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Thomas Hobbes Naturzustandslehre - Die Menschen im Krieg eines jeden gegen jeden

Hausarbeit 2002 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Die Natur des Menschen als Konfliktursache
1.1.Glückseligkeit und Machtstreben des Menschen
1.2.Die Gleichheit der Menschen
1.3.Der Mensch als egoistisches und ungeselliges Wesen: Konflikt durch Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht

2. Die Bedingungen im Naturzustand
2.1.Konflikteskalation, Kriegscharakter und Kulturlosigkeit
2.2.Der Selbstbezug des Individuums im Hinblick auf Sicherheit, Eigentum, Recht und Moral
2.3.Verträge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit

3. Die egoistischen Beweggründe und der Weg aus dem unvorteilhaften Naturzustand
3.1.Die Rolle der natürlichen Gesetze
3.2.Die Entstehung des Leviathan

4. Die Auswirkungen von Hobbes wissenschaftlicher Methode auf seine Naturzustandskonzeption

5. Rekonstruktionsversuche mit Hilfe der Spieltheorie
5.1.Der Naturzustand als Gefangenendilemma
5.2.Der Naturzustand als Vertrauensspiel

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Thomas Hobbes stellt im 13. Kapitel des Leviathan fest, „ ...dass die Menschen während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie im Zaum haltende Macht leben, sich in einem Zu-stand befinden, der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden.“ In diesem Naturzustand herrsche „ ... beständige Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes – das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.“1.

Aber warum verfallen die Menschen ohne Staatsgewalt in einen Zustand, in dem Gewalt und tödliches Chaos herrscht? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man zu einer solchen These gelangen kann? Auf welche Annahmen baute Hobbes bei der Konstruktion seines Naturzustandes, welcher Methoden bediente er sich? Und, zu guter letzt, kann man seine Theorie stimmig rekonstruieren?

1. Die menschliche Natur als Konfliktursache

Herfried Münkler spricht von „Hobbes’ ebenso berühmt wie berüchtigter Formel, dass der Mensch des Menschen Wolf sei ...“2, eine Formel, die nichts gutes verheißt. Die Menschen stellen allem Anschein nach eine gefährliche Bedrohung für einander dar. Inwieweit steckt nun in der Natur des Menschen ein Potential zur gegenseitigen Zerfleischung?

1.1. Glückseligkeit und Machtstreben des Menschen

„ .. solange wir hienieden leben, gibt es so etwas wie beständigen Seelenfrieden nicht, da das Leben selbst nichts anderes als Bewegung ist und deshalb nie ohne Verlangen ... sein kann, ebensowenig wie ohne Empfindung.“3

Da der Mensch, so lange er lebt, ständig in Bewegung ist, kann folglich auch die Glückselig-keit kein Ruhezustand sein: Hobbes führt aus, es gebe kein letztes Ziel oder höchstes Gut, denn ein Mensch, der keine Wünsche mehr habe, könne ebenso wenig weiterleben wie einer, dessen Vorstellungen und Empfindungen zum Stillstand gekommen seien. Glückseligkeit sei ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand einem anderen, wobei das Erlangen eines Gegenstandes nur der Weg sei, der zum nächsten Gegenstand führe.4 5

Zum Erwerb eines Gegenstandes ist Macht nötig. Wer nach immer neuen Gegenständen strebt, muss folglich auch nach immer mehr Macht streben.

„So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet. Und der Grund hierfür liegt nicht immer darin, dass sich ein Mensch einen größeren Genuß erhofft als den bereits erlangten, oder dass er mit einer bescheidenen Macht nicht zufrieden sein kann, sondern darin, dass er die gegenwärtige Macht und die Mittel zu einem angenehmen Leben ohne den Erwerb von zusätzlicher Macht nicht sicherstellen kann.“

Ein Mensch hat also keine andere Wahl: Er muss im Laufe seines Lebens immer mehr Macht und Güter an sich reißen, schon allein, um seinen aktuellen Status in Zukunft behalten zu können.

1.2. Die Gleichheit der Menschen

Nach Hobbes Meinung sind alle Menschen von Natur aus annähernd mit den gleichen kör-perlichen und geistigen Fähigkeiten ausgestattet. Keiner weicht in seinen Fähigkeiten so weit von den anderen ab,

„...dass der eine auf Grund dessen einen Vorteil beanspruchen könnte, den ein anderer nicht ebenso gut für sich verlangen dürfte. Denn was die Körperstärke betrifft, so ist der Schwächste stark genug, den Stärksten zu töten – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen.

Und was die geistigen Fähigkeiten betrifft, so finde ich, dass die Gleichheit unter den Menschen noch größer ist als bei der Körperstärke ... .... Denn Klugheit ist nur Erfahr-ung, die alle Menschen, wenn sie sich gleichlang mit den gleichen Dingen beschäftigen, gleichermaßen erwerben.“6

Dass jeder annimmt, er sei schlauer als der Durchschnitt, deutet Hobbes nur als Bestätigung seiner These: „Denn es gibt gewöhnlich kein besseres Zeichen der gleichmäßigen Verteilung eines Dings, als dass jeder damit zufrieden ist.“7

Mit dieser frappierenden Bemerkung schließt Hobbes die Feststellung der menschlichen Gleichheit ab.

