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Das Tempus- und Aspektsystem im Deutschen und Türkischen

Versuch einer konfrontativen Untersuchung am Beispiel der Vergangenheitsformen

Doktorarbeit / Dissertation 2003 245 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG.

0.1 Gegenstand und Ziel der vorliegenden Arbeit

0.2 Theoretischer Hintergrund

Kapitel 1 TEMPUS UND ASPEKT
1.1 Problemstellung
1.2 Tempus
1.2.1 Begriffliche Darstellung des Tempus
1.2.2 Tempus und Zeit
1.2.3 Tempussystem im Deutschen
1.2.4 Zur Relation von Tempus und Zeit
1.2.5 Tempusbedeutung nach Klein
1.2.6 Zusammenfassung
1.3 Aspekt
1.3.1 Vorbemerkungen
1.3.2 Problematik und Definition der Kategorie Aspekt
1.3.3 Untergliederung der Kategorie Aspekt
1.3.4 Aspektsprachen
1.3.5 Aspekt im Deutschen
1.4 Temporaladverbiale
1.4.1 Positionale Adverbiale
1.4.2 Durativadverbiale
1.4.3 Frequenzadverbiale
1.4.4 Temporaladverbien und die Spezifizierung der Zeitparameter
1.5 Aktionsarten
1.6 Abgrenzung von Tempus, Aspekt und Aktionsart
1.7 Zusammenfassung

Kapitel 2 DIE VERGANGENHEITSTEMPORA IM DEUTSCHEN
2.1 Einleitung
2.2 Das Präteritum
2.3 Die Perfektformen
2.3.1 Das einfache Perfekt
2.3.2 Das Plusquamperfekt
2.4 Zusammenfassung

Kapitel 3 DAS TEMPUS- und ASPEKTSYSTEM IM TÜRKISCHEN
3.1 Problemstellung und Forschungsstand
3.2 Überblick über das türkische Verbsystem
3.2.1 Allgemein zur Struktur des Türkischen
3.2.2 Tempusbildung
3.2.3 Nominalformen mit Kopula
3.2.4 Tempuskategorien
3.2.5 Verbalaspekt im Türkischen
3.3 Verwendungsweisen der wichtigsten Tempusformen
3.3.1 Die Präsensformen
3.3.1.1 Präsens auf yor
3.3.1.2 Präsens auf ir
3.3.2 Die Vergangenheitsformen
3.3.2.1 Vergangenheit auf di
3.3.2.2 Vergangenheit auf PLú.
3.3.2.3 Vergangenheit auf yordu
3.3.2.4 Vergangenheit auf irdi
3.3.2.5 Plusquamperfekt auf PLúWL / diydi
3.3.3 Die Futurformen
3.3.3.1 Futur auf ecek
3.3.3.2 Futur auf ecekti
3.4 Semantische Darstellung der türkischen Einheiten
3.5 Die Vergangenheitsformen
3.5.1 Die Perfektformen
3.5.1.1 di-Vergangenheit
3.5.1.2 PLú-Vergangenheit
3.5.1.2.1 PLúWLU-Form
3.5.1.2.2 PLúPLú-Form
3.5.2 Die Imperfekta
3.5.2.1 Imperfekt auf yordu
3.5.2.2 Imperfekt auf irdi
3.5.3 Die Plusquamperfektformen
2 5.3.1 Plusquamperfekt auf PLúWL
2.5.3.2 Plusquamperfekt auf diydi
3.6 Zusammenfassung

Kapitel 4 EIN VERGLEICH DES TEMPUSGEBRAUCHS
4.1 Die Verwendung in bestimmten Texttypen
4.2 Ein Vergleich der Tempusformen in Übersetzungen
4.2.1 Erzählungen
4.2.2 Interviews
4.2.3 Nachrichtentexte
4.3 Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Quellen sprachlicher Belege

EINLEITUNG

... The syllables be said and said again Time shall belong to man

Dylan Thomas

Die vorliegende Arbeit ist eine konfrontative Untersuchung eines wesentlichen Bereichs der deutschen und der türkischen Grammatik. Aus der Sprachwissenschaft wissen wir, dass es sich die kontrastive Linguistik zur Aufgabe macht, im Allgemeinen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier oder mehrerer Systeme festzustellen. Wir wollen in dieser Arbeit vor allem das Tempus- und Aspektsystem der beiden Sprachen miteinander vergleichen und dabei versuchen, sowohl das Abweichende als auch das Gemeinsame in Bezug auf die Vergangenheitsformen aufzuzeigen. Eine solche vergleichende Analyse bringt allerdings verschiedene Probleme mit sich. Das wichtigste, welches bei einer kontrastiven Analyse des Deutschen und Türkischen zu nennen ist, wird von Jörg (1977:289) angesprochen:

Besondere Schwierigkeiten der KSA [kontrastiven Sprachanalyse] des Deutschen und Türkischen liegen, wie mehrfach erwähnt, einmal in der ungleichen Quantität und Qualität der linguistischen Beschreibungen, die für beide Sprachen vorliegen, auch im ungleichen Entwicklungsstand der Sprachtheorie in den betreffenden Sprachgebieten, sodann in der Gerichtetheit der praktischen Anwendbarkeit, d. h. der Verwendung der Ergebnisse der KSA für Zwecke des Fremdsprachenunterrichts und schließlich in der spezifischen Situation des Türkischen als einer Sprache im Übergang.

Ein weiteres Problem rührt daher, dass diese Sprachen zu verschiedenen Sprachfamilien gehören und somit keinerlei genetische und sehr wenig strukturelle Verwandtschaft zueinander aufweisen: Das Deutsche ist eine indogermanische und das Türkische hingegen eine altaische Sprache. Wenn man ein Funktionssystem konfrontativ betrachtet, dann lässt sich feststellen, dass es in der Regel Funktionen enthält, die in dem anderen System ihre genauen oder ungefähren Entsprechungen haben; daneben auch solche, die dem anderen System fremd sind. Infolgedessen ist zu erwarten, dass die beiden Sprachen die logischen Beziehungen unterschiedlich kategorisieren und damit die existierenden Formen in jeden einzelnen Sprachen gleichzeitig mehrere Bedeutungsnuancen ausdrücken. Für den in dieser Arbeit analysierten Bereich scheint es eine Tendenz zu geben, dass etwa relative Zeit und Aspekt, oder absolute Zeit und Aspekt, Futurum und Modus usw. zusammenspielen.

Obwohl das Türkische im Hinblick auf die Tempora von der deutschen Sprache deutlich abweichende Strukturen aufweist, möchten wir einen Versuch machen, das türkische Tempussystem bzw. die Tempusformen in ihrer Grundbedeutung systematisch kontrastiv zum deutschen darzustellen. Dabei muss man davon ausgehen, dass die inhaltlichen Kategorien einer jeden Sprache und die Struktur der bestimmten Einheiten als für jedes Sprachsystem verschieden anzunehmen sind, obwohl die Kategorien in manchen Sprachen mit gleichen Termini bezeichnet werden. Was die kontrastive Analyse erleichtert, ist Lehmanns (1992) Feststellung, die lautet, dass es trotz der Verschiedenheit der Aspekt- und Tempus-Systeme in den Sprachen der Welt viele typologische Übereinstimmungen gibt, auch zwischen Systemen von Sprachen verschiedener Herkunft. Darüber hinaus können auch die Kategorien verschiedenen Typs im Text äquivalente Funktionen haben. Dies begründet Lehmann, bezogen auf das Englische, Russische und Deutsche, durch zwei Beispielssätze:

(1) She was smoking. And reading the letter.

Ona kurila. I þiWala pis'mo

Sie rauchte. Und las den Brief.

(2) She opened the letter and sat down.

Ona otkryla pis’mo i sela.

Sie öffnete den Brief und setzte sich hin.

In den Sätzen unter (1) werden zeitlich parallele Verläufe verstanden, in den Sätzen unter (2) zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse. Zudem ist erkennbar, dass sich der Unterschied zwischen zeitlichem Parallelismus und Sequenz auch im Deutschen ergibt. Die funktionale Äquivalenz beruht hier auf der Verlaufsfunktion (1) bzw. Ereignisfunktion (2). Der wichtigste Unterschied des Deutschen zum Englischen und Russischen besteht darin, dass das Standarddeutsche nicht mit grammatischen Mitteln zwei Partner eines einzigen Lexems unterscheiden kann, während dies in den beiden anderen Sprachen – mit gewissen Ausnahmen – möglich ist.

0.1 Gegenstand und Ziel der vorliegenden Arbeit

In der vorliegenden Arbeit geht es um verschiedene Verbalkategorien des Deutschen und des Türkischen wie Tempus, Aspekt, Aktionsart und Modus; diese Kategorien sind intensiv erforscht worden, ohne dass es bis jetzt zu einem einheitlichen Bild gekommen wäre. Ihre Analyse zählt zu den schwierigsten Problemen der Sprachwissenschaft überhaupt. Nicht zuletzt ihr Zusammenspiel in einer Sprache wirft eine Reihe bislang ungelöster Fragen auf.

