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Merkmale der deutschen Kurzgeschichte nach 1945

Hausarbeit 2002 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte
2.1 Wortgeschichte und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte
2.2 Die Entwicklung der Kurzgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert
2.3 Die deutsche Kurzgeschichte seit 1945

3 Merkmale der Kurzgeschichte nach 1945
3.1 Die stoffbedingte Kürze der Kurzgeschichte
3.2 Der Stoff und Stil der Kurzgeschichte
3.3 Die Figuren und der Raum in der Kurzgeschichte
3.4 Die Rolle des Erzählers in der Kurzgeschichte
3.5 Die Darstellung der Zeit in der Kurzgeschichte
3.6 Anfang und Schluss der Kurzgeschichte

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bezieht sich auf das Wesen und die Struktur der Kurzgeschichte in der Zeit nach 1945. Die stoffliche Eingrenzung auf die Kurzgeschichte der Nachkriegszeit dient zunächst literaturtheoretischen Erfordernissen. Bei aller Verwandtschaft mit der short story hat die deutsche Kurzgeschichte eben doch ihre spezifischen Wesensmerkmale. Das gilt besonders für die Kurzgeschichte der Nachkriegszeit: Im Gehalt bemüht sie sich darum, Belastungen der Vergangenheit zu verarbeiten, um das Leben in Zukunft besser bewältigen zu können.

Es scheint zunächst sinnvoll mit einem kurzen historischen Überblick über die Kurzgeschichte zu beginnen (Kapitel 2). Zuerst wird die Wortgeschichte und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte dargestellt (Kapitel 2.1). Anschließend wird auf die historische Entwicklung der Kurzgeschichte seit dem 19. Jahrhundert eingegangen, da die Kurzgeschichte hier zunehmend an Bedeutung gewonnen hat (Kapitel 2.2) und dies die Entwicklung der Kurzgeschichte nach 1945 beeinflusst hat. Besonders wichtig ist mir nun eine ausführlichere Betrachtung der Entwicklung der Kurzgeschichte nach 1945 vorzunehmen (Kapitel 2.3). Dieser Zeitraum ist, wie schon erwähnt, als die Blütezeit der deutschen Kurzgeschichte anzusehen und hat sie besonders geprägt. Im Anschluss an die historische Entwicklung der Kurzgeschichte erscheint es sinnvoll auf die charakteristischen Merkmale der Kurzgeschichte nach 1945 einzugehen. Dabei soll die Kürze (Kapitel 3.1), der Stoff und Stil (Kapitel 3.2), die Figuren und der Raum (Kapitel 3.3), die Rolle des Erzählers (Kapitel 3.4), die Darstellung der Zeit (Kapitel 3.5) und der Anfang und der Schluss (Kapitel 3.6) in der Kurzgeschichte betrachtet werden. Dies soll in kurzer und zusammenfassender Form erfolgen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass diese Merkmale zwar typisch sind für einen Großteil deutscher Kurzgeschichten nach 1945, sie jedoch nur in Teilen in den einzelnen Kurzgeschichten dieser Zeit auftreten. Es gibt wohl kaum eine Kurzgeschichte dieser Zeit, die all die angeführten Merkmale auf einmal beinhaltet. Zumal es bei den genannten Merkmalen auch unzählig verschiedene Variationen gibt.

In der Zusammenfassung (Kapitel 4) wird ein komprimierter Überblick über die gesamte Arbeit gegeben, wobei das Künstlerische in der Kurzgeschichte besonders hervorgehoben werden soll.

2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte

2.1 Wortgeschichte und Begriffsentwicklung der Kurzgeschichte

Kurzgeschichte ist die Lehnübersetzung der anglo-amerikanischen Bezeichnung „short story“. Sie lässt sich seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts neben der schon 1886 geprägten Übertragung „kurze Geschichte“ nachweisen; als Synonyme werden um die Jahrhundertwende „Skizze“ und „Novelette“ verwendet, während auch der englische Terminus noch gebraucht wird. Daraus ist ersichtlich, dass der deutsche Begriff im Gegensatz zu „Short-Story“ nicht Novelle und längere Erzählung mit einschließt, vielmehr bewusst von diesen abgehoben wird, indem zwar auch bestehende Ähnlichkeiten, doch hauptsächlich der Unterschied zur Novelle durch die Wortwahl ausgedrückt werden.

