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Strukturprobleme: Geschichte und Erzählung in Gottfrieds von Straßburg 'Tristan' am Beispiel der "Gottesurteilsszene"

Seminararbeit 2000 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Fragestellung und Vorgehensweise
2. Forschungsdiskussion

II. Analyse
1. Zeit
1.1. Ordnung
1.2. Die Dauer
1.3. Frequenz
1.4. Segmentierung
2. Modus
3. Stimme

III. Interpretationsansätze
1. Wechsel der Figurendominanz
2. Die Problematik List, Wahrheit und Christuskommentar aus der Perspektive der Erzähltheorie

IV. Fazit und Ausblick

V. Anhang

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Fragestellung und Vorgehensweise

"Hartman der Ouwaere,

ahi, wie der diu maere

beide uzen unde innen

mit worten und mit sinnen

durchverwet und durchzieret!"[1]

In diesen Versen, in denen der Erzähler des Tristan den Dichter Hartmann von Aue lobend hervorhebt, formuliert sich eine Erkenntnis, die heute die Grundlage der modernen Erzählforschung ( Narratologie) darstellt: eine Erzählung sei eine Abfolge von Zeichen, die eine Abfolge von Ereignissen repräsentieren. Ausgehend von der Zeichentheorie de Sausurres, kann man heute den Text als großes Zeichen betrachten, der sich zusammensetzt aus dem Signifikant, dem Bezeichnenden - also 'uzen' - und dem Signifikat, dem Bezeichneten - also 'innen'. 'Uzen' und 'innen' könnten also das gleiche komplementäre Paar sein, das heute die Erzählforschung als 'Erzählung' und 'Geschichte' postuliert.[2]

Es ist also gut möglich, daß im Diskurs der damaligen Zeit eine derartige Unterscheidung wenigstens geahnt wurde[3], umso erstaunlicher ist es, daß es im Bereich der Mediävistik bis heute noch keine 'historische' Narratologie gibt. Dieser Tatsache ist es geschuldet, daß bei der Untersuchnung erzähltheoretischer Probleme im 'Tristan' auf die klassischen Analysemethoden zurückzugreifen ist, die jedoch bisher nur im Kontext 'moderner' Texte Anwendung fanden. Dementsprechend kann diese Arbeit nur eine Art experimentelle Versuchsanordnung darstellen, die am Beispiel einer Untersuchung einer konkreten Textpassage neue Möglichkeiten des 'Antwortfindens' ausprobiert.

Ich folge hierbei aus rein pragmatischen Erwägungen Gérard Genette[4], dessen stringentes und logisches Analyseinstrumentarium sich als praktikabel erwiesen hat, ohne ihn dabei aber dogmatisch aus der Schar anderer Analytiker herausheben zu wollen.

Die Wahl des Textabschnittes fällt auf die Szene des 'Gottesurteils', also auf die Zeilen 15047 - 15764. Grund hierfür ist nicht zuletzt die Forschungsdiskussion, die über bestimmte Passagen dieses Abschnittes besonders konträrer Auffassung ist, die ich im weiter unten dokumentieren werde.

Der Hauptteil dieser Arbeit umfaßt wiederum zwei Teile. Der erste Teil besteht aus der eigentlichen Analyse, d.h. ich werde bestimmte Erzählelemente suchen, sortieren und abstrahieren. Ich folge hierbei der Einteilung Genettes, der die Elemente Zeit, Modus und Stimme unterscheidet. Im zweiten Teil gilt es, die gewonnenen Ergebnisse zu kommentieren, also zu interpretieren. Hierbei ist besonders zu beachten, welche neuen Antwortmöglichkeiten sich eröffnen, wo also der Mehrwert erzähltheoretischer Untersuchnungen an mittelhochdeutschen Texten liegen könnte.

2. Forschungsdiskussion

Da, wie oben schon angedeutet, keine narratologischen Arbeiten zum Thema vorliegen, kann hier einzig auf die 'traditionelle' mediävistische Forschung zurückgegriffen werden. Diese stellt sich jedoch als derartig umfangreich dar, daß es den Eindruck vermittelt, keine größere Abhandlung kann an der 'Gottesurteilszene' vorbeigehen - es scheint sich also um eine Art Schlüsselstelle zu handeln, wenn man den Umfang und die Vehemenz der Forschungsdiskussion als Kriterium zulassen will.

Es kann im folgenden nicht die Aufgabe sein, verschiedene Positionen einzeln darzustellen, es muß genügen, die Grundprobleme und Tendenzen aufzuzeichnen.[5] Hierfür erscheint mir eine kurze Vergegenwärtigung des Handlungsablaufes dieser Szene für sinnvoll:

Marke wird durch höfische Kreise wieder auf den Verdacht gebracht, Isolde betrüge ihn mit Tristan. Er stellt den Liebenden eine Falle, der Verdacht bestätigt sich, ist jedoch nicht zu beweisen. In einem eigens anberaumten Konzil wird beschlossen, daß Isolde sich einem Gottesurteil zu unterwerfen hat. Dieser gelingt es, durch eine im vorraus kalkulierte List den Eid so zu formulieren, daß sie vom Wortlaut her die Wahrheit sagt und dadurch das Gottesurteil besteht - sie kann ein glühendes Stück Eisen tragen, ohne sich zu verbrennen. Der Erzähler fügt darauf einen Kommentar an:

"da wart wol g'offenbaeret

und al der werlt bewaeret,

daz der vil tugendhafte Crist

wintschaffen alse ein ermel ist."[6]

Um diese Aussage und diese letzten Ereignisse herum gruppieren sich die meisten Interpretationen, so daß die gesamte Szene fast nur auf ihr Ende hin gedeutet wird. Die Hauptfragen, die gestellt werden sind:

Warum funktioniert dieser 'Meineid' vor Gott?

