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Führt die Darstellung von Gewalt im Fernsehen zu einer aggressiveren Gesellschaft?

Eine Analyse der aktuellen Forschungssituation

Studienarbeit 1999 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

1 Einleitung

Der Gedanke, dass die mediale Darstellung von Gewalt Rezipienten dazu verleitet, selbst gewalttätig zu handeln, hat eine lange Tradition. Platon forderte beispielsweise schon um 400 v. Chr. , die griechischen Jugendlichen vor der verderblichen Wirkung der zahlreichen gewalthaltigen Szenen in den Homerischen Werken „Odyssee“ und „Ilias“ zu schützen (vgl. Merten 1999: 180). Bis heute loderte die Diskussion um eventuelle negative Wirkungen dargestellter Gewalt immer dann besonders stark auf, wenn ein neues Medium eingeführt wurde. Vor allem die ersten audiovisuellen Medien, die man wegen ihrer so realistisch anmutenden Bilder und Töne für besonders gefährlich hielt, wurden argwöhnisch betrachtet. Unmittelbar nach der Erfindung des Kinematographen bildeten sich bereits verschiedene Gruppen, die die Verbreitung von „Schundfilmen“ verhindern wollten, weil sie Nachahmungstaten infolge dargestellter Verbrechen befürchteten (vgl. Programmpolitik 1999: 46).

Mit dem Fernsehen hat sich mittlerweile ein Nachfahre der Kinematographie zum weltweit unangefochtenen Leitmedium entwickelt.[1] In der industrialisierten Welt hat nahezu jeder Mensch Zugang zu einem Fernsehgerät und verbringt regelmäßig eine gewisse Zeit vor dem Bildschirm.[2] Diese Tatsache ist der Grund dafür, weshalb kein anderes Medium derart intensiv auf seine möglichen Wirkungen untersucht wurde wie das Fernsehen. Denn wenn von ihm irgendwelche schädlichen Einflüsse ausgehen würden, wären ungeheure Menschenmengen betroffen. Selbst auf den ersten Blick geringe Effekte im Promillebereich würden angesichts Millionen von Zuschauern ein ernstzunehmendes Problem darstellen (vgl. Kunczik 1996a: 9). Außerdem spielt das Fernsehen neben der Familie und dem übrigen sozialen Umfeld eine wichtige Rolle in der Sozialisation von Kindern bzw. Jugendlichen und entscheidet so darüber mit, wie sich die jüngeren Zuschauer später in die Gesellschaft einfügen (vgl. Kunczik 1996a: 1). Negative Medienwirkungen könnten im schlimmsten Fall eine ganze Generation prägen. Daher richten viele Studien ihr Hauptaugenmerk auf die Rolle des Fernsehens im Prozess der Sozialisation.

Ziel dieser Hausarbeit ist es nun nicht, aus der Vielfalt der Studien eine einzelne herauszugreifen, zu analysieren und anschließend zu bewerten. Stattdessen wird untersucht, inwieweit die Kommunikationswissenschaft eine Antwort auf folgende zwei Fragen geben kann: Hat die Rezeption von im Fernsehen dargestellter, fiktiver Gewalt Auswirkungen auf die Genese realer Gewalt? Falls ja, wie groß ist dieser Einfluss? Die Beschränkung auf fiktive Gewalt fußt auf der Überlegung, dass in Informationssendungen die Behandlung von Kriegen und Verbrechen unverzichtbar ist. Die Tagesschau kann beispielsweise die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern nicht einfach übergehen, wenn sie ihren Zuschauern einen Überblick des Weltgeschehens bieten will. Bei Unterhaltungsangeboten sind dagegen Themen und Handlung erfunden. Es liegt folglich allein in den Händen von Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten, ob hier geschlagen, geschossen, vergewaltigt und gemordet wird. Sollten hinsichtlich der Rezeption von Fernsehgewalt tatsächlich schädliche Effekte nachgewiesen werden, wäre es also ohnehin nur im Bereich der unterhaltenden Medienangebote denkbar, auf die Programmgestaltung einzuwirken.

In den letzten Jahren ist sowohl die wissenschaftliche, wie auch die öffentliche Diskussion der Frage nach Auswirkungen im Fernsehen dargestellter Gewalt zusehends intensiver geworden. Erkennbar ist diese Entwicklung an der wachsenden Zahl der Studien. Zählte Michael Kunczik 1988 noch 2500 Untersuchungen zum Thema „Gewalt“, spricht er 1998 schon von 5000 Arbeiten (vgl. Kunczik 19??KKK: 100; Kunczik/Zipfel 1998: 561). Ausgelöst wurde dieser Forschungsboom durch die Annahme, dass in der Gesellschaft, besonders unter Jugendlichen, die Gewaltbereitschaft stetig steige.[3]

Weiterhin werden im Rahmen dieser Hausarbeit auch einige längst widerlegte Theorien und Ansätze vorgestellt, die im öffentlichen Diskurs immer wieder aufgegriffen werden und daher für sein Verständnis unverzichtbar sind.

