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Gibt es Bezugspunkte zu dem Konzept der Menschenrechte im Mengzi?

Hausarbeit 2005 14 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Menzius
1. Das Leben des Menzius
2. Das Werk des Menzius

III. Kernbegriffe der menzianischen Philosophie
1. Die menzianischen ‚Vier Ansätze‘
2. Die Lehre der guten Veranlagung des Menschen
3. Die ‚gute‘ und die ‚schlechte Würde‘

IV. Bezugspunkte zur abendländischen Menschenrechtsidee
1. Die Frage nach der Menschenwürde, Artikel 1 der AEM
2. Die Menschenwürde, das Recht auf soziale Sicherheit und die gerechte internationale Ordnung, Artikel 3, 22, 28 der AEM
3. Das Verbot von Folter und die Freiheitsrechte, Artikel 5, 9 der AEM
4. Das Recht auf Bildung, Artikel 26 der AEM

V. Vergleich der abendländischen Rechte mit den Pflichten des alten China

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Jahr 1948 wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEM) von der Generalversammlung der UN verabschiedet. Die enthaltenen Menschenrechte erhoben Anspruch auf allgemeine Gültigkeit und beschränkten sich nicht nur auf das Abendland. China war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur einzigen sozialistischen Großmacht geworden und damit zum letzten bedeutsamen Vertreter der sozialistischen Menschenrechtsanschauung. Besonders während der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 wurde die Bereitschaft der chinesischen Regierung zur Beschränkung der Menschenrechte zum Erhalt des unbedingten Machtanspruchs der Kommunistischen Partei deutlich. In Folge gewann der Begriff ‚Menschenrecht‘ zunehmend an Bedeutung und stand im Mittelpunkt der internationalen Diskussionen um China und die chinesische Kultur.

Die in den AEM verankerten Menschenrechte erwuchsen aus der Naturrechtstradition und dem geschichtlichen und kulturellen Kontext des Abendlandes. In der amerikanischen und französischen Revolution wurden die Menschenrechte zum ersten Mal als Prinzip der Legitimierung und Begrenzung staatlicher Macht eingesetzt. Seither dienen sie als ein Modell zur Gestaltung der Beziehungen zwischen Individuum und Staat. Ausgangspunkt für die Menschenrechte ist der europäische Kulturkreis. Sie beruhen daher auf abendländischen Voraussetzungen und Verständnissen, die in den anderen Kulturen oft nicht vorhanden sind. Das chinesische Denken und die chinesische Geschichte wurde durch keine andere Lehre stärker geprägt als durch den Konfuzianismus. Diese Lehre war ein entscheidendes Instrument zur Legitimation der Herrschaft des Kaisers. Hauptvertreter der konfuzianischen Lehre waren Konfuzius, Menzius und Xun Zi. Die Lehren des Konfuzius und des Menzius wurden während der chinesischen Kaiserzeit offiziell als verbindlich angesehen und sind damit für die Tradition der chinesischen Herrschaftsauffassung und Weltsicht grundlegend. Für den späteren Konfuzianismus ist Menzius von großer Bedeutung. Diese Arbeit wird sich aus diesem Grund auf die Lehren des Menzius konzentrieren. Mittelpunkt soll die Frage nach Bezugspunkten zum Konzept der Menschenrechte im Menzius darstellen, wobei die Hauptgedanken seiner Lehre herausgearbeitet und später einige diese Gedanken mit den Ideen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verglichen werden. Der letzte Punkt der Arbeit widmet sich schließlich der Frage nach der Vergleichbarkeit der abendländischen Rechte mit den Pflichten des alten China.