Nicht alle hier erwähnten Kategorien sind Gegenstand der Untersuchung; der zentrale Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind nur die erst genannten zwei Kategorien. Andere, mit dem Aspekt zusammenhängende Kategorien, die Aktionsarten, werden hier mitberücksichtigt, soweit es für eine adäquate Beleuchtung der Aspektkategorie notwendig erscheint. Außerhalb der Betrachtung bleibt das Modalsystem der beiden Sprachen. Der Modus ist auch wie das Tempus eine grammatische Kategorie, die in den Vergleichssprachen obligatorisch in der Flexion eines jeden finiten Verbs bestimmt wird, aber auch (zusätzlich oder alternativ) durch lexikalische Mittel ausgedrückt werden kann. Der Terminus Modus findet in unterschiedlichen Ebenen Verwendung, ist daher sehr umfassend und komplex. Eine eingehende Erörterung und Klärung des semantischen Feldes der Modalität ist im Zusammenhang mit dem Tempus schwierig und würde eine eigene Arbeit erfordern.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, das Tempus- und Aspektsystem des Deutschen und des Türkischen in Bezug auf die Vergangenheitsformen darzustellen. Es geht in erster Linie darum, die Bedeutungen der Tempusformen der jeweiligen Sprachen zu klären und dann miteinander zu vergleichen. Zu fragen wäre freilich, ob sich überhaupt eine einzige Grundbedeutung der Tempusformen der Vergleichssprachen ermitteln lässt. Zwar ist auch im Bereich der Grammatik der Fall nicht auszuschließen, dass einer Tempusform mehrere Tempusbedeutungen zugeordnet werden, wir hoffen jedoch, zeigen zu können, dass im Bereich der Tempora kein Fall von Polysemie vorkommt, und dass jedes Tempus eine eigene, einheitliche Bedeutung besitzt. Besondere Schwierigkeiten sind bei der Darstellung der Tempusbedeutungen dadurch zu erwarten, dass einige Tempusformen verschiedene zeitliche Perspektiven aufweisen, welche während der Untersuchung festzustellen und zu beschreiben sind. In diesem Zusammenhang muss deutlich zwischen den Formen und Bedeutungen unterschieden werden, da die Tempusformen mit den Inhalten der ihnen zugewiesenen Zeitstufen (wie Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) nicht immer übereinstimmen. So z. B. bezieht sich die Formkategorie Präteritum auf die sprachliche Begriffskategorie

Vergangenheit. Auf die Kategorie der Vergangenheit können aber mehrere Tempora bezogen werden wie z. B. Präteritum, Perfekt oder Präsens. Trotzdem wäre es falsch, die Funktionen der genannten Tempusformen gleichzusetzen.

0.2 Theoretischer Hintergrund

Wenige Forschungsgebiete in der Sprachwissenschaft sind in der letzten Zeit so intensiv bearbeitet worden wie gerade das Tempus, insbesondere unter semantischen Aspekt. Um Tempus und Aspekt im Zusammenhang semantisch darzustellen, finden sich in der Literatur zahlreiche Ansätze, die sich durch verschiedene Herangehensweisen und Terminologien unterscheiden. Die Mehrheit der Tempusbeschreibungen stützt sich im Ausgangspunkt auf Reichenbach (1947), auf dessen Ansatz wir im Verlauf der Arbeit auch eingehen werden. In der vorliegenden Arbeit soll eine Analyse der Tempus- und Aspektsysteme vorgestellt werden. Es werden also theoretische Kategorien benötigt, die es erlauben, temporale und aspektuelle Bedeutung von Verbformen gleichermaßen zu beschreiben. Dies kann nur unter Berücksichtigung der verschiedenen Temporalangaben erfolgen. Einen solchen integrativen theoretischen Rahmen sehen wir in den Arbeiten von W. Klein, den wir deshalb unseren Analysen zugrunde legen werden.

Klein weist zunächst darauf hin, dass man den Bedeutungsgehalt eines Wortes oder einer Wortform oft sehr gut verdeutlichen kann, wenn man es durch kontrastive Betonung zu anderen Wörtern in Gegensatz setzt – ein Gedanke, der letzten Endes auf die strukturelle Linguistik Saussures zurückgeht: der Bedeutungsbeitrag eines Wortes ist durch seinen Kontrast zu anderen Wörtern in derselben Sprache bestimmt. Durch eine Verbform wie z. B. KLAUTE[1] in dem Satz

(3) Hans KLAUTE das Brot

wird zumindest ein dreifacher Gegensatz markiert:

- ein im engeren Sinne lexikalischer: KLAUTE im Gegensatz zu kaufte, stahl, verschenkte, usw.

- ein deiktisch-relationaler: KLAUTE im Gegensatz klaut, wird klauen, usw.

- einer, der sich auf den Status der Behauptung bezieht: (3) kann benutzt werden, um die gegenteilige Behauptung Hans klaute das Brot nicht zu bestreiten.

Diese drei Bedeutungskomponenten bezeichnet Klein als die deskriptive, die temporale und die assertative. Die Verbform klaute in (3) verbindet einen finiten und einen infiniten Bestandteil, die morphologisch zu einer Form verschmolzen sind. Wenn beide Bestandteile formal getrennt sind, etwa in

(4) Hans HAT das Brot geklaut

so wird deutlich, dass die deskriptive Bedeutungskomponente mit dem infiniten Teil, temporale und assertative Bedeutungskomponente aber mit dem finiten zusammenhängt. Wenn der finite Teil HAT kontrastiv betont ist, so besteht der temporale und der assertative Gegensatz, nicht aber der deskriptive. Hierzu müsste man GEKLAUT kontrastiv betonen. Die beiden Teile werden hier als FIN und als INF bezeichnet. Zu ersterer zählen, wie gesagt, Tempus (im unmittelbaren Sinne der deiktischen Relation) und Assertion; zu letzterer die im engeren Sinne lexikalische – die deskriptive Bedeutung, aber auch die besonderen Rektionseigenschaften des betreffenden Verbs (etwa, dass klauen ein Objekt im Akkusativ verlangt). Etwas schematisch:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Unterscheidung der semantischen Bestandteile des finiten Verbs erlaubt uns eine vergleichsweise einfache Analyse von Tempus und Aspekt. Die Grundidee ist, dass sowohl für FIN wie für INF eine ihnen zugeordnete Zeitspanne, kurz FIN-Zeit und INF-Zeit, anzunehmen ist. Die INF-Zeit ist die Zeit dessen, was von INF ausgedrückt wird, in (3) also die Zeit des Klauens. Die FIN-Zeit ist jene Zeit, für die eine Assertion gemacht wird. Das jeweilige Tempus gibt an, ob diese Assertionszeit , also die Zeit, auf die die Assertion beschränkt ist, vor der Sprechzeit, nach der Sprechzeit oder um die Sprechzeit liegt. Das Tempus an sich sagt also gar nichts darüber, ob das Ereignis selbst vor, nach oder um die Sprechzeit herum liegt. Dazu muss die INF-Zeit, also die Zeit des Geschehens selbst, zur FIN-Zeit in Beziehung gesetzt werden, und ebendies ist die Rolle des Aspekts. So stellt sich heraus, dass wir es mit zwei rein zeitlichen Relationen zu tun haben, die die Kategorien Tempus und Aspekt charakterisieren.

Klein entwickelt seine Theorie im Grunde einzelsprachenunabhängig. Angewandt wurde sie vor allem auf das Englische, für das sie vor allem wegen des grammatikalisierten Aspekts besonders geeignet erscheint, sowie auf das Russische und das Chinesische. Im Verlauf dieser Arbeit führen wir auch mehrfach Beispielssätze aus dem Englischen an, da die englische Sprache gut studiert und daher bekannt ist.

Kapitel 1 TEMPUS UND ASPEKT

1.1 Problemstellung

Ein finites Verb zeichnet sich im Deutschen dadurch aus, dass jeweils genau eine Kategorie aus den Kategorienbündeln bzw. Kategorisierungen Person, Numerus, Tempus, Modus und Genus verbi realisiert wird (vgl. Eisenberg 1989). Dies bedeutet für einen Sprecher, dass er immer dann, wenn der syntaktische Kontext ein finites Verb fordert, eine Auswahl aus den zur Verfügung stehenden Verbalkategorien treffen muss. In dem Satz Paula isst einen Apfel ist das Verb essen realisiert als 3. Person, Singular, Präsens, Indikativ und Aktiv. Der Sprecher hat innerhalb der einzelnen Kategorisierungen lediglich die Wahl, welche Verbalkategorie er jeweils verwenden möchte. Er kann sich jedoch keineswegs dafür entscheiden, eine Kategorisierung völlig unberücksichtigt zu lassen. Bezogen auf Tempus heißt das, er kann im Rahmen der Kategorisierung wählen zwischen Präsens, Perfekt, Präteritum etc. Keinerlei Freiheit hat er in der Frage, ob eine Tempuskategorie realisiert werden soll oder nicht. Er muss sich für eine Tempuskategorie entscheiden, und zwar für genau eine. Tempuskategorien sind damit in bestimmten syntaktischen Kontexten obligatorisch. Sie unterscheiden sich damit fundamental von anderen temporalen Ausdrücken wie beispielsweise den Temporaladverbien jetzt, gleich, heute, morgen etc., die bei der Bedeutungsdarstellung der Tempusformen eine entscheidende Rolle spielen. Darauf kommen wir im Verlauf der Arbeit zurück. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Kategorie Tempus. Zu diesem Thema gibt es eine überaus reiche und stetig wachsende Literatur, so dass die Frage naheliegt, was denn eigentlich die Tempuskategorien derart diskussionswürdig macht?

Prinzipiell werden bei der Tempusanalyse zwei Problembereiche diskutiert: Dies ist zum einen das Problem, wie die Tempuskategorien formal realisiert werden, d. h. wie viele und welche Tempora man für das Deutsche ansetzen sollte. Zum anderen stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Tempuskategorien. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Tempusformen semantisch auf eine Grundbedeutung reduziert werden können, oder ob man Polysemie dieser morphologischen Formen annehmen muss.

Bevor wir auf die Tempuskategorien im Deutschen eingehen, wollen wir zunächst den Unterschied zwischen tense und time sorgfältig analysieren. In einigen Sprachen gibt es im Gegensatz zum Deutschen nur einen Begriff für Zeit und Tempus. Es ist deshalb notwendig, die beiden Kategorien voneinander zu unterscheiden, so dass klar wird, was denn überhaupt unter Tempus im grammatischen Sinne verstanden werden soll.

