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Die Würde des Menschen als Geschöpf nach dem Abbild Gottes und seine Infragestellung durch die Ethik Peter Singers am Beispiel der Euthanasie.

Seminararbeit 2007 18 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Der Mensch als Person
2.1 Gottebenbildlichkeit
2.2 Die Würde des Menschen

3.0 Die Infragestellung der Menschenwürde in heutiger Zeit
3.1 Der gute Tod? Die Infragestellung durch die Euthanasie

4.0 Peter Singers Beitrag zur Euthanasiedebatte
4.1 Unterschiedliche Formen von Euthanasie

5.0 Zusammenfassung und Kritik

6.0 Literaturliste

1.0 Einleitung

Wer die Bibel auf der ersten Seite aufschlägt, hat das erste Kapitel des Buches Genesis vor sich. Dort, im Alten bzw. Ersten Testament, finden sich zwei Berichte darüber, wie sich das Volk Israel die Erschaffung der Welt durch Gott vorstellt. Die beiden Berichte unterscheiden sich von einander in ihrem Stil, ihrem Aufbau und ihrem inhaltlichen Schwerpunkt und sind, wie man inzwischen aus der Forschung weiß, unterschiedlich alt. Für uns Christinnen und Christen[1], die wir mit Jesus Christus in die Verheißung des Bundes Gottes mit Seinem Auserwählten Volk eingetreten sind, sind diese Schöpfungsberichte von großer Bedeutung, überliefern sie uns doch, bei allen textkritischen und exegetischen Anfragen an den überlieferten Text, ganz zentrale Aussagen über elementare Fragen unseres eigenen Seins und unserer Stellung im Universum. Dazu gehören die Überzeugung, dass Gott der alleinige Schöpfer der Welt und damit auch des Menschen ist und der Auftrag Gottes an den Menschen, sich diese von Ihm geschaffene Welt zum Untertan zu machen. Die Zusammenschau der biblischen Texte legt nahe, diesen schwierigen Auftrag als einen zur verantwortlichen Verwaltung zu verstehen, also nach bestem Wissen und Gewissen mit dem, was uns anvertraut ist, sorgfältig und respektvoll umzugehen. Somit lässt sich sagen, dass dem Menschen innerhalb der Schöpfung eine besondere Stellung zukommt, die sich von jener anderer Lebewesen unterscheidet und mehr noch: der Mensch wurde, so wird es uns überliefert, nach Gottes Abbild geschaffen. Dieses Geschaffensein nach Gottes Abbild ruft den Menschen auch zu einer besonderen Verantwortung sich selbst gegenüber. An seinen beiden Enden (Geburt und Tod) angesichts von unheilbarer Krankheit oder schwerer körperlicher oder geistiger Behinderung gerät das menschliche Leben in unserer Zeit immer stärker unter Druck. Unter dem Deckmantel der Menschlichkeit werden immer wieder ein Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben und angesichts des eigenen Leides oder der Last für Nahestehende auch ein Recht auf Sterben gefordert. Der Philosoph Peter Singer ist einer von jenen Wissenschaftern, die für ein solches Recht bzw. für ein Umdenken in diese Richtung eintreten. Er hat mit seinen Thesen für viel Aufregung gesorgt und heftige Kontroversen ausgelöst. Gerade vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes erscheinen seine Forderungen irritierend und fordern zu heftigem Widerspruch heraus. Es ist das Ziel dieser Seminararbeit, sich kritisch mit Singers Thesen auseinander zu setzen und dazu aus christlicher Perspektive Stellung zu nehmen.

2.0 Der Mensch als Person

2.1 Gottebenbildlichkeit

Im ersten Buch des Alten Testamentes, wie es uns heute vorliegt, finden wir zwei verschiedene Schöpfungsberichte, nämlich im ersten und im zweiten Kapitel des Buches Genesis. Liefert der Schöpfungsbericht im ersten Kapitel eine förmliche Chronologie des Schöpfungswerkes aufgeteilt auf 7 Tage, liest sich jener im zweiten Kapitel wie eine Erzählung. Eine ausführliche Behandlung der exegetischen Fragestellungen rund um die Entstehungsgeschichte der beiden Schöpfungsberichte und ihre zeitliche Datierung muss hier unterbleiben, was uns im Zusammenhang mit der anthropologischen Fragestellung dieser Arbeit interessiert, ist die Bibelstelle Gen 1,27, wo es in der deutschsprachigen Einheitsübersetzung heißt: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild. […] Als Mann und Frau schuf er sie“. Unter allen Lebewesen der Schöpfung kommt dem Menschen also eine besondere Stellung zu. Mit dieser Stellung bekommt er auch eine besondere Aufgabe zugewiesen, die schon im voran gegangenen Vers 26 formuliert worden war: “Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.“ Beide Verse betonen also die besondere Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung.