1.3. Der Mensch als egoistisches, ungeselliges Wesen: Konflikt durch Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht

Wenn man von einer Gleichheit der Menschen ausgeht, liegt die Vermutung nahe, dass oft-mals mehrere Menschen auch nach den gleichen Gütern streben, also gleiche Absichten ver-folgen. Viele Güter sind jedoch äußerst knapp und darüber hinaus unteilbar. Trotzdem gibt es eine

„ ... Gleichheit der Hoffnung, unsere Absichten erreichen zu können. Und wenn daher zwei Menschen nach dem selben Gegenstand streben, den sie jedoch nicht gemeinsam genießen können, so werden sie Feinde und sind in Verfolgung ihrer Absicht, die grund-sätzlich Selbsterhaltung und bisweilen nur Genuß ist, bestrebt, sich gegenseitig zu ver-nichten oder zu unterwerfen.“8

Jeder ist also bereit, im Konkurrenzkampf über Leichen zu gehen. Zur Sicherung von eigener Existenz und eigenem Wohlergehen werden Leiden und Tod von anderen billigend in kauf genommen: Eine extrem egoistische Verhaltensweise, die die Bedürfnisse der Mitmenschen ignoriert.

Hat nun jemand sich ein bestimmtes Gut erkämpft, muss er argwöhnen, dass andere es auch begehren und es ihm wieder abnehmen wollen. Er muss ständig mit einem Angriff auf seinen Besitz und damit auch mit einem Angriff auf sein Leben und seine Freiheit rechnen.

„Und wegen dieses gegenseitigen Mißtrauens gibt es für niemand einen anderen Weg, sich selbst zu sichern, der so vernünftig wäre wie Vorbeugung, das heißt, mit Gewalt oder List jedermann zu unterwerfen, und zwar so lange, bis er keine andere Macht mehr sieht, die groß genug wäre, ihn zu gefährden. Und dies ist nicht mehr, als seine Selbsterhaltung erfordert und ist allgemein erlaubt.“9

Hier wird eine aggressive Strategie des präventiven Angriffs für vernünftig, das heißt der Selbsterhaltung dienlich, erklärt und darüber hinaus zugelassen. Es kann offensichtlich Nie- mandem verboten werden, mit allen Mitteln seine Selbsterhaltung zu verfolgen. Schon allein ein Verdacht gegen andere rechtfertigt ein gewaltsames Vorgehen.

“Ferner empfinden die Menschen am Zusammenleben kein Vergnügen, sondern im Ge-genteil großen Verdruß, wenn es keine Gewalt gibt, die dazu in der Lage ist, sie alle ein- zuschüchtern. Denn jedermann sieht darauf, dass ihn sein Nebenmann ebenso schätzt, wie er sich selbst einschätzt, und auf alle Zeichen von Verachtung oder Unterschätzung hin ist er von Natur aus bestrebt, soweit er es sich getraut ... , seinen Verächtern durch Schädigung und anderen Menschen durch das Exempel größere Wertschätzung abzunötigen.So liegen also in der menschlichen Natur drei hauptsächliche Konfliktursachen: Erstens Konkurrenz, zweitens Mißtrauen und drittens Ruhmsucht.“10 11

Der Mensch ist demnach ein äußerst ungeselliges Wesen, das Zusammenleben mit anderen ist ihm verhasst. Denn wenn er sich in Gesellschaft befindet, ist er einem ständigen Konkur-renzkampf um Macht, Güter und Ruhm ausgesetzt. Darüber hinaus führt das gegenseitige Misstrauen zu wölfischer Belauerung und zu Übergriffen.

2. Die Bedingungen im Naturzustand

Dass der Naturzustand ein Kriegszustand ist, wurde bereits vorweggenommen – die ego-istische und rücksichtslose Verfolgung der eigenen Interessen hat für die ungeselligen Men-schen fatale Folgen.

2.1. Konflikteskalation, Kriegscharakter und Kulturlosigkeit

Wird eine Strategie der präventiven Gewaltanwendung bei der Konkurrenz um knappe Güter von den Naturzustandsbewohnern mehrheitlich verfolgt, scheint dies allein eine Ausuferung von gewaltsamen Übergriffen schon zu garantieren. Doch es gibt Menschen, die mit ihrem Verhalten die Eskalation der Gewalt noch zusätzlich schüren.

„Auch weil es einige gibt, denen es Vergnügen bereitet, sich an ihrer Macht zu weiden, indem sie auf Eroberungen ausgehen, die sie über das zu ihrer Sicherheit erforderliche Maß hinaustreiben, könnten sich andere, die an sich gerne innerhalb bescheidener Gren-zen ein behagliches Leben führen würden, sich durch bloße Verteidigung unmöglich hal-ten, wenn sie nicht durch Angriff ihre Macht vermehrten.“

Die Machthungrigen zwingen also auch friedliche und bescheidene Naturen, in offensivem Vorgehen maximale Macht anzuhäufen. Insofern scheint also Julian Nida-Rümelins Behaup-tung zuzutreffen, wenn er sagt, der Konflikteskalation im Naturzustand seinen „ ... keine Grenzen gesetzt ...“12

Trotz der denkbaren Häufigkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen legt Hobbes auch Wert auf die Feststellung, dass ein Krieg nicht nur in Kampfhandlungen bestehe, sondern auch in einer Zeit, in der der Wille dazu genügend bekannt sei.13 14 15

Es müssen demnach auch die Gefechtspausen, in denen eine misstrauische Belauerung statt-findet und eine allgemeine Bereitschaft zur Wiederaufnahme des Kampfes fortbesteht, in die Charakterisierung des Kriegszustandes miteinbezogen werden. Der Krieg eines jeden gegen jeden ist dann generell ein unsicherer Zustand: Wann und wo der nächste Kampf bevorsteht, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass er stattfinden wird. Jeder ist bereit.