1.2 Tempus

1.2.1 Begriffliche Darstellung des Tempus

Der Terminus Tempus ebenso wie seine griechische Entsprechung chrónos bedeutet Zeit. Obwohl die beiden Begriffe voneinander abzugrenzen sind, wird das Tempus in den traditionellen Grammatiken mit Zeit nicht nur übersetzt, sondern auch gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung geht auf die griechischen Grammatiker zurück, bei denen der Begriff chrónos im Altgriechischen sowohl das physikalische Phänomen der Zeit als auch eine bestimmte grammatische Kategorie umfasst, die in den morphologisch verschiedenen Formen des Verbs realisiert wird (vgl. Weinrich 1971:55). Die lateinischen Grammatiker übernehmen mit der Anwendung der griechischen Grammatik auf ihre Sprache auch die griechische Zeiten- und Aspektlehre und bezeichneten die entsprechende Kategorie des lateinischen Verbs als Tempus. Dabei handelt es sich um eine grammatische Zeit, die beispielsweise morphematischen Ausdruck in der Sprache gefunden hat und um eine natürliche Zeit, die zum Bereich der Physik zu zählen sei. Begrifflich sollten die zwei Kategorien Zeit und Tempus klar unterschieden werden. Im Türkischen gibt es für Tempus und Zeit gleichfalls nur den einen Begriff zaman, wie im Französischen temps, im Italienisch tempo, im Spanisch tiempo. Die Zweiteilung kommt jedoch in einigen Sprachen auch lexikalisch zum Ausdruck. Im Deutschen wird die grammatische Zeit als Tempus, die natürliche Zeit als Zeit bezeichnet. Gleichermaßen wird im Englischen time für die natürliche, tense hingegen als Bezeichnung für den grammatischen Begriff der Zeit verwendet.

1.2.2 Tempus und Zeit

In der semantischen Analyse der Tempora ist es erforderlich, Tempus von dem physikalischen Begriff Zeit säuberlich zu trennen. Bevor wir auf die Unterscheidung dieser Sachverhalte eingehen, ist darauf hinzuweisen, dass einige Autoren Tempus und Zeit bzw. Zeitlichkeit als identisch ansehen. So setzt beispielsweise Wilhelm Schmidt in seinen Grundfragen der deutschen Grammatik (1973:218f.) Tempus und Zeit gleich und vertritt die Auffassung, dass die Zeitstufen dazu dienen, "die zeitliche Beziehung des Geschehens in dem Augenblick des Redeaktes (= Redemoment) zu charakterisieren, das heil3t, das Geschehen aus der zeitlichen Perspektive des Sprechers darzustellen". Er führt näher aus: "Was im Augenblick des Redeaktes geschieht, ist grammatische Gegenwart, was vorher geschehen ist, grammatische Vergangenheit". Grammatische und reale Zeit fallen also zusammen. Mit der Wortart Verb fasst man also solche Sachverhalte der Wirklichkeit, die in unserem Denken als Tätigkeiten, Vorgänge und Zustände widergespiegelt werden. Er kommt also zu der Feststellung, reale und grammatische Zeit seien insofern gleichzusetzen, als die grammatische die reale widerspiegele. Dieser Auffassung folgen wir hier nicht. Wir gehen davon aus, dass die Zeitstufen den Tempusbedeutungen nicht immer entsprechen. Die Zeitstufen sind keineswegs absolute, sondern relative Kategorien, die stets neu durch den Sprachbenutzer als deiktisches Zentrum geschaffen werden. Das Problem besteht nun vor allem darin, dass mit einer Zeitform auf unterschiedliche Zeitstufen Bezug genommen werden kann. Zugleich wird häufig eine modale Komponente des Tempus deutlich.

Fragt man nach der Definition des Begriffs Zeit, so ist es schwer, eine eindeutige zu finden. Auch Meyer weist auf diese Schwierigkeit hin und führt dazu aus:

Die Frage, was die Zeit sei, lässt sich [mit einer einfachen Definition] nicht beantworten, weil es die Zeit als eine Substanz nicht gibt und weil es, streng genommen, ein Fehler ist, das Substantiv Zeit zu verwenden. (Meyer 1964:7)

Vor vielen Jahrhunderten gab Augustinus, einer der einflussreichsten Denker der abendländischen Kultur, auf die Frage nach dem Wesen der Zeit, eine scharfsinnige Antwort: "Wenn niemand mich davon fragt, weil3 ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären soll, weil3 ich es nicht" (Augustinus 1989:314). Eine der bekanntesten Erläuterungen der natürlichen Zeit findet sich bei Kant. Für Kant ist Zeit kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zugrunde läge. (Kant 1956:78)

Zeit ist nach Kant eine notwendige Vorstellung, die aller Anschauung zugrunde liegt. Die Zeit hat nur eine Dimension: Verschiedene Zeiten sind nicht zugleich, sondern nacheinander. Zeit ist für Kant wie Raum "eine reine Form der sinnlichen Anschauung", d. h. nicht empirisch, nicht durch Empfindung gegeben. In der menschlichen Vorstellung wird die objektive Zeit als eine eindimensionale, in eine Richtung ununterbrochen fortbewegende Linie verstanden, so dass Ereignisse vor uns oder hinter uns bzw. an einem Punkt dazwischen liegen. Sie sind kalendarisch oder im Hinblick auf den Sprechzeitpunkt oder ein anderes Ereignis mehr oder weniger genau lokalisierbar. Kant sieht offenbar Zeit als eine relative, nicht als absolute Kategorie an. Ich entnehme dies der folgenden Passage:

Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objektive Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahiert: denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht vor den Gegenständen, als ihre Bedingung vorhergehen, und a priori durch synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjektive Bedingung ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. (ebd. 80)

Mit anderen Worten: Zeit ist nicht absolut, sie ist nicht wirklich außerhalb der Dinge. Sie bildet in einem subjektiven Sinne einen Teil unseres Anschauungsapparats. Nach der Relativitätstheorie Einsteins ist die Zeit, wie Kant sie oben definiert, tatsächlich relativ und wird durch Bewegung verzerrt, d. h. sie hängt ab von der Bewegung. Jede Bewegung kann wahrgenommen werden, d. h. gemessen werden durch die Zahl, die ihr bezüglich der Zeit zugeordnet wird (vgl. auch Langier 1989:37).

Am direktesten kann man Zeit an Veränderungen feststellen, Veränderungen von Dingen, Situationen usw., welche in der Wirklichkeit beobachtbar sind. Der Begriff der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung ist nur durch und in der Zeitvorstellung möglich. Veränderungen sind wirklich und nur in der Zeit möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. So schreibt Kant:

Die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren Erfahrung, d. h. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und meiner Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirklich nicht als Objekt, sondern als die Vorstellungsart meiner selbst als Objekts anzusehen. (Kant 1956:83)

Nun ist die Frage zu beantworten, was man eigentlich unter Tempus zu verstehen hat. Diese ist bei der Analyse der Tempora oft gestellt und auf unterschiedliche Weise beantwortet worden. Zuerst muss festgehalten werden, dass das Tempus zunächst als grammatische Kategorie des Verbs zu verstehen, die allerdings keineswegs in allen Sprachen festzustellen ist. Dort, wo diese Kategorie grammatikalisiert ist, tritt sie in ganz verschiedenen Ausprägungen auf. So haben klassische Sprachen wie das Lateinische oder Griechische ein sehr differenziertes Tempussystem; in anderen indoeuropäischen Sprachen, beispielsweise den meisten slawischen, ist es hingegen vergleichsweise schwächer ausgeprägt. Tempus als Verbkategorie ist in der Linguistik außerordentlich intensiv diskutiert worden. Die Literatur zu diesem Thema ist fast unüberschaubar. Zu den wichtigsten Arbeiten aus den letzten Jahren sind Reichenbach (1947), Comrie (1985), Fabricius-Hansen (1986), Thieroff (1992) und Klein (1994) zu zählen. Diese Diskussion, in der es sowohl um die generelle Begrifflichkeit wie um Form und Funktion des Tempus in einzelnen Sprachen geht, dauert an. Was beispielsweise ist das Besondere am deutschen Tempussystem? Warum steht ausgerechnet Tempus im Brennpunkt der Diskussion? Bei den Tempuskategorien ergeben sich Schwierigkeiten sowohl bei der formalen als auch bei der inhaltlichen Betrachtung. Zum einen ist unklar, welche Kategorien überhaupt der Kategorisierung Tempus zuzurechnen sind, die sowohl analytisch als auch synthetisch realisiert wird. Die analytischen und synthetischen Kategorien werden also auf formal unterschiedliche Weise ausgedrückt. Zum anderen ist unklar, welche Bedeutung die Tempuskategorien haben. Unter den Autoren besteht Einigkeit lediglich darüber, dass sich die Bedeutung einer bestimmten Tempusform nicht einfach aus der lexikalischen Bedeutung ergibt; eine Tempusform ist vielmehr systematisch auf die Integration kontextuellen Wissens ausgelegt: das Tempus ist eine DEIKTISCHE Kategorie, d. h. seine Bedeutung ist nur unter Berücksichtigung des Sprechzeitpunktes zu erfassen. Bei der Bedeutungszuschreibung hat man es dem ersten Anschein nach also nicht allein mit innersprachlichem Regelwissen zu tun, sondern auch mit Weltwissen.

Wir möchten im Folgenden zwei Probleme im deutschen Tempussystem diskutieren. Erstens: Wie viele Tempuskategorien sollte man sinnvollerweise für das Deutsche ansetzen? Und zweitens: Kann man den Tempusformen jeweils eine einheitliche Bedeutung zuweisen? Dabei beschränken wir uns, wie in der Einleitung erläutert, auf die Formen mit Vergangenheitsbezug, nämlich Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt.