Die im hebräischen Urtext zu findende Wurzel „rdh“ bedeutet aber nicht schrankenlose Herrschaft, sondern die Verantwortung des Menschen als von Gott eingesetztem und gesegnetem Verwalter und enthält auch ein bis zur Sintflut absolutes Tötungsverbot.[2] Erst beim Bund Gottes mit Noah wird es dem Menschen erlaubt, andere Lebewesen unter besonderen Vorschriften als Nahrung zu nutzen (vgl. Gen 9,2f), also bestimmte Tiere zu töten. Das Tötungsverbot von Menschen bleibt aber wegen der Gottebenbildlichkeit aufrecht, was auch als Begründung für die Rechenschaft für vergossenes Blut eines jeden Menschen in Gen 9,5f herangezogen wird.[3] Durch die Gottebenbildlichkeit als Repräsentanz Gottes dreht sich der Blickwinkel von der Perspektive Gott – Mensch hin zu einer Perspektive vom Mensch zu den Wesen unter ihm.[4]

Dabei wird durch die Formulierung, Gott habe den Menschen als Mann und Frau geschaffen, die gleichwertige Verantwortung beider Geschlechter im Sinne dieser Repräsentanz und dem erhaltenen Auftrag betont.[5]

Im Neuen Testament (z.B. 1Kor 15,49 oder Röm 8,29) tritt Jesus Christus als Bild Gottes in den Vordergrund, zu dem die Christusgläubigen in eine besondere Beziehung treten, die auf die zukünftige Vollendung der Welt verweist: tragen die Gläubigen jetzt das Bild des irdischen Menschen (Adam), so werden sie nach der Vollendung das Bild des himmlischen Menschen (Christus) tragen.[6]

So erscheint die Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht als ein statischer Begriff, sondern als dynamische Möglichkeit und Aufgabe.[7] Dabei geht es nicht darum, in einem verengten Verständnis nur den Mann als Gottes Ebenbild gelten zu lassen, sondern den Menschen in seiner gesamten geistig-leiblichen Existenz als Mann und Frau ins Blickfeld zu rücken.[8] Allen Menschen kommt diese Gottebenbildlichkeit zu, sie ist daher auch die Grundlage für ein geschwisterliches Umgeben miteinander und Motivation für den Einsatz für Schwache, Behinderte, Kranke und Außenseiter.[9] In ihr ist die Größe und die Würde des Menschen verankert.

Der Mensch steht aber nicht nur in einem besonderen Verhältnis zu Gott, er steht auch in einem Selbstverhältnis und in einem Weltverhältnis.[10] Nur in diesem dreifachen Verhältnis ist der Mensch Gegenstand anthropologischer Forschung. Das Verhältnis des Menschen zu Gott gilt auch umgekehrt als ein solches von Gott zum Menschen. Gott will den Menschen aus seiner irdischen Widersprüchlichkeit befreien, indem er ihn durch Jesus Christus rechtfertigt. Dies zeigt, dass der Mensch nicht nur als Geschöpf von Gott unterschieden, sondern dadurch ausgezeichnet ist, dass sich Gott auf eine so besondere Weise um ihn bemüht. Durch die Hingabe Seines Sohnes setzt er sich in eine Beziehung zum Menschen, damit dieser wiederum seiner Auszeichnung durch Gott überhaupt entsprechen kann. Dies wird ausgedrückt durch den Begriff der zur Gottebenbildlichkeit bestimmten Person, die dadurch konstituiert wird, dass Gott den Menschen geschaffen hat, um Sein geschöpfliches Gegenüber zu sein.[11] Als eine solche Person besitzt der Mensch die Fähigkeit, selbständig und verantwortlich zu handeln, sie kommt ihm nicht erst zu, wenn er gelernt hat, sich so zu verhalten.[12]

