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Schulschock - Wie junge russischsprachige Übersiedler eine deutsche Schule wahrnehmen

Examensarbeit 1999 110 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 DEFINITIONEN
2.1 Deutsche
2.2 Ausländer
2.3 Übersiedler
2.3.1 Kontingentflüchtlinge
2.3.2 Aussiedler
2.3.3 Russen und andere

3 DAS „GENO“ – EIN GANZ BESONDERES GYMNASIUM

4 NUMERISCHE FAKTEN

5 DAS IDENTITÄTSPROBLEM – DEUTSCHER, RUSSE, JUDE ODER KASACHE?

6 SPRACHVERWIRRUNG – WELCHE SPRACHEN SPRECHEN DIE ÜBERSIEDLER?
6.1 Sprachliche Voraussetzungen
6.2 Die Sprachsituation in Deutschland
6.3 Warum sprechen sie Russisch?
6.4 Auswege aus der sprachlichen Sackgasse?

7 DIE SCHULE HIER IST DOCH EIN KINDERGARTEN!
7.1 Der schulische Hintergrund der Übersiedler
7.2 Allgemeine Einstellung zur Schule und Erwartungen an die Schule
7.3 Schule in den Augen der Übersiedler
7.3.1 Leistungsanforderungen
7.3.2 Lehrbücher und der Umgang mit ihnen
7.3.3 Außerschulisches Angebot
7.3.4 Ist der Übergang in die deutsche Schule zu erleichtern? – Schlüsse aus der Analyse der Schulwahrnehmung durch die Übersiedler
7.4 Lehrer in den Augen der Übersiedler
7.4.1 Unterrichtsstil
7.4.2 Verbales Lehrerverhalten
7.4.3 Nonverbales Lehrerverhalten
7.4.4 Spezielles Verhalten der Lehrer gegenüber Übersiedlern
7.4.5 Müssen sich die deutschen Lehrer anpassen? – Schlüsse aus der Analyse der Lehrerwahrnehmung durch die Übersiedler
7.5 Mitschüler in den Augen der Übersiedler
7.5.1 Übersiedler unter sich
7.5.2 „Russen“ und „Deutsche“
7.5.3 „Russen“ und „Türken“
7.5.4 Mögliche Wege zu einem besseren interkulturellen Verständnis unter Schülern

8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

9 BIBLIOGRAFIE
9.1 Literatur über Übersiedler
9.2 Literatur zu hier angewandten Arbeitsmethoden
9.3 Literatur mit Hintergrundinformationen
9.4 Wörterbücher

10 ANHANG – ZUR ERHEBUNG DER DATEN
10.1 Gedanken zum Fragebogen
10.1.1 Struktur des Fragebogens
10.1.2 Grafische Gestaltung des Fragebogens
10.2 Pretest
10.3 Der fertige Fragebogen
10.4 Die deutsche Übersetzung des Fragebogens
10.5 Durchführung der Befragung
10.6 Auswertung der Daten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Alter und Geschlecht der Respondenten

Abbildung 2: Aufenthaltsdauer der Respondenten in Deutschland

Abbildung 3: Herkunft der Respondenten (Übersichtskarte)

Abbildung 4: Wahrnehmung der eigenen nationalen Identität

Abbildung 5: Selbsteinschätzung der Deutschkenntnisse

Abbildung 6: Familiensprache der Respondenten

Abbildung 7: Typische Sitzhaltung sowjetischer Schüler

Abbildung 8: Wahrnehmung der schulischen Leistungsanforderungen nach Fächern

Abbildung 9: Einschätzung von Lehrern in der GUS und in Deutschland

Abbildung 10: Vergleich des Schüler-Lehrer-Verhältnisses in der GUS und in Deutschland

Abbildung 11: Zusammensetzung des Freundeskreises der Respondenten

Abbildung 12: Einschätzung verschiedener Schülergruppen

1 EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit präsentiert die Ergebnisse einer Untersuchung, die erforschte, wie russischsprachige Übersiedler ihre Situation an einer deutschen Schule wahrnehmen. Den Anstoß zu diesem Forschungsvorhaben gaben Fragen wie die folgenden: „Was sind das eigentlich für Leute? Russen, Deutsche, Kasa-chen ...?“ „Warum kapseln die sich so ab?“ „Warum sind die so aufsässig?“ Dies sind Fragen, die mir verschiedene Kollegen[1] während meiner anderthalbjährigen Tätigkeit als Studienreferendar in Pausen oder nach Schulschluss[2] stellten. Solche Fragen zu Übersiedlern am Gymnasium Genovevastraße zeigten zwei Probleme: Zum einen besteht bei den Lehrern ein Informationsdefizit. Obwohl am Gymna­sium Genovevastraße nun schon fast ein Jahrzehnt verstärkt Übersiedler aus der GUS unterrichtet werden, scheint zumindest ein Teil der Lehrer sich nur wenig mit deren biografischen Voraussetzungen auseinandergesetzt zu haben. Zum anderen besteht offensichtlich ein Informationsbedarf. Zum Beispiel ist die Frage, warum „die“ so aufsässig sind, selbstverständlich nicht „mal eben so“ in zwei Sätzen zu klären – auch nicht von einem Russischreferendar, von dem gleichwohl ein gewisser landeskundlicher Hintergrund erwartet werden kann. Unter diesen beiden Prämissen – Informationsbedarf und Informationsdefizit – schrieb ich diese Arbeit.

