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Übergänge in die Erwerbsarbeit für benachteiligte Jugendliche

Hausarbeit 2009 36 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für benachteiligte Jugendliche

3. Erwerbsarbeit für benachteiligte Jugendliche?
3.1. Berufsvorbereitungsjahr (BVJ)
3.2. Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB)
3.3. Betriebliche Berufsausbildung mit ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH)
3.4. Berufsausbildung in einer außerbetriebliche Einrichtung (BaE)
3.5. Übergangshilfen (Übh)
3.6. Ausblick

4. Realitätsnahe Schule
4.1. Netzwerke fördern
4.1.1. Alltagsbegleitung
4.1.2. Freizeit und soziale Orte
4.1.3. Partnerschaft
4.2. Leben auf finanziell ungesicherter Basis
4.3. Bewerbung, Ausbildung, Arbeit, Erwerbslosigkeit
4.4. Selbständiges Wohnen & alternative Wohnformen

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Elnieltung

»Über die Aufnahme an Berliner Gymnasien soll künftig nicht die Leistung, sondern die Herkunft entscheiden. So plant es die Fraktion der Linken im Abgeordnetenhaus. Einige Schulen sollen demnach gezwungen werden, Kinder aus sozial schwachen Familien aufzunehmen. Eine Idee, die nicht allen gefällt.

Kinder, deren Eltern Hartz-IV-Leistungen oder Wohngeld beziehen, sollen künftig bevorzugt auf Berliner Gymnasien kommen. Eine Sozialquote soll die Oberschulen verpflichten, Schüler aus armen Familien aufzunehmen.«1

Mit diesen Worten umschreibtWelt Onlinedas Vorhaben der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus. In der Literatur ist man sich darüber einig, dass Schüler aus sozial schwachen Elternhäusern auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen haben, als Schüler, die aus der sozialen Mittel- bzw. Oberschicht stammen2, da »Kinder aus sozial schwächeren Schichten [...] geringere Zugangschancen zu höheren Bildungsgruppen« haben.3 Klafki spricht von einer »schichtspezifische[n] Ungleichheit der Bildungschancen und damit weitgehend auch der Berufs- und Sozialchancen«4.

Um diesen ›angeborenen‹ Nachteil auszugleichen, fordert die Linke eine ›Armenquote‹ an Berliner Gymnasien, um einigen Schülern die Möglichkeit zu eröffnen, sich mit dem Abitur aus ihrer sozialen Schicht zu ›befreien‹.

Ob dieser Ansatz die Lösung dafür sein kann, dass auch sozial benachteiligte Jugendliche wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden, soll hier nicht diskutiert werden. Doch dieses aktuelle Thema zeigt, dass die Politik sich langsam mit der Problematik der ›zertifikatslosen‹ Schulabgänger auseinandersetzt und sie den Versuch unternimmt das Schulwesen neu zu strukturieren. Die Planungen für das Berliner Schulsystem mit der Abschaffung von Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer Sekundarschule, die das Abitur ermöglicht sowie die Gemeinschaftsschulen, »in denen Klassen für die gesamte Schulzeit zusammenbleiben, also von der ersten bis zur zehnten Klasse«5 sind daher äußerst begrüßenswerte Ansätze. Vor allem, weil dadurch die Marginalisierung auf dem Arbeitsmarkt durch den Stempel ›Hauptschulabschluss‹ oder ›Schulpflichterfüllung‹ entfällt und es vielleicht ein erster Weg ist, diese Schulformen gegenüber den Gymnasien und Realschulen wieder ein wenig aufzuwerten. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn man in dieses neue Konzept auch die Förderschule einbände, um deren Abgängern nicht das Stigma ›zertifikatslos‹ aufzubürden. Vor allem weil es das Ziel dieser Reform ist, »jedem Schüler den bestmöglichen Abschluss zu eröffnen«6

In der vorliegenden Arbeit soll es um den Übergang in die Erwerbsarbeit bei benachteiligten Jugendlichen gehen. Der Bereich der benachteiligten Jugendlichen umfasst für mich Hauptschüler teilweise mit, aber vor allem diejenigen ohne Hauptschulabschluss und natürlich Förderschüler, besonders der Schulen für Lernförderung und Erziehungshilfe.