„In einer solchen Lage ist für Fleiß kein Raum, da man sich seiner Früchte nicht sicher sein kann; und folglich gibt es keinen Ackerbau, keine Schiffahrt, keine Waren, die auf dem Seeweg eingeführt werden können, keine bequemen Gebäude, keine Geräte, um Dinge, deren Fortbewegung viel Kraft erfordert, hin- und herzubewegen, keine Kenntnis von der Erdoberfläche, keine Zeitrechnung, keine Künste, keine Literatur, keine gesell-schaftlichen Beziehungen ...“

Der Naturzustand ist also ein unorganisiertes Chaos: unproduktiv und kulturlos. Es gibt kei-nerlei gesellschaftliche Errungenschaften.

2.2. Der Selbstbezug des Individuums im Hinblick auf Sicherheit, Eigentum, Recht und Moral

Ist kein Staat vorhanden, haben „... die Menschen keine andere Sicherheit als diejenige.., die ihnen ihre Stärke und Erfindungskraft bieten.“

Jeder ist bei der Sicherung seiner selbst und seiner Güter auf sich allein gestellt. Da aller-dings wegen der Gleichheit keiner einen dauerhaften Vorteil vor dem anderen erreichen kann, kann er sich selbst auch keine dauerhafte Sicherheit verschaffen.

Die Konsequenz daraus ist, dass es „... weder Eigentum noch Herrschaft, noch ein bestimm-tes Mein und Dein gibt, sondern dass jedem nur das gehört, was er erlangen kann, und zwar so lange, wie er es zu behaupten vermag.“.16

Welche Rechte und Gesetze gibt es nun im Naturzustand? Hobbes spricht von natürlichem Recht oder Gesetz, wobei er die beiden Begriffe voneinander abtrennt.

„Das natürliche Recht ... ist die Freiheit eines jeden, seine eigene Macht nach seinem Willen zur Erhaltung seiner eigenen Natur, das heißt seines eigenen Lebens, einzusetzen und folglich alles zu tun, was er nach eigenem Urteil und eigener Vernunft als das zu die-sem Zweck geeignetste Mittel ansieht. ... Ein Gesetz der Natur ... ist eine von der Ver-nunft ermittelte Vorschrift oder allgemeine Regel, nach der es einem Menschen verboten ist, das zu tun, was sein Leben vernichten oder ihn der Mittel zu seiner Erhaltung berauben kann, und das zu unterlassen, wodurch es seiner Meinung nach am besten erhalten werden kann. ...

Und ... weil jedermann von seiner eigenen Vernunft angeleitet wird, und weil es nichts gibt, das er nicht möglicherweise zum Schutze seines Lebens gegen seine Feinde verwen-den könnte, so folgt daraus, dass in einem solchen Zustand jedermann ein Recht auf alles hat, selbst auf den Körper eines anderen.“17

Da jeder die geeigneten Mittel zur Selbsterhaltung für sich bestimmen kann, kann jeder auch für sich selbst bestimmen, wann er im Recht ist. Auch die Versklavung von anderen, Folter und blutige Grausamkeiten wären so gesehen nichts unrechtes. Das Recht auf alles würde diese Dinge mit einschließen. Wenn man sich vorstellt, dass ein Naturzustandsbewohner den anderen überfällt, wären beide im Recht: Der Angreifer, der aggressiv seine Macht ausweiten will, genauso wie derjenige, der sich verteidigt.

Auch moralisch bleibt jeder Mensch auf sich allein gestellt. Es gibt keinen Staat, keine Mo-ralphilosophie und damit keine allgemein gültigen Normen, so dass die „... private Meinung Maßstab von gut und böse ist.“.18

Das heißt, jeder kann für sich festlegen, welche Verhaltensweisen er für gut und richtig, wel-che für böse und falsch hält. Dabei kann er natürlich auch von Zeit zu Zeit seine Meinung än-dern. Streit über die verschiedenen Ansichten ist vorprogrammiert: ein weiterer Konfliktherd.

2.3.Verträge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit

Hobbes definiert Gerechtigkeit über ihr Gegenteil:

„... die Definition der Ungerechtigkeit lautet nicht anders als ‚die Nichterfüllung eines Vertrages´. Und alles, was nicht ungerecht ist, ist gerecht. ...

So liegt also das Wesen von der Gerechtigkeit im einhalten gültiger Verträge. Aber die Gültigkeit von Verträgen beginnt erst mit der Errichtung einer bürgerlichen Gewalt, die dazu ausreicht, die Menschen zu ihrer Einhaltung zu zwingen ... .“19

Im Naturzustand muss ein jeder befürchten, dass der Vertragspartner seinen Teil der Verein-barung nicht einhält, wenn ihm dies einen Vorteil bringt, und weil „ ... auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Verträge ungültig sind, wenn ... eine der Parteien die Nichterfüllung befürchtet ... “20 21,kann es auch kein Ungerechtigkeit geben: Der Bruch von ungültigen Verträgen ist nicht Ungerecht.