Im 20. Jahrhundert setzt sich die Bezeichnung Kurzgeschichte, nach dem sie nach den beiden Weltkriegen einen Aufschwung erfuhren hatte, durch. Sie wurde jedoch erst 1953, durch umfangreiche Untersuchungen von Klaus Doderer, eindeutig verstanden als Begriff für eine eigenständige, qualitativ hochstehende Gattung der Kurzprosa, die der „short story“ entspricht. Ihr Gattungsprinzip ist die qualitativ angewandte Reduktion und Komprimierung, die alle Gestaltungselemente einbezieht und sich dementsprechend auf die Suggestivkraft der Kurzgeschichte auswirkt.[1]

2.2 Die Entwicklung der Kurzgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert

Der immer wieder betonte internationale Charakter der Kurzgeschichte sowie die Tatsache, dass diese Gattung in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend Beachtung findet, lässt sich auf das Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen zurückführen. In dem Maße, wie sich im Laufe des Jahrhunderts neue Erzählweisen herausbilden, denen die traditionellen Prosagattungen nur begrenzt Raum bieten können – dem offenen Anfang und Schluss etwa -, wird die Kurzgeschichte zum „Sammelplatz“ dieser „modernen Erzählkriterien“, und zwar unter dem strukturbildenden Prinzip der Kürze.[2] Wesentlich für das qualitative Verständnis dieses Prinzips wird Edgar Allan Poes Kompositionstheorie, daneben aber auch die Bekanntschaft mit übersetzten amerikanischen Kurzgeschichten, vor denen von Poe und Bret Harte angesehen.[3] Hinzu kommt um 1900 ein umfassendes Übersetzungsangebot von Kurzgeschichten aus den Literaturen Frankreichs, Russlands, Skandinaviens und Englands, in dessen Rahmen die Beispiele von Guy de Maupassant und Anton Tschechow eine nachhaltige Vorbildfunktion erlangen. Außerdem fördern Zeitschriften und Zeitungen die Kurzgeschichte; Magazine wie „Simplicissimus“ und „Jugend“ setzen sich schon in den neunziger Jahren durch Preisausschreiben für die neue Gattung der deutschen Literatur ein.

Experimentierfreudigkeit unter den Autoren im Umbruch der Moderne trägt ebenso zur Aufnahmebereitschaft gegenüber der Kurzgeschichte bei, wie die Faszination, die von Poes handwerklicher Darlegung des künstlerischen Arbeitsvorgangs am Beispiel der short story ausging. Poes Schwerpunkte von Kürze, Spannung und pointiertem Schluss im Sinne eines wirkungsvollen einheitlichen Eindrucks führen allerdings dazu, dass sich über den Feuilletonteil der Zeitungen eine auf leichte Unterhaltung ausgerichtete, gradlinig auf einen überraschenden Schlusseffekt zulaufende Variante ausbreitet. Gegen ihre thematische Verflachung und den formalen Schablonencharakter wird in der Folgezeit, besonders in den zwanziger und dreißiger Jahren, vielfach polemisiert, wobei dieser Typus oft mit der Kurzgeschichte überhaupt gleichgesetzt wird und die Polemik sich ebenfalls gegen den handwerklichen Aspekt des Erzählers richtet.[4]

