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Empirische Erwerbsforschung: Wenn Kinder sachlernen

von Sita Hermand (Autor) Anne Hofmann (Autor) Kathrin Stauber (Autor) Leyla Yigitgüden (Autor)

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Hauptteil
1. Die Beobachtung: Rahmenbedingungen und Beschreibung des Kindes
2. Beschreibung des Ablaufs und der Beobachtungen
3. Auswertung und Analyse der Videosequenz
4. Abschließende Interpretation und Deutung

III Schluss – Resümee und Ausblick

IV Literaturangaben

I Einleitung

Sachlernen im Kindergarten So lautet der Titel der Seminarveranstaltung an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, in dessen Rahmen die vorliegende Hausarbeit entstanden ist.

Der Fokus des Seminars ist auf die Vermittlung und Aneignung naturwissenschaftlichen Wissens bei Kindern im Vorschulalter gerichtet. Es werden insbesondere Fragen, bezüglich der politischen Begründung und der theoretischen Legitimierung naturwissenschaftlichen Wissens erörtert. Hierbei gilt es sich zu fragen, wie sich Kinder im Vorschulalter Wissen ü-ber Sachzusammenhänge aneignen und welche Möglichkeiten es gibt, sie dabei zu unterstüt-zen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich dabei in einer eigenen empirischen Erwerbsforschung vor allem mit der zweiten Frage nach der Aneignung von Wissen im Vorschulalter. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich dabei ausschließlich auf ein einzelnes Kind und dessen Hand-lungen im Rahmen einer „Spiel“-Phase.

Was macht ein Kind, wenn es nicht in eine inszenierte Lehr-Lern-Situation eingebunden ist, sondern lediglich ‚spielt’? Werden Bildungsprozesse des Kindes erkennbar? Wie eignet sich das Kind die Welt selbst an?

Dies sind unsere Leitfragen, die all unseren Beobachtungen und Darstellungen zugrunde lie-gen. Wir haben versucht, eine Forschungsperspektive einzunehmen, die Einblicke in die Ge-danken und Handlungen von Kindern ermöglicht. Kinder werden dabei als selbst aktiv, als Gestalter ihrer Welt wahrgenommen. Sie bestimmen im hohen Maße selbst, was sie wann und wie lernen. Hierzu brauchen sie oftmals keine zusätzliche Motivation von außen. Allein die Beobachtung oder Beschäftigung mit einer Sache löst Lernprozesse aus. Durch Mimik und Gestik zeigen Kinder wie sie eigenaktiv auf ihre Umwelt reagieren und sich ihr ganz ei-genes Wissen aneignen (Pape /Vogt 2002, 9). Diese sogenannten natürlichen Lernprozesse geschehen in Situationen, die durch die Umgebung bestimmt sind (vgl. Scholz 2003, 20) und damit nicht unbedingt geplant werden müssen.

Die Beobachtung eines Kindes, wie es eigene Dinge erforscht und wie es sich dabei verhält stellt damit den Beobachtungsschwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar. Darüber hinaus soll der Blick jedoch nicht darauf beschränkt bleiben, dass Kinder sich ausschließlich selbst bil-den können. Die Annahme, dass pädagogische Mühen keine Chance haben und lediglich die Kinder selbst über Lerninhalte entscheiden, wäre für uns eine zu einseitige Perspektive (vgl. Pape/Vogt/Stark 2002, 1). Die „kleinen Forscher“ verfolgen in erster Linie ihr eigenes Inte- resse, wodurch vor allem natürliche Lernprozesse angeregt werden. Inszenierte Situationen können bei der richtigen Gestaltung jedoch ebenso Lernprozesse initiieren. Die Situations-planung ist hierbei entscheidend (Scholz 2003, 18). Deshalb wird im Schlussteil die Betrach-tung der Möglichkeiten, einer Unterstützung von Lernprozessen bei Kindern im Vorschulal-ter, nochmals aufgegriffen. Im Vordergrund der Arbeit soll aber dennoch der selbständig in-szenierte Lernprozess des Kindes stehen ohne dass eine Lehr-Lern-Situation arrangiert wur-de.