II. Menzius

1. Das Leben des Menzius

Menzius lebte im 4. vorchristlichen Jahrhundert. Man vermutet, dass er im Jahr 371 geboren wurde und im Jahr 289 vor Christus starb. Er stammte aus einer wenig einflussreichen Gelehrtenfamilie im Staat Lu, etwa in der Gegend des heutigen Shandong.1 Menzius ist die, von jesuitischen Missionaren lateinisierte Form von Mengzi, sein eigentlicher Name lautet Meng Ke. Menzius soll Schüler von Zisi, dem Schüler eines Schülers von Konfuzius gewesen sein. Diese Behauptung war ein Versuch der Neo-Konfuzianer der Sung-Zeit, eine Traditionslinie der Verfasser der großen konfuzianischen Werke zu schaffen.2 Menzius war Zeit seines Lebens ein wandernder Lehrer, der mit seinen Schülern verschiedene Fürstenhöfe besuchte, in der Hoffnung einen Herrscher zu finden, der bereit wäre seine Ideen in die Tat umzusetzen. Er versuchte durch persönliche moralische Unterweisung in seiner Lehre den Herrscher zu einer menschlichen Form der Ausübung der Regierungsgewalt zu bewegen; dies war jedoch von wenig Erfolg gekrönt.3

Menzius lebte in einem sehr unruhigen Zeitalter. Während dieser Zeit der streitenden Reiche wurden über das gesamte Reich hinweg zwischen den einzelnen Königreichen Kämpfe ausgetragen und die konfuzianischen Werte verloren zusehends an Gewicht.4 Aus diesen Gründen war Menzius überzeugt davon, dass er der einzige Mann sei, der in einer Zeit von Unruhe und Verwirrung, den Konfuzianismus verewigen könne. Er sagt in 2b,13 „If there is any desire that the world should enjoy peace and good order, who is there today, besides myself, to bring it about?“5

Heute zählt Menzius mit Konfuzius und Lao Zi (Lao Tse, dem Begründer des Taoismus) zu den wichtigsten chinesischen Philosophen. Er ergänzte die Lehren seines Meisters und hatte somit großen Einfluss auf den Konfuzianismus der Song-Zeit.6

2. Das Werk des Menzius

‚Der Menzius‘ gehört zu den vier großen konfuzianischen Werken. Es ist umstritten ob Menzius das Buch selbst schrieb. Es weist aber ein großes Maß an stilistischer Einheitlichkeit auf, was darauf hindeutet, dass es auf jeden Fall von einer Person verfasst worden ist. Wahrscheinlich wurden Menzius‘ Notizen nach seinem Tod von seinen Schülern redaktionell bearbeitet und herausgegeben. Im Buch genannte Ehrennamen, die erst nach Menzius Tod gebräuchlich waren, deuten darauf hin.7

Der heutige Menzius enthält 35.226 Schriftzeichen und ist in 7 Doppelkapitel unterteilt. Das Buch besteht teilweise aus kürzeren Lehrsprüchen, vor allem aber aus längeren Berichten über Menzius Gespräche mit verschiedenen Herrschern. Menzius gibt sich Mühe Beweise oder wenigstens Argumente für seine Lehren zu finden. Dadurch formuliert er eine lebensnahe und praktische Wertauffassung, anders als Konfuzius, der vor allem Lehrsätze aufstellt und Ermahnungen ausspricht.8

III. Kernbegriffe der menzianischen Philosophie

1. Die menzianischen ‚Vier Ansätze‘

Laut Menzius soll jeder Mensch ohne zu lernen und ohne zu überlegen über die ‚vier Ansätze’ verfügen, er besitzt diese allein kraft seines Menschseins. Das gute Potential im Menschen soll zu einem Höchstmaß entwickelt werden.9 In 6A6 werden die ‚vier Ansätze‘ benannt: „Alle Menschen empfinden Mitgefühl, Scham, Widerwillen, Achtung und Respekt, zudem unterscheiden alle Menschen zwischen richtig und falsch. Mitgefühl bedeutet Menschlichkeit; Scham oder Widerwillen bedeuten Rechtschaffenheit; Achtung und Respekt bedeuten Sittlichkeit; richtig von falsch zu unterscheiden bedeutet Erkenntnis. Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit und Erkenntnis werden uns nicht von außen aufgezwungen, sie sind schon ursprünglich, aber unbewusst vorhanden. Es heißt, wer nach ihnen strebt, erlangt sie, wer sie wegwirft, verliert sie. Das die Menschen sich aber diesbezüglich so stark unterscheiden, liegt daran, dass sie ihre Fähigkeit nicht voll auszuschöpfen vermögen.“10 Der Mensch besitzt diese ‚vier Ansätze‘, die guten Elemente seiner Natur, von Geburt an. Sie werden sich mit der Zeit immer weiter entwickeln, außer wenn eine schlechte Umwelt sie daran hindert.11 Dies bedeutet, dass ein schlechter Mensch nicht schlecht ist, weil er die ‚vier Ansätze‘ zur Güte nicht besitzt, sondern weil er sie entweder nicht genug entwickelt hat, oder weil er diese natürlichen Grundlagen zerstört hat. Daher ist Schlechtigkeit nicht auf fehlende Anlagen zurück zu führen.12