1.2.3 Tempussystem im Deutschen

Hinsichtlich der Zahl der für das Verb in einer bestimmten Sprache jeweils anzusetzenden Kategorien wie auch deren innerer Struktur gehen die Meinungen nicht eben selten weit auseinander. Für den Tempusbereich gilt dies in besonderem Maß. Anzahl und Struktur der Kategorien variieren in der Beschreibung in Abhängigkeit von dem ihnen jeweils zugeschriebenen Funktionsprizip einerseits und der Definition ihrer inhaltlichen Basis andererseits. Auf Grund der Schwierigkeit, grammatikalisierte und lexikalische Formen des Zeitbezugs voneinander abzugrenzen, schwanken die Annahmen über die Zahl der deutschen Tempora außerordentlich. Wir stellen einige in den letzten Jahren vertretene Auffassungen zusammen:

- Engel (1988) kennt überhaupt keine Tempora im Deutschen[2].
- Mugler (1988) nimmt nur das Präteritum als Tempus an; das Präsens ist für ihn ein Atemporalis[3].
- Bartsch (1969) setzt zwei Tempora an, (Präsens und Präteritum).
- Die traditionellen Grammatiken, die meisten modernen Monographien, Baum-gärtner/Wunderlich (1969) und Fabricius-Hansen (1986) u. a. arbeiten noch mit dem klassischen, am Lateinischen orientierten Sechsersystem.
- Weinrich (1964, 1971) sieht acht Tempora vor.
- Thieroff (1992:17) argumentiert dafür, dass im Indikativ nicht nur sechs, sondern zehn Tempuskategorien auszumachen sind. Zu den sechs bekannten kommen bei ihm die folgenden vier neu hinzu: PerfektII (hat gesungen gehabt), PlusquamperfektII (hatte gesungen gehabt)‚ FuturPräteritumI (würde singen) und FuturPräteritumII (würde gesungen haben).

Diese sicherlich nicht vollständige Zusammenstellung ist charakteristisch für die Meinungsvielfalt auf diesem Gebiet. Es zeigt sich, dass ein Verzicht auf formale Beschränkungen der Inflation von Tempuskategorien Tür und Tor öffnet. So stellt sich die Frage, warum man sich auf periphrastische Formen mit Hilfsverben (sein, haben, werden) beschränken sollte. Schließlich können auch Modalverben dazu genutzt werden, Temporalität auszudrücken. Ich will schreiben und Ich möchte schreiben drücken doch offensichtlich ebenso Zukünftigkeit der Handlung aus wie das FuturI Ich werde schreiben.

Unter dem Einfluss der lateinischen Grammatik hat man die Unterscheidung zwischen synthetisch gebildeten finiten Formen und analytisch gebildeten Formen oft vernachlässigt und ist damit zu einem der lateinischen Grammatik angenäherten System von sechs Tempora gelangt, das lange Zeit die herrschende Lehre war und sich auch heute noch in sehr vielen deskriptiven Grammatiken findet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf diese Weise verwischt man jedoch einen wichtigen Unterschied, nämlich den zwischen einfachen und zusammengesetzten Formen, der bei der Analyse der Bedeutung der Tempusformen fruchtbar gemacht werden kann.

Ob alle diese traditionellen sechs Formen tatsächlich Tempusformen sind, ist heute umstritten. Das Verb werden sei bei den sogenannten Futur-Konstruktionen gar kein Hilfs-, sondern ein Modalverb wie müssen oder können (Vater 1975, Eisenberg 1989). Ich werde schreiben und Ich werde geschrieben haben seien nicht temporal, sondern modal zu werten. Eine solche Auffassung führt dann zur Reduktion der Tempuskategorien. Das Sechs-Tempora-Modell würde durch ein Modell mit vier Tempora ersetzt, das Zehn-Tempora-Modell durch ein Modell mit acht.

Welche Formen sollte man berücksichtigen, welche nicht? Offensichtlich gibt es genügend Formen, bei denen Temporalität eine Rolle spielt. Dienen diese Formen jedoch immer auch der Markierung von Tempuskategorien? Ein Kriterium, das diese Frage zu beantworten hilft, erscheint mehr als wünschenswert. Dazu müsste man vor allem den Begriff Tempus klar definieren. Dies ist verschiedentlich versucht worden.

Comrie (1985:9), der eine der einflussreichsten Monographien zum Tempusbegriff geschrieben hat, schlägt folgende Definition vor: ”tense is grammaticalised expression of location in time.” Hier soll uns die Frage interessieren, was als grammatikalisierter Ausdruck angesehen werden kann. Um den Begriff grammatikalisiert näher bestimmen zu können, versucht Comrie, ihn mit zwei Parametern zu erklären: Eine Form soll dann als die grammatikalisierte Realisierung einer bestimmten Funktion gelten, wenn sie in der jeweiligen Sprache morphologisch gebunden ist, und wenn ihr Erscheinen obligatorisch ist (d. i. morphologische Gebundenheit und Obligatheit).

Die Erfüllung beider Kriterien ist jedoch ein Idealzustand, der nur von wenigen Formen erfüllt wird, im Deutschen eigentlich nur von dem Präteritum und Präsens, die als Tempora durch ein gebundenes Morphem bezeichnet werden[4]. Es ist bekannt, dass diese beiden Bedingungen zur Klärung des relevanten Begriffs noch nicht ausreichen. Zum einen ist, wie das Beispiel Hände hoch![5] im Deutschen zeigt, das Auftreten der Tempusformen keinesfalls obligatorisch; zum anderen wissen wir, dass viele Tempusformen nicht als Affixe am Verb auftreten, sondern dass es periphrastische Tempusformen gibt, die somit die Bedingung der morphologischen Gebundenheit nicht erfüllen. Wenn man z. B. die werden + Infinitiv-Konstruktion des Deutschen als Futurtempus betrachten will, so muss man als eigentliche Tempusform hier das Auxiliarverb werden bezeichnen, dass aber als freies Morphem auftritt.

Präsens und Präteritum werden also als Flexionsmorphem am Verb markiert, die anderen Tempora über periphrastische Fügungen bestehend aus einem finiten Hilfsverb (im Präsens oder Präteritum) und einem oder mehreren infiniten Bestandteilen, die an bestimmten festen Positionen im Satz erscheinen müssen. Strukturiert man das System der Tempusformen ausgehend vom Präsens- bzw. Präteritumsystem, so wird nur eine interne Ordnung bezüglich der Formenbildung hergestellt. Welche Formen berücksichtigt werden sollen und welche nicht - auf diese Frage kann ein solcher Ansatz keine Antwort geben.

Wenn es solche Schwierigkeiten macht, Kriterien für die Grammatikalisierung der Formen bzw. den Grammatikalisierungsgrad anzugeben, handelt es sich möglicherweise nicht um das geeignete Kriterium. Formale Kriterien allein scheinen bei den periphrastischen Formen nicht weiterzuhelfen; es müssen inhaltliche Besonderheiten der Kategorien herangezogen werden. Dazu führt Radtke aus:

Das Spezifische der Tempuskategorien kann nur dann erfasst werden, wenn sowohl formale als auch inhaltliche Besonderheiten berücksichtigt werden. (Radtke 1998:109)

Rein syntaktisch betrachtet bedeutet die Obligatorik, dass finite Verben genau eine Tempuskategorie aufweisen müssen. Unter inhaltlichen Gesichtspunkten impliziert die Obligatorik, dass die Relation zwischen Ereigniszeit und Sprechzeitpunkt immer dann, wenn ein finites Verb gebraucht wird, auch berücksichtigt werden muss.

Kommen wir wieder zurück zur Ausgangsfrage, nämlich: wie viele Tempuskategorien sollte man für das Tempussystem des Deutschen ansetzen – falls man überhaupt annimmt, dass das Deutsche ein Tempussystem hat (vgl. Engel 1988)? Bereits zur Anzahl der deutschen Tempora finden sich, wie schon erwähnt, unterschiedliche Ansätze. Die Meinungen reichen von der Annahme, dass das Deutsche über zehn Tempora verfüge (Thieroff 1992) bis zu der These, dass lediglich ein Tempus existiere (Mugler 1988). Geht man von konzeptionellen Überlegungen aus, so sollten mindestens jene Formen berücksichtigt werden, die ein Geschehen in Bezug auf den Sprechzeitpunkt als gleichzeitig, vorzeitig oder nachzeitig lokalisieren. Unter diesem Gesichtspunkt hätte man es im Deutschen zumindest mit drei grundlegenden Tempuskategorien zu tun: mit Präsens, Präteritum und Futur. Alle Tempuskategorien des Deutschen werden am Verb markiert, und zwar entweder mittels morphologischer oder morpho-syntaktischer Marker. Das Präsens und Präteritum bilden ohne Zweifel den Kern des deutschen Tempussytems. Sie werden morphologisch markiert und spielen auch für die weitere (Tempus-)Formenbildung eine entscheidende Rolle: Sämtliche periphrastisch markierten Formen greifen entweder auf präsentische oder aber präteritale Hilfsverben zurück. Alle fraglichen Tempusformen lassen sich somit entweder dem Präsens-oder dem Präteritumsystem zuordnen. Problematisch ist dabei, wie diese Tempuskategorien systematisch beschrieben werden sollen.

Die Bedeutungsanalyse der Tempuskategorien wird in der Literatur unterschiedlich konzeptualisiert. Es werden die vielfältigsten Vorschläge angeboten, die sich zu dem durch prinzipiell verschiedene Herangehensweisen und Terminologien unterscheiden. Das Spektrum reicht von der lokalisierenden Betrachtungsweise Reichenbachs (1947), der die Tempora mittels dreier Zeitparameter beschreibt, über Weinrich (1971), der ihre textuellen Funktionen untersucht, bis hin zu der äußerungsbezogenen Explikation der Tempuskategorien bei Klein (1994). Wir wollen im folgenden Abschnitt zunächst Reichenbachs Ansatz präsentieren und auf die Problematik in diesem System hinweisen. Danach gehen wir auf Kleins Theorie zum Tempus-Aspekt ausführlich ein.

1.2.4 Zur Relation von Tempus und Zeit

Tempuskategorien sind, wie bereits dargelegt, zum einen grammatikalisierte Ausdrücke, zum anderen sollen sie nach Comrie der zeitlichen Lokalisierung dienen. Die Besonderheit der Tempora besteht darin, dass die zeitliche Einordnung nicht absolut erfolgt, sondern mittels eines Referenzpunktes – typischerweise dem Sprechzeitpunkt (Comrie 1985:14). Von diesem aus werde, so die generelle Ansicht, das Geschehen lokalisiert:

As far as tense is concerned, then, the reference point is typically the present moment, and tenses locate situations either at the same time as the present moment [...], or prior to the present moment, or subsequent to the present moment. (Comrie 1985:14)

Tempuskategorien gelten somit als deiktisch[6], wie auch Comrie (1985:14) annimmt: ”A system which relates entities to a reference point is termed a deictic system, and we can therefore say that tense is deictic.” Diese Auffassung gilt allgemein. So rechnet beispielsweise Admoni (1970) die Tempuskategorien aufgrund ihrer deiktischen Eigenschaften dem kommunikativ-grammatischen Kategorientyp zu. Für den Gebrauch der Tempuskategorien bedeutet dies, dass die Gebrauchsregel zweierlei berücksichtigen müsste: zum einen Momente der Kommunikationssituation, zum anderen Gegebenheiten in der Welt.