Gut 190.000 Jugendliche, die 1997 allein in Nordrhein-Westfalen eine Schule besuchten, wurden in der vormaligen Sowjetunion geboren.[3] Sie haben damit einen Anteil von 8,5 % an der Gesamtschülerschaft des Landes.[4] Dennoch war der Informationsbedarf über ihre Einstellung zu Schule mit Hilfe der vorhandenen Literatur nicht abzudecken. Zwar sind die allgemeinen Integrationsprobleme von Aussiedlern gut dokumentiert[5]; ihre spezielle Situation an deutschen Schulen wurde jedoch noch nicht empirisch untersucht. Es ist jedoch nahe liegend, dass es Zusammenhänge zwischen allgemeiner und schulischer Sozialisation in der GUS und schulischen Problemen der Übersiedler in Deutschland gibt. Daher war es im Vorfeld dieser Arbeit erforderlich, Informationen zu sammeln. Mit einem von mir entwickelten Fragebogen wurden 180 Schüler des Gymnasiums Genovevastraße zu ihrem biografischen Hintergrund und ihrer Wahrnehmung der Schule in der GUS und in Deutschland befragt.[6]

Unklarheiten, die bei der Auswertung der Befragung aufkamen, klärte ich in Interviews mit sechs russischsprachigen Schülern sowie zwei aus der Sowjetunion zugewanderten Russischlehrern, die beide das deutsche Schulsystem kennen. Darüber hinaus konnte ich einige Unklarheiten in Gesprächen mit deutschen Kol-legen sowie der Direktion des Gymnasiums Genovevastraße beseitigen. Letzt-endlich verarbeitete ich in dieser Arbeit auch meine eigenen Erfahrungen aus neun Aufenthalten in der Sowjetunion und der GUS, während derer ich mehrfach Schulen besuchte und auch einige Stunden unterrichtete. Die Basis der Arbeit bilden jedoch die Daten, die ich im Rahmen der Befragung sammelte.

Das Informationsdefizit bei den Lehrern zu beheben, ist das Hauptanliegen dieser Arbeit. Daher habe ich sämtliche russische Zitate in dieser Arbeit übersetzt.[7] Es ist geplant und von der Schulleitung ausdrücklich erwünscht, die Ergebnisse der Arbeit in einer für Lehrer verpflichtenden Informationsveranstaltung öffentlich zu machen.

Es handelt sich hier um eine primär darstellende Arbeit, die nicht zum Ziel hat, sämtliche Schwierigkeiten von und mit Übersiedlern zu lösen. Nur an einigen Stellen gebe ich Hinweise, die zur Lösung des einen oder anderen Problems bei-tragen können. In erster Linie möchte ich jedoch aufzeigen, wo wahrscheinlich die Ursachen dieser Probleme liegen. Um diesem Ziel gerecht zu werden, stelle ich die erhobenen Umfragedaten in Zusammenhang mit wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Bedingungen, unter denen die Respondenten in ihren Her-kunftsländern aufwuchsen.

Selbstverständlich können hier nur Tendenzen dargestellt werden können, da es den Übersiedler nicht gibt. Unter den russischsprachigen Schülern des Gymnasi­ums Genovevastraße finden sich Vertreter verschiedenster Nationalitäten, so zum Beispiel Juden, Russen, Aserbaidschaner, Deutsche, und Ukrainer. Manche sind in Millionenstädten groß geworden, andere auf dem Dorf Dennoch finden sich Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel das durchlaufene, relativ einheitliche sowjetische Schulsystem. Dieses prägte entscheidend die Wahrnehmung der deutschen Schule durch die jungen Übersiedler.

Bedingt durch ihre Sozialisation nehmen Menschen aus der GUS verschiedene Bevölkerungsgruppen in Deutschland anders wahr als es Deutsche tun. Das Kapitel 2 „Definitionen“ nimmt darauf Bezug und grenzt diese Gruppen gegen-einander ab.

Kapitel 3 „Das ‚Geno‘ ...“ stellt die untersuchte Schule und ihre Schülerschaft vor. Insbesondere gehe ich hier auf die außergewöhnlichen Bedingungen ein, die für die hier untersuchte Schülergruppe an dieser Schule gelten.

Im Verlauf der Arbeit wird immer wieder Bezug auf einige Eckdaten in der Gruppe der Respondenten Bezug genommen. Daher wird diese Gruppe im Kapitel 4 „Numerische Fakten“ mit einigen Zahlen wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, und Herkunft dargestellt.

Eine der häufigen Fragen in Gesprächen mit Lehrern war die, wie sich die Über-siedler selbst definieren. Im Kapitel 5 „Das Identitätsproblem ...“ wird daher untersucht, welchen Nationalitäten sich die Respondenten zuordnen. Hierbei gehe ich unter anderem auf verschiedene Bedingungen ein, die das unterschiedliche Nationalbewusstsein in den Herkunftsländern der Übersiedler prägen und definieren.

Die deutsche Sprache stellt an der Schule eines der größten Probleme für die Übersiedler dar. Das Kapitel 6 „Sprachverwirrung ...“ untersucht daher die sprachlichen Voraussetzungen, unter denen die Übersiedler nach Deutschland kommen sowie die Bedingungen, unter denen sie hier die deutsche Sprache erler-nen sollen.