Dass es außerdem im Naturzustand keine Gerechtigkeit gibt, zeigt Hobbes anhand der scho- lastischen Definition der Gerechtigkeit, die er folgendermaßen formuliert:

„Gerechtigkeit ist der ständige Wille, einem jeden das Seine zu geben. Und deshalb gibt es dort, wo es kein ‚Mein´, das heißt, kein Eigentum gibt, keine Gerechtigkeit, und ... wo es kei-nen Staat gibt, gibt es kein Eigentum, da alle ein Recht auf alles haben ... .“

3. Die egoistischen Beweggründe und der Weg aus dem unvorteilhaften Naturzustand

Egal, wie viel Macht und „Besitz“ jemand im Naturzustand schon angehäuft hat, er muss ständig um sein Leben fürchten. Es gibt also niemanden, dem der Krieg jeder gegen jeden einen Vorteil einbringen würde. Ein Recht auf alles scheint zwar auf den ersten Blick viel Freiheit zu versprechen, doch das Gegenteil ist der Fall. Indem es alle Menschen ausschöp-fen, schränken sie sich gegenseitig schmerzhaft in ihrer Freiheit ein.

„Die Leidenschaften, die einen Menschen friedfertig machen, sind Todesfurcht, das Verlangen nach Dingen, die zu einem angenehmen Leben notwendig sind und die Hoffnung, sie durch Fleiß erlangen zu können.“22

Damit entstehen die Motive, den Kriegszustand zu beenden, wie auch er selbst, aus reinem Egoismus. Nur die eigene Furcht und die eigenen Bedürfnisse zählen.

3.1. Die Rolle der natürlichen Gesetze

Hobbes bezeichnet die natürlichen Gesetze als „... Weg oder Mittel zum Frieden ...“23. Sie können im Naturzustand mit Hilfe der Vernunft hergeleitet werden. Da die Menschen dem Elend im Krieg entkommen wollen,

„.. ist dies eine Vorschrift oder allgemeine Regel der Vernunft: Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen, solange dazu Hoffnung besteht. Kann er ihn nicht herstellen, so darf er sich alle Hilfsmittel und Vorteile des Krieges verschaffen und sie benützen. Der erste Teil dieser Regel enthält das erste und grundlegende Gesetz der Natur, nämlich: Suche Frieden und halte ihn ein. ...

Aus diesem grundlegenden Gesetz der Natur ... wird das zweite Gesetz der Natur abge-leitet: Jedermann soll freiwillig, wenn andere ebenfalls dazu bereit sind, auf sein Recht auf alles verzichten, soweit er dies um des Friedens und der Selbstverteidigung willen für notwendig hält, und er soll sich mit soviel Freiheit gegenüber anderen zufrieden geben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde.“24

Erwähnenswert wäre noch das dritte natürliche Gesetz, das dazu ermahnt, geschlossene Ver-träge zu halten.

Hobbes nennt noch eine ganze Reihe weiterer natürlicher Gesetze. Insgesamt sind alle mit einer einfachen, für jedermann einprägsamen Formel auf einen Nenner zu bringen. Sie lautet in Anlehnung an eine Stelle in der Heiligen Schrift: „Füge einem anderen nicht zu, was du nicht willst, dass man dir zufüge.“25

3.2. Die Entstehung des Leviathan

Auch wenn es möglich ist, die natürlichen Gesetze mit Hilfe der Vernunft im Naturzustand herzuleiten, ist ihre Durchsetzung und Einhaltung dort noch nicht gewährleistet. Die mög-lichen Gründe hierfür sollen noch an späterer Stelle erwähnt werden. Jedenfalls müssen die Menschen von einer Zentralgewalt mit Strafe zur Einhaltung der natürlichen Gesetze ge-zwungen werden. Der Staat muss dazu in der Lage sein, die Menschen mit Sanktionen von gegenseitigen Übergriffen abzuhalten und sie außerdem vor Angriffen von außen zu schützen und so den Frieden aufrecht zu erhalten. Nach Hobbes Überzeugung schafft dies nur ein ab-soluter Staat, in dem der Souverän, entweder Einzelperson oder Versammlung, die uneinge- schränkte Gewalt besitzt, die aus der Übertragung der „gesamten Macht und Stärke“26 der zukünftigen Untertanen an ihn resultiert. Seine Einsetzung und damit das Verlassen des Naturzustandes soll folgendermaßen vonstatten gehen:

„... durch Vertrag eines jeden mit jedem ..., als hätte jeder zu jedem gesagt: Ich autori-siere diesen Menschen oder diese Versammlung von Menschen und übertrage ihnen mein Recht, mich zu regieren, unter der Bedingung, daß du ihnen ebenso dein Recht überträgst

und alle ihre Handlungen autorisierst. Ist dies geschehen, nennt man diese zu einer Per-son vereinigte Menge Staat... . Dies ist die Erzeugung jenes großen Leviathan... , dem wir unseren Frieden und Schutz verdanken.“27

Die Einsetzung des Leviathan vollzieht sich nach den Regeln des zweiten natürlichen Geset-zes. Erst nach seiner Etablierung ist Frieden und damit eine kulturelle Entwicklung und ge-sellschaftliche Errungenschaften möglich.

