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"Aktion T4". Die erste Phase der Euthanasie im Nationalsozialismus

Hausarbeit 2006 13 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung:

2. Die „Aktion T4“
2.1. Die Planung der sog. „Aktion T4“:
2.2. Durchführung der „Aktion T4“
2.3. Die sog. „Aktion 14f13“ als innere Klammer zwischen der ersten und zweiten Phase der Euthanasie
2.4. Widerstand gegen die „Aktion T4“

3. Resümee:

Literaturübersicht:

1. Einleitung:

Die Euthanasie im Dritten Reich ist weder der Anfang noch der Endpunkt der Planung und Umsetzung eugenischer und rassenideologischer Gedankenspiele. Diese Entwicklung wird von mehreren Säulen getragen. Ein wichtiges Element ist die Ausweitung und Interpretation der Darwinschen Deszendenztheorie auf den Menschen, deren geistiges Produkt der Sozialdarwinismus ist. Weitere wichtige Elemente dieses Prozesses, der sich immer mehr verschärfte, sind die Eugenik, die Sozialmedizin und die Humananthropologie.

Gegenstand dieser Arbeit soll die Darstellung der so genannten ersten Phase der Euthanasie im Nationalsozialismus sein. Dabei sollen Planung, Ablauf, Täter, Opfer und Widerstand gegen die Euthanasie thematisiert werden. Im Resümeeteil soll der Versuch einer Einordnung der „Aktion T4“ erfolgen.

Ich möchte an dieser Stelle darauf verweisen, dass auch diese knappe Arbeit nicht ohne die Sprache der Täter auskommen wird, dessen sollte sich der Leser bewusst sein.

Die erste Phase der Euthanasie wird gemeinhin als „Aktion T4“ bezeichnet. Diese Bezeichnung geht auf die Lage der Euthanasiezentrale in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin zurück. Eine Differenzierung zwischen der Ersten und Zweiten Phase der Euthanasie im Nationalsozialismus erfolgt, da die Art der Tötung der Opfer jeweils verschieden ist. In der ersten Phase (Anfang 1940 bis August 1941) wird der Mord zentral gesteuert, hier werden die Opfer mit Kohlenstoffmonoxid vergast. In der zweiten Phase der Euthanasie (ab 1942 bis zum Kriegsende), der sog. dezentralen Ermordung, werden die Opfer mit Überdosierung von Medikamenten getötet, sterben an nicht behandelten Krankheiten oder verhungern. Zwischen der ersten und der zweiten Phase der Euthanasie fällt die sog. Sonderaktion 14f13, in der alte, kranke und schwache KZ- Häftlinge in den Tötungsstätten der Aktion T4 ermordet wurden.

2. Die „Aktion T4“

2.1. Die Planung der sog. „Aktion T4“:

Die Planung der Euthanasie erfolgte von langer Hand und bis ins letzte Detail. Schon weit vor der inoffiziellen Euthanasievollmacht an Bouhler und Brandt durch Hitler am 1.9.1939[1] befasste man sich eingehend mit dem Thema. So erstellte Hitlers Leibarzt Theo Morell im Frühjahr 1939 eine Denkschrift mit dem Titel »Vernichtung lebensunwerten Lebens«[2], die wenig eigene Analyse beinhaltet und auf einige ältere Studien, wie die des sächsischen Obermedizinalrates Ewald Melzer aus dem Jahre 1920 zurückgreift.

Philipp Bouhler[3] und Karl Brandt[4], die zuvor bereits mit der Planung und Durchführung der Kindereuthanasie betraut wurden, erhielten den Auftrag zur Planung und Durchführung der Erwachseneuthanasie erst nachträglich. Darin heißt es: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Zustandes der Gnadentod gewährleistet werden kann. Gez.: Adolf Hitler“[5] Ursprünglich hatte Hitler diese Aufgabe an Reichsgesundheitsführer Conti übertragen. Doch eine Intervention seitens Bouhlers, der von Himmler und Frick unterstützt wurde, veranlasste Hitler zum Personentausch. Bereits hier zeigt sich, dass die Euthanasie das Interesse zahlreicher hochgestellter Nationalsozialisten auf sich zieht, was vor allem auf den zu wartenden Profit zurückzuführen sein wird.

Bouhler und Brandt unterstanden direkt der Kanzlei des Führers, von welcher das Hauptamt II mit der Planung und Durchführung der Euthanasie befasst war. Die drei Unterabteilungen dieses Hauptamtes gliederten sich wie folgt: Hauptamt IIa war mit der Auswahl des nicht-ärztlichen Personals beschäftigt (etwa Verwaltungspersonen, Fahrer, Chemiker…) insgesamt etwa 100 Personen, Hauptamt IIb war neben der Planung der Kindereuthanasie auch für die Auswahl der Ärzte der Aktion T4 verantwortlich und Hauptamt IIc unterstand das Transportwesen. Nach außen hin traten selbstredend andere Firmen und Einrichtungen in Erscheinung. Diese waren wie bereits erwähnt in einer zuvor arisierten Villa in der Tiergartenstrasse 4 untergebracht. Zu nennen sind hier vier Organisationen: Die »Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten« (RAG), die »Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege«, die »Gemeinnützige Krankentransport GmbH« (Gekrat) und die »Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten« (ZVSt.).

