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"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" oder "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann"

Seminararbeit 2001 22 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Zeitgenössische Bezüge

III. Strukturelle Gewalt

IV. Frauen-Ehre
1. Exkurs: Idealisierung vs. Exemplifizierung

V. Auswirkungen der strukturellen Gewalt

VI. Reaktionen der Betroffenen

VII. Zusammenfassung

VIII. Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Die Publikation der zu untersuchenden Erzählung hat in der literaturkritischen Öffentlichkeit zahlreiche spekulative Interpretationen hervorgerufen. Der Autor Heinrich Böll sah sich daher veranlasst, u. a. „[z]ehn Jahre später [in] ein[em] Nachwort“[1] Stellung zu beziehen. So dementiert er beispielsweise „das Gerücht, diese Erzählung wäre ein Terroristen- Roman[2] mit dem Hinweis: „Es gibt in dieser Erzählung nicht einen einzigen Terroristen, auch keine Terroristin; was es allerdings gibt, das sind des Terrorismus Verdächtige.“[3] Vermutlich um ähnlichen „Irrtümern“ vorzubeugen, leistet Böll „Interpretationshilfe“: „Titel, Untertitel, Motto, diese drei scheinbaren Kleinigkeiten, sind wichtige Bestandteile der Erzählung. Sie gehören dazu. [...] Wer sich mit dieser Erzählung beschäftigt, sollte sich zunächst mit diesen drei vorgesetzten Elementen beschäftigen, sie sind schon fast eine Interpretation.“[4]

Entsprechend diesem „programmatischen Anspruch“[5] Bölls soll in der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen werden, die Erzählung in Bezug auf die wesentlichen Aspekte dieser „vorgesetzten Elemente“[6] zu analysieren. So wird in Kapitel II der unmittelbare Entstehungshintergrund der „Katharina Blum“ umrissen und anhand dieses konkreten Falles der zeitgenössische Zusammenhang zwischen „Gewalt“, „Ehre“ und „gewisse[n] journalistische[n] Praktiken“[7] angedeutet. Kapitel III befasst sich mit dem Missbrauch von sprachlicher Gewalt (insbesondere im Medium der Sensationspresse) und dessen Einbettung im Gesellschaftssystem. Anschließend untersucht Kapitel IV die Korrelation von Gewalt an Frauen und „weiblicher Ehre“ bzw. deren Verlust; Kapitel V zeigt potentielle Folgen von missbräuchlicher (v. a. verbaler) Machtausübung auf, während
Kapitel VI Variationen und Implikationen der Gegenwehr beleuchtet.

II. Zeitgenössische Bezüge

[M]an muß die Texte in die Zeit zurückversetzen, in der sie geschrieben sind.

Ich glaube, das ist eines der wichtigsten Prinzipien bei der Beurteilung von Literatur.[8]

Betrachtet man/frau die zu behandelnde Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ entsprechend dem Rat ihres Autors im gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Entstehung, so ist vor allem die Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland aktuelle Gewaltdiskussion zu berücksichtigen, die insbesondere im Zusammenhang mit der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) geführt wurde. Heinrich Böll äußerte sich zu diesem Thema u. a. in dem im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ am 10. Jänner 1972 erschienenen Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Der Schriftsteller reagierte mit diesem Beitrag auf einen am 23. Dezember 1971 publizierten Artikel der BILD-Zeitung, dessen Schlagzeile „Baader-Meinhof-Bande mordet weiter“ Mitgliedern der RAF einen Raubüberfall zur Last legte, ohne dass stichhaltige Beweise für diese Behauptung existierten. Böll warf dem Blatt vor, sein unkritisches Vor-Urteil „verletze [...] ein Grundprinzip des Rechtsstaates, in dem niemand aufgrund eines bloßen Verdachts als Täter bezeichnet werden dürfe.“[9] Der Titel des Artikels sei „eine Aufforderung zur Lynchjustiz“[10] und erzeuge eine Atmosphäre, in der Ulrike Meinhof, eine Mitbegründerin der RAF, nicht mit Gerechtigkeit oder Gnade zu rechnen hatte. Das Vorgehen gegen eine linksgerichtete Gruppe, „deren Theorien weitaus gewalttätiger klingen, als ihre Praxis ist“[11], stehe im Gegensatz zu dem Entgegenkommen, das zahlreichen ehemaligen Nationalsozialisten erwiesen würde.

