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Nachrichtenagenturen

Problematik der Objektivität, Gatekeeper-Funktion und Agenda-Setting

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund und Problematik der Objektivität

3. Nachrichtenfindungsprozess und Gatekeeper-Rolle

4. Agenda Setting

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die weltweite Finanzkrise und ihre „Aufarbeitung“ durch die Medien beschäftigt uns momentan mehr denn je: Jede Gewinnwarnung und noch so kleiner Verlust wird als ein neues Anzeichen der ständig fortschreitenden Finanzmarktkrise gesehen und es wird versucht jedes Ereignis in Zusammenhang mit derselbigen zu bringen. Doch woher kommen diese Informationen, woher die ständigen „Insider-Tipps“? Wer beschafft und sichtet die ganzen Bilanzen, behält alle Pressekonferenz im Überblick und sammelt Pressemeldungen und untersucht sie auf ihren Nachrichtengehalt? Die Nachrichtenagenturen sind die „geheimen Helfer“, die hinter allen Zeitungs-, Radio-, Online- oder Fernsehredaktionen stehen. Sie sind die eigentlichen Informationssammler und –beschaffer. Welche Wirkung und welche Reichweite haben aber die Nachrichtenagenturen? Wie ist ihr Einfluss durch die Medien auf die Bevölkerung? Ausgehend hiervon soll der weitere Schwerpunkt der Arbeit vor allem auf der Problematik der Objektivität, beispielsweise durch finanzielle Abhängigkeit oder Einfluss von Regierungen, liegen. Außerdem soll der Einfluss der Nachrichtenagenturen als Gatekeeper und Agenda-Setter beleuchtet werden.

2. Geschichtlicher Hintergrund und Problematik der Objektivität

Die ersten Nachrichtenagenturen gründeten sich ab den späten dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts herausgehend aus den Entwicklungen zwischen der französischen Revolution 1789 und der deutschen Märzrevolution in den Jahren 1848/49, als die Zensur teilweise abgeschafft wurde und Teile der Pressefreiheit, wie wir sie heute kennen, gewährt wurden.

So startete Charles-Louis Havas im Jahr 1835 seine Agentur „Agence Havas“ in Paris als erste Nachrichtenagentur im neueren Sinne. Schon 1849 gründete Dr. Bernhard Wolff in Berlin „Wolffs Telegraphisches Bureau“ und nur zwei Jahre später Paul Julius Reuter die „Reuters Telegraphic Company Incorporated“ in London. Diese drei Agenturen lassen sich aus heutiger Sicht als die drei Gründeragenturen schlechthin sehen. Ausgehend von ihnen kann man die Grundprinzipien der meisten Nachrichtenagenturen dieser Zeit vereinfacht wie folgt darstellen:

Die Gründer verfolgten alle nur ein Ziel: Profit und Gewinnmaximierung. Dadurch, dass Informationen an möglichst viele Kunden verkauft werden sollten, würden die Kosten für die Beschaffung somit auf viele Käufer umgelegt werden und so der Gewinn maximiert werden. Ein publizistisches Interesse stand also, wie vielleicht vermutet, nicht im Vordergrund.[1]

Aber natürlich profitierten auch die Kunden von dem Entstehen der Nachrichtenagenturen: Banken und Unternehmen konnten durch die schneller gelieferten Informationen und Börsenkurse zeitnaher auf Angebot und Nachfrage reagieren. Dem entgegen war der Vorteil für die Zeitungen, dass man sich ein teures Korrespondentennetzwerke sparen konnte, da man jetzt Informationen wie auf dem „Großmarkt“ zu pauschalen Preisen beziehen konnten und nicht mehr von eigenen Informanten abhängig war.

Dies konnten sie auch ohne Vorbehalte tun, da sich die Nachrichtenagenturen als „[…] unsichtbaren, passiven Transmissionsriemen zwischen den Quellen der Information und den zahlenden Kunden […]“[2] verstanden und ihnen somit ihre Objektivität sehr wichtig war. In ihrer Vorstellung sollten die Informationen, die ihre Korrespondenten überall auf der Welt sammelten, so zu den Kunden gebracht werden, als wären diese selber Augenzeugen gewesen.[3] Zurückführend darauf sollte das Streben nach Objektivität zu einem der Grundprinzipien der Nachrichtenagenturen – damals wie heute – werden.

Diesem Streben wurde aber schon relativ früh weitestgehend unbewusst entgegengewirkt: Da die Kosten für das Errichten der Telegraphenleitungen zur schnellen Übertragung von Informationen und der Aufbau eines großen und verlässlichen Korrespondentennetzes anfangs die Einnahmen bei weitem überstiegen, begaben sich alle Nachrichtenagenturen mehr oder weniger freiwillig in die „Obhut“ der jeweiligen Regierungen ihrer Länder, um die Unternehmen vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Damit gaben sie zwar alle praktisch ihre Unabhängigkeit und ihre Objektivität auf, gewannen aber beispielsweise durch die gestattete günstige Benutzung der staatlichen Telegraphennetze und durch die stetigen und gesicherten Einnahmen große Möglichkeiten zur Expansion.

Immerhin beschränkte sich im Gegenzug für die Bereitstellung von Technik und monetären Mitteln der Einfluss der Regierungen meist nur auf die Inlandsmeldungen: Diese sollten im jeweiligen Interesse des Landes sein und wurden somit bei zu kritischer Berichterstattung umgehend geändert. Auslandsmeldungen, solange sie nicht den Interessen der Regierung widersprachen, waren davon nicht betroffen, da sie auch für diese zu eine der wenigen gesicherten Quellen zählte. Kurz zusammengefasst „[…] bot sich ein Instrument, mit dem sich der öffentliche Nachrichtenumschlag kontrollieren, das sich aber zugleich zur Verbreitung eigener Nachrichten einsetzen ließ.“[4] Das erklärt auch, warum bewusst auf eine direkte Zensur der Zeitungen mehr und mehr verzichtet werden konnte, wenn man doch die Informationen vorab filtern konnte, bevor sie überhaupt die Redaktionen erreichen würden.

