Lade Inhalt...

Rassismus in der Gesellschaft

Examensarbeit 2009 59 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Ziele der Arbeit

2. Definition
2.1 Die Begriffe Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerfeindlichkeit
2.2 Die Geschichte des Begriffs

3. Ursachen für Rassismus in der Gesellschaft
3.1 Theorien der Sozialwissenschaften
3.1.1 Das Phänomen der Stigmatisierung
3.1.2 Rassismus als Element des Gesellschaftsbildes
3.1.3 Die Banalität des Rassismus
3.2 Das Bild des Fremden als Ursache für Rassismus
3.2.1 Baumans Theorie über den Freund, Feind und Fremden
3.2.2 Klassische Theorien zur Klärung
3.2.2.1 Georg Simmels Exkurs über den Fremden
3.2.2.2 Die Theorie des Fremden von Alfred Schütz
3.2.3 Der Bezug der klassischen Theorien zur Klärung der Ursachen für Rassismus

4. Rassismus und Schule
4.1 Die Schule als Institution der Gesellschaft
4.2 Institutioneller Rassismus in der Schule
4.2.1 Die Folgen des institutionellen Rassismus für ausländische Schüler
4.3 Interkulturelles Lernen als Maßnahme gegen Rassismus und die Ausgrenzung ausländischer Kinder

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Ziele der Arbeit

Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland besagt:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden (vgl. Grundgesetz, 1999).

Dennoch stellen rassistische Handlungen ein gesellschaftliches Problem dar, zu dem es einige Erklärungsansätze gibt. Es handelt sich hier um ein sehr interessantes Thema, das in der Gesellschaft größtenteils tabuisiert wird und dennoch sehr vielfältig ist. Die Gründe, die eine Gemeinschaft dazu bewegen, rassistische Denkweisen zu vertreten sind äußerst vielschichtig. Das Thema Rassismus ist sehr aktuell, was alleine die Anzahl der Immigranten in Deutschland beweist. Für Menschen, die keine rassistischen Ideologien vertreten, ist es kaum nachzuvollziehen, welche Gründe es gibt, ausländische Mitbürger zu diskriminieren. Die Hintergründe zu durchleuchten ist ein Ziel dieser Arbeit. Gerade als angehende Lehrkraft ist das Problem des Rassismus ein wichtiges Thema, da in den Schulen häufig ein großer Anteil der Schüler/innen ausländischer Herkunft ist.

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst der Begriff Rassismus definiert werden. Oft werden ähnliche Ausdrücke, wie Fremdenfeindlichkeit oder Ausländerfeindlichkeit, mit Rassismus gleichgesetzt. Im Hauptteil der Arbeit sollen den Fragen nach der Ursache für die Entstehung von Rassismus nachgegangen werden. Weiterhin soll herausgefunden werden, was Menschen dazu veranlasst, rassistisch zu handeln. Es soll dargestellt werden, welche Gründe für das Entstehen rassistischen Gedankenguts anzuführen sind und wie vielseitig sich diese gestalten.

Um auf diesen Sachverhalt ausführlicher einzugehen, sollen zunächst generelle Theorien der Sozialwissenschaften erläutert werden, um anschließend weitere Aspekte darzulegen. Da an dieser Stelle das Phänomen der Stigmatisierung von großer Bedeutung ist, soll auf diesen Aspekt im nächsten Punkt eingegangen werden. Es soll weiterhin geklärt werden, in welchen Situationen Rassismus stattfinden kann. In diesem Zusammenhang soll untersucht werden, wann von einer Banalität des Rassismus gesprochen werden kann, die im täglichen Leben stattfindet.

