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Welche Funktionen übernimmt das Doppelgängermotiv in E.T.A. Hoffmanns Cappriccio Prinzessin Brambilla und Edgar A. Poes Erzählung William Wilson?

Seminararbeit 2002 20 Seiten

Anglistik - Komparatistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Das Doppelgängermotiv in der Forschung

4.Das Doppelgängermotiv in E.T.A. Hoffmanns Prinzessin Brambilla
4.1 Das romantische Doppelgängermotiv bei E.T.A. Hoffmann
4.2 Der Doppelgänger als Sinnbild des Dualismus in Hoffmanns Prinzessin Brambilla

5. Das Doppelgängermotiv als Indikator des Gewissens in Edgar Allan Poes William Wilson

6. Vergleich der Doppelgängermotive in Hoffmanns Prinzessin Brambilla und Poes William Wilson

7. Schlussfolgerungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die auditiven, audiovisuellen und multi-medial-interaktiven Medien wie zum Beispiel Film, Fernsehen und das Internet nehmen in der heutigen Erlebnisgesellschaft einen immer größeren Stellenwert ein. Auffallend häufig steht die Doppelgängerthematik im Mittelpunkt. Im Trend liegen Imitationswettbewerbe[1], Look-a-like Wettkämpfe[2] und Filme, in denen Schizophrenie thematisiert wird[3]. Gleichheit lautet das neue Postulat der Gesellschaft. Integriert wird, wer sich anpasst, als gesellschaftlicher Außenseiter gilt, wer sich dem jeweiligen Trend widersetzt. Es scheint, als zeichne sich ein Trend zum Doppelgänger ab, der bewirkt, dass sich alle Menschen äußerlich möglichst gleichen und dieselben Ansichten vertreten. Daher habe ich mich entschieden mich in meiner Hausarbeit näher mit dem Motiv des Doppelgängers auseinander zu setzen. Aus der Sicht des literaturwissenschaftlichen und komparatistischen Seminars „Literarische Spiegelszenen“ ist es zudem unerlässlich das Motiv des Doppelgängers näher zu untersuchen. Daher soll im Mittelpunkt meiner Hausarbeit die Frage nach der Funktion des Doppelgängermotivs stehen.

Ich habe mich zum einen für den Text Prinzessin Brambilla von E.T.A. Hoffmann entschieden, da Hoffmann als Meister der Verarbeitung des Doppelgängermotivs in verschiedensten Varianten gilt. Zudem zählt er zur Epoche der späten Romantik, in deren Werken das Motiv am häufigsten anzutreffen ist. Meine Wahl des Textes von Edgar A. Poe William Wilson liegt darin begründet, dass er das Motiv auf völlig andere Weise aufgefasst und in seiner Erzählung verarbeitet hat.

In meiner Hausarbeit untersuche ich zunächst den Begriff des Doppelgängermotivs. Anschließend gebe ich einen groben Einblick in die Forschungsliteratur. Ich möchte betonen, dass es sich hier lediglich um den Versuch eines Einblicks handelt, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben will, sondern als Impuls gedacht ist. Im Folgenden befasse ich mich mit dem romantischen Doppelgängermotiv bei E.T.A. Hoffmann und mit der Funktion des Motivs in dem Capriccio Prinzessin Brambilla. Anschließend untersuche ich die Funktion des Motivs in der „Kurzgeschichte“William Wilson

2. Begriffsklärung

Das Doppelgängermotiv ist ein sehr altes und vielschichtiges Motiv. „Zu allen Zeiten hat die Begegnung eines Menschen seinem eigenen Doppelgänger oder dem Doppelgänger einer anderen Person Geist und Gemüt der Menschheit beschäftigt.“[4] führt Dr. Wilhemine Krauss aus. Doppelgängertum beruht zunächst auf rein physischer Ähnlichkeit zweier Personen. Vielfach entspricht das Doppelgängermotiv den zwei Seelen oder dem Doppel-Ich des Menschen. So spielte der Doppelgänger im Glauben von Naturvölkern eine große Rolle: Sie stellten sich die Seele als eine Art zweites Ich vor. Dessen Trennung vom Körper hätte den Untergang des Individuums zur Folge. Das „zweite Ich“ übernahm jedoch auch Schutzfunktionen wie z.B. der daimon bei den antiken Griechen, der in Platos Schöpfungsmythos beschrieben wird. In der Antike glaubten die Menschen, dass jeder Mensch die Erde mit einem Doppelgänger betritt, der ihn zeitlebens begleitet, schützt und zu seiner Bestimmung führt. Im Christentum hingegen wird der Mensch nach dem göttlichen Ebenbild geschaffen und ist somit der „Doppelgänger seines Schöpfers“.