Im ersten Teil der Arbeit möchte ich mich mit der derzeitigen Situation benachteiligter Jugendlicher auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen und erörtern, warum sich der Weg in die Erwerbsarbeit für dieses Klientel so schwierig darstellt, welche Entwicklungen sich in Deutschland diesbezüglich vollzogen haben und warum es für benachteiligte Jugendliche so schwer ist, einen Anschluss an den Arbeitsmarkt zu finden.

Im zweiten Teil soll es mir darum gehen, welche Möglichkeiten Förder- und Hauptschüler haben, um eine Ausbildung zu erhalten und welche gesetzlichen Grundlagen ihnen Helfen einen Platz auf dem Ausbildungsmarkt zu bekommen. Außerdem soll es darum gehen diese Vorbereitungsmaßnahmen kritisch zu beleuchten und zu prüfen, inwiefern ihnen diese für ihren weiteren Weg tatsächlich dienlich sein können.

Der dritte und umfänglichste Teil konzentriert sich auf die Pflicht, in der die Schule bei der Vorbereitung auf die Erwerbsarbeit steht. Es soll geklärt werden, welche Aufgaben die Schule hat, inwiefern sie dabei vorgehen kann und was sich – im Vergleich zu der jetzigen Situation – verändern muss. Auf mögliche Themengebiete soll dabei eingegangen werden, um diese nötigen Entwicklungen beispielhaft aufzuzeigen.

2. Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt fiir benachteiligte Jugendliche

Der Zugang zur Erwerbsarbeit wird über Abschlüsse ermöglicht. Diese Zertifikate sind Symbol für die individuelle Leistungsfähigkeit einzelner Personen. Benachteiligte Jugendliche besitzen allerdings nicht immer diese Abschlüsse und wenn sie welche besitzen, so sind es jene, die von Arbeitgebern oft als ungenügend empfunden werden.

»[...] fehlende Bildungszertifikate gelten als Indikator dafür, dass sie [die gering qualifizierten Personen, Anm. A.W.] geringere Bildungsanstrengungen unternommen haben und höhere Einarbeitungskosten verursachen als jene Personen, die die Bildungsinstitutionen erfolgreich durchlaufen haben. Aus diesem Grund bevorzugen Arbeitgeber Zertifikatsträger«7

Da in den meisten Branchen ein ausreichendes Angebot an höher qualifizierten Personen vorhanden ist, werden diese bevorzugt von Arbeitgebern ausgewählt. Dadurch kommt es zu einer Neuorganisation auf dem Arbeitsmarkt. Das heißtüberqualifizierte Arbeitssuchende verdrängen die qualifizierten Arbeitssuchenden aus dem Bewerberfeld. Durch diese Verschiebung bei den Einstellungsverfahren werden viele gering qualifizierten Bewerber in die Arbeitslosigkeit gedrängt. Das bedeutet aber auch, dass höher ausgebildete Zertifikatsträger einfachere Arbeiten annehmen müssen, entsprechend dem Bild des taxifahrenden Philosophieabsolventen.

Doch es ist nicht nur so, dass die höher Qualifizierten die anderen Bewerber verdrängen, in dem Sinne, dass sich die Zertifikatsträger positiv von ihren Konkurrenten absetzen. Sondern die Personalchefs betreiben auch eine Negativselektion, durch die alle >Versager< und >Unwilligen<8 aussortiert werden. Nach dieser Diskreditierungsthese9 sinkt die Erwartung an gering qualifizierte Personen hinsichtlich der zu erwartenden Leistungsfähigkeit.

