Lade Inhalt...

Die Vater-Sohn-Konstellation in Hartmanns Erec

Das Epos als zyklische Erneuerung eines Gründermythos

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung: Vater-Sohn-Beziehung im mittelhochdeutschen Epos

2. Das genealogische Prinzip im Mittelalter

3. Das Epos Erec
3.1 Die Beziehung zwischen Erec und Lac
3.2 Erec und das Problem der ‚êre’

4. Der Vater als Erecs Legitimation

5. Literaturliste

1. Einleitung: Vater-Sohn-Beziehung im mittelhochdeutschen Epos

Vater-Sohn-Beziehungen in mittelhochdeutschen Epen wurden bisher in der Forschungsliteratur kaum bearbeitet. Nur vereinzelte Studien über die literarische Darstellung der Vatersuche oder des Vater-Sohn-Kampfes wurden bisher geführt. So stehe der Vater-Sohn-Konflikt bei Helmbrecht für die Auflehnung des Sohnes gegen die genealogische Ordnung des Mittelalters. Der Kampf des Sohnes gegen den Vater sei so kein persönlicher Konflikt, sondern ein gesellschaftlicher. Im Parzival ist der Held von einer hervorstechenden Vaterlosigkeit,[1] was man auch für Iwein sagen kann.

Erec ist im gleichnamigen Epos nicht vaterlos. Auch findet kein Vater-Sohn-Kampf oder eine Vatersuche statt. Erecs Vater Lac ist am Leben (zumindest vorerst) und auch als Erecs Vater definiert. Wie ich später noch ausführen werde, ist die persönliche Vater-Sohn-Beziehung eher eine Beziehung, die vom Stolz des Vaters auf den Sohn bestimmt ist aber für das Epos an sich nicht vordergründig wichtig erscheint. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Erwähnungen des Vaters im Erec.

Ich untersuche in dieser Arbeit, warum es diese Erwähnungen gibt und in welcher Form sie aus meiner Sicht für das Epos wichtig sind. Meine Konzentration liegt dabei auf dem Genealogieprinzip des Mittelalters, das Adelsgeschlechter und Könige in ihrer Existenz legitimierte und das sich laut Czerwinski auch im mittelalterlichen Epos finden lässt.[2]

2. Das genealogische Prinzip im Mittelalter

Im Frühmittelalter konstituierte sich der Adel nicht aus kontinuierlichen Adelsgeschlechtern sondern aus lockeren Verwandtschaftsgruppen, die als Personengemeinschaften in wechselnden Gruppierungen auftraten. Das bedeutet, dass Vertreter von mütterlichen und von väterlichen Verwandtschaftslinien gleichermaßen die Möglichkeit hatten, das Erbe der Familie anzutreten und die Führung der Gruppe zu übernehmen. Mit dem 10. Jahrhundert setzte eine Umstrukturierung des Adels von diesen labilen, fluktuierenden Verwandtschaftsgruppen hin zu patrilinearen Adelsgeschlechtern, die ihren Namen stark auf einen Stammsitz bezogen, ein. Die weibliche Abstammungslinie wurde in diesen Adelsgeschlechtern ausgeblendet und eine ausschließlich agnatische Erbfolge mit der so genannten ‚Primogenitur’ installiert. Hiermit ist gemeint, dass das Erbe des Adelsgeschlechts ausschließlich auf den ältesten Sohn übergeht. Innerhalb des Adels wurden nun Genealogien[3] gepflegt, die als Beweis für den Glanz und den Ruhm des Adelsgeschlechts standen und auch heute noch stehen.[4]

Die genealogische Erbfolge wird durch die Krone repräsentiert. Sie ist das Symbol der genealogischen Reihe und spiegelt die zeitliche und räumliche Einheit des Geschlechts, da durch die Krone der Stammsitz sowie der neue König und die Ahnen in Verbindung gebracht werden. Durch die Krone lebt das Geschlecht nach dem Tod des alten Königs auf dem Haupt des neuen weiter (vgl. Czerwinski 1993, S.262). Der König hat innerhalb der genealogischen Reihe den höchsten Status. Da die Königswürde immer der älteste männliche Nachkomme erhält, besitzt auch immer der älteste Mann unter den lebenden des Adelsgeschlechts den höchsten Status. Breuer nennt das ‚Senioritätsprinzip’.[5] Dieses Prinzip verweist aber auch auf den mythischen Gründer des Geschlechts, der als frühester aller Könige des Geschlechts, den höchsten Status unter diesen besitzt und auch als der ehrbarste, also der höfischste, gesehen wird. Das mittelalterliche Epos berichtet häufig von so einem Ursprungskönig und seiner Gründertat.[6]