Demgegenüber kommt es bei dem Bestreben, den ausländischen, zumal den amerikanischen Vorbildern eine ausschließlich deutsche Tradition für die Kurzgeschichte entgegenzusetzen, zu Vermischungen mit Anekdote und Kalendergeschichte, indem auf Heinrich von Kleist und Johann Peter Hebel zurückgegriffen wird.[5] Als nachteilig erweist sich zudem die ideologische Einwirkung nationalsozialistischer Literaturpolitik, denn im Feuilleton hat die Kurzgeschichte der ideologischen Erziehung der Leser zu dienen, was die künstlerische Entwicklung der Gattung in Deutschland erheblich behindert.[6] Dennoch sind weiterhin amerikanische short stories von William Faulkner, Ernest Hemingway, Thornton Wilder, John Steinbeck, James Thurber, Sherwood Anderson, O. Henry, William Saroyan, Jack London – z.T. in Anthologien – bis etwa 1942 verfügbar; die meisten werden dann wieder ab 1945 durch das kulturpolitische Umerziehungsprogramm der amerikanischen Besatzung angeboten.[7] Auch die Kurzgeschichten Maupassants, Tschechows, Katherine Mansfields gehören zu den Vorbildern der Nachkriegszeit; vereinzelt wird auf deutsche Kurzprosa des frühen 19. Jahrhunderts hingewiesen. Doch viele der deutschen Nachkriegsautoren, die beginnen unter dem Eindruck der short story zu schreiben, fassen diese Gattung als die ihnen zeitgemäße auf und leiten die eigentliche Blütezeit der deutschen Kurzgeschichte ein. Günstig dafür sind zahlreiche deutsche Zeitschriften, einerseits die „Story“ mit internationalen Kurzprosabeiträgen und knappen theoretischen Aussagen zur short story, andererseits die neugegründeten, die den literarischen Arbeiten der jungen Generation ein Forum bieten.[8]

2.3 Die deutsche Kurzgeschichte seit 1945

Die hervorragende Stellung der Kurzgeschichte unter der ersten deutschen und in Deutschland gedruckten Nachkriegsliteratur, ist unbestritten. Kurzgeschichten erschienen zwar zunächst nicht als geschlossene Buchveröffentlichung, sondern verstreut in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Erst ab 1950 wurden sie von den Autoren in Sammelbänden herausgegeben.[9] Seit etwa 1960 ist erneut ein starkes Interesse an der deutschen Nachkriegskurzgeschichte zu beobachten. Nun dient sie gleichsam als Rückschau auf eine schon fast vergessene Epoche, denn „es wäre vielleicht gut“, bemerkt Wolfdietrich Schnurre, „wenn gerade unsere heutige Literatur sich hin und wieder einmal auf ihre Ausgangsposition zwischen den Jahren 1945 und 47 besönne.“[10]

Viele der in der unmittelbaren Nachkriegszeit veröffentlichten Kurzgeschichten stammen von Autoren, die schon vor oder während des Zweiten Weltkrieges Kurzprosa veröffentlicht hatten. Zu nennen sind Georg Britting, Heiz Risse, Hermann Kesten, Martin Kessel, Kurt Krusenberg, Arno Schmidt u.v.a. Daneben aber stand eine junge Gruppe von Autoren – besonders vertreten durch Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre, Ernst Schnabel, Günther Eich, Alfred Andersch, deren Dichtung Kriegs-, Heimkehr- und Trümmerliteratur war. Diese Gruppe hatte weder vor 1945 Kurzgeschichten veröffentlicht, noch zeigte sie sich bewusst von der Tradition der deutschen Kurzgeschichte beeinflusst. Jedoch kann man bei einigen Nachkriegsautoren den Einfluss der amerikanischen short story feststellen, insbesondere durch die Anlehnung an die amerikanischen Autoren Hemingway und Faulkner. Hemingway gab zwar den Anstoß zur Entwicklung der modernen deutschen Kurzgeschichte, aber dennoch entwickelte die Autorengruppe der Nachkriegszeit einen eigenen andersartigen Stil. Denn im Gegensatz zu Hemingway ist das Stoffgebiet und die Form der modernen deutschen Autoren eingeschränkter, sie beziehen sich stärker auf das Allgemeingültige und Menschliche und fokussieren sich nicht so stark auf den Helden.[11]