Das wohl einflussreichste Modell in der Tempussemantik ist das von Reichenbach (1947) initiierte, das später modifiziert wurde. Für das Verständnis Reichenbachs ist wichtig, dass er seine Analyse der the tenses of verbs als Beispiel dafür entwickelt hat, dass sich präzise Methoden der symbolischen Logik sinnvoll auf die Analyse der natürlichen Sprache mit all ihren scheinbaren und echten Unregelmäßigkeiten anwenden lassen. Sein Ziel ist also nicht in erster Linie ein sprachwissenschaftliches. Insbesondere hat er nicht den Anspruch, alle möglichen Verwendungen der englischen Tempusformen zu erfassen. Er will, den Zielen des logischen Positivismus entsprechend, zeigen, dass sich ein klares und einfaches Bild der Tempusformen – genauer gesagt, ihrer Grundbedeutung - gewinnen lässt, wenn man Methoden der formalen Logik einsetzt.

Ausgehend von einem logisch-begrifflichen Standpunkt werden bestimmte Zeitabschnitte unterschieden, denen – je nach Sprache - bestimmte Tempora entsprechen. Tempora gelten – ganz in Übereinstimmung mit der schon zitierten traditionellen Auffassung - als deiktisch. Die Aufgabe der Tempora bestimmt Reichenbach wie folgt:

The tenses determine time with reference to the time point of the act of speech [...]. (Reichenbach 1947:287f.)

Die Tempora legen mithin ausgehend von Sprechzeitpunkt drei Zeiträume fest, nämlich die Vorzeitigkeit, die Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit: ”‘before the point of speech‘, ‚simultaneous with the point of speech‘, and ‚after the point of speech‘” (ebd. 288) . Für den Sprechzeitpunkt wählt er das Symbol S, für das Ereignis, das relativ zum Sprechzeitpunkt eingeordnet werden soll, das Symbol E.

Die Relationen vor, gleichzeitig und nach lokalisieren ein Ereignis mit Bezug auf S als vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. In (5) geht E dem S voraus, in (7) folgt es ihm; in (6) fallen beide zusammen.

(5) I saw you.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(6) I see you.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(7) I will see you.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allerdings reicht eine Analyse mittels dieser Begrifflichkeit nach Reichenbachs Ansicht nicht aus. Zum einen finden sich in den meisten Sprachen mehr als drei Tempora; zum anderen können bestimmte Tempora nicht allein über die Relation zwischen dem Sprechzeitpunkt und der Ereigniszeit erläutert werden. Reichenbach fügt diesem Schema der Tempusinterpretation einen dritten Zeitpunkt hinzu, um so die Tempora des Englischen adäquat zu erfassen: die Referenzzeit[7], abgekürzt als R. Dabei ist zu beachten, dass nach seiner Auffassung diese Zeit einen Punkt darstellt, ähnlich wie er dies für S und E annimmt.

Die Notwendigkeit, eine solche dritte Zeit anzunehmen, ergibt sich aus der Beobachtung, dass eine Beschreibung der temporalen Relationen bei den Perfekt-Tempusformen nur unter Bezugnahme auf diese Referenzzeit möglich ist. Reichenbach (1947:288) führt den Referenzzeitpunkt anhand eines Plusquamperfektbeispiels ein und sagt lediglich, dass die Etablierung von Referenzzeitpunkt zwischen Ereigniszeit und Sprechzeit hier dem Kontext zuzuschreiben sei. Um beispielsweise den Satz Peter had gone zu analysieren, werden demnach die folgenden drei Zeitpunkte benötigt: die Sprechzeit, die Ereigniszeit und die Referenzzeit. Reichenbach schreibt:

From a sentence like 'Peter had gone' we see that the time order expressed in the tense does not concern one event, but two events, whose positions are determined with respect to the point of speech. We shall call there the point of the event and the point of reference. In the example the point of the event is the time when Peter went; the point of reference is a time between this point and the point of speech. In an individual sentence like the one given it is not clear which time point is used as the point of reference. This determination is rather given by the context of a speech. (Reichenbach 1947:288)

Es ist aus dem Zitat ersichtlich, dass die Referenzzeit von Sätzen oder Temporalangaben im Kontext festgelegt wird: die Referenzzeit ist die Zeit eines anderen Ereignisses, das im Kontext – in der Regel im unmittelbar vorausgehenden Satz – genannt wird. Das heißt aber nichts anderes, als dass die Referenzzeit nicht von dem Satz Peter had gone determiniert wird und erst recht nicht von dem verwendeten Tempus, dem past perfect. Wenn man z. B. einen Satz wie

(8) Peter war weggegangen

betrachtet, so drückt in der Tat dieses Tempus nicht nur aus, dass die Ereigniszeit relativ zur Sprechzeit in der Vergangenheit liegt. Vielmehr bringt man mit (8) die Ereigniszeit in noch eine zusätzliche Vergangenheitsrelation zu einer anderen Zeit, die ihrerseits ebenfalls relativ zur Sprechzeit in der Vergangenheit liegt. Diese dritte Zeit in (8) nicht eindeutig determiniert, sie lässt sich aber in zusammenhängenden Erzählungen z. B. von der Ereigniszeit vorausgehender Sätze ableiten:

(8a) Maria kam gegen 3 Uhr. Peter war weggegangen.

In (8a) stellt Marias Ankunft die Rerefenzzeit für das Plusquamperfekt dar. Wenn man nun mit Reichenbach die Sprechzeit, die Ereigniszeit und die Referenzzeit durch die Buchstaben S, E und R repräsentiert und alle drei Intervalle als Punkte auf der Zeitlinie lokalisiert, so kann man die temporalen Verhältnisse, die durch das Plusquamperfekt zum Ausdruck gebracht werden, durch das folgende Schema veranschaulichen:

E R S

Reichenbach definiert das Konzept der Referenzzeit nicht wirklich. Er illustriert es an Beispielen, und aus diesen Beispielen wird deutlich, dass es sich um die Zeit eines anderen, kontextuell gegebenen Ereignisses handelt. Aber im Kontext können natürlich viele Ereignisse gegeben sein, und es ist nicht klar, welches davon als Lieferant der Referenzzeit zu gelten hat. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Begriff der Referenzzeit in der Literatur zu mannigfachen Interpretationen, Umdeutungen und neuen Definitionen geführt hat.

Bäuerle (1979:51) interpretiert den Referenzpunkt zunächst einmal als die „Evaluationszeit”, d.h. die Zeit, „von der aus gezählt wird”. In diesem Sinne wäre nach Bäuerle Reichenbachs point of speech „lediglich ein Spezialfall eines ‚point of reference‘” (ebd.). Für die einfachen Tempora Präsens, Präteritum, FuturI ist dabei die Sprechzeit immer die Evaluationszeit, ”es wird nur eine Zeit benötigt, von der aus gezählt wird” (ebd.), so dass Reichenbachs point of reference und point of speech bei diesen ”einfachen” Tempora ”lediglich zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe” wären (ebd.). Mit der Interpretation des Referenzpunktes als Evaluationszeit gewinnt die Betrachtzeit, ein weiterer zeitlicher Parameter, den Bäuerle kennt und der in gewisser Weise mit der Referenzzeit verwandt ist, einen gänzlich anderen Status als der Reichenbachsche Begriff der Referenzzeit. Zwar ist auch bei Bäuerle die Betrachtzeit die ”Zeit, auf die referiert (...) wird; oft durch Temporaladverbien spezifiziert”, doch ist die Ereigniszeit grundsätzlich ein Teilintervall der Betrachtzeit (ebd. 47). Somit benötigt Bäuerle also für die Interpretation aller Tempora die Begriffe Sprechzei t, Betrachtzeit und Aktzeit (=Ereigniszeit), für Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II zusätzlich, als vierten Parameter, die Evaluationszeit, die nur in diesen Tempora von der Sprechzeit verschieden ist. Schließlich geht Bäuerle davon aus, dass ”die TEMPORA einzig und allein eine Relation zwischen Sprechzeit und Betrachtzeit herstellen” (ebd. 46).

Den Ansatz von Bäuerle übernimmt weitgehend auch Ballweg, für den die Tempora ebenfalls ”Relationen zwischen Bezugszeit [Bäuerles Betrachtzeit] und Sprechzeit festlegen” (Ballweg 1988:33). Er ändert allerdings die Terminologie. Bäuerles Evaluationszeit bezeichnet Ballweg als ”Orientierungszeit”, als die ”entweder die Sprechzeit oder eine im Kontext von daher eingeführte Zeit” dient (ebd. 84). Auch für Ballweg ist die Sprechzeit lediglich ”ein Spezialfall” dieser Orientierungszeit (ebd. 85).

Wie wir gesehen haben, wird in Bäuerle (1979) und in Ballweg (1988) die Referenzzeit neu interpretiert als ein Zeitintervall, in dem die Ereigniszeit notwendig enthalten ist. Das hat zur Folge, dass für Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II eine vierte Zeit, die Evaluationszeit, eingeführt werden muss, die zur Beschreibung von Präsens, Präteritum und Futur I nicht erforderlich ist. Bei Baumgärtner /Wunderlich (1969) ist die Notwendigkeit einer Betrachtzeit für die Beschreibung der einfachen Tempora nicht erkennbar, wird jedoch ”aus systematischen Gründen” beibehalten.