Vorab stellt sich zunächst die Frage, wie ohne arrangierte Situation davon ausgegangen wer-den kann, dass sich das Kind mit Sachthemen auseinandersetzt. Schließlich soll es in der Er-forschung um Sach lernen von Vorschülerinnen und Vorschülern1 gehen. Wir folgen hier der Sichtweise von Professor Gerold Scholz: Zur „Sache“ kann für ein Kind alles werden. Die Sache ist nicht etwas was dem Gegenstand anhaftet. So kann das Kind durch seine Handlun-gen mit der Sache, die der Sache innewohnenden Eigenschaften und Regeln erfahren. Für das Kind sind neu begegnende Dinge damit immer zuerst Phänomene, die noch nicht in einer be-stimmten Weise eingeordnet wurden, wie es bei Erwachsenen der Fall ist. Erst durch die Be-gegnung machen Kinder das Phänomen zu einer Sache. Hierbei interessiert sie nicht die The-orie, sondern das Konkrete (vgl. Scholz 2000, 7). Wir schließen daraus, dass Kinder bei allen neuen Sachen, die ihnen begegnen und mit denen sie sich beschäftigen ein Lernprozess im Sinne des Sachlernens erfolgt. Folglich geschieht das Lernen in der Auseinandersetzung des Kindes zwischen Phänomen und Sache. Bei der Beobachtung von Kindern lässt sich feststel-len, dass genau dies ständig der Fall ist. Soll lediglich dieser kindliche Lernprozess im Mit-telpunkt der Betrachtung stehen, ist es unserer Ansicht nach möglich, auf die Inszenierung einer „Lernsituation“ zu verzichten.

Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit gliedert sich in vier Teile. Zuerst werden wir auf die Rahmenbedingungen eingehen, denen die Untersuchung hinsichtlich der oben genannten Forschungsperspektive unterlag. Es wird eine Beschreibung der Untersuchungsverhältnisse, der methodischen Vorgehensweise und der involvierten Personen stattfinden. Im Anschluss an die Erläuterung der äußeren Einflussfaktoren erfolgt die Beschreibung der Videosequenz. Hierbei sollen bereits erste Eindrücke und Beobachtungen zum Ausdruck kommen. Die Auswertung und Analyse der Aufnahmen wird in einem dritten Abschnitt dargestellt. Ab-schließend werden die Ergebnisse und die Deutung der Videosequenz nochmals zusammen-fassend dargestellt.

II Hauptteil

1. Die Beobachtung: Rahmenbedingungen und Beschreibung des Kindes

Zu Beginn möchten wir kurz darstellen, welchen Bedingungen unsere Erforschung einer nicht inszenierten Lehr-Lern-Situation unterlag und welche Vorstellungen und Erwartungen bezüglich des Ablaufs herrschten.

Die Erforschung von kindlichen Sachlernprozessen außerhalb didaktischer Lernumgebungen fokussiert den Lebensalltag und Alltagstheorien von Kindern. Gerade in der Vorschulzeit ist das situative und beiläufige Lernen besonders gut zu beobachten. Kinder sind Lerner, die Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, Theorien über die Welt entwickeln und an eigenen Erfahrungen prüfen. Dieses selbstbestimmte Lernen im Alltag wird spätestens in der Schule und immer öfter auch schon im Kindergarten durch planvolles schulisches Lernen vorbe-stimmt und beeinflusst (vgl. Rank 2008, 42ff.).

Im Rahmen der Veranstaltung „Sachlernen im Kindergarten“ ist die Erforschung von Kin-dern im Vorschul- bzw. Kindergartenalter gefordert Wir haben uns daher für einen dreijähri-gen Jungen entschieden, der gerade erst in den Kindergarten gekommen ist. In unserem Fall fanden die Aufnahmen jedoch nicht im Kindergarten, sondern in der familiären Umgebung des Jungen statt. Dies erschien uns sinnvoller, da wir lediglich ein Kind ausgewählt hatten und bewusst keine Lehr-Lern-Situation inszenieren wollten.