Als literarisches Motiv fächert sich das Doppelgängermotiv über den rational erklärbaren Doppelgänger hin zum spukhaften Doppelgänger, der von magisch-mystischen Kräften erzeugt wird, die so auf das Schicksal der Menschen Einfluss nehmen wollen[5]. Der Doppelgänger kann auftreten als „identischer“ Zwilling, als magisches Ebenbild oder als Gestalt des anderen Lebens, die jedes beliebige Aussehen haben kann[6]. Doppelgängerfiguren können zur „Motivation der Handlung“[7] oder zur „Motivation von subjektbezogenen Reaktionen“[8] vom Autor eingeführt werden. Sie dienen entweder dem Aufbau wirkungsvoller Situationen, in denen verblüffend ähnliche Personen die Rolle anderer übernehmen

( „Motivation der Handlung“) oder der Beleuchtung innerer Zustände bzw. individueller Vorstellungen von Personen („Motivation von subjektbezogenen Reaktionen“).

In der Literatur lässt sich das Doppelgängermotiv bis zu den Anfängen zurückverfolgen. Bereits 206 vor Christus wurde aus der äußerlichen Ähnlichkeit zweier Personen ein Komödienschema entwickelt, das aufgrund der identischen oder sehr ähnlichen Physiognomie entstehende Konflikte und Verwechslungen thematisiert wie z.B. in Plautus Menaechmi[9] i.

„Doppelgängerfiguren, die entweder im Text den Vorstellungswert einer „realen“ Person haben, aber nur aus den Bewusstseinsinhalten der durch sie direkt angesprochenen Figur zu deuten sind, oder in ihrer Substanz als Spiegelungen des Unterbewussten einer Figur erkennbar werden“, führen Horst und Ingrid Daemmrich aus, „sind [jedoch] von wesentlich anderer Bedeutung.“[10]. Diese Art des Doppelgängers wird vom Autor als eine Art magisches Ebenbild eingeführt und hat variationsreiche Darstellungsmöglichkeiten: Er kann Ausdruck menschlichen Wunschdenkens sein wie in E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels, Sinnbild für innere Zwiespältigkeit wie in Jeans Pauls Siebenkäs, Indikator des Gewissens wie in E.A. Poes William Wilson, bildliche Repräsentation des Traum-Ich wie Hoffmanns Die Geschichte vom verlornen Spiegelbilde oder Verkörperung des idealen Ich wie in Hoffmanns Prinzessin Brambilla oder wahren Ich wie in Chamissos Erscheinung[11]. Der Doppelgänger spiegelt die psychologische Verfassung der jeweiligen Figur wider und vergegenwärtigt innerseelische Vorgänge. Er repräsentiert Ahnungen, Befürchtungen, Wünsche und Halluzinationen und dient als „Sprachrohr“ für die Figur, die selbst nicht in der Lage ist ihre Gefühle zu artikulieren und motiviert letztendlich Ich-Spaltungen und selbstzerstörerische Tendenzen[12].

3. Das Doppelgängermotiv in der Forschung

Das Doppelgängermotiv zählt zu den relativ neuen Forschungsgebieten in der Wissenschaft. Der Doppelgänger fand erst am Ende des 19. Jahrhunderts Beachtung. Er wurde anfangs lediglich als medizinisches und psychologisches Forschungsobjekt betrachtet. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass das Doppelgängermotiv kein in sich abgeschlossenes, rein literarisches Motiv ist, sondern aufgrund seiner Fragestellung ebenfalls in psychologische, religiöse und philosophische Gebiete fällt[13]. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Doppelgängerthematik fand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt, wenn auch zunächst nur als „Projektion der Psychologie auf die literarische Ebene“[14]. Der Doppelgänger als literarisches Phänomen blieb vorerst gänzlich unerforscht. 1904 streift E. Lucka in seinem Werk Verdopplungen des Ich[15] erstmals die Verwertung des Doppelgängermotivs in der Literatur. Erst 1914 entwirft Otto Rank in Der Doppelgänger[16] erstmals wichtige Ansätze für die literarische Betrachtung des Motivs. In seiner von der Psychoanalyse geprägten Abhandlung versucht er aus den über die Persönlichkeit und Lebensgeschichte der Autoren gewonnenen Erkenntnissen „eine Rekonstruktion latenter Bedeutungszusammenhänge (unbewusste Motive, Komplexe, etc. )“[17] herzustellen .1930 erscheint das Werk Das Doppelgängermotiv in der Romantik[18] von Dr. Wilhelmine Krauss, die sich im Gegensatz zu den bisher erschienen Arbeiten mit nur einer Epoche beschäftigt und das Thema ihrer Arbeit scharf begrenzt. Bedeutend für die Erforschung des Doppelgängermotivs ist ebenfalls das Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens[19], welches im zweiten Band, der 1929/1930 erschien, das Doppelgängermotiv berücksichtigt. 1970 erweitert Robert Rogers in seinem Werk A Psychoanalytical Study of the Double[20] Ranks Definition des Doppelgängers, die den Doppelgänger noch auf die physische Identität zweier Personen beschränkt. Er dehnt den Begriff so weit aus, dass schlechthin alles zum Doppelgänger avancieren kann. C.F. Kepplers Arbeit The Literature of the Second Self[21] und Aglaja Hildenbrocks Das andere Ich[22] heben ebenfalls das identische Aussehen als Grundvoraussetzung für das Doppelgängertum gänzlich auf, so dass sowohl Personen, als auch Dinge und Tiere zur gestaltgewordenen, unterdrückten Seite des Ichs werden können. Renate Böschenstein hingegen stellt in dem Nachwort zu Doppelgänger. Phantastische Geschichten[23] heraus, dass der Zweifel an der eigenen Identität zum Verlust der Einheit des Ichs führen und den Doppelgänger auf den Plan rufen kann und sich die Persönlichkeit nur als kohärentes Ganzes verstehen kann. Diese Identitätsgefährdung ist ein wichtiger Bestandteil des „poetischen Potentials“[24] des Motivs.