Die Beschreibung der Wahrnehmung der deutschen Schule in Kapitel 7 „Die Schule hier ist doch ein Kindergarten!“ stellt den Hauptteil dieser Arbeit dar. Hier erörtere ich zuerst die schulische Vergangenheit der Übersiedler sowie ihre Grundeinstellung gegenüber der Schule. Im Anschluss untersuche ich die allge-meine Wahrnehmung der deutschen Schule sowie ihre Einstellung zu Lehrern und verschiedenen Schülergruppen.

2 DEFINITIONEN

Im Verlauf der Arbeit werden häufig verschiedene Bevölkerungsgruppen der Bundesrepublik Deutschland angesprochen, die auch in der Schülerschaft der untersuchten Schule repräsentiert sind. Da die Abgrenzung keineswegs eindeutig ist, werde ich die angesprochenen Gruppen hier darstellen. Hierbei bemühe ich mich, die Definitionen der Sichtweise der russischsprachigen Schüler anzunähern. Obwohl umfangreiche Literatur über einige der hier dargestellten Gruppierungen existiert, beschränke ich mich bei der Darstellung auf einige wenige Zahlen, die ausreichen, um die Situation an der Schule nachvollziehen zu können.[8]

2.1 Deutsche

Mit dem Terminus Deutsche sind in dieser Arbeit nicht Deutsche im juristischen Sinne gemeint. Es handelt sich vielmehr um Personen, die in Deutschland geboren sind und kulturell sowie sprachlich einen deutschen Hintergrund haben. Damit fallen zum Beispiel Deutsche mit türkischem Hintergrund aber auch Aussiedler aus Polen, auch wenn sie einen deutschen Pass besitzen, nicht in diese Gruppe. Beide Gruppen sind mit anderen unter dem folgenden Begriff zusammengefasst.

2.2 Ausländer

Der Terminus Ausländer bezeichnet in dieser Arbeit Personen, deren kultureller oder sprachlicher Hintergrund nicht deutsch und nicht sowjetisch beziehungs-weise russisch ist. Am Gymnasium Genovevastraße sind 55 % der so definierten Ausländer türkischer Abstammung und 22 % polnischer Herkunft.[9]

2.3 Übersiedler

Der Begriff pycax [rusák] bezeichnet im Russischen eine Hasenart. Den homony-men Terminus pyccax [russák] kennt in Russland jedoch niemand. Dieser schon umgangssprachliche Neologismus dient nur in Deutschland den Auswanderern aus der GUS als ironische Eigenbezeichnung.[10] Auch der in Deutschland hoch frequentierte russische Begriff nepeceneuey (= Übergesiedelter, Auswanderer) macht im Allgemeinen keinen Unterschied zwischen Russlanddeutschen, Kontin-gentflüchtlingen oder ausgewanderten Russen.

Unter dem Terminus Übersiedler fasse ich hier also analog die Personen zusam-men, die aus der vormaligen Sowjetunion nach Deutschland ausgewandert sind, ohne diese Gruppe weiter zu differenzieren. Obwohl hier verschiedene Gesetz-grundlagen eine Rolle spielen, ist diese Definition zulässig, da die Übersiedler sich selbst so bezeichnen und als geschlossene Gruppe wahrnehmen.

An einigen Stellen dieser Arbeit ist es jedoch nötig, diese Gruppe noch einmal zu differenzieren:

2.3.1 Kontingentflüchtlinge

Unter dem Begriff Kontingentflüchtlinge verstehe ich in dieser Arbeit Juden, die aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in die Bundesrepublik eingewandert sind. Sie sind damit eine Teilmenge der oben definierten Übersiedler. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es auch andere Kontingentregelungen für Flüchtlinge gibt, die in die Bundesrepublik kommen.

Laut Angaben des Bundesverwaltungsamtes sind seit Einführung des geregelten Aufnahmeverfahrens im Jahre 1991 bis Anfang 1998 knapp 78.000 jüdische Kontingentflüchtlinge aus der vormaligen Sowjetunion nach Deutschland einge-wandert.[11] Der Anteil der Kontingentflüchtlinge innerhalb der von mir befragten Gruppe von Übersiedlern beträgt 30 %.

2.3.2 Aussiedler

Auch die Aussiedler stellen eine Teilmenge der Übersiedler dar. Als Aussiedler werden in dieser Arbeit Personen bezeichnet, die aus der vormaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind und darüber hinaus deutsche Vorfahren haben. Damit gehören zu dieser Gruppe nicht die Aussiedler aus Polen. Diese haben zwar juristisch den gleichen Status wie Aussiedler aus der GUS, werden jedoch nach meiner Erfahrung von den Übersiedlern als Ausländer (Polen) wahr-genommen.

Zwischen 1950 und 1998 wurden knapp 1,8 Millionen Aussiedler aus der ehema-ligen Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen. Der Anteil der Aussiedler aus der vormaligen Sowjetunion an der gesamten deutschen Bevölkerung lag 1998 bei gut 2 %. Der größte Teil der Aussiedler, nämlich gut 1,5 Millionen Menschen, wanderte zwischen 1990 und 1998 ein. Der Anteil junger Menschen ist unter den Aussiedlern im Vergleich zur deutschen Bevölkerung sehr hoch. In den letzten Jahren waren jeweils rund 29 % der zugewanderten Aus-siedler zwischen 6 und 19 Jahre alt.[12]

Der Anteil der Aussiedler unter den Respondenten meiner Befragung beträgt 60 %.

