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Typologisches Denken im Tristanroman

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typologie

3. Typologisches Denken im Tristanroman

4. Der Literaturexkurs

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Ich möchte mich in dieser Hausarbeit mit ausgewählten Textstellen aus dem Tristanroman Gottfrieds von Straßburg beschäftigen. Zwei Fragestellungen sollen dabei im Mittelpunkt stehen:

(1) Inwiefern finden sich Formen der Adaption und Überbietung von antiken Stoffen in Gottfrieds Roman?
(2) Gibt es Hinweise darauf, dass Gottfried nicht nur Stoffe und Personen der Antike zu überbieten versucht, sondern auch seine ‚Zeitgenossen’?

Immer wieder tauchen im Tristanroman Anspielungen auf die Antike auf, immer wieder stößt man auf Personen und Bezeichnungen, Sagen und Mythen früherer Zeiten. Man wäre zu voreilig, nähme man an, dass Gottfried diese nur dem Stoff, den er verarbeitete, entnahm. Ebenso wäre es leichtsinnig, anzunehmen, dass er diese Rückgriffe auf antike Stoffe ohne einen Sinn oder einen bestimmten Zweck in seinen Text einband. Denn untersucht man entsprechende Textstellen genauer, ist es auffallend, dass Gottfried nie bei einem schlichten Zurückgreifen stehen bleibt. Immer wieder findet man denselben Begriff noch einmal wiederholt, allerdings im Kontext der herausragenden Personen dieses Romans und nie ohne ein zusätzliches Adjektiv. Dies ist bemerkenswert und lässt darauf schließen, dass Gottfried hier etwas Bestimmtes mitteilen möchte. Überdies würde man die Kunst dieses großartigen Dichters verkennen, wenn man ihm unterstellt, in gerade so bemerkenswerten Abschnitten wie der Beschreibung Isoldes oder der Einkleidung Tristans ohne Hintergrund und Zweck solche Anspielungen eingefügt zu haben.

Bei der Untersuchung der Textstellen, so meine These, wird sich herausstellen, dass sich bei Gottfried ein ausgeprägtes Maß an typologischem Denken feststellen lässt. Es wird nicht einfach von der Helena des alten Griechenlands gesprochen, das wäre zu einfach. Kurz darauf findet man die Überbietung dieser Person, natürlich durch Personen oder Begebenheiten des Gottfriedschen Textes. Das Alte wird gelobt, um durch die Überbietung des Gelobten das Eigene noch größer zu machen. Diese These soll anhand mehrer Textstellen auf ihre Richtigkeit geprüft werden.

Doch möchte ich noch eine zweite Frage damit in Verbindung bringen. Belässt es Gottfried dabei, die Antike zu überbieten? Um diese Frage zu klären, muss man sich, wie ich denke, dem berühmten Literaturexkurs Gottfrieds zuwenden. Denn hier unterzieht der Autor selbst seine ‚Kollegen’ der Kritik. Nachdem er sich seiner Unfähigkeit anscheinend bewusst geworden ist und diese vehement beteuert, lobt er die meisten seiner Zeitgenossen über die Maßen wegen ihrer Dichtkunst. Doch wurde immer wieder angenommen, dass Gottfried dieses nur als Mittel zum Zweck verwendet, um sich selbst auf ganz subtile Art und Weise zu stilisieren. Da er sich selbst noch über die so gerühmten Kollegen stelle, betont er durch das zunächst erwähnte Lob für die Kollegen ganz besonders seiner herausragende Position, die über allen anderen steht. Ich schließe mich dieser These an und möchte anhand von Ausschnitten des Literaturexkurses diese begründen.

So lässt sich im Vorfeld folgende Position formulieren: Gottfried stellt sich in seinem Roman über die Antike und deren Überlieferungen. Doch belässt er es nicht dabei, sondern gibt in seinem Roman auch ganz deutlich zu verstehen, dass er auch über den besten und gerühmtesten Dichtern seiner Zeit steht.

Der Beschäftigung mit diesen Thesen soll die nachfolgende Hausarbeit gewidmet sein.