Es ist das Ziel, zu erarbeiten, inwieweit Rassismus in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Über diesen Aspekt hat Mark Terkessidis einen interessanten Aufsatz geschrieben, der in der Arbeit ebenfalls behandelt werden soll. Der zweite Abschnitt des Hauptteils soll sich mit dem Bild des Fremden als Ursache für Rassismus beschäftigen. Dieses Thema ist in der Diskussion um die Frage nach den Gründen für das Aufkommen rassistischen Denkens von enormer Wichtigkeit. Hier soll der Frage nachgegangen werden, warum das Bild, das viele Menschen mit Fremden assoziieren, ein Auslöser für diskriminierende Handlungen sein kann und in welchem Maße das Fremdenbild als Ursache für Rassismus dient.

Um diese Fragestellung zu untersuchen, sollen verschiedene Theorien über „den Fremden“ in Betracht gezogen werden. Hier soll zunächst die moderne Theorie von Zygmunt Bauman, den klassischen Theorien von Georg Simmel und Alfred Schütz gegenüberstehen. An dieser Stelle ist zu klären, inwieweit sich in den Theorien Ursachen für Rassismus feststellen lassen.

Ferner soll festgestellt werden, inwieweit sich die Angst gegenüber dem Fremden in der Gesellschaft umsetzt. Deshalb soll, nachdem auf die Ursachen für Rassismus eingegangen wird, als Beispiel für einen spezifischen Ort der Gesellschaft, an dem Rassismus geschieht, die Schule thematisiert werden. Als Institution mit soziologisch wichtigen Aufgaben innerhalb der Gesellschaft, soll am Beispiel der Schule geschildert werden, inwieweit Rassismus dort vorkommt, und ob es Möglichkeiten gibt, diesem Problem vorzubeugen. Als Maßnahme soll das Interkulturelle Lernen näher beleuchtet werden. Hierzu soll zunächst die Aufgabe der Schule als Institution in der Gesellschaft thematisiert werden, um später auf den Aspekt der kulturellen Bildung einzugehen.

Ziel der Arbeit ist es generell, das Phänomen des Rassismus genauer zu beleuchten, was im besonderen Maße unter Berücksichtigung der Frage nach den Ursachen des Entstehens rassistischen Gedankenguts geschehen soll. Anschließend soll dargestellt werden, inwieweit das Phänomen des Rassismus sich in der Institution Schule niederlässt.

2. Definition

Um auf das Thema Rassismus in der Gesellschaft vertieft eingehen zu können, ist es zunächst wichtig den Terminus genau zu definieren, da es in diesem Zusammenhang mehrere Begriffe gibt, die verwendet werden, um diskriminierende Handlungen gegen Ausländer zu beschreiben. Ferner wird kurz auf die Geschichte des Rassismusbegriffes eingegangen.

2.1 Die Begriffe Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerfeindlichkeit

Um den Sachverhalt der Diskriminierung von Fremden zu bezeichnen, sind vor allem die Begriffe Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausländerfeindlichkeit bekannt. Der Terminus „Ausländerfeindlichkeit’’ ist allerdings im Gegensatz zu dem Ausdruck „Fremdenfeindlichkeit“ eingeschränkter, da ausländische Mitbürger, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber schon sehr lange in Deutschland leben, keine Ausländer sind, sondern vielmehr als Fremde behandelt werden (vgl. Heß 1996: 18). Außerdem unterstellt der Begriff „Ausländerfeindlichkeit“, dass alle Ausländer diskriminiert werden. Allerdings treffen beispielsweise Engländer oder Amerikaner auf weniger Ablehnung als Afrikaner oder Türken (vgl. Kalpaka 1990: 12). Fremdenfeindlichkeit ist demnach der umfassendere Begriff. Der Begriff Rassismus hingegen wird eher selten benutzt. Als Rassismus lassen sich gegen Fremde gerichtete Diskriminierungen und Aggressionen bezeichnen, die sich immer in einer sozialen Struktur analysieren lassen, die beschreibt, wie eine bestimmte Minderheitengruppe ausgegrenzt wird.