Die Aufnahmen entstammen den frühen Abendstunden des 11. Mai 2009. Hierbei erfolgte die Dokumentation mit Hilfe einer Videokamera. Die Familie des dreijährigen Jungen wohnt in Frankfurt am Main. Der Junge ist deutscher Herkunft und hat eine jüngere Schwester. Im Wohnzimmer des Hauses kennt er sich gut aus und es liegen genügend verschiedene Gegens-tände herum, die ihm immer wieder Anlass dazu geben, sich damit kurze Zeit zu beschäfti-gen. So konnten wir vier verschiedene Kurzfilme drehen, in denen der Junge immer wieder einen anderen Gegenstand fokussiert und in sein Spiel eingebunden hat. Am Tag der Auf-nahmen war die jüngere Schwester zwar dabei, mit ihr hat sich der Junge jedoch kaum aus-einander gesetzt.

Der Dreijährige spielt bzw. lernt (je nach Betrachtungsweise) sehr viel und kann als „pfiffig“ eingeschätzt werden. Er langweilt sich fast nie und ist im Grunde permanent beschäftigt. An schönen sonnigen Tagen hält er sich gerne im Freien auf. Hierbei bevorzugt er den Garten, der ihn zu wildem Herumtoben anregt. In der Wohnung hat er dazu nur begrenzte Möglich-keiten. Aber auch hier erkundet er dies und das und nimmt immer wieder verschiedene Ge-genstände in die Hand, betrachtet diese und probiert Unterschiedliches damit aus. Aus die- sem Grund waren wir davon überzeugt, dass der Junge uns interessante Einblicke in seine Welt des Lernens gewähren kann.

Die Filme zeigen viele interessante Momente, in denen das Kind seine Aufmerksamkeit auf eine „Sache“ richtet. So versucht der Junge in einem Film, mit einer Kehrschaufel ein Kissen von einem Ort zum nächsten zu transportieren. Dies wiederholt er erstaunlich oft, bietet gleichzeitig jedoch durch Orts- und Trägergegenstandswechsel eine gewisse Variation inner-halb seines Spiels. Ein weiteres Video zeigt, wie der Junge auf dem Wohnzimmerteppich liegt und sich mit einem Stofffaden beschäftigt. Er nimmt immer wieder den Faden hoch, be-obachtet die Kringelbewegung des Fadens oder schlängelt diesen über den Boden und seinen Bauch. Er variiert dabei die Geschwindigkeit der Schlängelbewegung und scheint dabei mit großem Interesse nur den Faden im Blick zu haben.

Da jedoch die Analyse aller Videos den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, möchten wir unsere Betrachtung auf nur ein Video beschränken. Im Mittelpunkt wird dabei eine Videosequenz stehen, in der sich der Junge mit einem Gegenstand etwa drei Minuten lang beschäftigt. Es handelt sich dabei um kleine Plastikampullen, bei denen jeweils acht Ob-jekte zu einer Palette zusammengeschweißt sind.

Zunächst soll dieses Video hinsichtlich der Bewegungen, der Mimik und Gestik und der ein-zelnen Handlungen detailliert beschrieben werden. Daran anschließend erfolgt eine Analyse der Sequenz die wir dann in der Deutung zusammenfassend darstellen werden. Unsere Me-thodik wird sich damit an hermeneutischen Vorgehensweisen orientieren und soll zeigen, wie das Kindergartenkind als Weltkonstrukteur agieren und lernen kann.

2. Beschreibung des Ablaufs und der Beobachtungen

Die folgende Beschreibung soll einen Einblick in eine der von uns gefilmten Sachlernsituati-onen des Jungen geben. Auf diese Weise möchten wir ein möglichst genaues Bild der einzel-nen Geschehnisse vermitteln und so eine geeignete Basis für unsere anschließende Deutung schaffen.