Diese Reichenbachschen oder von ihm inspirierten Systeme haben ihren Weg auch in die deskriptiven Grammatiken des Deutschen gefunden. Nimmt man zwei der bekanntesten davon heraus, Duden und Eisenberg, so folgt die Eisenberg-Grammatik eher den ursprünglichen Vorstellungen Reichenbachs. Die Duden-Grammatik beschreibt die Tempora vor allem mittels der Relation des Ereignisses zum Sprechzeitpunkt. Eisenberg analysiert die Tempora mittels der drei bekannten Zeitparameter- bei ihm Sprechzeit, Aktzeit und Betrachtzeit genannt.

Die Referenzzeit ist sozusagen der Dreh- und Angelpunkt des Systems der temporalen Lokalisation. Auch Klein (1994), dem wir uns in der Folge im Wesentlichen anschließen, bringt ähnliche Kritik an Reichenbach und nachfolgenden Vorstellungen vor, die auf der Referenzzeit aufbauen. Seine Konzeption zeitlicher Relationen und Lokalisation ist im Grunde selbst eine ”Three parameter theory of tense” (ebd. 24ff.). Dabei vermisst er eine exakte Definition der Referenzzeit und entwickelt deshalb sein Konzept einer topic time, das auch eine inhaltliche Bestimmung des dritten bei der Lokalisation von Situationen notwendigen Zeitparameters vorsieht (vgl. Klein 1994:36ff.). Diese drei temporalen Parameter, die er als ”the time of utterance” (TU), ”time of situation” (TSit) und ”topic time” (TT) bezeichnet, sollen im nächsten Abschnitt etwas näher betrachtet werden. Zunächst gehen wir jedoch zurück zu den generellen Vorstellungen Kleins über das Konzept des dritten zeitlichen Parameters.

Klein stellt zunächst einmal fest, dass die von Reichenbach eingeführten temporalen Parameter Sprechzeit und Ereigniszeit einigermaßen gut zu verstehen sind (auch sie sich bei näherer Betrachtung doch wieder als nicht unproblematisch herausstellen). Ebenso kann man annehmen, dass die drei zeitlichen Relationen, also VOR, NACH und (MEHR ODER MINDER) GLEICHZEITIG, klar und einsichtig sind. Was aber ist der dritte Zeitpunkt? Ist dies irgendein beliebiges Zeitintervall, oder ist es in irgendeiner Weise näher bestimmt? Reichenbach gibt, wie schon bemerkt, eigentlich gar nicht an, was unter dem point of reference R zu verstehen sein soll. Es ist ein Zeitpunkt (oder eine Zeitspanne, wie die meisten späteren Autoren annehmen), der es erlaubt, die Bedeutung verschiedener Tempora voneinander zu trennen, selbst wenn sie E in gleicher Weise relativ zu S plazieren:

What now is this ‚time of reference‘? This notion is not intuitively clear, as are - to some extent at least – the notions of ‚time of speech‘ and ‚time of event‘. But without such a definition, the notion is useless. If R were just some arbitrary time span, then it would be more or less pointless to say that two tense forms a and b differ in that a expresses the complex temporal relation ‚E before R before S‘, whereas b expresses the relation ‚E before R simul S‘: If E is before S, then there is always some arbitrary time span which is in-between these two. Hence, if the notion of reference time is not to be vacuous, it must be given a reasonable interpretation. (Klein 1994:25)

Sinnvoll wird Reichenbachs Analyse erst, wenn man die Referenzzeit irgendwie deutet, und wenn man so will, kann man den Begriff Topikzeit als eine solche Deutung auffassen. Richtiger wäre es allerdings zu sagen, dass es eine von mehreren möglichen Vorstellungen eines dritten Zeitpunktes ist, der bei der Analyse der Tempora eine Rolle spielt; Vorstellungen über einen solchen dritten Zeitpunkt gab es nämlich lange schon vor Reichenbach; sein Begriff ist lediglich besonders populär geworden.

Im Kleinschen Modell kommt dem Konzept der topic time (TT)[8] eine besondere Rolle zu. Wichtig an seinen Vorschlägen ist, dass Tempora und Aspekte mit denselben Zeitparametern dargestellt und voneinander unterschieden werden können. Wir wollen im Folgenden zunächst Kleins Ansatz für die Beschreibung der Tempusbedeutung genauer darstellen. Dann werden wir versuchen, die Bedeutung der Tempora in den Vergleichssprachen nach diesem Ansatz zu beschreiben.

1.2.5 Tempusbedeutung nach Klein(1994)

Klein schlägt eine äußerungsbezogene Explikation der Tempusbedeutung vor und definiert Tempus folgendermaßen: ”Tenses [...] are abstract temporal relations” (Klein 1994:123). Dabei unterscheidet er wie bereits erwähnt drei verschiedene temporale Parameter, die bei der Analyse einer Äußerung berücksichtigt werden müssen, time of utterance (TU), topic time (TT), und time of stuation (TSit):

TU, the time at which the utterance is made;

TT, the time to which the assertion [...] is confined;

TSit, the time of the situation itself. (Klein 1994:160)

Die Äußerungszeit ist bereits aus anderen Tempusmodellen bekannt; neu hingegen sind das Konzept der Situationszeit (TSit) und der thematisierten Zeit (TT). Was hat man sich unter der Situationszeit und der Topikzeit vorzustellen? Klein erläutert seine Vorstellungen anhand einer einfachen Äußerung wie The light was on. Diese Äußerung, zu einer bestimmten Zeit von jemandem vorgebracht, hat eine infinite (INF) und eine finite Komponente (FIN). Die Situationszeit (TSit) ergibt sich in diesem Fall allein auf der Basis der infiniten Komponente:

The situation is here the being-on of the light. The situation is selectively described by the non-finite component [...]. Hence, TSit is simply the time which corresponds to INF. (Klein 1994:3)

Die Topikzeit (thematisierte Zeit) hingegen steht in Relation zum finiten Teil der Äußerung:

TT is the time which corresponds to the ‚finite component‘ of the utterance. (ebd. 3)

Für die Bedeutung der Tempora ist nicht die Zeit, zu der die durch die infinite Komponente beschriebene Situation besteht, der entscheidende Parameter, sondern die Zeit, über die etwas behauptet wird, über die geredet wird, die thematisiert ist: dies ist die Topikzeit. Für diese Topikzeit (TT), nicht aber für die Zeit der Situation, gilt in der oben genannten Äußerung, dass sie vor der Äußerungszeit (TU) liegt: ”TT clearly precedes TU” (ebd. 3). Wie kann man sich das Zusammenspiel der verschiedenen Parameter vorstellen? Klein erläutert sein Konzept durch die folgenden Beispiele. Man könne sich, so schreibt Klein, eine Situation vor Gericht ausmalen, in der es zu dem folgenden Dialog kommt (vgl. Klein 1994:3f):

- What did you notice when you looked into the room? The light was on.

Durch die Frage wird die Topikzeit, also die Zeit, über die etwas gesagt werden soll, festgelegt:

In this case, the judge’s question fixes a definite TT, and the witness is advised to talk about this time, and this time only. (ebd. 4)

Die Antwort betrifft einzig und allein die Topikzeit; ob die durch eine Antwort geäußerte Aussage auch für andere Zeitpunkte oder Zeitspannen gilt, wird hierbei nicht erwähnt. Es könnte der Fall sein, dass das Licht auch vor und oder nach der Topikzeit an war. Entscheidend ist jedoch nach Klein:

He [= der Zeuge, der vom Richter gefragt wird] is not asked for the time at which the light was on, but for what was the case at exactly that particular TT, and no claim is to be made about any other time. In other words: TT is the time span to which the speaker’s claim on this occasion is confined. (ebd. 4)

Um die Bedeutung der Tempora zu beschreiben, muss die Relation zwischen der Topikzeit (TT) und der Äußerungszeit (TU) berücksichtigt werden:

Tense marking applies to the relation between TT and TU, rather than to the relation between TSit and TU (TSit is not before TU in the case of the book’s being in Russian). It does not matter for tense whether the event, state, or process is before, at, or after the time of utterance. This is in remarkable contrast to widely held assumptions about tense. (ebd. 5)

Nach dieser Vorstellung gilt also, dass die Bedeutung der Tempora nicht über das Verhältnis zwischen der faktischen Zeit eines Ereignisses, Zustands oder Vorgangs (üblicherweise E bezeichnet)[9] und der Äul3erungszeit bestimmt wird, sondern über das Verhältnis zwischen der thematisierten Zeit, der Topikzeit TT, und der Äul3erungszeit TU. Entscheidend für die Bedeutung der Tempora ist damit nicht die tatsächliche Zeitspanne eines Ereignisses, sondern die thematisierte Zeitspanne.

Wodurch wird nun die Topikzeit der jeweiligen Äul3erung festgelegt?

How do we know what the topic time of a given utterance is? To same extend, it is made explicit by the tense marking of FIN, which says that it is before TU, after TU, or includes TU. (ebd. 162)

Die thematisierte Zeit wird also bis zu einem bestimmten Grad vom Tempus spezifiziert. Dabei bestehen drei Optionen: die thematisierte Zeit liegt vor der Äul3erungszeit, nach der Äul3erungszeit oder schliel3t diese ein. Diese Relation wird also von den Tempuskategorien spezifiziert. Klein schreibt:

It appears, however, that the most typical tenses, encoded in many languages, are very simple: TT AFTER TU, TT BEFORE TU, and TU INCL(uded in) TT. (ebd. 122)

Zwischen dem Enthaltensein (im Grenzfall der Gleichzeitigkeit) auf der einen Seite und der Relation der Vor- bzw. Nachzeitigkeit auf der anderen Seite besteht jedoch ein entscheidender Unterschied:

Note, however, that the degree of specificity is quite different for TTs which include TT [TU] (in short, TTo), on the one hand, and TTs in the past (in short, TT) or in the future (in short, TT), on the other. [...] For TTo, the tense marking gives the position on the time axis, leaving open the precise boundaries: a TTo can be short or long, and tense does not say anything about tense boundaries; but it is where TU is. For TT, however, tense gives only a frame: it must be somewhere in the past, and neither its position nor its boundaries are further specified (the argument is analogous for TT [TT]). (ebd. 162)

Für TTo gilt also: Gegeben ist die Position auf der Zeitachse, nicht jedoch die Ausdehnung auf der Zeitachse und mithin die beiden Grenzen. Für die TT bzw. TT gilt: Weder die Position auf der Zeitachse ist gegeben noch die Ausdehnung; TT liegt irgendwo in der Vergangenheit, TT irgendwo in der Zukunft. Dieses unterschiedliche Verhalten hat Konsequenzen für weitere Spezifizierungen der thematisierten Zeit. Eine genaue Bestimmung bezüglich der Position und der Grenzen der thematisierten Zeit im Falle von TT und TT bzw. der Grenzen im Falle von TTo kann durch eine klare Vorgabe erfolgen, oder aber durch Temporaladverbien, die in Abschnitt 1.4 etwas näher betrachtet werden.