Generell beruht Rassismus auf der Einteilung der Menschen in höher- und minderwertige Gruppen, wobei die eigene Gruppe stets die überlegenere ist. Das heißt, dem Rassismus wird ein dialektischer Prozess der Rassenkonstruktion vorausgesetzt, bei dem „die negativen Eigenschaften des Anderen zum Spiegelbild der positiven Eigenschaften des Selbst“ (vgl. Miles 1991: 106) werden.

Laut Miles liegt der ideologische Gehalt des Rassismus

in seiner Bedeutungskonstruktion einer oder mehrerer biologischer Merkmale als Kriterium für die Bezeichnung einer Kollektivgruppe in der Weise, daß ihr ein naturgegebener, umwandelbarer Ursprung und Status und von daher eine ihr innewohnende Differenz anderen Gruppen gegenüber zugeschrieben wird. Es muß, mit anderen Worten, ein Prozess der Rassenkonstruktion stattfinden. Zweitens müssen der so bezeichneten Gruppe zusätzliche, negativ bewertete Merkmale zugeschrieben werden, und/oder sie muss so dargestellt werden, dass sie negative Konsequenzen für irgendeine andere Gruppe verursacht. Die Merkmale können biologischer oder kultureller Provenienz sein. Dieser Konstruktion zufolge besitzen alle Menschen, die eine naturgegebene biologische Gruppe bilden, eine Reihe von (negativ bewerteten) biologischen und/oder kulturellen Eigenschaften. Daraus folgt, dass die Präsenz einer solchen Gruppe als höchst problematisch erscheint: Sie wird ideologisch als Bedrohung dargestellt (vgl. Miles 1991: 105f.).

Die Begriffsbestimmung von Miles ist relativ umfassend und spricht die zentralen Aspekte der Rassismusforschung an. Er betont weiterhin, dass seine Definition sich nicht auf einen spezifischen historischen Gehalt festlege. Der Rassismusbegriff bestimme vielmehr die allgemeinen Merkmale, die ein Diskurs besitzen müsse, um als ein Beispiel für Rassismus gelten zu können. Rassismus sei, so Miles, keine einförmige, statische Ideologie, die anhand einer Reihe von Behauptungen und Klischees identifiziert werden könne (vgl. Miles 1991: 109).

Miles erwähnt zudem, dass es sich bei dem Rassismusbegriff ausschließlich um eine bestimmte Art von Ideologie handelt, den man nicht für jede Zuschreibung von Eigenschaften aufgrund biologisch oder kulturell bedingter Unterschiede, die der Rechtfertigung von Ungleichheit dient, verwenden sollte (vgl. Miles 1991: 57ff.).

Christiane Rajewsky wiederum betont, dass es sich beim Rassismus nicht lediglich um eine politische Lehrmeinung und abstrakte Ideologie handelt, sondern um eine Sozialorientierung und Mentalität: „Mentalitäten unterscheiden sich von Ideologien durch größere Beständigkeit und Verbreitung“ (vgl. Rajewsky 1990: 251).

Nach Hoffmann und Even sei jede Weigerung, den Ausländer(inne)n diejenigen Rechte einzuräumen, die Inländern zustehen, solange sie nicht die bisher geltende Inländeridentität übernommen haben, eine Form von Rassismus (vgl. Hoffmann/Even 1984: 179).

Es ist festzuhalten, dass es viele verschiedene Definitionen von Rassismus gibt. Allerdings besagt jede von ihnen, dass es sich bei dem Begriff um diskriminierende Handlungen gegenüber Ausländern handelt.

2.2 Die Geschichte des Begriffs

Es lassen sich ebenfalls historische Wandlungen des Begriffs Rassismus feststellen. So wurde im rassistischen Diskurs der ehemals rein biologistische Gebrauch des Wortes „Rasse“ von einem eher kulturellen Gebrauch abgelöst. Dies bedeutet, dass Rassenunterschiede nicht mehr allein an äußeren Merkmalen wie der Hautfarbe oder der Größe festgemacht werden können, sondern an kulturellen Differenzen wie der Sprache, Sitten und Gebräuchen.