2.3.3 Russen und andere

Zusätzlich zu den genannten Teilgruppen befinden sich am Gymnasium Genove-vastraße russischsprachige Schüler, die weder jüdischer noch deutscher Abstam-mung sind. Unter den Befragten fanden sich elf Russen, drei Ukrainer, zwei Aser-baidschaner und eine Moldawierin. Da die Befragung anonym durchgeführt wurde, hatte ich nicht die Möglichkeit, zu erfragen, auf welcher (gesetzlichen) Grundlage diese Schüler nach Deutschland gekommen sind. Es sind jedoch ver-schiedene Varianten denkbar: So könnte es sich zum Beispiel um Kinder von Gastarbeitern oder von Botschaftsangehörigen handeln.

3 DAS „GENO“ – EIN GANZ BESONDERES GYMNASIUM

Diese Arbeit untersucht ausschließlich Schüler des Städtischen Gymnasiums Genovevastraße in Köln-Mülheim. Grundsätzlich handelt es sich hierbei um ein Gymnasium im konventionellen Sinne. Die knapp 800 Schüler verteilen sich auf eine dreizügige Sekundarstufe I und eine vier- bis fünfzügige Sekundarstufe II. Rund ein Viertel der Schüler in der Sekundarstufe II sind Neuzugänge aus Haupt-und Realschulen. Die erste Fremdsprache ist Englisch.

Bedeutend für die Zusammensetzung der Schülerschaft und für das Schulpro-gramm ist die Bevölkerungszusammensetzung des die Schule umgebenden Kölner Stadtbezirks. Mülheim ist der bevölkerungsreichste Stadtteil Kölns. „Aufgrund des hohen Anteils an (relativ) preiswerten Wohnungen, z.T. Altbauten, Sozial-wohnungen etc. wohnen in Mülheim traditionell viele ausländische Familien sowie viele deutsche Familien mit geringem Einkommen und Sozialprestige.“[13] Dazu kommen seit einigen Jahren viele Aussiedlerfamilien aus Osteuropa und der GUS.

In Absprache mit dem Arbeits- und Sozialministerium NRW, dem Auffanglager Unna-Massen und der Bezirksregierung Köln wurden im Jahre am Gymnasium Genovevastraße 1988 ein Tagesinternat für hochbegabte Aussiedler eingeführt.

In den ersten Jahren wurden hier vor allem Schüler aus Polen aufgenommen. Mit der Öffnung der Sowjetunion nahm seit Anfang der neunziger Jahre der Anteil russischsprachiger Schüler ständig zu. Prämisse für die Aufnahme ist, dass die Schüler außerordentlich gute Zeugnisse vorweisen können. Die Aufnahme ist nicht an den Anfang des Schuljahres gebunden. In der Regel werden die Schüler gegenüber ihrer bisherigen Klasse ein Jahr zurückgestuft und, ohne vorher einen Deutschkurs besucht zu haben, direkt in eine Regelklasse aufgenommen. Spezi-elle Auffang- oder Förderklassen wie an vielen Hauptschulen[14] gibt es nicht.

Dennoch bekommen die Schüler aus Osteuropa und der GUS eine Art „Schon-zeit“: Die Leistungen der Schüler müssen im ersten Jahr nicht benotet werden.[15] Die Noten, die sie in den folgenden Jahren erhalten, werden nach den selben Maßstäben gegeben, wie sie auch auf deutsche Schüler angewandt werden. Bei der Versetzung gelten in den ersten drei Jahren jedoch noch besondere Regeln. Eine Aussiedlerkonferenz beurteilt die Lernfortschritte und die Arbeitshaltung der Jugendlichen. Wenn beides als ausreichend angesehen wird, werden die Schüler – unabhängig von ihren Noten – versetzt.

Die meisten der genannten Schüler besuchen nachmittags den Deutschförder-unterricht. In Intensivkursen werden hier die sprachlichen Defizite der Schüler im Deutschen behoben. Heute besuchen nahezu ausschließlich russischsprachige Schüler diese Kurse, da die Bundesrepublik seit einigen Jahren fast keine polni-schen Aussiedler mehr aufnimmt. Nach drei Jahren Förderung wird erwartet, dass die russischsprachigen Schüler den Sprachstandard der hiesigen Schüler erreicht haben.

Die Schüler aus der GUS können als Ersatz für die zweite Fremdsprache ab der siebten bis zur zehnten Klasse das Fach Russisch belegen. Hierbei handelt es sich um muttersprachlichen Unterricht, der eher dem Deutschunterricht als dem Fremdsprachenunterricht nahe kommt.[16] Die Russischausbildung endet in der Klasse 10 mit der so genannten Feststellungsprüfung. Hier sollen die Schüler ihre Russischkenntnisse nachweisen und haben damit die zweite Fremdsprache kom-pensiert.