Diese neue Autorengruppe betonte und betont aber bis heute immer wieder, dass ihre Literatur „ihr Entstehen keinem organischen Wachstum, keiner fortwirkenden Überlieferung, sondern einer Katastrophe verdankt, dem Krieg.“[12] Für diese Generation junger Autoren galt, was ihr Selbstverständnis anbetrifft, tatsächlich die Formel vom totalen Neuanfang.[13] Das Übermaß an erlebter Geschichte fiel gleichsam von ihnen ab und befähigte sie zu einem schmerzvollen und dennoch als beglückend empfundenen Neuanfang. So meint Wolfgang Borchert: „Wir sind eine Generation ohne Abschied, aber wir wissen, dass alle Ankunft uns gehört“.[14] Wobei diese Sichtweise aus heutiger Betrachtung eher kritisch angesehen werden muss, da sich die Kurzgeschichte kontinuierlich entwickelt hat und es vor dieser neuen Generation von Schriftstellern auch schon Kurzgeschichtenautoren (vgl. S. 7) gab. Dennoch ist es unbestreitbar, dass es ihre eigene leidende Gegenwart und Vergangenheit war, der sich die jungen Autoren widmeten und mit der sie sich identifizierten. Literatur und Leben gingen eine selten gekannte innige Verbindung ein.[15] Der Kurzgeschichtenkanon der Nachkriegsautoren umreißt in seiner Gesamtheit ein rundes Bild vom Deutschland jener Jahre.

Hierbei gibt es die unterschiedlichen Themen: Einberufung von Kindern (Schnurre, Der Ausmarsch), Verwundung und Lazarettaufenthalt (Böll, Wanderer wann kommst du nach Spa...), Flucht aus dem Gefangenenlager (Schnurre, Die Rückkehr). Geschichten von den Nachwirkungen des Krieges, wie Tod der Angehörigen (Borchert, Die Küchenuhr, Nachts schlafen die Ratten doch), Flüchtlingselend (Schnurre, Auf der Flucht), Razzia (Böll, Kumpel mit dem langen Haar), Hungersnot (Borchert, Das Brot) – die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.[16]

[...]


[1] vgl. Marx, Leonie: „Die deutsche Kurzgeschichte“. Stuttgart: Metzler 1997, S. 1-2.

[2] vgl. Höllerer, Walter: „Die kurze Form der Prosa.“ In: Nayhauss, Hans –Christoph:

„Theorie der Kurzgeschichte. Arbeitstexte für den Unterricht“. Stuttgart: Reclam Ver

lag 1997, S. 74.

[3] vgl. Kuipers, J.: „Zeitlose Zeit. Die Geschichte der deutschen Kurzgeschichtsfor-

schung“. Groningen: Wolters Nordhoff Publishing 1970, S. 9ff.

[4] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 97-108 u. 138.

[5] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 16.

[6] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 112.

[7] vgl. Lorbe, Ruth: „Die deutsche Kurzgeschichte der Jahrhundertmitte“. In: Der

Deutschunterricht, Jg. 9, 1957, H. 1, S. 39.

[8] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 124-127.

[9] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 135 u. 140.

[10] Schurre, Wolfdietrich: „Man sollte dagegen sein. Geschichten“. Frankfurt und Ham-

burg: Fischer Bücherei 1964, S. 10.

[11] vgl. Kilchenmann, R. J.: „Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklung“. Stuttgart,

Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer Verlag 1967, S. 141 u.147.

[12] Schurre, W.: „Man sollte dagegen sein. Geschichten“. 1964, S. 9.

[13] vgl. Kilchenmann, R. J.: „Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklung“.1967, S.

140f u. 159ff.

[14] Borchert, Wolfgang: „Generation ohne Abschied“. In: „Das Gesamtwerk“. Hamburg:

Rowohlt Verlag 1949, S. 73.

[15] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 121f.

[16] vgl. Marx, L.: „Die deutsche Kurzgeschichte“.1997, S. 142-148.

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640426966
ISBN (Buch)
9783640425228
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134678
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1
Schlagworte
Merkmale Kurzgeschichte

Autor

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Titel: Merkmale der deutschen Kurzgeschichte nach 1945