welche häufig nicht zutreffend sind. So kann es geschehen, dass die menschlichen Signale falsch gesendet werden oder auch die Signale des Tieres vom Menschen falsch verstanden werden. (vgl. ebd. S. 101)

Tiere benutzen oft andere Signale als Menschen oder sie wollen etwas Anderes damit aussagen. Dann entstehen Missverständnisse und kein guter Dialog. Eine klare analoge Kommunikation ist aber sehr wichtig für Menschen aber besonders für Tiere, beide reagieren sehr sensibel auf solche Signale. Beide Seiten müssen sich aber auf Zeichen verständigen, die beide verstehen, da viele Signale vom Gegenüber nicht verstanden werden. Der körpersprachliche Dialog zwischen Mensch und Tieren gelingt meist dann besonders gut, wenn der Mensch versucht seine Ausdrucksmöglichkeiten auf das Tier abzustimmen, da das Tier umgekehrt dazu oft nicht in der Lage ist. (vgl. ebd. 2001, S. 169)

1.4 Die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen

Obwohl die wissenschaftliche Forschung über die Wirkung von Tieren auf den Menschen noch recht jung ist, ebenso der gezielte Einsatz von Tieren bei Menschen, so ist doch schon ziemlich lange bekannt, dass es Einflüsse durch Tiere geben muss. Denn Tiere für therapeutische Zwecke einzusetzen ist nicht neu:

Bereits im 8. Jahrhundert wurde Menschen in Belgien, laut Überlieferungen, durch Tiere geholfen. Und bereits im 18. Jahrhundert gab es in England eine Anstalt für Geisteskranke, in der die Patienten Gärten und Kleintiere betreuen durften. (vgl. Greiffenhagen 2007, S. 14) Gegründet wurde diese Anstalt 1792 vom Quäker William Tuke. (vgl. Hegedusch 2007, S. 34) Ein weiterer Hinweis auf das Wissen um die positive Wirkung von Tieren auf Menschen stammt von Mönchen aus dem Kloster York: Den in der Seele und am Körper Beladenen hilft ein Gebet und ein Tier. (vgl. Greiffenhagen 2007, S. 14) Auf deutschem Boden standen die Bodelschwingschen Anstalten, genauer gesagt in Bielefeld Bethel. Dieses „Institution ohne Mauern“ war ein Behandlungszentrum für Epileptiker und wurde 1867 gegründet. In diesem Zentrum spielten Tiere, aber auch Pflanzen eine wichtige Rolle. Der Heilungsprozess von Menschen mit neurologischen und psychologischen Erkrankungen sollte durch den Umgang und die Verantwortung für verschiedene Tiere und Pflanzen unterstützt werden. (vgl. Hegedusch 2007, S. 34)

Leider wurden die Erfolge dieser Einrichtungen nicht dokumentiert oder vergessen, sodass das Wissen um die Heilung durch Tiere wieder verloren ging. (vgl. Greiffenhagen 2007, S. 14)

Ebenfalls keine näheren Aufzeichnungen gibt es über das Army Air Force Convalescent Hospital in New York. Hier konnten sich die Soldaten des Zweiten Weltkrieges auf einem Bauernhof mit Tieren von ihren Kriegstraumata erholen. (vgl. Hegedusch 2007, S. 34)

Nur sehr wenig bekannt ist auch die Tatsache, dass auch berühmte Psychoanalytiker wie Sigmund Freud oder C. G. Jung ihren Hunden ihre Praxisräume öffneten. Leider gibt es darüber ebenfalls keine Aufzeichnungen. (vgl. Frick-Tanner 2003, S. 135) Aus der Sekundärliteratur geht aber deutlich hervor, dass Sigmund Freud gegen Ende seines Lebens ein großer Tierliebhaber wurde und den positiven Einfluss seiner Tiere auf Menschen sehr wohl wahrnahm, auf sich selbst und seine Patient/innen.

Freuds erste Hündin war der Chow-Chow Lün, die allerdings von einem Zug überfahren wurde. Doch dann bekam er den zweiten Chow-Chow Jofie, eine Hundedame, die er sofort ins Herz schloss. Sie lag immer zu Freuds Füßen. Freud liebte Jofie innig. In einem Brief beschrieb er Jofie als entzückendes Geschöpf, das wild, triebhaft, zärtlich, intelligent und unabhängig sei. Seine Trauer nach dem Tod dieser Hündin konnte auch Lün Nummer zwei nicht mehr lindern, obwohl auch sie von ihm geliebt wurde. Als Freud immer kränker wurde, wollte Lün nicht mehr zu ihm, was Freud laut seiner Haushälterin mehr geschmerzt hat, als die Schmerzen seiner Krankheit. (vgl. Etzold 2006)

Freud schätzte seit seinem ersten Hund die Anmut, Ergebenheit und Treue der Tiere. Für ihn waren sie auch ein Ersatz für abwesende Menschen. Tiere waren seiner Meinung nach nicht so kompliziert wie die Menschen. (vgl. Molnar 1994) Er hielt Hunde sogar für die besseren Menschen, da Tiere Liebe und Hass auseinanderhalten könnten und ihrem Herrn Zuneigung ohne Ambivalenz entgegenbringen. Ein Hund, so Freud, befreie das Leben vom Konflikt mit der Kultur und gebe ein Gefühl des Zusammenhalts, der innigen Verwandtschaft. (vgl. Etzold 2006)

Wahrscheinlich aus eben diesen Gründen hielt Sigmund Freud Tiere nicht nur für bessere Menschen, sondern auch für bessere Therapeuten:

Sowohl Lün als auch Annas Schäferhund Wolf nahmen an den Therapiesitzungen von Sigmund Freud und Anna Freud teil. Wolf erwies sich als analytisch wenig begabt, doch Jofie sollte als wichtige Co-Therapeutin in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen. Angeblich wusste sie immer genau, wann die Therapiestunden zu Ende waren und erhob sich dann. Wurde die Sitzung zu lang und führte zu keinem Ende, warf Jofie die Patient/innen hinaus. Auch bei der Diagnose achtete Freud genau auf ihre Signale. Wenn sie knurrte, dann wusste Freud, dass mit der Person etwas nicht stimmen konnte, erinnerte sich seine Haushälterin. (vgl. Etzold 2006)

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Details

Seiten
106
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640416899
ISBN (Buch)
9783640411481
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134144
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Fakultät für Bildungswissenschaften
Note
2
Schlagworte
tier therapie pet therapy behinderung behindert jugend kind alte ältere sucht gefängnis

Autor

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Titel: Tiergestützte Arbeit. Auswirkungen und Nutzen für die  Menschen