Die RAG firmierte als Scheininstitution nach außen hin als vertrauenserweckender Briefkopf. Die Stiftung besorgte nach außen hin die Pacht und Kaufverträge und fungierte nach innen hin als Arbeitgeber für die 3-400 Angestellten. Die Gekrat besorgte den Transport der Opfer von den Pflegeanstalten in die Tötungsstätten. Hier waren fast ausschließlich SS-Männer beschäftigt. Die ZVSt. Besorgte die Abwicklung sämtlicher Kosten- und Finanzfragen.[6]

Die Aktion T4 war als geheime Reichssache ausgelegt. Somit war man darauf aus, den Personenkreis mit Kenntnis zu den Vorgängen möglichst klein zu halten. Folgende Gründe mögen für eine Geheimhaltung ausschlaggebend gewesen sein: man wollte eine Einflussnahme von außenstehenden Behörden verhindern, es sollte verhindert werden, dass innerhalb der Bevölkerung und an der Front Unruhe aufkommt, dem Feind sollte kein Propagandamaterial geliefert werden und man war sehr bemüht, den von kirchlicher Seite zu erwartenden Widerstand gar nicht erst aufkommen zu lassen.[7]

Mit Bouhler und Brandt waren die Euthanasiemanager[8] nun beauftragt. Sie suchten nun ihrerseits einen verlässlichen Mann für die aktive Leitung der Aktion. Hier kam man sehr schnell auf den Psychiater Prof. Dr. Werner Heyde, der bis dahin an der Universität Würzburg tätig war. Dieser Mann kam über seine guten Kontakte zum Reichsführer SS Himmler zur T4. Nachdem nun mit Heyde ein „Chefarzt“ für die Euthanasie gefunden war, machte man sich an die Auswahl der Ärzte. Zu einer ersten Beratung zum Thema Euthanasie nahmen neben Bouhler, Brandt und Heyne zahlreiche hochrangige Universitätsprofessoren auf dem Gebiet der Psychiatrie teil, u. a. Prof. Max de Crinis von der Universität Berlin, Prof. Dr. C. Schneider von der Universität Heidelberg und Prof. Dr. B. Kihn von der Universität Jena.[9] Von den Anwesenden versagte sich keiner dem vorgestellten Euthanasieprojekt. Allein in einem Falle weigerte sich ein Psychiater strikt an der Euthanasie mitzuwirken. Doch darauf soll an anderer Stelle noch eingegangen werden.

In den nächsten Wochen bemühten sich Bouhler, Brandt und Heyde nun um weitere Ärzte. Hier griff man bevorzugt auf junge Ärzte, die an der Front tätig waren zurück. Bei diesen glaubte man keine Gewissenskonflikte befürchten zu müssen. In dieser Anwerbungsphase war die Mitarbeit jedoch absolut freiwillig. Dennoch hat kaum ein junger Arzt das Angebot zur Mitarbeit ausgeschlagen. Ein späterer Gutachter der Aktion T4 äußerte sich wie folgt über ein solches Treffen, bei dem junge Mediziner angeworben werden sollten: „Es herrschte insbesondere bei den jüngeren Kollegen eine wie von einem Missionsgedanken getragene Begeisterung.“[10] Bis zum Ende der Aktion T4 im August 1941 waren mindestens 50 Ärzte an den Tötungen beteiligt.

[...]


[1] Die Beauftragung erfolgte wohl erst im Oktober 1939, wurde aber auf das Datum des Kriegsbeginns zurück datiert.

[2] Dazu: Aly, Götz: Die Aktion T4, Berlin 1987, S.47.

[3] Philipp Bouhler war NSDAP-Reichsleiter und Leiter der Parteikanzlei des Führers.

[4] Karl Brandt beriet Hitler als Mediziner in allen gesundheitspolitischen Fragen.

[5] Formloses Geheimschreiben Hitlers aus den Unterlagen von Reichsjustizminister Gürtner, Abgedruckt bei Aly, Götz: Die Aktion T4, Berlin 1987 S. 14.

[6] Dieser Abschnitt bezieht sich auf: Aly, Götz: die Aktion T4, Berlin 1987, S. 12-13.

[7] Zu den Geheimhaltungsgründen der T4: Schmuhl, Hans-Walter, Rassenhygiene, Nationalsozialismus und Euthanasie, Göttingen 1987, S. 191.

[8] Der Begriff „Euthanasiemanager“ geht auf Henry Friedlander zurück.

[9] Neben den hier genannten Ärzten waren noch mindestens fünf weitere Mediziner anwesend.

[10] Zitat: Kaul, F. K., Die Psychiatrie im Strudel der Euthanasie, Berlin 1973, S.48.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640426997
ISBN (Buch)
9783640425280
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134692
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich Meinecke Institut
Note
1,0
Schlagworte
Aktion Phase Euthanasie Nationalsozialismus

Autor

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