Die von uns analysierte Situation zeigt den dreijährigen Jungen, wie er zunächst gemeinsam mit seiner Schwester auf einem Bobby Car durch das Wohnzimmer fährt. Nach kurzer Zeit stoßen die beiden mit ihrem Gefährt gegen den Wohnzimmerschrank. Die kleine Schwester des Jungen wartet vorerst ab, während der Junge aktiv versucht, dieser verfahrenen Situation zu entkommen. Er fordert seine Schwester dazu auf, das Fahrzeug zu wenden und gibt ihr ausdrücklich zu verstehen in welche Richtung er die Fahrt fortsetzen möchte. Das Mädchen entschließt sich nach einem kurzen Versuch, das Fahrzeug zu wenden, allerdings dazu aufzu-stehen und von dem Bobby Car herunter zu klettern. Noch bevor sie die gänzlich beenden kann, wird sie von dem Jungen zügig vom Fahrzeug herunter geholt und an die Seite gedrängt. Anschließend fährt ihr Bruder alleine ein kurzes Stück am Wohnzimmerschrank entlang, kommt jedoch bald darauf zum Stehen. Er greift nach einem Kunststoffstab, den er an seine Schwester weiterreicht und steigt anschließend ebenfalls von dem Bobby Car herunter. Während seine Schwester weiterhin mit dem Kunststoffstab herumhantiert, klettert der Junge auf den Wohnzimmerschrank und beginnt auf diesem herum zu krabbeln. Als er am anderen Ende des Schranks angelangt ist, entdeckt er die Plastikampullen. Ohne sie genau zu betrachten beginnt er mit ihnen auf der Oberseite des Schranks entlang zu fahren. Er schiebt die Ampullen so lange mit seiner rechten Hand an der Kante des Schranks hin und her, bis sie letztlich den Schrank hinunter stürzen. Der Junge versucht zunächst seinen rechten Arm nach d en abgestürzten Ampullen auszustrecken, entscheidet sich dann jedoch dazu, vom Schrankherunter zu kommen und die am Boden liegenden Ampullen aufzuheben. Er greift nach den Ampullen, bekommt diese zu fassen und setzt darauf hin ungestört sein Spiel fort. Während er die Ampullen nun mit seiner rechten Hand auf das andere Ende des Schranks zuschiebt, beginnt er zu singen. Gleichzeitig krabbelt er jedoch nicht auf dem Schrank herum, wie er es zuvor getan hatte, sondern bewegt sich zu Fuß auf seine Schwester zu. Diese sitzt immer noch am anderen Ende des Schranks, wo sie kurz zuvor abgesetzt wurde und sich seit dem mit dem Kunststoffstab beschäftigte. Als das Mädchen ihren Bruder mit den Ampullen auf sie zu kommen sieht, versucht sie ihm mit Hilfe des Stabes den Weg abzuschneiden. Dochder Junge schiebt die Ampullen vollkommen unbeirrt weiter den Schrank entlang, an seiner Schwester vorbei und hinunter auf einen anderen etwas niedrigeren Teil des Wohnzimmermöbels. Bei dem Übergang zwischen den beiden unterschiedlich hohen Schränken nimmt er für einen kurzen Moment die Ampullen in die Hand, setzt sie anschließend wieder sanft auf der Oberfläche des anderen Schranks auf und bewegt sie mit seiner gesamten rechten Handfläche vorwärts. Bei seinen Schiebebewegungen legt der Dreijährige seine Handfläche lediglich auf die Oberseite der Ampullen, umschließt diese jedoch nicht mit seinen Fingern. Auch sein Gesang bricht nicht ab, als er an seiner Schwester vorbeigeht. Er setzt sein Spiel fort und lässt sich nicht ablenken. Von dem niedrigeren Schrank aus schiebt er die Ampullen bis auf den Boden, wobei der Übergang von Schrank zu Boden genauso erfolgt wie zuvor von hohem zu niedrigem Schrank. Die Ampullen werden für den kurzen Moment, in dem sie keinen Kontakt zu einer Auflagefläche haben, von dem Jungen zwischen Handfläche und Fingern fixiert. Sobald sie auf dem Boden angelangt sind werden die Ampullen jedoch wieder fast ausschließlich mit der rechten Handfläche verschoben. Die einzige Ausnahme ist derment, indem der Junge kurzzeitig versucht, die Ampullen zwischen Daumen und Mittelfinger zu nehmen

[...]


1 Im Folgenden werden wir an Stelle der männlichen und weiblichen Form nur die männliche Form verwenden.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640427710
ISBN (Buch)
9783640425297
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135012
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Empirische Erwerbsforschung Wenn Kinder

Autoren

  • Sita Hermand (Autor)

    8 Titel veröffentlicht

  • Anne Hofmann (Autor)

  • Kathrin Stauber (Autor)

  • Leyla Yigitgüden (Autor)

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Titel: Empirische Erwerbsforschung: Wenn Kinder sachlernen