4. Die Auswirkungen von Hobbes wissenschaftlicher Methode auf seine Naturzustandskonzeption

Hobbes Idee war es, die Wissenschaft oder Philosophie vom Staat more geometrico zu be-treiben, sich also mathematischer Methoden bei Argumentation und Schlussfolgerung zu be- dienen.

Bernard Willms stellt insbesondere fest, dass Hobbes sich im Leviathan der „... resolutiv – kompositiven Methode .. , also dem Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen zum Zwecke wissenschaftlicher Erkenntnis, ...“ bedient.28 „Der erste Schritt ist die Auflösung des ganzen in seine Elemente. Element des Staates ist der einzelne Mensch.“29

Ist die staatliche Bande gelöst, befinden sich die Menschen im Naturzustand. Hier beginnt ein „... Gedankenexperiment: Die Menschen sind Versuchspersonen ...“.30

Das Ergebnis dieses Experiments ist, dass die Menschen im Naturzustand als ungesellige Wesen in Krieg und Elend verfallen, und dass sie zu ihrer Selbsterhaltung und um ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprechend leben zu können, ein künstliches Gebilde her-stellen müssen, „... um die Sozialitätsdefizite ihrer Natur zu kompensieren ...“.31

Dieses Gebilde ist der Leviathan, der absolute Staat. Mit seiner Einsetzung durch den Vertrag eines jeden mit jedem wird schließlich die Wiederzusammensetzung des Ganzen und damit der kompositive und Hobbes letzter Schritt vollzogen.

Doch ist der Staat gegründet, ist der Naturzustand bei weitem noch nicht endgültig überwun-den: Ein Rückfall ist nicht ausgeschlossen.

Diesen Rückfall ermöglicht Hobbes Theorie, da sie Naturzustand und staatlichen Zustand nicht evolutiv im Sinne einer historischen Entwicklung miteinander verbindet, sondern vielmehr eine „schroffe Kontrastierung von Krieg und Frieden“ vornimmt.32 33 So werden

„... Natur- und Gesellschaftszustand als idealtypische Konstrukte behandelt. ... Der Naturzustand ist .. nicht eine geschichtlich überwundene Etappe aus den Anfangs-gründen der Menschheit, sondern die Alternative zu dem durch die Macht und Gewalt des Souveräns gesicherten Gesellschaftszustand, die bei Infragestellung dieser Macht und Gewalt jederzeit Wirklichkeit werden kann.“

Durch diese Ausklammerung der historischen Dimension ist der Naturzustand nach Herfried Münklers Meinung „ ... tatsächlich .. ein bloßes Konstrukt der resolutiv – kompositiven Methode ...“.34

5. Rekonstruktionsversuche mit Hilfe der Spieltheorie

Ist es Hobbes tatsächlich gelungen, eine Argumentation mit mathematischer Stimmigkeit aufzubauen? Wenn ja, müsste sich seine Theorie mit Hilfe der Spieltheorie rekonstruieren lassen.„Als Spieltheorie bezeichnet man den Zweig der Entscheidungstheorie, der die Ratio-nalitätsbedingungen von Entscheidungen in Interaktionssituationen, in Situationen des Kon-flikts, der Konkurrenz oder der Kooperation untersucht.“35

5.1. Der Naturzustand als Gefangenendilemma

Das ursprüngliche Gefangenendilemma ist folgende Situation: Zwei Gefangene werden un-abhängig voneinander in getrennten Zellen befragt. Sie haben gemeinsam ein schweres Ver-brechen begangen, das man ihnen jedoch nicht nachweisen kann. Nachweisen kann man Ihnen nur ein anderes, weniger schwerwiegendes Verbrechen, auf das es nur eine geringe Strafe gibt. Nun werden beide vor folgende Möglichkeiten gestellt:

Ist einer bereit, zu dem schweren Verbrechen auszusagen, erhält er als Kronzeuge völlige Straffreiheit, wenn der andere nicht zur Aussage bereit ist. Der Aussageverweigerer be-kommt dann die Höchststrafe. Sagen beide nicht aus, können sie beide nur mit einer geringen Strafe für das leichte Verbrechen belegt werden. Sind beide zu einem Geständnis bezüglich der schweren Straftat bereit, wird beiden ihre Geständigkeit bei der Festlegung des Straf-maßes angerechnet. Beide bekommen dann die gleiche Strafe, die deutlich über der Strafe für das kleine Verbrechen, aber auch deutlich unter der Höchststrafe liegt. Jeder bei seiner Ent-scheidung auf sich allein gestellt, ohne zu wissen, wie sich der andere entscheidet, wird nun eher aussagen als nicht aussagen.

„Der Geständnisstrategie ist eindeutig der Vorzug vor der Geständnisverweigerungsstra-tegie zu geben, denn falls der andere gesteht, ist es besser, dass man auch gesteht [man will ja nicht die Höchststrafe riskieren], und falls der andere nicht gesteht, ist es erst recht vernünftig, zu gestehen [dann kommt man nämlich straffrei davon]. “36

Wenn aber nun beide aussagen, haben sie die für beide kollektiv beste Lösung verfehlt, weil jeder für sich das individuell beste Ergebnis erzielen wollte. Hätten nämlich beide den Mund gehalten, wären sie mit einer wesentlich geringeren Strafe davongekommen.

„Der Witz des Gefangenendilemmas liegt in der Unvermeidlichkeit, mit der der rationale Egoismus die vorteilhaftere Strategie verfehlt.“37

Individuell rationales Handeln und kollektiv rationales Handeln gehen hier weit auseinander.