Die Arbeit der Schule im Bereich der Förderung der Schüler aus Osteuropa und der GUS ist außerordentlich erfolgreich. „In den zurückliegenden 10 Jahren haben über 300 Jugendliche aus Osteuropa das deutsche Abitur abgelegt, ca. 180 haben ihre Schullaufbahn mit der Fachoberschulreife beendet; die Abbrecher-quote liegt nur bei ca. 8 %.“[17]

Neben dem „Aussiedlerprojekt“ begann im Jahr 1989 ein „Türkischprojekt“: Auf-grund des hohen Anteils türkischer Mitbürger in Mülheim wurde auch das Fach Türkisch als muttersprachlicher Unterricht eingeführt. Hierdurch sollen den türki-schen Jugendlichen bessere Chancen in unserer Gesellschaft eröffnet werden. In den Klassen Fünf und Sechs erhalten die türkischen Schüler auf freiwilliger Basis neben Englisch auch Unterricht in ihrer Muttersprache. In den Jahrgangsstufen Sieben bis Zwölf können sie dann Türkisch als Fremdsprache belegen. Obwohl nicht alle türkischen Schüler von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, hat sich an der Schule der Anteil türkischer Schüler in den letzten zehn Jahren erhöht.

Durch die beiden oben beschriebenen Projekte und durch die multinationale Mül-heimer Bevölkerung ergibt sich heute ein sehr buntes Bild in der Schülerschaft. Bei einer schulinternen Befragung im Juni 1998 wurde die gesamte Schülerschaft unter anderem dazu befragt, mit welcher Muttersprache sie aufgewachsen seien. Hierbei ergab sich, dass der größte Teil der Schüler (32 %) Russisch als Mutter-sprache hat. Darauf folgen Deutsch (28 %), Türkisch (22 %) und Polnisch (8 %).[18] Darüber hinaus wurden noch 19 weitere Sprachen genannt. Einige Konsequenzen aus diesem „Mosaik“ werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit angesprochen.

Der multikulturelle Ansatz des Schulprogramms beschränkt sich nicht nur auf die Förderung einzelner Schülergruppen. Mit verschiedenen Maßnahmen wird ver-sucht, Interesse und Aufgeschlossenheit für fremde Kulturen zu fördern. So wer-den an der Schule zum Beispiel nicht nur christliche Feiertage begangen, sondern auch das Zuckerfest am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan und seit zwei Jahren auch das jüdische Purimfest. Weitere interkulturelle Projekte sind Schüleraustausche mit Schulen in Istanbul, Prag und Troyes (Frankreich) sowie eine Schulpatenschaft mit Corinto (Nicaragua).

4 NUMERISCHE FAKTEN

Grundlage der folgenden Analyse ist die Kenntnis einiger Eckdaten, die die Gruppe der Respondenten beschreiben. Diese Daten geben zwar kaum Auskunft über die Wahrnehmung von Schule durch die Schüler; dennoch ist ihre Kenntnis erforderlich, da sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit häufig zur Interpretation anderer Daten herangezogen werden.

Insgesamt nahmen 180 Schüler an der Befragung teil. Das sind 85 % aller Über-siedler der Schule. Sie alle sind in der vormaligen Sowjetunion geboren und haben dort zwischen sechs und achtzehn Jahren ihres bisherigen Lebens verbracht. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Sowjetunion und ihren Nachfolge-staaten beträgt gut ß Jahre.

Alle Respondenten sprachen zum Zeitpunkt der Befragung noch so gut Russisch, dass sie den auf Russisch verfassten Fragebogen lesen und verstehen konnten.

Die Verteilung der Geschlechter ist etwas unausgewogen. Der Anteil der Mäd-chen liegt mit 105 Respondentinnen bei 58 %. Bei den Respondenten aus der Oberstufe liegt der Frauenanteil sogar bei 66 %. Dies hat eventuell damit zu tun, dass hier die Befragung auf freiwilliger Basis ablief: Frauen sind in Befragungen grundsätzlich leichter erreichbar.[19]

Von Belang ist noch die Altersstruktur bei den Respondenten. Hierüber und auch über die Geschlechterverteilung gibt Abbildung 1 Auskunft:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Alter und Geschlecht der Respondenten

Die hohe Zahl der 16-, 17-, und 18-Jährigen resultiert daraus, dass in den Klassen 9, 10 und 11 die Voraussetzungen für die Befragungen ideal waren. Ich habe fast alle russischsprachigen Schüler dieser Stufen angetroffen.

Um Fragen der Geschwindigkeit und des Fortschritts der Integration zu klären, ist es unter anderem erforderlich, die Aufenthaltsdauer der Schüler in Deutschland zu kennen. Diese beträgt im Durchschnitt 2,7 Jahre, variiert jedoch beträchtlich. Auch hier verschafft eine Grafik den besten Überblick:

Abbildung 2: Aufenthaltsdauer der Respondenten in Deutschland

Die hier angegebenen Zeiträume schließen den jeweils oberen Grenzwert mit ein, den kleineren jedoch nicht. Ich habe das erste Jahr des Aufenthalts noch einmal aufgeteilt, da ich glaube, dass sich gerade in diesem ersten Jahr das Wahrneh-mungsfeld der Übersiedler rapide verändert. Ich werde in einigen Kapiteln näher darauf eingehen.