2. Die Lehre der guten Veranlagung des Menschen

Die ‚Vier Ansätze‘ basieren auf der guten Veranlagung des Menschen. Menzius ist in China für seine Lehre berühmt geworden, dass der ‚Himmel‘ (tian) dem Menschen eine ‚Natur‘ (xin) verliehen hat, die ihn zu einem moralischen Wesen macht und ihn damit von den Tieren unterscheidet.13 Er behauptet also, dass der Mensch von Natur aus gut ist. Er stellt weiterhin die Theorie auf, dass der Beweis für die Güte des Menschen das spontane Mitgefühl sei, das ohne jedes Nachdenken sofort zu Tage tritt, wenn jemand ein anderes Wesen leiden oder in Gefahr sieht. Menzius schildert eine Situation, in der jeder Mensch Schrecken empfindet, nämlich wenn er ein Kind erblickt, das im nächsten Augenblick in einen Brunnen fallen könnte. Er erläutert, dass dieses Erschrecken nicht aus irgendwelchen eigennützigen Hintergedanken entspringt, weil in einem solchen Augenblick niemand an Belohnung oder Anerkennung denken wird, sondern nur an die Rettung des Kindes. Es gibt einfach keinen Menschen, der sich einem solchen Gefühl entziehen könnte. Er beendet die Schilderung damit, dass ein solches spontanes Mitgefühl bereits die Basis aller Moralität darstelle.(2A6)14

Alle fundamentalen Tugenden des Menschen beruhen also auf der von Natur aus angeborenen Veranlagung des Menschen. Xun Zi (Bedeutender Konfuzianer und Zeitgenosse von Menzius) liefert eine klare Definition dieser Veranlagung: „Das, was nicht erlernt und nicht beeinflusst werden kann, sondern von Natur aus so ist, nennt man ‚Veranlagung‘.“15 Menzius sagt: „Die menschliche Natur neigt zum Guten, wie Wasser, das nach unten fließt. Unter den Menschen gibt es keinen, der nicht gut wäre, ebenso wie es kein Wasser gibt, das nicht nach unten fließt. Man kann nun auf das Wasser schlagen und es so aufspritzen lassen, dass es höher als die Stirn reicht. Man kann es dämmen und so leiten, dass es einen Berg hoch fließt. Aber ist das etwa die (ursprüngliche) Natur des Wassers? Das ist durch äußeren Einfluss bewirkt. Der Mensch kann also zum Schlechten gebracht werden, weil seine Natur ebenso beschaffen ist.“(6A2)

Die Lehre der guten Veranlagung des Menschen wird also von Menzius vertreten.

[...]


1 Vgl. Fung, 1983, 107.

2 Vgl. Wu, 1986, 31.

3 Vgl. Fung, 1983, 107.

4 Vgl. Fung, 1983, 106.

5 Vgl. Legge, 232, 1990.

6 Vgl. Bloom 1998, 95.

7 Vgl. Wu, 1986, 32.

8 Vgl. Schleichert, 1990, 56.

9 Vgl. Roetz, 1997, 47.

10 Vgl. Schleichert, 1990, 71.

11 Vgl. Wu, 1986, 37.

12 Vgl. Fung, 1983, 122.

13 Vgl. Roetz, 1998, 25.

14 Vgl. Bloom, 1998, 101.

15 Vgl. Schleichert, 1990, 71.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640427451
ISBN (Buch)
9783640423835
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v134957
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Ostasiatisches Sreminar
Note
1,0
Schlagworte
China Mengzi Menzius Menschenrechte Recht Pflicht Allgemeine Erklährung der Menschenrechte Verfassung Konfuzius Xun Zi

Autor

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Titel: Gibt es Bezugspunkte zu dem Konzept der Menschenrechte im Mengzi?