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Richard Wagner: Drama und Musik

Facharbeit (Schule) 2009 17 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Einleitung:
Kunstverständnis
I.1 Bedeutung
Verständlichkeit/Zukunft
I.2 Ziel
Aufhebung des Staates/Dichterische Absicht
I.3 Dialektik

II. Hauptteil: 6 (Musik-)Drama am Beispiel „Walküre“
II.1 Dramentheorie 6 Wunder/Mythos/Stabreim/Form/Walküre
II.1.1 Musiktheorie
Einheit/Dialogisierte Melodie/
Beispiele aus der Walküre
II.2 Drama – Musik 11 Dialektik/Konkret/Beispiele aus der Walküre

III. Schlusswort: 13 Theorie und Praxis
III.1 Kritik 13 Altes und Neues/Stabreim/Dialogisierte Melodie/ Improvisierte Gestik/Mythos
III.2 Apologie
Mythos/Improvisierte Gestik/
Dialogisierte Melodie/Stabreim/Altes und Neues

Literatur- und Bildverzeichnis

Vorwort

In der nachfolgenden Untersuchung über Wagners Dramentheorie verwende ich den Begriff des Dramas für die Theorie, den des Musikdramas aber für die entsprechenden Werke.

Diese sind: Der Ring des Nibelungen: Rheingold (1852-54), Die Walküre (1852-54), Siegfried (1851-69), Götterdämmerung (1848/52-74); Tristan und Isolde (1857-59); Die Meistersinger von Nürnberg (1862-67); Parsifal (1865/77-82).

Als Beispiel meiner Untersuchung dient mir die Walküre, der mit Siegfried, sowie Tristan, eine stilistische Verschiebung zu Gunsten der Musik folgt. Dennoch – oder gerade deswegen – lässt sich die Umsetzung der Theorie an ihr hervorragend untersuchen.

Die Abweichungen der Praxis von der Theorie sind allerdings ausreichend groß, um begrifflich die Theorie von der Praxis zu unterscheiden.

I. Einleitung

Kunstverständnis

Eine Theorie wird erst vor ihrem jeweiligen Hintergrund im Sinne des Denkers verständlich. Wagner begriff das Drama als die höchste Form der Kunst1 – um sein Drama zu verstehen, ist es also notwendig, seine Auffassung der Kunst näher zu betrachten.

I.1 Bedeutung

Für Wagner ist die Kunst das Organ, mittels dessen er sein Ideal vom Reinmenschlichen einzig verständlich ausdrücken kann. Dieses Verstehen ist dabei für ihn nicht ein bloßes Erfassen mit dem Verstand, sondern vielmehr ein Selbst-Erleben. Es wird durch die Mitteilung über die Sinne an das Gefühl erreicht, aus dem der Verstand erst erwächst (wobei Verstand hier Reflexion bedeutet).

Verständlichkeit in diesem Sinne kann aber nur jemand erreichen, der sich über die Beziehung von Gefühl und Verstand klar (mit Wagners Begriffen: vernünftig) ist, da nur er in der Lage ist, diese Beziehung bewusst nachzuahmen.2 Die Kunst ist für Wagner also kein Mittel zur Selbsterkenntnis für den Künstler, sondern der Künstler muss sich seiner selbst bereits völlig gewiss sein, bevor er sich verständlich ausdrücken kann.3

Ein solcher Künstler aber ist nach Wagner als einziger in der Lage, auf den Erfahrungen der Vergangenheit begründet klar und deutlich eine Zukunft zu sehen und auszudrücken (da er ein tiefes Verständnis vom Wesen des Menschen und der Welt hat). Dabei wird er von „innerer Notwendigkeit“ (dem affektierten, augenblicklichen Willen des Individuums4) zu dieser Vision getrieben, durch die er diese Zukunft als schon hereingebrochen erlebt.5

Somit kommt ihm – und mit ihm der Kunst – eine wesentliche Bedeutung in der menschlichen Gesellschaft zu. Wagner betrachtet nämlich als unweigerliche Folge solcher künstlerischen Darstellung die Aufhebung des Staates.

I.2 Ziel

Wagner bezeichnet als das gewollte Objekt der Darstellung im weitesten Sinne das Lebendige, Reinmenschliche, da nur es allein sich dem Gefihl erschließt. Dieses ist aber nicht berechnend und bewusst („willkirlich“), sondern gefihlsbedingt und unbewusst („unwillkirlich“).