Der klassisch-biologische Gebrauch des Wortes Rasse, geht auf naturwissenschaftliche Theorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurück, nach denen es angeborene und unveränderliche physische Differenzen zwischen den Menschen gibt. Diese Unterschiede werden mit dem Begriff der Rasse hervorgehoben und hierarchisch klassifiziert. Es werden also reale oder fiktive biologische Unterschiede mit sozialen Merkmalen verknüpft, was eine Naturalisierung bzw. Biologisierung des Sozialen bedeutet.

Nach Castles konnten auf diese Weise sowohl der europäische Kolonialismus, die „Überlegenheit der nordischen Rasse“, wie auch der Antisemitismus gerechtfertigt werden (vgl. Castles 1991: 140). Jedoch ist die Einteilung in Rassen selbst in der Biologie umstritten, da auch Unterschiede in einer genetisch als gleich definierten Gruppe festzustellen sind, die in dem gleichen Ausmaß auftreten wie in genetisch differenten Gruppen (vgl. Kapalka 1990: 12).

Rassismus kann demnach nicht mehr allein auf biologische Differenzen zurückgeführt werden. So kam es dazu, dass seit der Mitte des 20. Jahrhunderts neue Rassenkonstruktionen entstanden. Diese distanzieren sich von der biologischen Bezeichnung der Rasse und betonen vielmehr die Vielfalt der Kulturen, die prinzipiell gleichwertig sind, sich jedoch nicht miteinander vergleichen lassen. Dies bedeutet, „der neue doktrinäre Rassismus gründet sich auf dem Prinzip der radikalen Inkommensurabilität der verschiedenen kulturellen Formen’’ (vgl. Taguieff 1991: 237).

Das Recht auf Differenz wird hervorgehoben. Nach Meinung der Neorassisten müssen gewisse „Toleranzgrenzen“ eingehalten werden, was bedeutet, dass jeder Mensch in seinem Land beziehungsweise Kulturkreis verbleiben solle, damit sich die Kulturen nicht vermischen. Den Neorassisten zufolge entstehe Rassismus aus dem Zusammentreffen von Kulturen, die nicht miteinander vereinbar sind. Daraus ergebe sich eine vollständige Negierung der Assimilationsfähigkeit von Kulturen und Menschen.

Damit ist der Rassismus eine „Theorie der totalen Determinierung des Individuums durch ein Zusammenspiel sozialer und/oder kultureller Faktoren“ (vgl. Taguieff 1991: 239).

3. Ursachen für Rassismus in der Gesellschaft

Die Gründe dafür, warum in einer Gesellschaft Rassismus allgegenwärtig ist, sind vielseitig. Hoffmann und Even sehen die Ursache der „Ausländerfeindlichkeit“ im Gesellschaftsbild der Deutschen (vgl. Hoffmann/Even 1984: drittes Kapitel). Die beiden Autoren erläutern, dass die Zeit der Herausgabe ihres Buches, der Zeitpunkt einer ersten ausländerfeindlichen Epoche war, der durch den Zuzug ausländischer Arbeitnehmer ausgelöst wurde, da es hier zu einem Auseinanderklaffen von Statuspassage und Identitätspasssage kam. Dies bedeutet, dass sich die ausländischen Arbeitnehmer hinsichtlich ihres sozialen Status an die Inländer angepasst haben, jedoch nicht die deutsche Identität übernahmen, sondern so lebten, wie sie es aus ihren Heimatländern gewohnt waren. So entstand eine multikulturelle Gesellschaft, der die einheimische Bevölkerung aufgrund ihres Gesellschaftsbildes teilweise feindselig gegenüber stand.

Huisken wiederum ist der Ansicht, dass Rassismus auf Nationalismus und dieser wiederum auf die Funktionsweise des Kapitalismus beruht (vgl. Huisken 1987: 13).