Will man innerhalb dieses Modells die Bedeutung der Tempora beschreiben, so ist die Relation zwischen der Topikzeit (TT) und der Äußerungszeit (TU) entscheidend: Die Tempora spezifizieren bis zu einem bestimmten Grad die Topikzeit einer Äußerung; sie legen fest, ob diese vor oder nach der Äußerungszeit (TU) liegt bzw. diese einschließt. Allein schon terminologisch betrachtet hat der Begriff der topic time (TT) in unserem Zusammenhang einen Vorteil, denn der Referenzbegriff wird nicht überstrapaziert, so dass keine Konfusion mit unserem Referenzkonzept aufkommen kann. Kleins Definition des dritten Zeitparameters ist darüber hinaus relativ unkompliziert.

Die Kleinsche Auffassung hat im Vergleich zu Reichenbach noch einen weiteren Vorteil, dass sie zwischen der faktischen Zeitspanne eines Ereignisses und der für die Äußerung relevanten Zeitspanne (eben der Topikzeit) unterscheidet. So kann die Verwendung des Präteritums in Äußerungen wie beispielsweise There was a book on the table. It was in Russian vernünftig abgeleitet werden. Die Geltung beider Aussagen bezieht sich nur auf die Topikzeit. Dabei besteht zwischen den beiden Situationen ein bemerkenswerter Unterschied:

being on the table is a TEMPORARY property of this book. [...] Being in Russian is generally considered to be a PERMANENT property of books. (ebd. 4)

Während im ersten Fall eine TT´ denkbar ist, zu der das Buch noch nicht auf dem Tisch liegt, ist dies bei der zweiten Aussage schwer möglich: Es gibt keine TT, zu der das Buch nicht ein russisches Buch wäre. Nach der klassischen Vorstellung von Tempus dürfte in diesem Satz nicht das Präteritum verwendet werden, denn die Zeit des Ereignisses, also die Zeit, zu der das Buch auf Russisch ist, kann nicht vor der Sprechzeit liegen – es ist ja immer auf Russisch, und folglich muss die Situationszeit die Sprechzeit einschließen.

Warum wird in dieser Situation das Präteritum dennoch verwendet? Eine Lösung ist nach Klein unter Rückgriff auf die TT möglich: Das Russisch-sein ist die Situation, die zur fraglichen TT bestand; ob diese Situation weiterhin Bestand hat, steht hingegen nicht zur Diskussion: die Behauptung ist auf die Topikzeit beschränkt, und diese Topikzeit liegt eben vor der Sprechzeit. Folgt man den herkömmlichen Tempusmodell–Auffassungen, so hat das Präteritum des Deutschen die Bedeutung von E vor S. Man müsste mithin davon ausgehen, dass das Ereignis vor dem Sprechzeitpunkt liegt und bereits abgeschlossen ist. Dies ist selbst in so elementaren Fällen wie dem eben angeführten offenkundig falsch. Nach der von Klein entwickelten und in dieser Arbeit übernommenen Vorstellung jedoch signalisiert das Präteritum lediglich, dass die thematisierte Zeit irgendwo vor der Äußerungszeit liegt; wo genau die thematisierte Zeit zu lokalisieren ist und wo ihre Grenzen sind, darüber gibt das Präteritum selbst jedoch keinerlei Auskunft. Die genaue Lokalisierung erfolgt durch den Kontext und den Kotext einerseits, durch temporale Adverbien andererseits.

Problematisch ist dabei, dass bei der Tempusbeschreibung von Klein drei Tempora beschrieben werden können, nämlich ein Tempus für Vorzeitigkeit (TT), eins für Nachzeitigkeit (TT) und eins für Gleichzeitigkeit (TTo) - es sei denn, man nimmt andere, komplexe zeitliche Relationen an. Es stellt sich demnach die Frage, ob diese drei Fälle ausreichend sind. Dem scheint zunächst entgegenzustehen, dass es zumindest nach der traditionellen Analyse sechs Tempusformen gibt. Nun besagt die Kleinsche Analyse aber ohnehin nicht direkt etwas über die Lokalisierung des Ereignisses relativ zur Sprechzeit. Diese Beziehung ist vermittelt – sie muss über eine weitere temporale Beziehung zwischen der Topikzeit und der Situationszeit hergestellt werden. Diese temporale Relation rekonstruiert das, was traditionell als eine bestimmte Sehweise, als eine temporale Perspektivierung, als Aspekt angesehen wird. Die deutschen Tempusformen sind daher eine Kombination aus Tempus und Aspekt – beide als temporale Relationen verstanden. So muss das deutsche Perfekt – in entsprechenden Kontexten - nicht als reines Tempus gedeutet werden, sondern als Kombination aus Tempus und Aspekt.

1.2.6 Zusammenfassung

Die Kategorie Tempus ist eine abstrakte zeitliche Relation zwischen zwei Zeitparametern: TT, der Zeit, für die eine Assertion gemacht wird, und einer ausgezeichneten Zeit, normalerweise die Äußerungszeit (TU). Die Tempusrelationen sind deiktisch, und die Tempora lokalisieren die TT lediglich im Hinblick auf Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit bzw. Überlappung mit TU. Folglich sind bei Klein nur drei absoluten Tempora anzunehmen. Allgemein lassen sich diese drei Relationen folgendermaßen zusammenfassen:

PRÄT : TT vor TU (TT) PRÄS : TT enthält TU (TTo) FUTUR: TT nach TU (TT)

Das System der Tempusmarkierung in einer bestimmten Sprache kann die abstrakten Relationen ganz unterschiedlich kodieren. Ein Extrem besteht darin, sie alle in einer Form zusammenzufassen, d. h. die Sprachen haben überhaupt keine Tempusdifferenzierung, wie man dies gemeinhin für das Chinesische oder für das Vietnamesische annimmt. Viele Sprachen haben zwei Formen. Dabei fallen meist TTo und TT, also PRÄS und FUTUR, in einer Form zusammen und kontrastieren zu einer anderen Form, die den Vergangenheitsbezug ausdrückt. Schließlich kann es auch drei verschiedene Formen geben wie im Englischen.

Das deutsche System der Tempusmarkierung ist einigermaßen verwickelt. Es gibt eine morphologische Form, die in der Regel für TTo und TT verwendet wird, das sogenannte Präsens (s chläft). Das periphrastische Futur (wird schlafen) wird nur unter bestimmten Bedingungen verwendet. Für TT gibt es das Präteritum (schlief) wie auch das Perfekt (hat geschlafen), die beide besondere Gebrauchsbedingungen haben. Wie dies im Einzelnen aussieht, ist in einer detaillierten Bedeutungsanalyse anzugeben.

Das genaue Zusammenspiel von Tempus und Aspekt zu klären, stellt allerdings keine leichte Aufgabe dar, vor allem in den Sprachen, in denen keine formale Aspektkategorie vorhanden ist. Im Folgenden beschränken wir uns auf die Aspektkategorie und dabei versuchen wir zu klären, was man unter dem Aspekt verstehen soll. Darüber hinaus wird diskutiert, in welchem Sinne man im Deutschen von Aspekt reden kann. Der bloße Umstand, dass es keine systematische morphologische Differenzierung zwischen zwei aspektuell verschiedenen Formen gibt, besagt ja nicht, dass es auch semantisch keine Aspektrelation gibt.

1.3 Aspekt

1.3.1 Vorbemerkungen

In den herkömmlichen am Griechischen und Lateinischen orientierten Beschreibungen des Verbalsystems spielt der Aspektbegriff keine so hervorragende Rolle wie der des Tempus. In Wirklichkeit ist der Aspekt in den Sprachen der Welt viel verbreiteter als das Tempus. Es gibt viele Sprachen ohne Tempusmarkierung, aber nur wenige ohne Aspektmarkierung. Welche Sprache ist Aspektsprache, welche nicht? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zuerst die Kategorie des Aspekts ausführlicher untersuchen. Bevor wir uns mit dem Aspektsystem befassen, mag es nützlich sein, einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Begriffs Aspekt zu geben.

Der Terminus aspect taucht erstmals als Übersetzung des russischen vid, dessen objektsprachliche Bedeutung als Aussehen, Aussicht, Ansicht zu verstehen ist. Dieses slawische vid, das die Opposition von perfektiv und imperfektiv in den slawischen Sprachen bezeichnet, ist eine Lehnübersetzung des griechischen Wortes eidos, das für die "Formkategorie innerhalb des verbalen und nominalen Derivationssystems in ihrem formalen Gegensatz zu den nicht abgeleiteten Grundwörtern" (Pollak, 1960:33) gebraucht wird.

Das Resultat dieser zweimaligen Lehnübersetzung (eidos- vid - Aspekt) ist der heutige Aspektbegriff, in dem es in erster Linie um eine formale Charakterisierung einer grammatischen Kategorie geht. Der Begriff Aspekt wird aber auch im Zusammenhang mit Tempusbedeutungen gebraucht, da viele Sprachen Aspektunterschiede auf bestimmten Zeitstufen durch die grammatischen Formen (typischerweise etwa durch zwei Tempusformen für dieselbe Zeitstufe der Vergangenheit) ausdrücken (vgl. Comrie 1976:35). Dabei geht es um die Frage, welche Tempusformen eine Aspektopposition bilden und welche sowohl als Tempus als auch als Aspekt angenommen werden.