Die Struktur eines Gefangenendilemmas kann man nun auf den Naturzustand übertragen.

Auch hier wollen die egoistischen Menschen jeder für sich das beste Ergebnis erreichen, was man auch als individuelle Optimierung bezeichnen kann.

„Die beiden Grundstrategien, die allen Personen im Naturzustand offen stehen, kann man .. in gröbster Einteilung als Rücksichtnahme bzw. Rücksichtslosigkeit charakterisieren. Wenn zwei Personen um ein knappes Gut konkurrieren, muß sich eine Person gegenüber einer rücksichtslosen Person ebenfalls rücksichtslos verhalten, um nicht alles zu verlie-ren; wenn sie sich gegenüber einer rücksichtsvollen Person rücksichtslos verhält, kann sie sogar alles gewinnen, so dass für beide mögliche Strategien Rücksichtslosigkeit den eige-nen Interessen entspricht.“38

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sich also nun beide Personen bei der Konkurrenz um ein knappes Gut rücksichtslos verhalten und jeder wird sich einen Teil erkämpfen. Damit er-reichen beide für sich ein schlechteres Ergebnis, als wenn sie die kollektiv sinnvollste Strate-gie verfolgt und das knappe Gut rücksichtsvoll gemeinsam genossen hätten.

Dieses gemeinsame Genießen könnte zwar in einer Absprache oder einem Vertrag zwischen beiden geregelt werden. Besteht ein solcher Vertrag, ist allerdings wieder jede der Parteien mit einem Gefangenendilemma konfrontiert. Jeder hat die Optionen, den Vertrag entweder einzuhalten oder ihn zu brechen. Hält man den Vertrag ein, besteht die Gefahr, dass der an-dere ihn bricht und das Gut an sich reißt. In diesem Fall würde man alles verlieren. Auf der anderen Seite könnte aber der andere ihn einhalten; dann könnte man selbst den Vertrag bre-chen und das Gut für sich alleine beschlagnahmen. Das wäre für einen selbst das bestmög-liche Ergebnis. Nach diesen Überlegungen würde jeder den Vertrag brechen und versuchen, das Gut an sich zu bringen. Es gäbe dann wieder einen Kampf, in dem sich jeder einen Teil erstreiten würde.

Das Gefangenendilemma löst eine Konflikteskalation im Naturzustand aus, die schließlich im Krieg eines jeden gegen jeden gipfelt. Jeder muss rücksichtslos, das heißt mit Gewalt, seine Interessen verfolgen, will er nicht verlieren und damit seine Selbsterhaltung aufs Spiel set-sen. Verträge würden praktisch nie eingehalten, denn schon alleine das Misstrauen gegenüber dem Vertragspartner würde einen Bruch rechtfertigen und sogar notwendig machen. Die Strategie der Rücksichtslosigkeit, die für jeden einzeln betrachtet die beste zu sein scheint, führt insgesamt zu katastrophalem Elend.

Wie könnte man nun allgemeine Rücksichtnahme, die kollektiv rationale Lösung, und damit einen friedlichen Zustand erreichen? Man müsste allgemeingültige Spielregeln einführen, nach denen sich jeder rücksichtsvoll verhalten muss. Diese Spielregeln sind die natürlichen Gesetze, zu denen auch das Einhalten von Verträgen gehört.

Selbst wenn jedoch jeder Naturzustandsbewohner die natürlichen Gesetze kennen würde, würde er bei der Frage, ob er sich einhalten soll oder nicht, wieder vor einem Gefangenen-dilemma stehen: er weiß nämlich nicht, ob die anderen die natürlichen Gesetze einhalten oder nicht.

„Wenn sich die anderen nicht an die natürlichen Gesetze halten, ist es für mich besser, mich ebenfalls nicht an die natürlichen Gesetze zu halten, da ich sonst im Konkurrenz-kampf verlieren und vermutlich mein Leben einbüßen würde. Sollten sich aber die ande-ren an die natürlichen Gesetze halten, könnte ich dadurch, dass ich fallweise davon ab-weiche, mir einen zusätzlichen Vorteil verschaffen.“39

Ich würde immer auf rücksichtsvolle Menschen treffen, denen ich im Einzelfall rücksichts-los alles abnehmen könnte. Trotzdem könnte ich die Annehmlichkeiten der allgemeinen Ein-haltung, nämlich den Frieden, genießen. Diesen Vorteil, auch „Schwarzfahrervorteil“40 ge-nannt, würde aber jeder auszunutzen versuchen – die natürlichen Gesetze würden von kei-nem Eingehalten.

Anders sähe es aus, wenn es einen Staat, eine Sanktionsgewalt, gäbe, die jeden Bruch der na-türlichen Gesetze bestrafen würde. Dann wäre die Einhaltung für jeden individuellen Opti-mierer vorteilhaft: Durch gegenseitige Rücksichtnahme kann ein großer Gewinn im Einzel-fall sichergestellt werden und auch eine Strafe vermieden werden. Die natürlichen Gesetze würden allgemein eingehalten.

Insgesamt liefert das Gefangenendilemma die Erklärung dafür, warum bei gleichbleibenden menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen der Naturzustand ein Kriegszustand, der staatliche Zustand aber friedlich ist, und auch dafür, warum die natürlichen Gesetze und spe-ziell Verträge im Naturzustand nicht eingehalten werden und nach der Etablierung einer Zwangsgewalt schon.