Bedeutung für die Datenanalyse hat auch die Herkunft der Respondenten. Hier gibt die Tabelle 1 einen ersten Überblick. Es werden sämtliche Nachfolgestaaten der GUS angegeben, um auch zu verdeutlichen, woher die Schüler nicht kommen. Die Tabelle ist nach geografischen Regionen geordnet. Die wichtigsten Her-kunftsländer sind hervorgehoben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[20]

Tabelle 1

Die folgende Karte gibt einen genaueren Überblick. Auf ihr sind die meisten Her-kunftsorte mit der jeweiligen Anzahl der von dort ausgewanderten Respondenten angegeben. Einige Herkunftsorte fehlen jedoch, da selbst auf der großen Sowjet-union-Übersichtskarte[21] im Maßstab 1:8.000.000 selbstverständlich nicht alle Kleinststädte und Dörfer zu finden sind. Dennoch zeigt die Karte eindrilcklich die vier Hauptgebiete aus denen die Respondenten kommen: Die Ukraine, Westruss-land, den Kuzbass und Mittelasien. Wer diese Karte mit einer Karte ilber die Bevölkerungsdichte in der ehemaligen Sowjetunion[22] vergleicht, wird feststellen, dass alle dicht besiedelten Gegenden abgedeckt sind. Dies lässt die Annahme zu, dass die von den Übersiedlern eingebrachten schulischen Erfahrungen nicht nur Phänomene von regionaler Bedeutung sind. Es ist vielmehr mit einer großen Viel-falt an schulischen Erfahrungen bei den Respondenten zu rechnen. Dies kommt der Repräsentativität dieser Arbeit zugute.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Herkunft der Respondenten (Übersichtskarte)

5 DAS IDENTITÄTSPROBLEM – DEUTSCHER, RUSSE, JUDE ODER KASACHE?

„Während sie in ihrem bisherigen Lebensraum als ‚Deutsche‘ und ‚Faschisten‘ abgestempelt waren, sind sie jetzt bei uns die ‚Russen‘.”[23]

Auch am Gymnasium Genovevastraße werden die Übersiedler aus der vormaligen Sowjetunion oft generalisierend als „die Russen“ bezeichnet. Dies führt bei ihnen nicht selten zu Verärgerung. Eine Schülerin aus der Jahrgangsstufe 11 schreibt zum Beispiel auf die Frage, was ihr an ihrer Schule nicht gefällt: Турки не раз - личают разные республики бывшего Советского Союза и называют всех ‚Russen’.“[24] Auch Lehrern ist nicht klar, welcher Nation die russischsprachigen Schüler sich zugehörig fühlen. Dies wurde in mehreren Gesprächen deutlich, in denen ich mit Kollegen das zu behandelnde Problemfeld dieser Arbeit abzuste-cken versuchte. So stellte mir ein Kollege zum Beispiel die Frage, ob sich die Schüler aus Kasachstan als Kasachen fühlen. Vor ein paar Wochen erntete ich ungläubige Blicke, als ich Kollegen erzählte, dass sich einige der russischsprachi-gen Schüler tatsächlich für Deutsche halten.

Die Schüler nehmen die Unkenntnis beziehungsweise das undifferenzierte Heran-gehen an ihre nationale Identität auf Seiten der Lehrer und Mitschüler zum Teil als Diskriminierung wahr. Da diese Arbeit zum Ziel hat, zum interkulturellen Verständnis beizutragen, wird im Folgenden das Nationalbewusstsein der jugend-lichen Übersiedler auf Basis ihres biografischen Hintergrundes untersucht und dargestellt.

Tatsächlich ist die Sache nicht so einfach. Obwohl 60 der befragten Schüler aus Kasachstan zu uns gekommen sind, viele auch einen kasachischen Pass bei sich tragen, fühlt sich kein einziger von ihnen als Kasache. Anders als für die meisten Deutschen, ist es für die Übersiedler keineswegs selbstverständlich, in einem Nationalstaat zu leben. In der Sowjetunion und auch in ihren Nachfolgestaaten lebten und leben verschiedenste Völker zusammen. Diese sind untereinander teilweise so verschieden wie Deutsche und Türken. Allein in Russland werden heute über hundert Sprachen gesprochen, die sich auf mindestens acht verschie-dene Sprach familien verteilen.[25] Knapp die Hälfte der Respondenten sind in bi-oder multinationalen Umgebungen groß geworden. „Die im sozialistischen Bil-dungssystem der Sowjetunion sozialisierten und im internationalen Geist erzoge-nen Jugendlichen erlebten nur in Ausnahmefällen Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft.“[26] Dies änderte sich allerdings häufig, wenn die Jugendlichen zu Erwachsenen wurden. Deutsche, Juden und auch Angehörige anderer Nationali-täten hatten teilweise Schwierigkeiten bei der Aufnahme an Universitäten, bei der Arbeitsplatzsuche usw.

In den Städten und auch in vielen ländlichen Gegenden der GUS ist es auch gegenwärtig noch die Regel, dass Kasachen, Juden, Deutsche, Russen, Ukrainer – in welcher Form auch immer – zusammenleben. Durch die nationalistische Politik fast aller Nachfolgestaaten der UdSSR müssen heute jedoch Menschen, die nicht der Titularnation des jeweiligen Staates angehören, noch mehr als zu Zeiten der Sowjetunion befürchten, dass sie zu Gesellschaftsmitgliedern zweiter Klasse werden. So spielt die ethnische Zugehörigkeit zum Beispiel beim beruflichen Werdegang häufig eine immer bedeutendere Rolle.[27]