Der Begriff Aspekt wird in der umfangreichen Literatur noch wesentlich uneinheitlicher behandelt als der Begriff Tempus, der, wie wir weiter oben gesehen haben, auch nicht einheitlich gesehen wird. Wir gehen im Folgenden zunächst auf einige grammatikalisierte Aspektunterschiede ein und versuchen, deutlich zu machen, wo sich die Unterscheidung zwischen verschiedenen Aspekten in den einzelnen Sprachen geltend macht. Es folgt darauf die Klärung der Fragen, inwieweit von einem Aspekt im Deutschen gesprochen werden kann und wie die morphologische Aspektopposition im Deutschen wiederzugeben ist.

Weil die Begriffe Tempus, Aspekt und Aktionsart in der Tat einander nahestehen, sogar in gewissem Sinne miteinander verwandt sind, da sie alle mit der Zeitlichkeit von Vorgängen bzw. Situationen zu tun haben, soll im Abschluss dieses Abschnitts versucht werden, eine Abgrenzung dieser begrifflichen Kategorien vorzunehmen.

1.3.2 Problematik und Definition der Kategorie Aspekt

Im Laufe der Zeit hat es eine Reihe von Versuchen gegeben, den Begriff Aspekt eindeutig zu definieren. Das Problem der Aspektbestimmung gilt allerdings als eine der schwierigsten Fragen der Sprachwissenschaft. Die Meinungen divergieren erheblich in Bezug auf die sprachliche Bedeutung des Aspektes, hinsichtlich seiner funktionellen Einordnung und Abgrenzung gegenüber anderen grammatischen oder lexikalischen Kategorien sowie in Bezug auf den einzelnen Stellenwert, der ihm in den Systemen verschiedener Sprachen zukommt.

Die Sprachwissenschaftler sind sich zumindest insoweit einig, dass der Aspekt keine zeitliche Relation zur Sprechzeit ist - er ist also nicht deiktisch wie das Tempus -, sondern eine subjektive Sehweise eines Sachverhaltes reflektiert: ein und dieselbe Situation kann vom Sprecher im Hinblick auf ihre zeitlichen Eigenschaften in unterschiedlicher Weise dargestellt werden. Wie kann man dies genauer fassen? Im Großen und Ganzen finden sich in der Literatur zwei Arten von mehr oder minder metaphorischen Charakterisierungen, die in der Formulierung im Einzelnen ein wenig voneinander abweichen, im Grunde jedoch auf dasselbe hinauslaufen. Sie werden benutzt, um die beiden grundlegenden Aspekte zu kennzeichnen. Dies sind:

1. Die Situation wird als vollendet (abgeschlossen) oder als unvollendet (im Verlauf befindlich) gesehen bzw. dargestellt.
2. Die Situation wird als von außen oder als von innen gesehen bzw. dargestellt.

Der erste Fall entspricht jeweils dem perfektiven Aspekt, der zweite dem imperfektiven. Daneben gibt es einige weitere aspektuelle Differenzierungen, die jedoch in der Regel als nachgeordnet oder als abgeleitet angesehen werden. Beide Definitionsweisen bringen eine ganze Reihe von Problemen mit sich, von denen wir einige hier kurz erörtern wollen.

Das erste Problem bezieht sich auf die gängige Redeweise abgeschlosse n oder unabgeschlossen. Ausgangspunkt ist hierbei die Ansicht, dass alle von den Verbalformen abgebildeten Prozesse entweder im Verlauf befindlich oder abgeschlossen sind. Bezogen auf die slawischen Sprachen hat man versucht, den Aspekt auf die Opposition perfektiv und imperfektiv zu reduzieren und auf andere Sprachen zu übertragen. Die primär für das slawische Verbum anzunehmende Opposition perfektiv - imperfektiv wird systematisch und obligatorisch realisiert und bedeutet die abgeschlossene und die unabgeschlossene Handlung. Übertragung dieser Termini abgeschlossen und unabgeschlossen auf Einzelsprachen, in denen die Aspektopposition unterschiedlich gegliedert ist und demzufolge mit diesen Begriffen nicht gleichzusetzen ist, führt dazu, dass die Sprachen, die zwar eine spezifische grammatische Opposition bilden, aber semantisch nicht genau der Aspektualität perfektiv - imperfektiv in den slawischen Sprachen entsprechen, nicht als Aspektsprachen bezeichnet werden können. Nespital (1983) ist einer von Autoren, der von der slawischen Aspektopposition ausgeht und behauptet, dass der Verbalaspekt nur in wenigen Sprachen eindeutig nachweisbar ist. Er bezeichnet lediglich die slawischen und neuindischen Sprachen als Aspektsprachen und deutet an, dass mitunter bestritten wird, dass Sprachen, die keine spezifische Aspekt-Opposition perfektiv - imperfektiv wie das Slawische haben, die Bedeutung dieser Kategorie überhaupt ausdrücken können:

Im Vergleich dazu kann keine Nicht-Aspektsprache, also zum Beispiel das Deutsche, Englische, Französische oder das Türkische, die spezifischen genuin aspektuellen Bedeutungen der slawischen und neuindischen Aspektformen wiedergeben, weder durch Verbformen allein, noch durch Hinzuziehung von Mitteln des Kontextes. (Nespital 1983: 375)

Nespital fordert, dass der Aspektbegriff nur dann bei anderen Sprachen verwendet werden solle, wenn diese in allen entscheidenden Punkten, morphologischen, lexikalischen und semantischen, mit den Fakten der slawischen Sprachen übereinstimmen. (ebd. 373)

Er rechtfertigt diese Forderung damit, dass der Aspektbegriff aus der Slawistik komme. Diese Auffassung führt dann dazu, dass es außerhalb der slawischen Sprachen keinen Aspekt geben kann. In diesem Sinne ist das Türkische als Aspektsprache fraglich. Die Frage, ob das Türkische den Aspektsprachen zuzuordnen ist, oder welche Sprachen zu den Aspektsprachen gehören, wird im Laufe der Arbeit eingehend diskutiert.

[...]


[1] Großschreibung einer Verbform zeigt kontrastive Betonung an.

[2] Nach Engel (1988) sind die verbalen Formen des Deutschen in Ausrichtung auf das Lateinische entstanden. Er nimmt für das Deutsche nur das Präsens und das Präteritum als richtige Verbformen an und betont, dass die meisten verbalen Ausdrücke im Deutschen gar nicht zeitlich definiert werden können. Auch vom Inhaltlichen her ist ein Tempussystem im Deutschen nicht vertretbar: ”Aber auch vom Inhaltlichen her läßt sich das überlieferte Tempussytem nicht rechtfertigen. Wenn nämlich (was kaum mehr bestritten wird) die einzelnen Oberflächenelemente ihre je eigenen Bedeutungen haben, und wenn diese Einzelbedeutungen die Bedeutungen größerer Komplexe mitkonstituieren, so liegt die Schlußfolgerung nahe, daß auch verbale Komplexe grundlegend andere Bedeutungen haben als einzeln auftretende Verbformen.” (Engel 1988:195)

[3] Mugler zufolge ist nur das Präteritum das einzige Tempus des Deutschen. Das Präsens ist nach Mugler hinsichtlich Tempus und Aspekt unmarkiert. Würden wir uns dieser These anschließen, so verfügte das Deutsche nicht über ein Tempussystem, sondern nur über genau ein Tempus, das in einer näher zu präzisierenden Form Vergangenheit bezeichnet.

[4] Nach Vater (1992:122) erfüllt das Kriterium Gebundenheit im Deutschen nur das Präteritum; nur dieses Tempus wird durch gebundene Morpheme ausgedrückt. Das Präsens ist nicht morphologisch markiert; die anderen Tempora des Deutschen werden durch syntaktische Mittel (periphrastisch) ausgedrückt.

[5] Äußerungen ohne finiten Verbformen sind in Alltagstexten sehr geläufig; hier nur eine kleine Auswahl dessen, was man lesen oder hören kann: Betreten verboten! (Verbot), Vorsicht die Ampel! (Warnung), Hände hoch! (Aufforderung)

[6] Eine Ausnahme bildet Weinrichs textlinguistischer Ansatz, der den Tempora primär texttypenunterscheidenden Charakter zuschreibt. Dabei behandelt Weinrich die Tempora explizit als Signale im Bühlerschen Sinne, die die Orientierung des Hörers/Lesers anleiten sollen. Diese sind anscheinend aber nicht an eine Origo geknüpft, zumindest nicht in der gleichen Weise wie die deiktischen Elemente der Sprache (vgl. Weinrich 1964/1971: 32f).

[7] Der Sprecher befindet sich zwar an der Sprechzeit, zusätzlich aber wählt er noch einen anderen Standpunkt auf der Zeitachse und tut so, als würde er die Handlung von diesem zweiten zeitlichen Standpunkt aus beschreiben. Diese Standpunktzeit nennt Reichenbach point of reference.

[8] Kleins Topikzeit wird auch von anderen Autoren wie z. B. Musan (1999) mit der begrifflichen Veränderung zur Tempusanalyse übernommen. Musan verwendet bei der Analyse des deutschen Perfekts anstelle des Begriffs Topikzeit den der Tempuszeit. Die Verwendung der Tempuszeit bringt allerdings Probleme, wenn eine Sprache keine grammatische Markierung des Tempus besitzt. Sollte man dann den Begriff Adverb- oder Partikelzeit für Tempuszeit verwenden, wenn Temporalität in einer Sprache durch Adverbiale bzw. Partikeln ausgedrückt wird?

[9] Wir benutzen in dieser Arbeit Situation für Ereignisse, Zustände, Prozesse, Vorgänge, Handlungen, gleich welcher Art, weil sie von vielen Autoren in diesem Sinn gebraucht wird.

Details

Seiten
245
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640427925
ISBN (Buch)
9783640422876
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135203
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Neuphilologische Fakultät
Note
gut
Schlagworte
10 08 2009

Autor

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Titel: Das Tempus- und Aspektsystem im Deutschen und Türkischen