„Weder im Naturzustand noch im Friedenszustand wird verlangt, dass Personen von der Optimierung der eigenen Interessen abgehen.“41

Nur eines kann es nicht erklären: die Einsetzung des Souveräns. Sie wäre unmöglich, weil bei der Frage, ob er seine Gewaltmittel abtreten soll, wieder jeder vor einem Gefangenendi-lemma mit zusätzlichem Schwarzfahrervorteil stehen würde. Folglich müsste jeder, wenn er die individuell rationale Strategie verfolgt, seine Gewaltmittel behalten. Der Souverän könnte dann ohne Macht die Einhaltung der natürlichen Gesetze nicht erzwingen und die Menschen würden im Naturzustand bleiben. Sie könnten ihm nicht entkommen.

5.2. Der Naturzustand als Vertrauensspiel

Hobbes stellt im 14. Kapitel des Leviathan fest: „Wird ein Vertrag abgeschlossen, bei dem keine der Parteien sofort erfüllt, sondern nur im gegenseitigen Vertrauen, so ist er im Natur-zustand ... bei jedem vernünftigen Verdacht [dass der andere nicht erfüllt] unwirksam.“42

Und weiter im 15. Kapitel: „Wo aber .. eine Partei schon erfüllt hat, ... ,da erhebt sich die Frage, ob die Erfüllung der Vernunft, das heißt, dem Vorteil der anderen Partei, widerspricht oder nicht. Und ich sage, sie widerspricht der Vernunft nicht.“43 44

Hobbes begründet dies folgendermaßen: Im Kriegszustand könne niemand darauf hoffen, sich ohne Hilfe von Verbündeten vor der Vernichtung zu bewahren. Jemand, der seinen Vertrag breche, könne aber in keine Gesellschaft aufgenommen werden, die sich zur Verteidigung zusammenschließe.

Danach könnte der Ersterfüllende in jeder Vertragssituation erwarten, dass auch der andere aufgrund der obigen Überlegungen den Vertrag einhält, weil es für ihn so am besten ist. Die Einhaltung würde auch für den ersten und damit für beide Parteien rational werden, wie auch Jean Hampton feststellt.45

Julian Nida-Rümelin schreibt über die eben aufgeführten Textstellen aus dem Leviathan:

„Wenn man aus diesen Ausführungen schließt, dass Hobbes ... zugestimmt hätte, dass immer dann, wenn die Erwartung begründet ist, dass sich die anderen an Verträge bzw. die natürlichen Gesetze generell halten, man verpflichtet sei, dies ebenfalls zu tun, so wä-re der Naturzustand kein Gefangenendilemma, sondern müsste durch eine Interaktions- struktur anderen Typs beschrieben werden, die in der spieltheoretischen Literatur als ‚assurance game´ (‚Vertrauensspiel´) bezeichnet wird. Ein Vertrauensspiel liegt dann vor, wenn die Interaktionsbeteiligten jeweils kooperieren unter der Bedingung, dass sie erwar- ten, dass die anderen ebenfalls kooperieren, und nicht kooperieren, wenn sie diese Erwar-tung nicht haben. “46

Wenn es aber für beide Parteien rational ist, sich an einen Vertrag und an die natürlichen Ge-setze insgesamt zu halten, müsste dann nicht immer jeder die Erwartung haben, dass der an-dere kooperiert? Würde sich am Ende die Kooperation so durchsetzen, dass der Naturzustand seinen Kriegscharakter weitgehend verlieren würde?

Nicht unbedingt. Man stelle sich folgende Situation vor: Zwei Naturzustandsbewohner ver-einbaren vertraglich einen Tauschhandel. Dabei wollen sie zwei gleichwertige Güter gegen-einander tauschen. Die erste Partei erfüllt ihren Teil der Abmachung und händigt der zweiten ihr Gut aus. Die zweite reißt es an sich und verschwindet ohne seine Gegenleistung.

Was ist geschehen? Die zweite Partei hat aus der Situation scheinbar den größtmöglichen Gewinn gezogen: Sie besitzt jetzt zwei Güter. Die erste Partei hat dagegen alles verloren: Sie besitzt gar kein Gut mehr. Der Vertragsbrecher denkt also, er habe die optimale Handlung für sein Wohl und seine Selbsterhaltung vollzogen. Hat er aber nicht.

Er hat aus Kurzsichtigkeit übersehen, dass er als Konsequenz seines Handelns zukünftig als Vertragsbrecher verschrien sein wird. Niemand kann mehr zuverlässige Kooperation von ihm erwarten und daher wird auch keiner mit ihm mehr kooperieren. Er wird in kein Verteidi-gungsbündnis mehr aufgenommen werden, und wird allein mit großer Wahrscheinlichkeit zugrunde gehen.

Der Vertragsbrecher ist in diesem Beispiel als kurzfristiger individueller Optimierer aufge-treten und hat sich dadurch langfristig gesehen in die schlechtest mögliche Situation ge-bracht: Seine Selbsterhaltung ist bedroht.

Kurzsichtigkeit könnte bei der Annahme weiter Verbreitung für die Konflikteskalation im Naturzustand verantwortlich sein. Auch ein Nichtkurzsichtiger müßte dann ständig fürchten, an einen Kurzsichtigen zu geraten und alles zu verlieren. Ohne Vertrauen gäbe es keinen Grund für Kooperation mehr. Jeder wäre dann gezwungen, seine Interessen unkooperativ und gewaltsam zu verfolgen.

