Lade Inhalt...

Wiener Aktionismus: Die frühen Aktionen von Günter Brus

Körperbemalung der Ana, Selbstbemalung 1 und Selbstverstümmelung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 21 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Wiener Aktionismus

3 Künstlerische Biographie Günter Brus

4 Die Aktionen
4.1. Ana
4.2. Selbstbemalung 1
4.2.1. Herkunft der Aktion aus der Malerei
4.3. Selbstverstümmelung

5 Sprachbegriff bei Brus
5.1. Die Wiener Gruppe
5.2. Sprachbegriff der WA

6. Körper

7. Aktion

8. Schmerz

9. Epilog

Bibliographie

Günter Brus

Aktionen Ana, Selbstbemalung 1, Selbstverstümmelung

„merke eines: stelle niemals ein programm auf (den es gibt keins). [...] malerei ist offen und gegensätzlich wie das leben – sie lässt sich nicht einfangen in programme.“ (Tagebuch 1960)

1 Einleitung

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die frühen aktionistischen Arbeiten von Günter Brus zu untersuchen. Die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, werden bereits im Eingangszitat von Günter Brus deutlich. Unter dem kunsthistorischen Oberbegriff Wiener Aktionismus werden die Arbeiten verschiedener Künstler zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit vor allem im radikalen Bruch mit den zeitgenössischen Tendenzen der Kunst, ebenso wie der gesellschaftlichen Normen, zu finden sind. Mit Ausnahme von Nitsch, der Mitte der 80er Jahre die „Theorie des O.M. Theaters“[1] schriftlich fixierte, stellten die Wiener Aktionisten kein theoretisches System zu ihrer Arbeit auf. Die Aktionisten entzogen sich jeglicher kunsthistorischen Theorie oder anders gesagt: der Wiener Aktionismus wird durch die Beschreibung zu dem gemacht, „was er weder war noch sein wollte; er wird nachträglich in eine kulturelle Ordnung überführt, zu deren Subversion er angetreten war.“[2]

Ausgehend von einigen kurzen Überlegungen zur zeitgenössischen Situation in Österreich und dem Versuch der Beschreibung von drei Aktionen, werden die zentralen Begriffe Sprache und Körper eingehender untersucht werden. Hierbei wird sich immer wieder die Verbindung zur Thematik des Schmerzes ergeben, der in den frühen Aktionen noch kein realer war, sondern symbolisch und metaphorisch angedeutet und verwendet wurde.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Dokumentationsstand. Die Aktion Ana ist in ihrem Ablauf gut schriftlich dokumentiert. Selbstbemalung und vor allem Selbstverstümmelung sind schriftlich nur unzureichend fixiert. Für keine Aktion findet sich eine Beschreibung der Reaktion des (geladenen) Publikums, so dass über die Perzeption der Rezipienten bestenfalls spekuliert werden kann.

2 Der Wiener Aktionismus

Der Begriff Wiener Aktionismus[3] wurde erst nachträglich im Jahr 1969 von Peter Weibel eingeführt. Vor allem die Arbeiten von Herman Nitsch, Otto Mühl, Richard Schwarzkogler und Günter Brus werden gemein hin mit diesem Begriff umfasst.

Als Ausgangspunkte können der amerikanische abstrakte Expressionismus, der Nouveau Realisme, der radikalisierte Surrealismus und die Beschäftigung mit Happening und Fluxus gelten. Beeinflusst wurde der WA ebenfalls vom Minimalismus, Tachismus und Informel. In Bezug auf die Position der Minimalisten und der Vertreter des Nouveau Realisme kann man einige Gegensätze herausstellen. Wurde bei diesen das Bild zum Objekt und der Raum zum Thema. so forderten die Wiener Aktionisten die Präsenz des Körpers „als Objekt einer Kunst der ‚Politik der Erfahrung’.[4] Es lassen sich aber auch weiter zurückreichende Einflüsse der österreichischen Kunsttradition feststellen, die bis zum Barock zurückgehen. Vor allem Nitschs Nähe zum liturgischen Weihespiel und die Lebensmittelrituale von Otto Mühl lassen sich hier als Beispiele anführen.

Brus knüpft in seinem aktionistischen Werk an die malerische Tradition der ersten Wiener Moderne an. „Meine Monoaktionen können augenscheinlich auf Gerstl und Schiele bezogen werden.“[5]

Zum Verständnis des WA ist es notwendig, einen Blick auf die spezielle kultur- und kunsthistorische Situation in Österreich um 1960 zu werfen.

In Österreich reißt die Entwicklung der Moderne nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem damit verbundenen Zerfall des Habsburgerischen Kaiserreichs ab.

Bis in die 60er Jahre hinein gibt es keine modernistischen Tendenzen in der österreichischen Kunst. Es existieren keine Galerien, in denen moderne Kunst ausgestellt wird ebenso wenig wie Museen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Moderne und avantgardistische Strömungen wurden von „einer konservativen Kulturpolitik in die Subkultur gedrängt.“[6]

Die österreichische Geisteshaltung ist geprägt vom Austrofaschismus, der sich mit der Verleugnung der Täterrolle im Dritten Reich paart. Österreich sah sich in der Opferrolle, eine Rolle, die durch die spätere Einstufung als ‚befreundete Nation’ seitens der Alliierten noch Unterstützung fand. Eine langsame Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte erst in den 90er Jahren und ist bis heute noch nicht abgeschlossen.

Das Land propagierte eine ‚heile alpenländische Welt’, die Öffentlichkeit reagierte noch ablehnender auf zeitgenössische Veränderungen als dies z.B. in Deutschland der Fall war.