Personalchefs sind nicht nur daran interessiert, »die besten Bewerber einzustellen. Sie versuchen auch zu vermeiden, von ihnen als unfähig eingeschätzte Personen einzustellen«10.

Ein anderer Grund für die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt für Benachteiligte ergibt sich durch den Wandel von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft; vom Arbeiter hin zum Angestellten.

»Auf dem Arbeitsmarkt gehen in den Städten die Erwerbsmöglichkeiten für unqualifizierte Arbeiter verloren, weil Industriearbeitsplätze in großer Zahl abgebaut wurden; der wachsende Dienstleistungsbereich nimmt nicht genug bzw. nicht die auf, die infolge der Deindustrialisierung arbeitslos geworden sind.«11

Das bedeutet, dass einfache Arbeiten am Fließband und in Fabrikhallen verschwanden, die früher so reichlich vorhanden waren und gering Qualifizierten ein sicheres Einkommen ermöglichten. Heute, in der Dienstleitungsgesellschaft, sind andere Qualitäten als handwerkliches Geschick von Nöten. Höhere Kenntnisse in Schrift und Sprache werden erwartet und gewisse soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit vorausgesetzt, die in einer Fabrikhalle nur eine sekundäre Rolle spielen. Doch neben der Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft sanken auch die Gehälter vieler Arbeiter, während die Einkommen in modernen Bereichen wie Marketing, EDV, Kommunikationsdiensten und Werbung stiegen12 . »Wir haben es also mit einer Spreizung der Einkommensverteilung und – weil die mittleren Segmente quantitativ an Bedeutung verlieren – mit einer Polarisierung der Einkommensstruktur zu tun.«13

Doch wer sind diese ›Verlierer‹ auf dem Arbeitsmarkt? Nach Rützel14 kann man durch folgende Merkmale als benachteiligt gelten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zum hauptsächlichen Ausschlusskriterium wird aber das Nichterreichen eines mittleren Bildungsabschlusses. Das bedeutet, dass die Abgänger der ›Restschulen‹, also der Förder-und Hauptschulen, auf dem Arbeitsmarkt durch das Schulsystem benachteiligt werden. Der Realschulabschluss bildet die Grundlage auf dem Ausbildungsmarkt, wenn man einen Beruf erlernen möchte, der den eigenen Wünschen entspricht. Insgesamt ließ sich in den letzten Jahren eine Verschiebung zwischen Abschluss und erlerntem Beruf in Deutschland erkennen. Viele Abiturienten bewerben sich nach ihrer Schullaufbahn auf eine Lehrstelle, weil sie befürchten den Anforderungen auf einer Hochschule nicht gewachsen zu sein. Die höher qualifizierten Abiturienten bewegen sich demzufolge in dem Kampf um Ausbildungsplätze allerdings auf dem Territorium der Real-, Haupt- und Förderschüler. Die Personalchefs bevorzugen aus ökonomischen und oben bereits genannten Gründen jedoch oftmals die Abgänger der Gymnasien, wodurch ein Missverhältnis auf dem Lehrstellenmarkt entstanden ist, durch das sich auch Realschüler manchmal mit den ›einfachen‹ Berufen wie Maler oder Maurer zufrieden geben müssen, wenn ihr Abschluss lediglich befriedigend oder schlechter ausfällt. Verstärkt wird dieses Problem dadurch, dass die Orientierung auf immer höhere Bildungsabschlüsse abzielt (Vgl. Abbildung 1 und 2). Die Realschüler, die dazu in der Lage sind, holen ihr Abitur oder die Fachhochschulreife nach um auf dem Arbeitsmarkt mit anderen konkurrieren zu kön nen. Diejenigen Eltern, die auch nur die klei nste Chance für ihr Kind auf dem Gymnasium se hen, werden nicht davor zurück scheuen, es ›zumindest einmal probeweise‹ auf ein Gymnasi um zu schicken.