Allerdings spricht Hobbes, zumindest explizit, nirgends von einer menschlichen Kurzsich-tigkeit. Irgendein Störfaktor muss jedoch die Menschen davon abhalten, im Naturzustand zu kooperieren, da sonst womöglich Frieden herrschen würde. Das käme Hobbes sicherlich nicht sehr gelegen.

Ein eventueller Störfaktor, den Hobbes sehr wohl erwähnt, nämlich die menschlichen Lei-denschaften, kommen für Jean Hampton nicht als Grund für die Konflikteskalation im Na-turzustand in Frage. Ein entsprechender Ansatz wird wieder verworfen.47

Schlussbemerkungen

Die beiden spieltheoretischen Ansätze, besonders der zweite, sind nicht vollständig bis in alle Einzelheiten und Verästelungen aufgeführt. Auch sind das Gefangenendilemma und das Vertrauensspiel nicht die einzigen Rekonstruktionsmöglichkeiten mit Hilfe der Spieltheorie.

So nennt z.B. Nida-Rümelin noch das sogenannte „dynamische Kooperationsspiel“48 49, das hier nicht weiter behandelt werden soll. Insgesamt haben alle Ansätze eines gemeinsam: keiner erlaubt eine lücken- und widerspruchslose Rekonstruktion von Hobbes Theorie.

Hobbes scheint also an seinem eigenen Anspruch, nämlich, die Wissenschaft vom Staat nach more geometrico betreiben zu wollen, gescheitert zu sein. Dies würde auch die folgende Aussage bestätigen:

„Der Oberflächeneindruck einer strengen logischen Abfolge der Argumente und einer an der Mathematik orientierten Schärfe der Begriffe lässt sich bei genauerer Analyse des Leviathan nicht aufrechterhalten.“50

LITERATURVERZEICHNIS

Primärliteratur:

Hobbes, Thomas /Fetscher, Iring (Hrsg.): Leviathan. 10. Aufl. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2000. (Shurkamp Taschenbuch Wissenschaft 462)

Sekundärliteratur:

Hampton, Jean: Hobbes and the social contract tradition. 1.Aufl. Cambridge: Cambridge University Press, 1990.

Kavka, Gregory S.: Hobbe’s war of All against All. In: Ethics 93, S.291-310.

Kersting, Wolfgang: Thomas Hobbes zur Einführung. 1.Aufl. Hamburg: Junius Verlag, 1992.

Münkler, Herfried: Thomas Hobbes. 2.Aufl. Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2001.

Nida-Rümelin, Julian: Bellum omnium contra omnes, in: Kersting, Wolfgang: Thomas Hobbes, Leviathan. Klassiker auslegen, Bd.5. Berlin: Akademie Verlag, 1996. S.109-130.

Willms, Bernard: Thomas Hobbes. Das Reich des Leviathan. München: Piper, 1987.

[...]


1 Hobbes, Leviathan, 2000, S. 96

2 Münkler, Hobbes, 2001, S. 80

3 Hobbes, Leviathan, 2000, S.48

4,5 Hobbes, Leviathan, 2000, S.75

6 Hobbes, Leviathan, 2000, S. 94

7 Hobbes, Leviathan, 2000, S.94

8 Hobbes, Leviathan, 2000, S.94f.

9 Hobbes, Leviathan, 2000, S.95

10,11 Hobbes, Leviathan, 2000, S.95

12 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S. 113

13,14,15 Hobbes, Leviathan, 2000, S. 96

16 Hobbes, Leviathan, 2000, S.98

17 Hobbes, Leviathan, 2000, S.99

18 Hobbes, Leviathan, 2000, S.122

19 Hobbes, Leviathan, 2000, S.110f.

20,21 Hobbes, Leviathan, 2000, S.110

22 Hobbes, Leviathan, 2000, S.98

23 Hobbes, Leviathan, 2000, S. 122

24 Hobbes, Leviathan, 2000, S. 99f.

25 Hobbes, Leviathan, 2000, S.120f.

26 Hobbes, Leviathan, 2000, S.134

27 Hobbes, Leviathan, 2000, S.134

28 Willms, Thomas Hobbes, 1987, S.127

29 Willms, Thomas Hobbes, 1987, S.151

30 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.102

31 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.103

32,33 Münkler, Thomas Hobbes, 2001, S.97

34 Münkler, Thomas Hobbes, 2001, S.97

35 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.114

36 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.117

37 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.118

38 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.119

39 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.121

40 Kersting, Thomas Hobbes zur Einführung, 1992, S.116

41 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.122

42 Hobbes, Leviathan, 2000, S.104f.

43,44 Thomas Hobbes, Leviathan, 2000, S.112

45 vgl. Hampton, Hobbes and the social contract tradition, 1990, S.65

46 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.125

47 Vgl. Hampton, Hobbes and the social contract tradition, 1990, S.63ff.

48, 49 Vgl. Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.127ff.

50 Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes, 1996, S.127

Details

Seiten
19
Jahr
2002
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13690
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Thomas Hobbes Naturzustandslehre Menschen Krieg Grundkurs Einführung Politische Theorie

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Titel: Thomas Hobbes Naturzustandslehre - Die Menschen im Krieg eines jeden gegen jeden