Laut Czerwinski waren für die Menschen im Mittelalter die mittehochdeutschen Epen nicht nur zur Erbauung da, sondern die Helden in den Epen wurden für die Menschen der Zeit zu lebenden gegenwärtigen Identitäten. Sie wären nicht nur eine Inszenierung gewesen, sondern sie hätten das Geschlecht und deren edle Abstammung repräsentiert. Denn die tradierte mythische Wahrheit über einen Urahn adelt und heiligt die Nachkommen und beweist, dass sie von vornehmsten Ahnen abstammen. Die Heiligkeit des Geschlechts wird durch den mythischen Urahn repräsentiert und durch die Medien der höfischen Kunst, wozu auch das Epos gehört, von der Vorzeit in die Gegenwart geholt. So dienen die Epen dazu die adlige Herrschaft zu repräsentieren und sie nicht zuletzt zu legitimieren (vgl. Czerwinski 1993, S.266-277).

3. Das Epos Erec

Das Epos Erec bezieht sich auf keine Vorgeschichte. Es wird am Beginn des Epos nur kurz beschrieben, dass Artus Lust bekommen habe mit der Jagd auf den Weißen Hirsch einen Brauch seines Vaters zu erneuern und auf das Pendant des Erec von Chrestien de Troyes verwiesen. Danach wird Erec[7] als Held des Epos eingeführt. Einzig der Verweis, dass er der „fil de roi Lac“ sei, bedeutet dem Leser, dass Erec zu einem Adelsgeschlecht gehören müsse.[8] Durch diesen Verweis ist davon auszugehen, dass es in der Geschichte des Geschlechts schon einmal eine Gründertat gegeben haben muss, dennoch können die Aventiuren mit der letztendlichen Krönung als eine neue Gründertat oder eine Erneuerung der Gründertat gesehen werden. Hier wird zyklisch ein Mythos von einem heiligen Urahn durch Erec erneuert bzw. weiter getragen. Die Macht dieses heiligen Gründers des Geschlechts wird gegenwärtig für die Abstammenden. So wie die Krone im mittelalterlichen Adelsgeschlecht vom Vater auf den Sohn übergeht, werden auch der Mythos und dessen Heiligkeit auf die Nachkommen des ganzen Geschlechts übertragen. Czerwinski sagt dazu: „Es ist also das Epos ‚seiner Form nach’ Teil des Rituals adliger Verschwendung, ‚seinem Inhalt nach’ Genealogie, die ‚magisch’-zyklische Erneuerung einer Gründertat […].“ (Czerwinski 1993, S.303) Genealogie im Mittelalter bedeutet vor allem aber auch Vater-Sohn-Beziehung. Auf diese werde ich im Folgenden eingehen.

3.1 Die Beziehung zwischen Erec und Lac

Bei der Betrachtung des Epos fällt auf, dass, abgesehen von Erecs ehelicher Beziehung zu Enite und damit verbunden die Beziehung zu Enites Vater Koralus sowie der kurzen Erwähnung, dass Erec Artus’ Neffe sei (vgl. Hartmann 2005, S.82), neben der Vater-Sohn-Beziehung keinerlei Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb Erecs Verwandtschaftslinie im Epos auftauchen. Erec wächst fern von zu Hause am Artushof auf (vgl. Hartmann 2005, S.128). Er ist der Erbe seines Geschlechts, neben ihm scheint es keine weiteren Geschwister zu geben. Der einzige Bezug Erecs zu seiner Heimat ist der Vater. Die Mutter wird nicht erwähnt. Diese Konzentration auf einen einzelnen Sohn im Epos ist laut Peters ein Verweis auf die streng agnatische Orientierung in den Adelsgeschlechtern des 12. Jahrhunderts (vgl. Peters 1999, S.293).