In diesem geistigen Klima kann eine der Ursachen dafür liegen, dass die Wiener Aktionisten eine bis dahin in der Kunst noch nie vorgekommene Radikalität in ihren Aktionen auslebten.

3 Künstlerische Biographie Günter Brus

Brus, 1938 in Ardning geboren, absolvierte die Kunstgewerbeschule Graz, bevor er 1955 nach Wien ging. In Wien beschäftigte er sich ausführlich mit dem österreichischen Frühexpressionismus, mit der Kunst und Literatur des deutschen Expressionismus und mit der Malerei von Munch und Van Gogh.

1960 entsteht eine Reihe von Werken auf ungrundiertem Packpapier, in denen er den Durchbruch zur ausschließlich gestischen Malerei entwirft. Im selben Jahr bespannt er die Wände seines Zimmerateliers mit grundiertem Packpapier und bemalt in der Folge den kompletten Raum. So gelingt es ihm, die Konzentration auf das isolierte Bildmaterial zu umgehen.

Nach der sich anschließenden Wehrdienstzeit verfällt er in einen depressiven Zustand. Erst 1962 wird er wieder künstlerisch tätig. Er weitet seinen informellen Ansatz mit radikaleren Mitteln aus, wobei durch das Zusammenbinden von Händen und Füßen während des Malens eine erste Konzentration auf den eigenen Körper festzustellen ist.

1963 stellt ihm der Galerist und Psychoanalytiker Josef Dvorak seine Galerieräume zur Verfügung. Brus verwirklicht dort ein großangelegtes Experiment, die „Malerei im labyrinthischen Raum“. Die Wände der Galerie werden mit Molino bespannt und auf quer durch den Raum gezogenen werden Packpapierbahnen gehängt, um so den Gesamtblick zu irritieren. In einem exstatischen Prozess bemalt Brus die Wände.[7]

Zu diesem Zeitpunkt haben Nitsch und Mühl bereits ihre ersten Aktionen durchgeführt und Brus befürchtet, den Anschluss an diese Entwicklung zu verlieren.

4 Die Aktionen

In der Dokumentation von Klocker[8] sind für Günter Brus im Zeitraum von 1964 bis 1970 43 Aktionen verzeichnet, davon 10 Gemeinschaftsaktionen mit Otto Mühl. Die eigentliche Domäne des aktionistischen Werks von Brus ist die Körperaktion, er kann als der eigentliche Begründer der Körperkunst gelten. Mit Ausnahme seiner ersten Aktion Ana arbeitete Brus ausschließlich mit seinem eigenen Körper.

4.1. Ana

1964 lässt sich Brus von Mühl überreden, selbst eine Aktion durchzuführen. Brus geht es im wesentlichen darum, den eigenen Körper ins Zentrum der Aktion zu setzen, wobei er sein Hauptaugenmerk auf die Körpermotorik im Malprozess legte. Ziel hierbei war es nicht, das Bild als Resultat zu sehen, sondern den Körper in ein räumliches Bild einzubringen.

Brus reduziert einen profanen Raum (Mühls Wohnatelier in der Oberen Donaustraße) auf eine angedeutete Zweidimensionalität, indem er den gesamten Raum und die Möbel mit weißer Farbe überzieht.

Die Aktion lässt sich in zwei Phasen gliedern. In der ersten Phase ist er in weiße Tücher gehüllt und rollt sich wie in katatonischen Anfällen quer durch den Raum an die Wand.

Die zweite Phase folgt mit einer Körperbemalung an seiner Frau Anni (Ana ist deren kroatischer Name).

Brus ist mit dem Ablauf der Aktion unzufrieden, es gelang ihm nicht, seine vorher angefertigte Partitur in die Realität umzusetzen. Die Aktion endet in einem wüsten Malanfall, mit dem Brus wieder auf die Ebene der labyrinthischen Malerei zurückfällt, quasi ein Informel der letzten Stunde.

Ana wurde von Kurt Kren filmisch und von Mühl und Siegfried Klein photographisch dokumentiert. Die Photos bilden später die Grundlage für eine Reihe von Zeichnungen auf Pergamentpapier, in denen sich die schwarze, informelle Zeichnung zu einen weiblichen Akt, dem eigentlichen Thema von Ana, verdichtet.

4.2. Selbstbemalung 1

Nach dem misslungenem prozessualen Ablauf von Ana arbeitete Brus an einer Aktionspartitur, die schrittweise und ruhig eine Körperbemalung zeigen soll. Im Anschluss an Ana setzt im aktionistischen Schaffen von Brus ein Reduktionsprozess eine. Ana war noch Malerei im Raum, in die der Körper des Künstlers und des Modells voll integriert waren.

[...]


[1] Vgl. Nitsch, in: Lazarowicz, Balme, Klaus (eds.); Texte zur Theorie des Theaters, Stuttgart 1984, S. 672ff.

[2] Jahraus, S. 19.

[3] Weiter als WA.

[4] Vgl. Klocker, in: Schimmel, S.85.

[5] Brus, in: Roussel 1995, S. 19.

[6] Schmatz, S. 8.

[7] Die Leinwände werden später durch falsche Lagerung in der Galerie fast vollständig zerstört.

[8] Klocker 1989, Die Beschreibungen der Aktionen beziehen sich zum größten Teil auf diese Dokumentation und die darin abgedruckten Photographien.

Details

Seiten
21
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638191852
ISBN (Buch)
9783638842082
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13555
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kunstgeschichte
Note
2
Schlagworte
Wiener Aktionismus Aktionen Günter Brus Schmerz Kunst

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wiener Aktionismus: Die frühen Aktionen von Günter Brus