Rassismus steht häufig im Zusammenhang mit strukturellen Machtasymmetrien. Hiermit ist gemeint, dass rassistische Kategorisierungen, Ideologien und Praxen entstehen, reproduziert und in soziale Situationen der Konkurrenz oder des Kampfs um begehrte und als knapp erfahrene Ressourcen und Belohnungen transformiert werden. Wenn dabei spezifische Ressourcen besonders hervorgehoben werden, handelt es sich um Produktions-, Verwaltungs-, und Gewaltmittel. Als Belohnungen sind die gesellschaftliche, politische und rechtliche Anerkennung zu nennen. Diese strukturelle Ungleichheit führt schließlich zu der Entstehung von Rassismus (vgl. Bader 1995: 24).

Objektive und subjektive Bedingungen, in denen sich diskriminierende Kategorisierungen, Ideologien und Praxen entwickeln, sind dann gegeben, wenn die genannten Prozesse als Bedrohung angesehen werden. In diesen Situationen werden alle möglichen Unterschiede zwischen kulturell schon definierten, sozial institutionalisierten Gruppen oder neu anzugrenzenden Kategorien wahrgenommen und stereotypisiert. Das Anderssein degradiert auf diese Weise zur Minderwertigkeit und ist deshalb ein Grund zum Ausschluss.

Zudem weckt die Fremdheit Angst und gesellschaftliche Feindbilder entstehen (vgl. Bader 1995: 24).

Die Wahl der Menschen, die als Opfer der Ausgrenzung dienen, wird anhand mehrerer Faktoren bestimmt. Zum einen sind hier die Erfahrungen realer oder vermeintlicher Konkurrenz von Gruppen zu nennen, denen die Schuld an einer definierten Misere zugerechnet wird. Andererseits ist das gesamte kulturell verfügbare Reservoir an askriptiven Kategorisierungen, Ideologien und Praxen anzuführen (vgl. Bader, 1995: 25).

3.1 Theorien der Sozialwissenschaften

Das Erklärungsangebot der Sozialwissenschaften bezüglich der Ursachen für Rassismus lässt sich in sechs Theorietypen unterteilen.

Zum einen sind die gesellschaftsorientierten Opfertheorien zu nennen (vgl. Fritzsche, in: Butterwegge 2000: 38). Hiermit ist gemeint, dass die Täter selbst Opfer bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse werden und zu rassistischen Taten geneigt sind, da sie aufgrund ihrer Position frustriert sind. Die Frustration wird an dieser Stelle als Auslöser für das rassistische Denken herangezogen. Diese Theorie wird Deprivation genannt und besagt, dass soziale Benachteiligung zur Gewalt führen kann.

Weiterhin werden persönlichkeitsorientierte Defizittheorien angeführt (vgl. Fritzsche 2000: 39). Diese besagen, dass es nicht an den gesellschaftlichen Verhältnissen oder dem Verhalten anderer liege, sondern an Persönlichkeitsdefiziten der rassistisch Denkenden. Die Gründe liegen hier ebenfalls in fehlendem Selbstwertgefühl, was dazu führe, dass Fremde als Bedrohung betrachtet werden. Hinter dem Rassismusgedanken verbirgt sich eine Furcht vor dem Fremden, die weniger das Ergebnis des Verhaltens der Ausländer sind, sondern eine Folge eigener Furchtsamkeit. Diese habe ihren Ursprung in einem schwachen oder gekränkten Selbstwertgefühl, das aus negativen Familienverhältnissen und teils aus besonderen situativen Belastungen abgeleitet wird. Demnach hat das Selbstwertgefühl eines Menschen, einen besonderen Einfluss auf die Wahrnehmung ausländischer Mitbürger.

Neben den genannten Persönlichkeitsressourcen bezüglich des Selbstwertgefühls, sind auch kognitive und moralische Werte in diesem Zusammenhang zu nennen. Häufig mangelt es an verinnerlichten Normen und Werten im Umgang mit anderen Menschen. Als Ursache für das Entstehen eines solchen Wertedefizits, werden die Auswirkungen eines beschleunigten sozialen Wandels und einer zunehmend aggressiven Konkurrenz angeführt.