Was für ein Gottesbild Gottfrieds läßt sich daraus ableiten?

Trotz aller Schattierungen in den Diskussionsbeiträgen lassen sich hauptsächlich drei große Tendenzen erkennen:

(1) Die ältere Forschung sieht diesen Abschnitt als eine Art 'Gotteslästerung' Gottfrieds, der seine höfischen Ideale auf Gott überträgt und damit einen höfischen Gott kreiert und somit vom 'wahren' Glauben abweicht.
(2) Eine zweite Gruppe, wahrscheinlich von sozialhistorischen Ansätzen beeinflußt, sieht in der Passage eine ironische Kritik Gottfrieds an dem Gebrauch derartiger Gottesurteile in der damaligen Rechtssprechung.
(3) Die dritte Gruppe betrachtet die Szene im Kontext anderer Textstellen u.a. der 'Minnegrottenszene' dahingehend, daß Gottfried eine Art 'Minnereligion' propagieren will, dessen Ausübung sich vor Gott höher darstellt, als der weltliche Moralkodex.

Wenn im folgenden untersucht werden soll, wie diese Szene erzählt wird, gilt es also u.a. zu überprüfen, ob in dieser Streitfrage neue Ansätze gefunden werden können.

II. Analyse

1. Zeit

Die Kategorie Zeit beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen der Zeit der Geschichte und der Zeit der Erzählung. Dieses Verhältnis wird von drei Kriterien bestimmt: Ordnung, Dauer und Frequenz.

1.1. Ordnung

Die Frage der Ordnung ist die Frage nach der erzählten Reihenfolge der Ereignisse. Stimmt die Abfolge der Ereignisse auf der Ebene der Erzählung mit den Ereignissen auf der Ebene der Geschichte überein oder gibt es sogenannte Anachronien, also Umstellungen der Ereignisfolgen?

Im vorliegenden Textabschnitt stellt sich dies recht eindeutig dar. Alle größeren Ereignisse werden genau in der Reihenfolge erzählt, in der sie geschehen: die Mehlstaublist vor dem Konzil, das Konzil vor der Priesterlist, die Priesterlist vor dem Gottesurteil usw... Dies ist in seiner Stringenz schon wieder erstaunlich, denn obwohl Schauplätze verlassen werden und Figuren ausgeblendet werden ( so z.B. Tristan, über den wir in der zweiten Hälfte kaum mehr etwas erfahren), sieht sich die Erzählung nicht genötigt, uns Ereignisse nachzutragen oder vorzudeuten, also durch Anachronien aufzuhellen. Dies scheint auch nicht notwendig, denn alle Ereignisse sind trotz dieses rein chronologischen Erzählstils ausreichend motiviert.

Einzig zwei kleine Textstellen brechen die Stringenz:

(1) Als Tristans Ader beim Sprung aufplatzt, deutet der Erzähler in einer kurzen Prolepse drohendes Unheil an:

"wan ime sin ader uf brach,

daz ime sit michel ungemach

und leit begunde machen."[7]

(2) Am Tage des Gottesurteils - das Eisen wurde schon ins Feuer gelegt - erfahren wir vom Erzähler über Isoldes Aktivitäten in der Zeit davor:

"diu guote küniginne Isolt

diu haete ir silber unde ir golt,

[...] gegeben durch gotes hulde,

daz got ir waren schulde

an ir niht gedaehte

und si z'ir eren braehte."[8]

Es handelt sich hierbei um eine kompletive Analepse, da sie eine frühere Lücke der Erzählung füllt.

[...]


[1] zitiert nach Ranke, Z.4621-4625.

[2] Selbstverständlich stellt sich in der Narratologie die Begrifflichkeit durchaus nicht so einheitlich dar, wie es hier dargstellt wird. Außerdem gibt es weitere Subsysteme in die gegliedert werden kann. Jedoch ist ein Minimalkonsens zu erkennen, der eine Unterscheidung in die Fragen 'Was wird erzählt?' und 'Wie wird es erzählt?' zuläßt. Das Begriffspaar 'Geschichte - Erzählung' wurde gewählt, weil es sich im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat.

[3] Die Untersuchung dieser These bedarf einer eigenen umfangreichen, aber möglicherweise lohnenswerten, Diskursanalyse.

[4] Genette, Gerard: Die Erzählung, 2. Aufl., München 1998.

[5] Dies geschieht unter Zuhilfenahme, der in Kapitel V. aufgezählten Sekundärliteratur.

[6] Z.15733-15736.

[7] Z.15191-15193.

[8] Z.15643-15653.

Details

Seiten
16
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640455683
ISBN (Buch)
9783640456130
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134909
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Deutsche Sprache und Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Erzähltheorie Tristan Gottfried von Straßburg Gerard Genette

Autor

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