Durch diese zunehmende ›Au sschüttung‹ von Realschülern und Abiturien ten im Vergleich zu früheren Jahrzehnten, wird di e Bedeutung der Haupt- und Förderschule als ›Verwahranstalt für die sozial Schwachen‹ im er größer.

Abb. 1.1: Schulentlassene aus allge mein bildenden Schulen nach Abschlussart, Westdeu schland, 1965 bis 1998 (in Prozent)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Solga 2005, S. 178.

Abb. 1.2: Relativer Schulbesuch der 13-Jährigen nach Schulart, Westdeutschland, 1952 bi s 1998 (in Prozent)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Solga 2005, S. 179.

Dass Kinder aus statushö heren Schichten, wahrscheinlich auch die statushöheren Abschlüsse erreichen, wurde bereits festgestellt. Ebenso, dass sie aufgr nd dieser höheren Abschlüsse auch die statu höheren Berufe ausüben können. Doch angenommen ein Schüler aus einer sozial ben achteiligten Familie erlangt den Realschul bschluss oder gar das Abitur, so wird er dennoch gröl'ere Probleme haben, in die Erwerbsarbeit zu gelangen, als eben jene Absolventen aus statushöheren Schichten. Der Grund: eine mangelnde Kapitalausstattung15.

Das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital ist auf dem Hintergrund der Erwerbsarbeitssuche von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Da die Kapitalausstattung an das Elternhaus gebunden ist, haben Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien oft einen Defizit gegenüber den statushöheren Arbeitssuchenden, denn die Kapitalausstattung, die einem mitgegeben oder nicht mitgegeben wird, formt den Habitus eines Menschen grundlegend und der Habitus kann es sein, der in einem Bewerbungsgespräch über Zu- oder Absage entscheidet, weil der Bewerber beispielsweise durch selbstbewusstes und sicheres Auftreten zu überzeugen weil'. Über ökonomisches Kapital werden aber auch Wege für den Erwerb von kulturellem Kapital entwickelt und über diese beiden besteht die Möglichkeit, soziales Kapital zu erlangen. Diejenigen, die reich an diesen Kapitalgütern sind, haben bessere Möglichkeiten den Übergang in die Erwerbsarbeit zu meistern, schon allein, weil sich jedes Kapitalgut in ein anderes transformieren lässt und es den Weg in den Beruf erleichtern kann.

»Der Rückgriff auf Netzwerkbeziehungen bei der Arbeitsplatzsuche und bei

Rekrutierungsentscheidungen stellt insofern eine Form [...] der
Ressourcenmonopolisierung [...] dar, als Netzwerkmitglieder bevorzugt [...] und Nichtangehörige dieser Netzwerke [...] benachteiligt bzw. ausgeschlossen werden«16

Doch oft gelingt es den Jugendlichen aufgrund ihres niedrigen Kapitals nicht einmal bis zur Arbeitsplatzsuche, da sie den mittleren Bildungsabschluss nicht erreichen und für sie deshalb nur verpflichtende oder freiwillige Arbeitsmal'nahmen übrig bleiben. Doch es ist nicht nur so, dass die Bildungsabschlüsse, also das institutionalisierte Kulturkapital, niedrig sind, oft liegen die Probleme schon in den – von Solga erwähnten – Netzwerken. Denn das soziale Kapital ist relativ schwach ausgeprägt. Meist reichen die Netzwerke nicht über die Herkunftsfamilie hinaus oder das Umfeld um sie herum ist instabil wie die eigene Familie auch. Die Hilfe, die viele benachteiligte Jugendliche bräuchten, kann oft durch deren Familie und deren Freunde nicht geleistet werden. Da in den Familien und Freundeskreisen auch oft die Arbeitslosigkeit dominiert, können sie zum Beispiel keine wertvollen Ratschläge für Bewerbungsgespräche erwarten oder Hinweise, in welcher Firma gerade neue Arbeitnehmer gesucht werden. Auch eine Absicherung durch Bildung kann von der Familie oft nicht ›erkauft‹ werden, weil dazu das ökonomische Kapital fehlt.