Vor der Unwillkir floh die menschliche Gesellschaft in den Staat, der nichts anderes als eine Steigerung von Gewohnheit zu Gesetzen war, und so das Individuum unterdrickte – und auf diese Weise das Lebendige. Dadurch wurde der Staat, laut Wagner, zum Fatum des modernen Kinstlers. Will dieser nun das Reinmenschliche darstellen, so muss er den Staat dazu unweigerlich aufheben,6 da jener diesbeziglich kein Gefihl zulässt.7

Das kinstlerische Ziel ist fir Wagner also die Verwirklichung der „dichterischen Absicht“ – der Essenz des Kunstwerks, der zugrundeliegenden Idee des Kinstlers. Und diese Verwirklichung ist erst vollkommen, wenn die Absicht den Ausdruck bedingt, und der Ausdruck die Absicht rechtfertigt.8

I.3 Dialektik

Da sie die Darstellung des Lebendigen ist, ist Kunst fir Wagner ein „organisches Seiendes und Werdendes“9 und bezeichnet als solches sowohl den technischen Prozess, als auch dessen Ergebnis, das Kunstwerk. Ebenso zeigt die Antithese von Gefihl und Verstand in der Synthese der Vernunft bereits in Oper und Drama deutliche Spuren von Dialektik. Auch die Bedingung des Ausdrucks durch die Absicht, und die Rechtfertigung der Absicht durch den Ausdruck lässt sich als Beispiel fir dialektisches Denken hinzufigen.

Wagner versteht die Kunst also als Mittel zur vollkommenen Verständlichung der dichterischen Absicht. Deshalb ist fir ihn auch der Ausfihrende der eigentliche Kinstler, nicht derjenige, der das Werk nur erdenkt.10 Dabei ist sein Kunstschaffen so wie seine Theorie von Dialektik geprägt.

II. Hauptteil

(Musik-)Drama am Beispiel Walküre

In Wagners Drama vereinen sich Dichtung, Musik und szenische Darstellung zu einem Gesamtkunstwerk. Auf diese Weise ist die vollständige Verwirklichung der dichterischen Absicht im Gefühl des Zuschauers nach Wagner einzig möglich.

Dabei orientiert er sich am Vorbild der griechischen Tragödie. Anstatt sie jedoch wiederbeleben zu wollen, erkennt Wagner, dass sie in modernen Zeiten nicht funktionieren kann, da die Voraussetzungen gänzlich andere sind.

Damit meint er an vorderster Stelle die Sprache, die nicht mehr zum Gefühlsausdruck tauge, da sie auf Abstraktion der Ursprache (einer Verbindung von Ton und Gestik) und Konvention beruhe (was bedeutet, dass sie ihre Fähigkeit zu individuellem Ausdruck verloren hat, das Gefühl also nur dem Verstand, nicht aber dem Gefühl selbst mitteilen kann). Wagner unterscheidet also zwischen Wort-, Ton- und Gebärdensprache: Dichtung, Musik und Tanz.11

II.1 Dramentheorie

Dichtung bedeutet für Wagner aber zuerst den Vorgang, in dem der Künstler (im Falle des Dramas) eine Handlung betrachtet und zur Mitteilung zum Wunder zusammendrängt. Dieses Wunder hat allerdings keinen übernatürlichen Charakter, sondern einen aufs Höchste gesteigerten, natürlichen. Es bedeutet nämlich die Verstärkung der Handlung und der Motive durch die Kombinierung von Ähnlichem: Charakteren, Orten, der Zeit.12

Ein solches Wunder bezeichnet Wagner als den auf die Gegenwart angewandten Mythos,13 der nach seinem Verständnis nichts anderes als die Verdichtung der gemeinsamen Weltanschauung ist. Deshalb kann nur er verständlich dargestellt werden,14 und muss also dem Inhalt des Dramas zugrunde liegen.