Einen weiteren Beitrag zur Klärung bietet in diesem Zusammenhang die Stresstheorie. Diese besagt, dass Stress durch verschiedene Stressoren ausgelöst werden kann und durch fehlende persönliche Ressourcen intensiviert werde. Hieraus ergäben sich Stressreaktionen, die zu Stressfolgen führen. Die Stressfolgen nehmen Einfluss auf die Sozialstruktur, die wiederum den Stress auslöst (vgl. Pearlin 1989: 241). Die Leitidee bei diesem Modell ist, dass nicht lediglich auf die objektiven Belastungen verwiesen werden darf, sowie es nicht ausreiche, allein auf die subjektive Seite der Wahrnehmungsdefizite und Bewältigungsprobleme zu blicken. Erst ihr Zusammenspiel bringe ein Stressgefühl hervor, das anfällig für Intoleranz machen kann. Wenn Belastungen durch die Gesellschaftsstruktur oder den sozialen Wandel bei Bürger/innen auf begrenzte oder sogar fehlende Fähigkeiten ihrer Verarbeitung treffen, wird diese Problemkonstellation als Stress wahrgenommen: „Das Gefühl der Herausforderung wird durch das ängstigende Gefühl der Überforderung verdrängt. Abwehrreaktionen sind wahrscheinlich’’ (vgl. Fritzsche 2000: 40).

Stress kann dazu beitragen, dass negative Einstellungen, die lange Zeit nur latent vorhanden waren, wieder aufbrechen und manifest werden. Aufgrund starken Stresses kann es passieren, dass die „zivilisatorische Decke“, zerreißt und in die Latenz verbannte Haltungen sich wieder herstellen (vgl. Pearlin 1989: 252).

In Bezug auf den Rassismus würde dies bedeuten, dass durch Faktoren wie die Arbeitslosigkeit, Stress entsteht, der dann als Beweggrund für rassistisches Denken gilt. Der Leistungsdruck steigt immer mehr, da die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sich verschlechtern, was oft bei vielen Menschen Stress verursacht.

Neben den persönlichkeitsorientierten Defizittheorien, spricht man in der Soziologie ebenfalls von Überlegenheitstheorien, die als Ursache für den Rassismus dienen. Gewalt gegenüber Fremden entstehe nicht aus Unsicherheit oder Verunsicherung, sondern daraus, dass das Bedürfnis entsteht, Fremde aus dem Bewusstsein der eigenen Überlegenheit zu bekämpfen. Diese Theorie besagt, dass für Rassisten das Überlegenheitsgefühl ein Grund für Gewalt gegen Fremde sei. Rassisten glauben an ihre eigene Überlegenheit, die allerdings häufig eine Erfindung sei, um ihren Ängsten zu entfliehen (vgl. Fritzsche 2000: 41).

Ferner sind Gruppentheorien anzuführen, die ebenfalls als Ursachenbegründung für Rassismus gelten. Hiermit ist gemeint, dass rassistische Gewalttaten gegenüber Ausländern, größtenteils von Gruppen ausgingen. Die Gruppe hebe das Selbstwertgefühl, vermittelt Orientierungshilfe, bietet Schutz und Zugehörigkeit, und schaffe das Gefühl von Stärke. Die Gewalttaten, die gegenüber Ausländern in den Gruppen ausgeübt werden, gelten als Versuch nicht sozial unsichtbar zu bleiben (vgl. Fritzsche 2000: 42). Demnach ist ein Grund für Rassismus, dass Menschen versuchen, die fehlenden Ressourcen, wie das genannte Selbstwertgefühl, wiederherzustellen.