»Ihre [die benachteiligten jungen Menschen; Anm. A.W.] ökonomischen Ressourcen sind häufig von öffentlicher und/oder privater Alimentierung abhängig und in der Regel nicht hinreichend, um am gesellschaftlichen Leben und Konsum umfänglich teilnehmen und teilhaben zu können. Aber nicht nur der medial oktroyierte Konsum ist somit nicht realisierbar, sondern ebenso sind lebensrelevante und lebensnotwendige Investitionen, beispielsweise die Finanzierung einer eigenen Mietwohnung, der Erwerb eines Führerscheins und eines entsprechenden Verkehrsmittels, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben etc. nicht gesichert.«17

Doch nicht nur das Geld und die stabilen sozialen Netzwerke fehlen, auch die lebensrelevanten Kompetenzen, das inkorporierte Kulturkapital wie Lesen und Schreiben, ist mangelhaft ausgeprägt, was zu weiteren Problemen auf dem Arbeitsmarkt führt.

Dennoch besitzen die benachteiligten Jugendlichen inkorporiertes Kulturkapital, das sie sich während ihres Lebens in ihrem Milieu angewöhnt haben, doch dieses kulturelle Kapital unterscheidet sich von dem der bürgerlichen Gesellschaft. In ihrem Leben existieren andere Normen und Werte18. Durch ihre mangelnde Kapitalausstattung, ihre wenig angesehenen Schulabschlüsse, sofern sie diese überhaupt besitzen, sowie durch die abnehmende Bedeutung der Haupt- und Förderschulen stehen die Chancen für benachteiligte Jugendliche schlecht, auf dem Arbeits- oder Ausbildungsmarkt integriert zu werden.

Eine Mitschuld an dieser Misere trägt aber auch die Entwicklung, dass Eltern bzw. Schüler versuchen den höchstmöglichen Abschluss zu erlangen und danach wird geschaut, wie man sich danach später beruflich entwickeln kann und will. Frei nach dem Motto: ›Mit Abitur kann man alles erreichen‹. Die Auffassung, dass eine Hauptschule auf handwerkliche Berufe vorbereitet und das Gymnasium auf eine Universitätslaufbahn, ist längst nicht mehr gültig und dadurch kam es zu einer Verschiebung auf dem Ausbildungsmarkt in jene Richtung, dass Abgänger mit höher qualifizierten Abschlüssen niedrigere Ausbildungen annehmen wollen (Abiturienten, die sich auf eine Lehrstelle bewerben) oder annehmen müssen (Realschüler, die gegen die Abiturienten nicht konkurrieren können und sich deshalb auf als einfacher geltende Berufe orientieren). Durch diese Verschiebung der einfachen Berufe auf höher qualifizierte Abschlüsse sowie durch das immer kleiner werdende Klientel der Haupt-und Förderschüler und die Stigmatisierung dieser Schulen als ›Resteschule‹, entstand das Problem jener Schulabgänger auf dem Arbeitsmarkt.

»Mehr Bildung ist notwendig, um den gleichen sozialen Status bzw. die gleiche berufliche Position zu erreichen wie die vorangegangene Generation; die einzig wahren Verlierer sind gering qualifizierte Personen, da ihnen nun die früheren Aufstiegsmöglichkeiten verschlossen bleiben und sie vermehrt vom Arbeitsmarkt in Arbeitslosigkeit verdrängt werden.«19

Welche Möglichkeiten für Förder- und Hauptschüler in der Regel offen stehen, um auf dem Arbeitsmarkt integriert zu werden, soll im nächsten Kapitel erläutert werden.