Die Zugehörigkeit zu einer Nation wurde in der Sowjetunion häufig nur durch den Ausweis manifestiert. In sowjetischen Pässen gab es einen Eintrag zur Staatsan-gehörigkeit und einen zur Nationalität. Man war also zum Beispiel Russe, Jakute oder Koreaner mit sowjetischer Staatsangehörigkeit. Abgesehen von einigen Ausnahmen haben die meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion dieses System übernommen.[28] Dies erklärt die Tatsache, dass einige junge Übersiedler selbst nach mehreren Jahren des Lebens in Deutschland, sogar wenn sie einen deutschen Pass haben, sich noch längst nicht zwingend als Deutsche fühlen. Von den 33 Respondenten, die sich als Russen fühlen, haben 23 die deutsche Staatsangehö-rigkeit. Die folgende Abbildung 4 gibt detailliert Auskunft darüber, welchen Nationen sich die befragten Übersiedler zugehörig fühlen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Wahrnehmung der eigenen nationalen Identität

Schon die ungewöhnlich hohe Zahl von 14 nicht gegebenen Antworten zeigt, dass die Schüler selbst Probleme mit ihrer Identität haben. Hierbei fällt auf, dass diese Schüler mit durchschnittlich 17 Jahren 11/4 Jahr älter sind als der Durchschnitt der Befragten. Vermutlich haben jüngere Schüler weniger Probleme mit ihrer Identi-tät. Darüber hinaus zeigt die Bandbreite der Antworten, dass eine einfache Lösung des Problems der Zuordnung nicht existiert. Im Folgenden wird dargestellt, wel-che Parameter typisch für die vier großen Gruppen sind. Die kleineren Gruppen zu untersuchen, wäre unwissenschaftlich, da die Grundgesamtheiten hier zu klein sind, um statistisch haltbare Aussagen zu machen.

Für das Bewusstsein Deutsche oder Deutscher zu sein, scheint es einige Parameter zu geben, die dieses Gefühl begünstigen. Von 180 befragten Schülern gaben 33 an, sich als Deutsche zu fühlen. Diese teilen sich noch einmal in zwei Gruppen:

Eine kleine Gruppe von 5 Jugendlichen hat keine deutschen Eltern, fühlt sich aber dennoch der deutschen Nation zugehörig. Signifikant ist hier die Aufenthaltsdauer der Schüler: Mit durchschnittlich 41/2 Jahren leben sie knapp zwei Jahre länger in Deutschland als der Durchschnitt der Befragten. Es ist davon auszugehen, dass das Nationalgefühl dieser Schüler durch eine weit fortgeschrittene Assimilation definiert wird.

Bei der anderen Gruppe hat zumindest ein Elternteil den Eintrag немец (= Deutscher) oder немка (= Deutsche) im sowjetischen Pass stehen. Sie sind also als Aussiedler zu uns gekommen. In ihrer Heimat waren sie im Allgemeinen stark an die Russen assimiliert. Wie im Kapitel 6.1 „Sprachliche Voraussetzungen“ noch gezeigt wird, sprach vor allem die jüngeren Generationen kaum Deutsch, denn die deutsche Kultur wurde seit dem zweiten Weltkrieg von den sowjetischen Behörden zeitweise massiv unterdrückt. Ihre nationale Identität erfuhren die jun-gen Russlanddeutschen primär durch Fremdwahrnehmung. „Sie wurden [...] von anderen Volksgruppen in der ehemaligen Sowjetunion als Deutsche identifiziert. Gleichwohl steht dieses Selbstverständnis, besonders bei den Jüngeren, in gewis-sem Kontrast zur bikulturellen Identität der Rußlanddeutschen.”[29]

Eine bemerkenswerte Rolle für das Gefühl Deutsche oder Deutscher zu sein, scheint bei dieser Schülergruppe das Alter zu spielen. Dreizehn von den genann-ten Jugendlichen sind dreizehn Jahre alt. Es wurden jedoch insgesamt nur 21 Dreizehnjährige erfasst. Auch die anderen „Deutschen“ sind kaum älter. Das Durchschnittsalter in der genannten Gruppe liegt insgesamt bei 131/4 Jahren, das aller Befragten jedoch zweieinhalb Jahre darüber. Letztendlich fällt auf, dass es häufig Jungen sind (57 %), die sich als deutsch wahrnehmen. Der Anteil der Jun-gen an der Gesamtgruppe beträgt hingegen nur 41 %.

Bemerkenswert ist die Gruppe derer, die sich als Juden definieren. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Juden in der atheistischen Sowjetunion als eine Nation definiert waren. Dies geht soweit, dass ihnen dort, wo Russland an das östliche China grenzt, seit 1934 ein eigenes autonomes Gebiet zugestanden wird, das immerhin fast die Fläche der Niederlande hat. In Birobidÿan, dem genannten Gebiet, leben jedoch heute nur 219.000 Menschen, von denen knapp 11.000 Juden sind.[30] Fast alle Juden in der GUS (95 %) leben heute verstreut in Städten. Mit nur einer Ausnahme kommen auch die 53 Respondenten, die wenigstens einen jüdi-schen Elternteil haben, aus Städten im europäischen Teil der ehemaligen Sowjet-union.