Als letzte Theorien werden die Verführungs- und Beeinflussungsarten genannt. Die Gesellschaft wird enorm von den Medien beeinflusst. Durch die zunehmenden Gewaltdarstellungen im Fernsehen, findet ein direkter Einfluss statt. Zudem existiere ein langfristiger Gewöhnungseffekt durch den medialen Konsum, durch den eine Abstumpfung gegenüber der Problematik stattfindet. Es besteht ebenfalls die Gefahr der Nachahmung, die durch die Erzeugung von Aufmerksamkeit, die den gewalttätigen Rassisten zuteil wird, entstehe.

All diese Fakten sind Gründe dafür, warum rassistische Denkweisen in einer Gesellschaft möglich sind. Zusammenfassend ist zu sagen, dass es sich hierbei um eine grobe Darstellung handelt, die allerdings auf weitere Theorien angewendet werden kann.

3.1.1 Das Phänomen der Stigmatisierung

Dem Phänomen der Stigmatisierung kann in Bezug auf Rassismus eine enorme Relevanz zugeschrieben werden. Steins und Rudolph sprechen in diesem Zusammenhang von einem Grundlegenden Wahrnehmungsmechanismus, aufgrund dessen, fremde Menschen in Gruppen eingeteilt würden. Für den Einteilungsprozess werden die Begriffe Stereotypisierung, Stigmatisierung und Kategorisierung genannt (vgl. Steins und Rudolph 1994: 102). Alle genannten Prozesse geschehen auf einer unbewussten Ebene, was bedeutet, dass sie von den Menschen nicht bewusst vorgenommen werden (vgl. Steins und Rudolph 1994: 103).

Der Stigmatisierungsbegriff wird verwendet, um Ursachen und Folgen sozialer Ausgrenzungen zu erklären. Mit dem Begriff werden soziale Prozesse bezeichnet, die durch die Zuschreibung negativer Etikettierungen gekennzeichnet sind und zum sozialen Ausschluss der stigmatisierten Gruppe führen. Stigmatisierungen knüpfen meistens an Eigenschaften von Menschen an, die nur sehr selten auftreten, und deshalb auffällig sind. Dieses auffällige Merkmal würde charakterisiert und mit anderen negativen Merkmalen assoziiert. Dieser Vorgang wird als „illusorische Korrelation“ bezeichnet (vgl. Steins und Rudolph 1994: 103). Stigmata verringerten Unsicherheiten und geben der entsprechenden Person eine Entscheidungshilfe.

Bezüglich der Fremdenfeindlichkeit, wären Stigmata Merkmale, die mit einem Ausländer in Verbindung gebracht werden und so den eigentlichen Menschen lediglich im Hinblick auf seine Abstammung charakterisieren. Alle anderen Eigenschaften werden nicht beachtet. Durch die Stigmatisierung einer Person wird die Wahrnehmung dieses Menschen voreingestellt.

Erving Goffman, der eigentliche Erfinder der Begriffe Stigmata und Stigmatisierung, hat sie in den Zusammenhang der Interaktion zwischen potentiell Auffälligen und ihrer Umwelt gestellt und hauptsächlich untersucht, wie diese Personen Identitätskonflikte durch Formen von Spannungsmanagement und Informationskontrolle zu bewältigen versuchen. Für Goffman sind Stigmata individuelle Merkmale, auf die gesellschaftlich mit Diskreditierung reagiert wird. Er unterscheidet zwischen drei Typen von Stigmata, von denen einer in diesem Zusammenhang interessant ist. Es handelt sich um als „Willensschwäche, beherrschende oder unnatürliche Leidenschaften, tückische und starre Meinungen und Unehrenhaftigkeit“ (vgl. Goffman 1967: 13) wahrgenommene Charakterfehler.

Als Stigmatisierung kann die Übertragung eines gesellschaftlich entwickelten Stigmas auf eine Personengruppe, ein kollektives Stigma, oder eher selten, auf eine Person, ein individuelles Stigma, bezeichnet werden. Die Typisierung von bestimmten Personen, die negativ bewertete Merkmale aufweisen, ist stark verallgemeinernd. Von den kategorisierten Menschen wird vermutet, dass sie über die ihnen gemeinsame Auffälligkeit hinaus noch andere negative Merkmale besitzen (vgl. Stallberg 1996: 107).