Infolge dieser Stellungnahme sah sich Böll einer Diffamierungskampagne ausgesetzt, die vor allem in den Publikationsorganen des Springer-Verlags[12] ausgetragen wurde und deren Vertreter ihn u. a. der „ideologischen Unterstützung des Terrorismus“[13] bezichtigten. Ähnlich erging es auch Peter Brückner, der ebenfalls als Sympathisant der Baader-Meinhof-Gruppe galt, weil er ihren Mitgliedern angeblich Unterschlupf gewährt haben sollte. Der Professor für Psychologie an der Technischen Universität Hannover sah sich mit medialen Angriffen konfrontiert, deren Auswirkungen auf sein Ansehen und seine Psyche er folgendermaßen beschreibt:[14]

Ich sah mich bald einer Situation gegenüber, die mich zum Opfer abstempelte, dem allgemeine Verachtung zuteil wurde. [...] [Es] setzte bei Tag und bei Nacht eine Flut von anonymen Telephonanrufen ein. [...] Es wurde eine neue Person B. produziert, wobei sich ein Image herausbildete, das dem Selbstverständnis des Opfers nicht mehr entsprach.[15]

Dem Schriftsteller Böll war zwar der Inhalt dieses Berichts zur Zeit der Abfassung seiner Erzählung nicht bekannt, er verfolgte jedoch die Ereignisse um Professor Brückner und betonte, dass dessen „Rolle [...] als ‚Einstiegserlebnis’ für die Konzeption seiner Erzählung konstitutive Bedeutung erlangt habe.“[16] Unmittelbarer Anlass für die Entstehung der „Katharina Blum“ dürften allerdings die Springer-Presse-Verlautbarungen in Bezug auf seinen Sohn Raimund im Februar 1974 gewesen sein, den man einer Baader-Meinhof-Komplizenschaft verdächtigte und infolgedessen u.a. eine Hausdurchsuchung vornahm. Einerseits ließ nämlich die Ankündigung der Letzteren in der Berliner Zeitung (die im Springer-Verlag erscheint) vor der tatsächlichen Aktion den Schluss auf eine Kooperation von Journalisten und Behörden zu, andererseits basierten die Aussagen der Presse-Artikel in erster Linie auf denunziatorischen Unterstellungen, worin zumindest die Wurzeln für zwei Elemente der Erzählung liegen könnten.[17]

III. Strukturelle Gewalt

Da Heinrich Böll also in vielerlei Hinsicht in die politischen und medialen Kontroversen vor dem Erscheinen seiner Erzählung involviert war, wurde „Katharina Blum“ in einigen Rezeptionen als persönliche Polemik bzw. „literarische Retourkutsche“[18] aufgefasst – was der Autor jedoch entschieden verneinte. Vielmehr versuchte er seine gesammelten Erfahrungen einzubringen und mit deren literarischen Bearbeitung auch außerästhetische Intentionen zu verfolgen, wenn er die Erzählung als „erzählerisch verkleidetes Pamphlet“ definiert und hinzufügt „eine Streitschrift war’s nämlich, war als solche gedacht, geplant und ausgeführt.“[19] Inhaltlich geht es ihm dabei offensichtlich um die thematische Behandlung der aus der Realität “gewonnenen Einsichten über Erscheinungsformen der Gewalt und insbesondere über die im Medium der Sprache ausgedrückte publizistische Gewalt.“[20] Laut dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung besteht „Gewalt“ nämlich nicht nur in der „physischen Beschädigung oder [in] ein[em] Angriff auf Leib und Leben“[21], sondern kommt auch in psychischer Form zum Ausdruck. Galtung unterscheidet weiters zwischen einer „personalen“ oder „direkten“ Konfrontation mit Gewalt, wobei die agierende(n) Person(en) in Erscheinung tritt/treten, während bei der „strukturellen“ oder „indirekten“ Variante kein Akteur zu erkennen ist, „der einem anderen direkt Schaden zufügen könnte; die Gewalt ist in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und folglich in ungleichen Lebenschancen.“[22] Als ein Instrument struktureller Gewalt können beispielsweise Presseorgane gelten, die als Multiplikatoren von Meinungen ein besonders hohes Maß an Verantwortung übernehmen (sollten): „Worte können töten, und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche entgleiten lässt, wo sie mörderisch wird.“[23] Die Funktionen und Folgen des Missbrauchs von sprachlicher Herrschaft vergleicht Böll mit jenen der Verwendung von physischer Gewaltanwendung:[24]