2.2 Die Würde des Menschen

Im Zusammenhang mit der Würde des Menschen ist es wichtig zu betonen, dass sich die Würde vom Personsein des Menschen und nicht nur von seinem bloßen Menschsein ableitet[13]. Die Würde des Menschen ist also auf mehrfache Weise entfaltet[14]: sie wurzelt in der Erschaffung des Menschen nach Gottes Abbild und der Berufung des Menschen zur Seligkeit in Gott. Selig ist auch schon der Mensch, der den Sinn menschlichen Daseins gefunden hat und ein erfülltes Leben führt. Die christliche Dimension geht aber noch einen Schritt über eine rein irdische Seligkeit hinaus: In seinen Seligpreisungen im Matthäusevangelium (vgl. Mt 5,3-12) verkündet Jesus Christus den Menschen das Reich Gottes, das ihnen verheißen ist, in dem sie alles Glück finden können. Gleichzeitig zeigt er, dass er um die Schwierigkeit, seine Botschaft in die Welt zu verkünden sehr wohl weiß und spricht den Menschen Mut zu, trotz allem, was ihnen widerfahren wird, auf das Reich Gottes zu hoffen und verspricht ihnen, dass der Lohn für all das im Himmel groß sein werde (vgl. Mt 5,12).

Die Berufung zur Vollendung wird dem Menschen nicht aufgezwungen, sondern er soll diese Aufgabe in Freiheit annehmen und sich in seinen Handlungen ganz bewusst nach dem Guten ausrichten. Eine gute Handlung bezieht sich dabei immer gleichzeitig auf ein gutes Objekt und enthält auch eine gute Absicht.[15] Eine schlechte Absicht macht dabei auch die Handlung schlecht, auch wenn diese an sich gut gewesen wäre. Das Gleiche gilt für das gewählte Objekt im Bezug auf die dahinter stehende Absicht.[16] In besonderen Situationen kann der Mensch auch gezwungen sein, eine Gewissensentscheidung zu treffen, zum Beispiel, wenn für die betreffende Situation kein Präzedenzfall vorliegt oder es aus dem Gewissen notwendig erscheint, eine von den bestehenden Vorschriften abweichende Entscheidung zu treffen. Dabei ist es aber von entscheidender Bedeutung, dass ein Gewissen nur dann richtig urteilen kann, wenn es in Übereinstimmung mit der Vernunft und dem göttlichen Gesetz handelt und drei wichtige Regeln beachtet werden:[17] (1) Böses zu tun kann nie Gutes bewirken, (2) es gilt die Goldene Regel, nur das zu tun, was man auch von anderen für sich selbst erwartet (vgl. Mt 7,12) und (3) ist zu beachten, dass die christliche Liebe immer auch den Nächsten und sein Gewissen achtet, also im Sinne von Röm 14,21 etwas nicht zu tun, „wenn dein Bruder daran Anstoß nimmt.“

[...]


[1] Anmerkung: in weiterer Folge habe ich zur besseren Lesbarkeit des Textes auf eine jeweils männliche und weibliche Ausformulierung verzichtet. Sämtliche betr. Textpassagen verstehen sich jedoch inklusiv und richten sich daher an Personen beiderlei Geschlechts.

[2] Vgl.: Gross, Walter: Art. Gottebenbildlichkeit. I. Altes Testament, in: LThK3 4 (1995) 871.

[3] Ebd.

[4] Vgl: Gross, Gottebenbildlichkeit, 872.

[5] Ebd.

[6] Vgl.: Ernst, Josef: Art. Gottebenbildlichkeit. II. Neues Testament, in: LThK3 4 (1995) 873.

[7] Vgl.: Merks, Karl-Wilhelm: Art. Gottebenbildlichkeit. V. Theologisch-ethisch, in: LThK3 4 (1995) 877.

[8] Ebd.

[9] Vgl.: Figura, Michael: Art. Gottebenbildlichkeit. VI. Spirituell, in: LThK3 4 (1995) 878.

[10] Vgl: Dalferth, Ingolf U. / Jüngel, Eberhard: Person und Gottebenbildlichkeit, in: Böckle, Franz/ Kaufmann, Franz-Xaver / Rahner, Karl/ Welte, Bernhard / Scherer, Robert (Hg.): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, Freiburg im Breisgau: Herder1 1981 60.

[11] Vgl.: Dalferth / Jüngel, Person und Gottebenbildlichkeit, 61.

[12] Vgl.: Ebd., 64.

[13] Vgl.: Ebd., 85.

[14] Vgl.: Ecclesia Catholica: Kathechismus der Katholischen Kirche. Oldenburg, München, Linz: Veritas1 1993 457 – 464 (=KKK 1700 - 1738).

[15] Vgl.: Ebd. 468 (=KKK 1755f).

[16] Ebd.

[17] Vgl.: Ebd. 474 (=KKK 1789).

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640417254
ISBN (Buch)
9783640412921
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134272
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Schlagworte
Sterbehilfe Utilitarismus Schöpfungstheologie Gottebenbildlichkeit

Autor

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