Durch die Stigmatisierung einer bestimmten Menschengruppe entsteht eine soziale Distanz im Sinne von Interaktionsverweigerung, die sich zu einer Abgrenzungs- und Diskriminierungsbereitschaft entwickeln kann. Der Begriff der Stereotypisierung, geht darauf zurück, dass Menschen sich häufig ein vereinfachtes Bild von anderen Menschen zurechtlegen, um die Komplexität der Umwelt zu reduzieren. Dieses innere Bild ist von kulturell vorgegebenen Definitionen bestimmt (vgl. Steins und Rudolph 1994: 105).

Hall stellte in diesem Zusammenhang fest, dass Abgrenzung, die aufgrund differenter körperlicher Merkmale geschieht, nur als rassistisch bezeichnet werden kann, „wenn dieses Klassifikationssystem dazu dient, soziale, politische und ökonomische Praxen zu begründen, die bestimmte Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen […]“ (vgl. Hall 1989: 913). Diese Ausschließungspraxen liegen auch dem kulturellen Rassismus zu Grunde. Bestimmte Lebensformen und Gebräuche einer Gruppe werden als die einzige normale Form zu leben angesehen, und andere, davon abweichende Lebensgewohnheiten, werden negativ bewertet. Das rassistische Denken einiger Menschen hat nach Hall allerdings noch ein weiteres Motiv. Er führt an, dass Ausschließungspraxen nicht allein dazu dienen, Gruppen vom Zugang zu materiellen und kulturellen Gütern fernzuhalten; sie haben ebenfalls die Funktion, die Ausländer symbolisch aus der Familie der Nation und aus der Gemeinschaft auszuweisen (vgl. Hall 1989: 919).

Durch die Konstruktion des Anderen werden Identitäten produziert und Identifikationen abgesichert. Man benötigt demnach jemand Anderen um sich selbst zu definieren. Fremde Menschen wirken auf viele Mitglieder der Gesellschaft bedrohlich, weil sie in ihnen einen Teil von sich wieder erkennen, den man verdrängen oder unterdrücken muss, wie beispielsweise Ausgelassenheit oder Freizügigkeit.

3.1.2 Rassismus als Element des Gesellschaftsbildes

Das Erstreben kultureller Hegemonie ist seit einigen Jahren fester Bestandteil unseres Gesellschaftsbildes. Der Begriff des Gesellschaftsbildes beschreibt die Vorstellung, die eine abgegrenzte Gruppe in der Gesellschaft, von dieser hat (vgl. Hoffmann/Even 1984: 34).

Hoffmann und Even führen an, dass das Gesellschaftsbild zur unentrinnbaren Realität wird, der sich niemand entziehen kann. Wenn Erfahrungen in Erscheinung treten, die mit dem Gesellschaftsbild nicht interpretiert werden können, führt dies dazu, dass Probleme entstehen (vgl. Hoffmann/Even 1984: 35). Durch die Ausländer, die häufig mit den Anforderungen des Gesellschaftsbildes nicht vollkommen übereinstimmen, treten die erwähnten Probleme auf.

Es kann behauptet werden, dass Rassismus darauf beruht, dass Gesellschaftsmitglieder, eine Vorstellung von der Gesellschaft haben, die mit dem Zusammenleben mit Ausländern nicht kongruieren. Gesellschaftsbilder passen sich nicht problemlos den Veränderungen der Realität an, sondern leisten Widerstand (vgl. Hoffmann/Even 1984: 37). Sie sind demnach als konservativ zu bezeichnen.

[...]

Details

Seiten
59
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640420346
ISBN (Buch)
9783640420599
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134145
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
2
Schlagworte
Rassismus Gesellschaft
Zurück

Titel: Rassismus in der Gesellschaft