Das Wort dem gewissenlosen Demagogen ausgeliefert, dem puren Taktiker, dem Opportunisten, es kann zur Todesursache für Millionen werden, die meinungsbildenden Maschinen können es ausspucken wie ein Maschinengewehr seine Geschosse.[25]

Im Besonderen zielt der Schriftsteller auf die Methoden der Boulevardpresse[26] ab, deren Einstellung zum Wahrheitsgehalt des Vermittelten Günter Wallraff mit folgenden Worten zusammenfasst: „Gedruckt wird, was die Auflage steigert – [n]icht gedruckt wird alles, was den Verkauf nicht fördert.“[27] Eine Bestätigung dieses Prinzips liefert u. a. der Journalist Rudolf Augstein, der Böll zwar in Bezug auf das Pressewesen Unerfahrenheit attestiert, die eine verfehlte Darstellung desselben in „Katharina Blum“ zur Folge habe, zugleich aber freimütig eingesteht, die Erzählung deshalb zu drucken, weil sie „skandalös“ sei. Dem Sensationseffekt, der die Absatzsteigerung bewirken soll, werden „Kategorien wie Information, Verantwortung, Gesittung und Kultur“[28] untergeordnet, und der Befriedigung von Neugier und Nervenkitzel des Lesepublikums fallen die Objekte dieser Art von Journalismus zum Opfer.[29]

[...]


[1] Heinrich Böll: ‚Zehn Jahre später. Ein Nachwort von Heinrich Böll’, in Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (München/Köln: dtv37 2000), S. 139.

[2] Ibid.

[3] Ibid.

[4] Ibid., S. 144.

[5] Hanno Beth: ‚Rufmord und Mord: die publizistische Dimension der Gewalt. Zu Heinrich Bölls Erzählung `Die verlorene Ehre der Katharina Blum´, in Heinrich Böll. Eine Einführung in das Gesamtwerk in Einzelinterpretationen, hg. v. Hanno Beth (Kronberg: Scriptor 1975), S. 55.

[6] Böll Nachwort, S. 144.

[7] Ibid.

[8] Böll im Gespräch mit Heinrich Vormweg, Dezember 1982. Zit. n. Werner Bellmann u. Christine Hummel: Heinrich Böll ` Die verlorene Ehre der Katharina Blum´. Erläuterungen und Dokumente (Stuttgart: Reclam 1999), S. 27.

[9] Hans Mathias Kepplinger, Michael Hachenberg u. Hermann Frühauf: ‚Struktur und Funktion eines publizistischen Konfliktes. Die Auseinandersetzung um Heinrich Bölls Artikel `Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?´, in Zu Heinrich Böll, hg. v. Anna Maria dell’Agli (Stuttgart: Klett 1983), S. 154.

[10] Zit. n. ibid.

[11] Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S. 48.

[12] Dazu zählten u.a. die BILD-Zeitung, die „Welt am Sonntag“, usw.

[13] Bellmann/Hummel Böll, S. 33.

[14] Vgl. Kepplinger/Hachenberg/Frühauf Konflikt, S. 156; Bellmann/Hummel Böll, S. 28, 35f., 48f.; Rhys W. Williams: ‘Heinrich Böll and the `Katharina Blum´ debate’, in Critical Quarterly 21/3 (1979), S. 52; Beth Gewalt, S. 57.