Doch auch die Beziehung zum Vater scheint sehr marginal. Lac wird während des gesamten Epos cirka vierzig Mal erwähnt, jedoch meist als Zusatz des Namens des Helden als Êrec fil de roi Lac. Nur in vier Situationen spielt der Vater überhaupt als Person eine Rolle. Die erste Situation ist, als Koralus Lac als einen früheren Freund und Kampfgefährten bezeichnet. In der zweiten bittet Erec Lac, Koralus zwei Burgen zu schenken. Die dritte Situation ist das einzige wirkliche Zusammentreffen von Erec und Lac und die vierte Situation bezeichnet Lacs Tod. Die Situationen eins, zwei und vier sind sehr kurz und völlig ohne Emotionen. An der Stelle als Koralus Lac als einen Freund bezeichnet, wird er nur aus dem Grund erwähnt, damit gezeigt werden kann, von welchem hohen Adel Erec aber auch Koralus abstammen. Aufgrund Erecs hohen Stand findet es Koralus absurd, dass Erec um seine Tochter werbe, obwohl seine Familie völlig verarmt sei (vgl. Hartmann 2005, S.30). Erecs Vater Lac steht hier für eine Genealogie, die auf ein ehrenvolles und mächtiges Adelsgeschlecht verweist, ein Umstand, auf den ich im nächsten Kapitel noch weiter eingehen werde. Die zweite Szene lässt Lac aus meiner Sicht als ausführende Gewalt, als eine Art Stadthalter für Erec erscheinen. Denn Erec bittet Lac, Koralus zwei Burgen zu schenken und nennt auch deren Namen. Der Vater folgt scheinbar ohne zu zögern dieser Bitte (vgl. ebd., S.84). Diese Szene unterstreicht meiner Meinung nach einerseits wie marginal der Vater im Epos ist. Die Hauptperson ist Erec. Es geht im Epos um seine Taten und nicht um die Taten Lacs. Andererseits zeigt das Geschenk von Lac an Koralus, wie reich, edel, freizügig und ehrbar das Geschlecht ist, dem Lac und Erec angehören. Lacs Tod, die vierte Szene, vollendet die genealogische Reihe. Der König ist tot und gibt so die Krone an den Nachfolger (vgl. ebd., S.432). Das Geschlecht lebt weiter und kann sich nun auf die Gründertat des Erec beziehen. Die genealogische Reihe ist, was die Erbfolge betrifft als auch bezüglich der Erneuerung der Gründertat, vorerst geschlossen und kann neu beginnen.

[...]


[1] Vgl. Mecklenburg, Michael: Väter und Söhne im Mittelalter. Perspektiven eines Problemfeldes. In: Das Abenteuer der Genealogie: Vater-Sohn-Beziehungen im Mittelalter, Hrsg. v. Johannes Keller, Michael Mecklenburg, Matthias Meyer: Göttingen. V&R unipress 2006, S.11-15.

[2] Vgl. Czerwinski, Peter: Gegenwärtigkeit. Simultane Räume und Zyklische Zeiten, Formen von Regeneration und Genealogie im Mittelalter. Exempel einer Geschichte der Wahrnehmung I. München: Wilhelm Fink Verlag 1993, S.303.

[3] ‚Genealogie’ leitet sich von dem griechischen Wort génos ab, was Gattung oder Geschlecht bedeutet.

[4] Vgl. Peters Ursula: Dynastengeschichte und Verwandtschaftsbilder. Die Adelsfamilie in der volkssprachigen Literatur des Mittelalters. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1999, S. 15-16.

[5] Vgl. Breuer, Stefan: Der archaische Staat. Zur Soziologie charismatischer Herrschaft. Berlin: Reimer 1990 S.35.

[6] Vgl. Müller, Jan-Dirk: Melusine in Bern. Zum Problem der „Verbürgerlichung“ höfischer Epik im 15. Jahrhundert In: Literatur-Publikum-Historischer Kontext. Hrsg. v. Gert Kaiser. Bern/Frankfurt: Lang 1977, S.80.

[7] Verschiedene Autoren vermuten, dass Erec sich an das englische Publikum richtete und für Heinrich II. stehe. (vgl. Czerwinski, 1993, S.290)

[8] Hartmann von Aue: Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. 26. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer 2005. S.7.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640418695
ISBN (Buch)
9783640418893
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134615
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Vater-Sohn-Konstellation Hartmanns Erec Epos Erneuerung Gründermythos

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Vater-Sohn-Konstellation in Hartmanns Erec