Der Inhalt der Handlungen wird im Drama durch die Wortsprache mitgeteilt. Dazu verwirft Wagner die Metrik als Versuch, eine Möglichkeit des quantitierenden Altgriechischen auf die moderne (nichtquantitierende) Sprache zu übertragen,15 und den Endreim als eine willkürliche Akzentuierung möglicherweise unwesentlicher Worte.16 Stattdessen verwendet er den Stabreim, um die akzenttragenden Worte zu verbinden und einen natürlichen Sprachfluss (und damit unwillkürliches Verstehen) zu ermöglichen.17

Die Form ist dabei abhängig von der Handlung selbst, und bestimmt sie nicht etwa, da das Drama eine Darstellung des Lebendigen ist. Ihr kleinster zusammenhängender Teil ist die dichterisch-musikalische Periode, die sich aus dem Text- und Motivzusammenhang ergibt.18 Die zum Verständnis notwendige Einheit entsteht nicht durch eine Einheit von Ort und Zeit, sondern durch den Zusammenhang der verdichteten Handlung und die Einheit des Ausdrucks.19

Im Musikdrama lässt sich allerdings eine Dreigliederung als zugrundeliegendes Formschema feststellen. Ein Drama ist in drei Akte gegliedert, die Akte üblicher Weise in drei Szenen. Der Höhepunkt liegt dabei meist im zweiten Akt. Auch der Ring besteht aus drei Dramen und einem Vorabend.

Die Walküre ist in drei Akte unterteilt, wobei der erste und der dritte jeweils aus drei Szenen bestehen. Der zweite Akt, an dessen Ende mit Siegmunds Tod die Peripetie des Dramas liegt, enthält fünf Szenen. Diese Fünfteilung erklärt sich aus der inhaltlichen Verschränkung der Wälsungen-Tragödie, die im ersten Akt ihren Anfang nimmt und hier endet, und des Wotan-Brünnhilde-Dramas, das hier anfängt und im dritten Akt endet.20

II.1.1 Musiktheorie

Um im Drama Einheit des Ausdrucks zu erreichen, muss der Wortvers gesungen werden, das Orchester die Harmonie vollständig erklingen lassen und die Gebärde – die szenische Darstellung – sich in der Musik wiederfinden.

Wagner betrachtet die Gebärde wie die Musik als Mittel des Gefühlsausdrucks (im Gegensatz zu dieser ist sie jedoch rein gegenwärtig). Ihr Ausdruck ist allerdings in der Versmelodie nicht mehr gerechtfertigt, weshalb sie in der Orchestermelodie gerechtfertigt werden muss, um gemeinsam mit dieser wiederum das vermittelte Gefühl doppelt (vor Auge und Ohr) zu rechtfertigen.21

[...]


1 OD, S.215

2 OD, S.213f

3 OD, S.205f: „Der Dichter, der sich an das Gefühl wendet, muß, um sich ihm überzeugend kundzugeben, im Denken bereits so einig mit sich sein, daß er aller Hülfe des logischen Mechanismus sich begeben und mit vollem Bewußtsein sich an das untrügliche Empfängnis des unbewußten, reinmenschlichen Gefühles mitteilen kann.“ (Dichter steht dabei von dessen Tätigkeit abgeleitet gleichbedeutend mit Künstler)

4 OD, S.187f

5 OD, S.391ff

6 OD, S.201f: „Unser Fatum ist nun der politische Staat, in welchem die freie Individualität ihr verneinendes Schicksal erkennt.“ „ Das Unbewu J3 te der menschlichen Natur in der Gesellschaft zum Bewu J3 tsein bringen,[...], heißt aber soviel, als – den Staat vernichten;“

7 OD, S.208: „Der moderne Dichter hat aber auch vom Beginn herein eine Umgebung, den Staat, darzustellen, die jedes reinmenschlichen Gefihlsmomentes bar und im höchsten Gefihlsausdruck unmittelbar ist.“

8 OD, S.368f (Wagner gebraucht die Begriffe ‚Drama’ und ‚Kunst’ synonym)

9 OD, S.364f

10 KmD, S.13: „Ich sprach halb noch unbewußt mein Wissen davon aus, – daß nur der Darsteller der eigentliche wahre Kinstler sei. Unser ganzes Dichter- und Componisten-Schaffen ist nur Wollen, nicht aber Können: erst die Darstellung ist das Können, – die Kunst.“

11 OD, S.236

12 OD, S.221f

13 OD, S.227

14 OD, S.161ff

15 OD, S.249

16 OD, S.255f

17 OD, S.281f

18 KmD, S.76ff und OD, S.307

19 OD, S.363ff

20 KmD, S.27ff

21 OD, S.334ff

Details

Seiten
17
Jahr
2009
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v135924
Note
1+ (15 Punkte)
Schlagworte
Richard Wagner Musikdrama Dramentheorie Musiktheorie Die Walküre Carl Dahlhaus Theodor W. Adorno Wagnerkritik Apologie

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Titel: Richard Wagner: Drama und Musik