[15] Beth Gewalt, S. 57; Bellmann/Hummel Böll, S. 36; McGowan, Moray: ‘Pale mother, pale daughter? Some reflections on Böll’s Leni Gruyten and Katharina Blum’, in German Life and Letters 37/3 (1984), S. 223.

[16] Heinrich Böll im Interview mit Dieter Zilligen, 19. Oktober 1974. Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S. 37.

[17] Vgl. Bellmann/Hummel Böll, S. 38-40.

[18] Heinrich Böll im Interview mit Dieter Zilligen, 19. Oktober 1974. Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S. 45.

[19] Böll Nachwort, S. 140; Vgl. Bellmann/Hummel Böll, S. 27; Beth Gewalt, S. 58; Manfred Durzak: Gespräche über den Roman. Formbestimmungen und Analysen (Frankfurt/Main: suhrkamp 1976), S. 168-171; Eberhard Scheiffele: ‘Kritische Sprachanalyse in Heinrich Bölls `Die verlorene Ehre der Katharina Blum´’, in Zu Heinrich Böll, hg. v. Anna Maria dell’Agli (Stuttgart: Klett 1983), S. 95; Margit M. Sinka: ‚Heinrich Böll’s `Die verlorene Ehre der Katharina Blum´ as novelle or How a genre concept develops and where it can lead’, in Colloquia Germanica, 14 (1981), S. 159, 163.

[20] Bellmann/Hummel Böll, S. 37.

[21] Johan Galtung: ‚Gewalt, Frieden und Friedensforschung’, in Kritische Friedensforschung, hg. v. Dieter Senghaas (Frankfurt/Main 1971), S. 62. Zit n. Beth Gewalt, S. 73.

[22] Ibid., S. 74.

[23] Heinrich Böll: Die Sprache als Hort der Freiheit (Januar 1959). Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S.135.

[24] Vgl. Bellmann/Hummel Böll, S. 21; Rainer Nägele: Heinrich Böll. Einführung in das Werk und in die Forschung (Frankfurt: Fischer 1976), S. 160f.

[25] Heinrich Böll: Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze (Köln/Berlin 1961), S. 44. Zit. n. Zbigniew Swiatlowski: Augengrund. Zeitdiagnose und Gesellschaftskritik im westdeutschen Roman nach 1967 (Frankfurt/ Bern / New York: Lang 1989), S. 276f. Vgl. auch Bölls folgenden Äußerungen: „Es ist doch nachgerade unfaßbar, wenn man hierzulande unter Gewalt nur noch die Gewalt von Bomben und Maschinenpistolen versteht. Übt eine BILD-Schlagzeile keine Gewalt aus?“ (Beth Gewalt, S. 55) und „Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.“ (Ibid., S. 35)

[26] Dieser Terminus bezeichnet die „Gesamtheit der sensationell aufgemachten, in großen Auflagen erscheinenden, überwiegend im Straßenverkauf angebotenen Zeitungen.“Duden. PC Bibliothek. Version 2.0 (Mannheim: Brockhaus 1997) Würde man die Erzählung an heutzutage verbreitete Formen der Sensationsbefriedigung adaptieren, so könnte z. B. dem Medium Fernsehen größere Bedeutung zukommen.

[27] Günter Wallraff: Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war, (Köln: Kiepenheuer & Witsch 1977), S. 160. Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S. 190.

[28] Hans Magnus Enzensberger: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. (Frankfurt/Main: suhrkamp 1988), S. 86f. Zit. n. Bellmann/Hummel Böll, S. 189.

[29] Vgl. Beth Gewalt, S. 59f.

Details

Seiten
22
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640427369
ISBN (Buch)
9783640423699
DOI
10.3239/9783640427369
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
University of Sussex
Erscheinungsdatum
2009 (September)
Note
1,0
Schlagworte
Katharina Blum Heinrich Böll sprachliche Gewalt Gewalt an Frauen weibliche Ehre Sensationspresse Thema Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Autor

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