Um die Konkurrenz zwischen den Agenturen so gering wie möglich zu halten, bildeten die drei Gründerväter, die sich aus ihrer gemeinsamen Arbeit in Paris persönlich kannten, 1870 ein weltweites Nachrichtenkartell: Sie teilten die Welt in drei große Interessenssphären auf, jede für eine Agentur. Die Gebiete erstreckten sich größtenteils über die Kolonien und Einflussgebiete der jeweiligen Länder, in denen die Agenturen ansässig waren (Siehe Abbildung 1). Man war sich somit einig, nicht in den Gebieten seiner Mitkonkurrenten Korrespondenten zu entsenden, tauschte dafür aber die eigenen Informationen gegen die der Konkurrenz. Nordamerika überließ man der damals immer größer werdenden amerikanischen Agentur „Associated Press“. Da man Informationen aus den Vereinigten Staaten zur damaligen Zeit für unwichtig hielt – Ereignisse des Weltgeschehens passierten damals noch in Europa – sah man darin keine Gefahr des Wettbewerbs, zumal die „Associated Press“ auch noch Ausgleichszahlungen für den Erhalt von Informationen der anderen Agenturen zahlen musste. So beschränkte sich des Gebiet der Agence Havas auf Frankreich mit Südeuropa und die französischen Kolonien in Nordafrika, das Gebiet Reuters auf die englischen Kolonien in Übersee und as Gebiet er W.T.B. auf das Deutsche Reich mit Österreich/Ungarn und dem Russischen Reich.[5]

Die weitere geschichtliche Entwicklung der Nachrichtenagenturen bis zum ersten Weltkrieg war durch die Kontrolle der Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Englands geprägt. Aber auch die Situation in Deutschland nach der Niederlage und dem Frieden von Versailles änderte nichts an der Abhängigkeit von „Wolffs Telegraphischen Bureaus“, das nun nicht mehr der kaiserlichen Regierung „unterstellt“ war, sondern anfangs durch die Arbeiter- und Soldatenräte im Zuge der Novemberrevolution 1918/19 und später in der Weimarer Republik durch den Reichskanzler bzw. das Reichsaußenministerium kontrolliert wurde.[6]

Im Zuge der Gleichschaltung des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland wurden die beiden größten Nachrichtenagenturen, „Wolffs Telegraphisches Bureau“ und die 1913 gegründeten Telegraphen-Union 1934 zum „Deutschen Nachrichtenbüro“ zusammengefügt. Sie waren damit zum Propaganda-Organ der Regierung geworden und komplett in den Staat integriert.

Reuters sollte als einzige Nachrichtenagentur den zweiten Weltkrieg „überstehen“, nachdem die „Agence Havas“ nach dem Einmarsch Nazideutschlands in Frankreich geschlossen wurde und sich erst gegen Ende des Kriegs anfangs im Exil in London als „Agence France-Presse“ wieder gründete. Auch in Deutschland entstanden nach dem Krieg anfangs in jeder besetzen Zonen eine eigene Nachrichtenagentur. Ziemlich bald schlossen sich die drei westlichen Agenturen zur „Deutschen Presse Agentur“ (dpa) zusammen. Durch ihren Gesellschaftsvertrag, in dem sie „[…]unabhängig von Einwirkungen und Einflüssen durch Parteien, Weltanschauungsgruppen, Wirtschafts- oder Finanzgruppen und Regierungen [Nachrichten verbreiten soll]“[7], war sie die einzige Agentur Europas, die nach dem zweiten Weltkrieg, sowohl rechtlich wie faktisch komplett unabhängig von anderen Einflüssen war. Reuters wurde de facto erst 1986 von der Regierung komplett unabhängig, nachdem das Unternehmen an die Börse ging und das Außenministerium seine großzügigen Zahlungen einstellt und auf die Kosten für den Basisdienst beschränkte. Wohingegen die „Agence France-Presse“ (AFP) selbst bis heute nicht ganz vom Einfluss der französischen Regierung unabhängig ist. Dies zeigte sich zuletzt bei der Wahl zum Generaldirektor der AFP als Lionel Fleury 1996 aufgrund zu kritischer Berichterstattung durch fünf Regierungsmitglieder nicht wieder gewählt wurde.[8]

[...]


[1] Vgl. Zschunke, Peter, Agenturjournalismus - Nachrichtenschreiben im Sekundentakt, 2. überarb. Aufl., Konstanz, 2000, S.15-18.

[2] Fenby, Jonathan, The international news services, New York, 1986, S.25.

[3] Vgl. Zschunke S.18-21.

[4] Wilke, Jürgen (Hg.), Nachrichtenproduktion im Mediensystem - von den Sport- und Bilderdiensten bis zum Internet, Köln, 1998, S.173f.

[5] Vgl. Zschunke, S.17-22.

[6] Vgl. Zschunke, S.25f.

[7] Deutsche Presse Agentur (Hg.), Alles über die Nachricht. Das dpa-Handbuch, ergänzt Januar 2005, Starnberg, 1998, S.9.

[8] Vgl. Zschunke, S.24

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640426904
ISBN (Buch)
9783640424924
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134665
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Nachrichtenagenturen Gatekeeper Agenda-Setting Agenda-Building Reuters dpa AFP

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