3. Erwerbsarbeit fiir benachteiligte Jugendliche?

Dass die Chancen für benachteiligte Jugendliche auf dem freien Arbeitsmarkt oft nicht gut stehen, wurde bisher bereits erläutert. Aus diesem Grund erfahren »Absolventen aus den Förderschulen bzw. Förderzentren [...] zunehmend eine berufliche Ausbildung im Sinne der Benachteiligtenförderung (Arbeitsförderungsgesetz) und des Rehabilitationsangleichungs-gesetzes.«20 Auch Hiller empfiehlt für benachteiligte Jugendliche die »Berufsausbildung gemäß § 48 BBiG [derzeit § 64 BBiG 2005; Anm. A.W.] beziehungsweise § 42 HwO«21. Die Vorteile laut Hiller22 liegen in der Vollsubventionierung durch die Arbeitsverwaltung, in der Reduktion der theoretischen Anforderungen, in den zusätzlichen Förderangeboten für die berufsschulischen Anforderungen, in der sozialpädagogischen Betreuung sowie in den Aufbaumöglichkeiten zum vollen Facharbeiter.

Zu erwarten ist daher, »dass lernschwache Jugendliche notgedrungen auf den Behindertenstatus zurück greifen müssen, um überhaupt eine berufliche Ausbildung und/ oder Förderung erhalten zu können.«23

Doch auch wenn die Jugendlichen – ob mit oder ohne Benachteiligtenförderung – in eine Ausbildung rücken, so stehen ihnen nicht sonderlich zukunftsweisende Berufe und Ausbildungsplätze zur Wahl. Oftmals werden sie nur zu einer Hilfskraft in Bereichen ausgebildet, die ohnehin schon arbeitsmarkttechnisch ›gebeutelt‹ sind wie zum Beispiel das Handwerk, die Landwirtschaft, die Hauswirtschaft oder das niedere Dienstleistungsgewerbe wie zum Beispiel die Gastronomie. Dies sind zumeist auch die Berufszweige, die vor allem im BVJ angeboten werden. Wenn man bedenkt, wie viele benachteiligte Jugendliche jährlich das BVJ besuchen und an einen dieser Bereiche heran geführt werden und wie viele Jugendliche in diesen Bereichen eine Regelausbildung ableisten, kommt man schnell zu dem Fazit, dass in diesen Branchen über den eigenen Bedarf ausgebildet wird.

Abgesehen von den Aspekten, dass die Berufe nicht zukunftsträchtig sind, man nur den Status einer Hilfskraft inne hat und man quasi für die Arbeitslosigkeit ausgebildet wird, ist es auch so, dass – laut Hiller – die Berufe durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet sind24:

- geringes soziales Prestige
- unübliche Arbeitszeiten (Bäcker, Gastgewerbe, Reiniger)
- Arbeiten im witterungsabhängigen Außenbereich
- Vergleichsweise geringe Bezahlung

[...]


1 Haas 2009, Welt Online

2 Vgl. Solga 2005, Burgert 2001, Hiller 1997

3 Solga 2005, S. 138

4 Klafki 1996, S. 224

5 Trenkamp 2009, Spiegel Online

6 Ebd.

7 Solga 2005, S. 103

8 Solga 2005, S. 110

9 Vgl. Solga, S. 108 ff.

10 Solga, S. 110

11 Häußermann 2000, S. 14

12 Vgl. Häußermann 2000, S. 15

13 Ebd.

14 Rützel zit. n. Burgert 2001, S. 20

15 Vgl. Bourdieu

16 Solga 2005, S. 145

17 Burgert 2001, S. 38

18 Vgl. Burgert 2001, S. 38

19 Solga 2005, S. 182

20 Angerhoefer 1997 zit. n. Burgert 2001, S. 24

21 Hiller 1997, S. 189

22 Vgl. ebd.

23 Burgert 2001, S. 19

24 Vgl. Hiller 1997, S. 181

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640417025
ISBN (Buch)
9783640412686
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134180
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg – Institut für Sonderpädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Erwerbsarbeit Jugendliche

Autor

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Titel: Übergänge in die Erwerbsarbeit für benachteiligte Jugendliche