2. Typologie

Zunächst soll eine kurze Erläuterung des Begriffes der Typologie erfolgen, denn der hier verwendete Begriff grenzt sich von der homonymen Typologie im Sinne von Typenlehren, die in allen Geistes- und Sozialwissenschaften und in der Psychologie ihre Ordnungsfunktionen üben, ab. Die hier gemeinte Typologie nähert sich vielmehr einer bibelexegetischen Methode an. Das heißt, die Typologie besteht in der Zusammenschau zweier Geschehnisse, Einrichtungen, Personen oder Dinge, deren je eines aus dem Alten und dem Neuen Testament gegriffen und zu einem Ereignispaar derart verbunden wird, dass durch die Zuordnung zu einem spiegelnden Sichbeleuchten ein Sinnzusammenhang zwischen den beiden an den Tag gebracht wird[1]. Diese Art von Typologie machte sich auch die europäische Dichtung von etwa 800 – 1800 und darüber hinaus zu eigen – auf verschiedene Art und Weise. In der Literatur findet sich immer wieder der Aufgriff von Exemplarischen aus der Antike, indem man diesem ein Entsprechendes beispielsweise aus der Welt der Christen als in Geist und Leistung überboten entgegenstellt[2].

Dies findet sich auch in Fülle in Gottfrieds Tristanroman. Grundsätzlich geht es um eine Inbezugsetzung von Personen oder Geschehnissen aus der Antike zu einer Person oder Geschehnissen aus der Gegenwart des Dichters. Bei genauerem Hinsehen fallen immer wieder Textstellen ins Auge, in denen Stoff aus der Antike adaptiert und sogleich überboten wird. Allerdings wird nicht nur die Antike überboten, sondern auch andere Stoffe und Personen. Am deutlichsten findet sich dies wohl in Gottfrieds Literaturexkurs, in welchem er sein Schaffen mit dem Werk seiner „Zeitgenossen“ vergleicht. Auch hier sollen beispielhaft Stellen untersucht werden.

Nachfolgend sollen nun einige dieser Stellen herausgegriffen und untersucht werden. Ein besonderes Augenmerk möchte ich hier auch dem berühmten Dichterexkurs Gottfrieds widmen.

3. Typologisches Denken im Tristanroman

Eine ganz eindeutige Stelle, in der Gottfrieds Bestreben, die Antike zu überbieten, erkennbar ist, handelt von Isolde und ihrer Schönheit. Tristan ist soeben von seiner Reise nach Irland an den Hof von König Marke zurückgekehrt (V. 8226ff.[3] ) und schwärmt begeistert von der jungen Isolde. Im Text wird deutlich, dass die Begegnung Tristans mit Isolde diesen von der herkömmlichen Ansicht abgebracht hatte, dass Helena die schönste Frau sei[4]. Griechenland und Helena sind nur schattenhafte Präfigurationen dessen, was Tristan erschienen ist. Dies kommt in dem Ausdruck ganzlichiu (V. 8275) sehr deutlich zum Ausdruck, Tristan hat die vollkommene Schönheit gesehen, die in Griechenland nie erstrahlte (V. 8275f.), sondern eben in Isolde. Bezeichnend ist auch die Benennung Isoldes als niuwe sunne (V. 8280). Vor dieser neuen Sonne, die gleichsam im irischen, christlichen Westen aufgeht, verblasst und versinkt die der Antike[5]. Das Adjektiv novus wie auch verus ist als fester Bestandteil typologischer Fügungen belegt, man denke beispielsweise auch an novum testamentum[6]. Somit ist die Tatsache, dass Gottfried hier ganz bewusst antike Denkweisen in der Erzählung über Isolde überbietet, augenscheinlich.

[...]


[1] Ohly, F.: Typologie als Denkform der Geschichtsbetrachtung, in: Bohn, V(Hrsg.).: Typologie, Frankfurt am Main 1988, S. 22.

[2] Ebd. S. 35.

[3] Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text v. Friedrich Ranke neu hg., ins Nhd. Übers., mit e. Stellenkommentar u. e. Nachwort v. Rüdiger Krohn, 3 Bde., 7. Aufl. Stuttgart 2002. Alle weiteren Zitate aus derselben Textausgabe.

[4] Wolf, A.: Zur Frage des typologischen Denkens in volkssprachlicher Dichtung des Hochmittelalters, in: Fromm, H. (Hrsg.): Verbum et Signum – Beiträge zur mediävistischen Bedeutungsforschung, München 1974, S. 99.

[5] Wolf, A.: Gottfried von Strassburg und die Mythe von Tristan und Isolde, Darmstadt 1989, S. 162.

[6] Wolf, A.: Typologisches Denken, S. 100.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640440566
ISBN (Buch)
9783640440764
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v136162
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
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Autor

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