[...]


[1] Mit Imitationswettbewerben sind Veranstaltungen wie Playbackshows, Castingshows, bei denen die Akteure berühmten Vorbildern sowohl äußerlich, als auch gesanglich nacheifern, u. ä. gemeint. (Anmerkung der Autorin)

[2] Look-a-like Wettstreite bezeichnen eine relativ neue Art von Wettkampf, bei dem die Akteure aufgrund ihrer äußerlichen Ähnlichkeit mit berühmten Vorbildern bewertet und ausgezeichnet werden. (Anm. d. Autorin

[3] Das aktuellste Filmbeispiel ist „A beautiful mind“. (Anm. d. Autorin)

[4] KRAUSS, Wilhelmine: Das Doppelgängermotiv in der Romantik. Studien zum romantischen Idealismus. Berlin. 1930. S. 5.

[5] FRENZEL, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart. 1988. S. 94.

[6] MORALDO, Sandro M.: Wandlungen des Doppelgängers. Shakespeare- E.T.A. Hoffmann – Pirandello: Von der Zwillingskomödie (The Comedy of Errors) zur Identitätsgefährdung (Prinzessin Brambilla; Il fu Mattia Pascal). Frankfurt, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. 1996. S. 13.

[7] DAEMMRICH, Horst S./Daemmrich, Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen und Basel. 1995. S. 108.

[8] DAEMMRICH, Horst S./Daemmrich, Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen und Basel. 1995. S. 108.

[9] FRENZEL, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart. 1988. S 95.

[10] DAEMMRICH, Horst S./Daemmrich, Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen und Basel. 1995. S. 108.

[11] [11] MORALDO, Sandro M.: Wandlungen des Doppelgängers. Shakespeare- E.T.A. Hoffmann – Pirandello: Von der Zwillingskomödie (The Comedy of Errors) zur Identitätsgefährdung (Prinzessin Brambilla; Il fu Mattia Pascal). Frankfurt, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. 1996. S. 22.

[12] DAEMMRICH, Horst S./Daemmrich, Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen und Basel. 1995. S. 109.

[13] REBER, Natalie: Studien zum Motiv des Doppelgängers bei Dostojevskij und E.T.A Hoffmann. Gießen. 1964. S. 29.

[14] REBER, Natalie: Studien zum Motiv des Doppelgängers bei Dostojevskij und E.T.A Hoffmann. Gießen. 1964. S. 19.

[15] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: LUCKA E.: Verdopplungen des Ich. Preuß. Jb. 115.1. 1904.

[16] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: RANK, Otto: Der Doppelgänger. Imago. Leipzig und Wien. 1914.

[17] MORALDO, Sandro M.: Wandlungen des Doppelgängers. Shakespeare- E.T.A. Hoffmann – Pirandello: Von der Zwillingskomödie (The Comedy of Errors) zur Identitätsgefährdung (Prinzessin Brambilla; Il fu Mattia Pascal). Frankfurt, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. 1996. S. 36.

[18] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: KRAUSS, Wilhelmine: Das Doppelgängermotiv in der Romantik. Studien zum romantischen Idealismus. Berlin. 1930.

[19] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: HOFFMANN-KRAYER, E./ BÄCHTOLD-STÄUBLI, H. (Hrg.): Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. Berlin-Leipzig. 1927 – 1941. Bd. 2: Der Doppelgänger. 1929/30.

[20] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: ROGER, Robert: A Psychoanalytical Study of the Double in Literature. Detroit. 1970.

[21] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: KEPPLER, C. J. : The Literature of the Second Self. Tucson/Arizona. 1971.

[22] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: HILDENBROCK, Aglaja: Das andere Ich. Künstlicher Mensch und Doppelgänger in der deutsch- und englischsprachigen Literatur. Tübingen. 1986.

[23] Anmerkung der Autorin: Vollständige bibliographische Angabe: BÖSCHENSTEIN, Renate: Doppelgänger. Phantastische Geschichten. München. 1987.

[24] MORALDO, Sandro M.: Wandlungen des Doppelgängers. Shakespeare- E.T.A. Hoffmann – Pirandello: Von der Zwillingskomödie (The Comedy of Errors) zur Identitätsgefährdung (Prinzessin Brambilla; Il fu Mattia Pascal). Frankfurt, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. 1996. S. 183.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638191883
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13559
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Komparatistik
Note
3
Schlagworte
Welche Funktionen Doppelgängermotiv Hoffmanns Cappriccio Prinzessin Brambilla Edgar Poes Erzählung William Wilson Komparatistisches Proseminar Literarische Spiegelszenen

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