2 Wie definiert sich der Begriff „Gewalt“?

Wer von Gewalt spricht, der muss genau definieren, was er damit meint. Denn so klar die Bedeutung des Begriffes „Gewalt“ auf den ersten Blick scheint, so schillernd und mannigfaltig ist sie in Wahrheit. Es kann zwischen personeller und struktureller, physischer und psychischer, legitimer und illegitimer, individueller und kollektiver, expressiver und instrumenteller, intentionaler und nicht-intentionaler sowie manifester und latenter Gewalt unterschieden werden. Auch handelt es sich bei Gewalt um nichts in der Realität unmittelbar gegebenes, das sich mit einem entsprechenden Gerät messen lässt. Es ist vielmehr ein soziales Urteil mit dem die Mitglieder einer Gesellschaft ein bestimmtes Verhalten als unerwünscht deklarieren. Daraus folgt, dass der Gewaltbegriff flexibel ist und sich beispielsweise im Laufe der Zeit verändern kann. Ebenso gut ist es denkbar, dass dieselbe Handlung von einem Individuum als gewalttätig beurteilt wird und von einem anderen nicht. Ausführlich geschildert wird die Problematik der Definition von Gewalt bei Klaus Merten (vgl. Merten 1999: 13-63). Wie schwierig der Gewaltbegriff in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen ist, lässt sich daran ermessen, „da[ss] die Zahl der in der Forschung verwendeten Definitionen von Aggression/Gewalt etwa genauso groß ist, wie die Zahl der Theorien und empirischen Ansätze“ (Merten 1999: 16).

Um sich nicht zu weit von den Ängsten und Befürchtungen der Bevölkerung zu entfernen, wird im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit auf eine exakte Definition verzichtet und von einer eher umgangssprachlichen Bedeutung des Begriffes „Gewalt“ ausgegangen.[4] Gewalt/Aggression ist demnach charakterisiert als physische Schädigung eines Menschen oder seines Besitzes durch einen anderen Menschen. (vgl. Schwind, bei Merten S. 13) Untersucht werden soll, ob der Konsum von aggressiven Fernsehangeboten zu einem Verhalten führt, das diesem Verständnis von Gewalt entspricht. Sehen zum Beispiel Jugendliche Horrorfilme und neigen anschließend stärker zu Vandalismus als vorher?

[...]


[1] Ob das Fernsehen zukünftig in seiner Funktion als Leitmedium durch das Internet abgelöst wird, bleibt abzuwarten. Noch kann davon aber keine Rede sein, da laut GfK-Nürnberg in der Bundesrepublik erst 34 % (Stand: Juli 2000) der 14- bis 69-Jährigen überhaupt das Internet nutzen. (Abgerufen am 11. Oktober 2000 unter der Internetadresse: www.focus.de/D/DD/DD36/dd36.htm )

[2] Auch wenn Kinder in der Regel häufiger fernsehen als Erwachsene, wird dies durch eine UNESCO-Studie zum Thema „Kinder und Fernsehen“ deutlich. Ihr zufolge verbringen Jugendliche im weltweiten Durchschnitt drei Stunden täglich vor dem Fernseher (Groebel 19?? S. ? unter 4.1).

[3] Interessanterweise ist man sich in bezug auf diese Annahme nicht einig. So konstatiert Programmpolitik beispielsweise einen Trend zu mehr Gewalt (vgl. Programmpolitik 1999: 45), während Kunczik feststellt, die Menschen hätten nie so friedlich zusammengelebt wie heute (vgl. Kunczik 1996a: 3 f.).

[4] Eine genaue Definition von Gewalt darf hier umgangen werden, weil es sich bei der vorliegende Arbeit um keine empirische Studie sondern um eine Analyse des gegenwärtigen Forschungsstandes handelt. In diesem Zusammenhang wird daher lediglich auf die schwierige Operationalisierbarkeit des Gewaltbegriffes hingewiesen.

Details

Seiten
18
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640976423
ISBN (Buch)
9783640976676
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135324
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
führt darstellung gewalt fernsehen gesellschaft eine analyse forschungssituation

Autor

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