Die Verstädterung und auch die hohe Zahl der Mischehen führte bei den sowjeti-schen Juden zu einer starken Assimilation an die Russen, die noch ausgeprägter ist als die der Deutschen. In der Regel gehen die Kinder aus Mischehen dem jüdischen Volkstum verloren.[31] Auch die Sprache der europäischen Juden, das Jiddische, ist in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion fast verschwunden. Es wird in der GUS heute noch seltener gesprochen als Deutsch. Dennoch erleben die Juden in der GUS, ähnlich wie die Deutschen, ihre Nation durch Fremd- wahrnehmung: Bei den Juden ist es unter anderem der in den GUS-Staaten vor allem unter Slawen und Balten weit verbreitete Antisemitismus.[32] Der sowjetische Stereotyp vom Juden ist weit verbreitet und ähnlich dem des Deutschen. „Der Jude“ ist begabt, gebildet, strebsam und liebt seine Kinder abgöttisch. Über die letzte angebliche Eigenschaft gibt es sogar ein russisches Sprichwort: «FAe A yam eBpesi?» «B ero pe6emce.»[33] Wie die Deutschen haben auch die sowjetischen Juden ein „Mutterland“, in das sie „zurückkehren“ können: In den Jahren 1990– 1997 nahm Israel rund 675.000 Menschen aus der vormaligen Sowjetunion auf.[34]

In Deutschland lebt das jüdische Nationalgefühl teilweise weiter und verstärkt sich sogar. Die Juden erhalten hier größtenteils zum ersten Mal Gelegenheit, ihre Kultur und ihren Glauben zu leben.[35]

Von den 53 gezählten Schülern, die einen jüdischen Elternteil haben, gaben 25 (47 %) an, sich der jüdischen Nation zugehörig zu fühlen. Dieses Gefühl wird besonders begünstigt, wenn beide Eltern Juden sind. Von den 17 Schülern auf die das zutrifft, fühlen sich 15 der jüdischen Nation zugehörig. Weitere vier fühlen sich zumindest teilweise als Jude. Ein Grund für die relativ hohe Zahl kann die besondere Schulsituation des Gymnasiums Genovevastraße sein. Einerseits gibt es an der Schule überdurchschnittlich viele Juden; andererseits werden hier die Juden zum Beispiel durch das schon zweimal begangene jüdische Purimfest in ihrem Jüdischsein bestärkt.

Für das Gefühl, Russe oder Russin zu sein, spielen die vorher genannten demogra-fischen Kriterien anscheinend keine Rolle. Diejenigen, die sich als Russen emp-finden, sind im Durchschnitt so alt, wie die Gesamtgruppe. Die Mädchen-Jungen-Verteilung in dieser Gruppe ist sehr ähnlich und auch die durchschnittliche Auf-enthaltsdauer in Deutschland entspricht dem Mittelmaß der Gesamtgruppe. Es ist jedoch auffällig, dass 56 % in dieser Gruppe in Russland gelebt haben, bevor sie nach Deutschland gekommen sind. In der Gesamtgruppe beträgt dieser Anteil nur 36 %. Erwartungsgemäß findet sich hier auch ein großer Teil der Schüler, deren beide Elternteile Russen sind. Dieser Anteil ist hier mit 67 % zehn mal höher als in der Gesamtgruppe.

Die letzte große Gruppe sind die Schüler, die in sich eine Mischung aus Deut-schen und Russen sehen. Von den 43 Respondenten haben 41 mindestens einen deutschen Elternteil. Der Anteil der Mädchen liegt mit 69 % um elf Prozent höher als der Durchschnitt.

Die Tabelle 2 zeigt noch einmal die oben dargestellten Daten im Überblick:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2

Damit zeigt sich deutlich, dass die Frage nach dem Nationalgefühl der Übersiedler nicht einfach beantwortet werden kann. Schon die Vielfalt der Antworten belegt, dass man sie auf keinen Fall alle als „Russen“ über einen Kamm scheren darf. Wer will, dass sie sich an der Schule wohl fühlen, muss dies beachten. Weiterhin wurde deutlich, dass es einige Merkmale gibt, die ein bestimmtes Nationalgefühl begünstigen, es aber keineswegs bedingen. So haben zum Beispiel die meisten Schüler, die sich zumindest teilweise als Deutsche fühlen, wenigstens einen deut-schen Elternteil. Dies heißt jedoch nicht, dass alle Schüler, die einen deutschen Elternteil haben, sich auch automatisch als Deutsche fühlen. Dennoch können diese Daten für Integrationsversuche durch die Schule Bedeutung haben: Wenn man davon ausgeht, dass ein Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Nation mit Inte-grationsbereitschaft in die deutsche Gesellschaft einhergeht, dann sind über die oben durchgeführte Analyse diejenigen Schüler auszumachen, bei denen der „Integrationshebel“ verhältnismäßig leicht anzusetzen ist.

[...]


[1] Bem.: Im Interesse einer besseren Lesbarkeit verwende ich in der Arbeit bei der Bezeichnung von Personen und Personenkreisen stets die maskuline Form. Gemeint sind jedoch immer Ver-treter beiderlei Geschlechts.

[2] Schreibweise nach der neuen deutschen Rechtschreibung, nach der diese Arbeit verfasst ist.

[3] Vgl. Kestermann, M.: Schulische Situation jugendlicher Aussiedler, S. 61.

[4] Bem.: Im Jahre 1997 besuchten knapp 2,3 Millionen Jugendliche in NRW eine Schule. Diese Zahl erhielt ich am 03.06.1999 fernmündlich beim Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in Düsseldorf. Die Veröffentlichung der Daten folgt im Laufe dieses Jahres.

[5] Vgl. zum Beispiel Dietz, B./ Roll, H.: Jugendliche Aussiedler. Oder: Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Arbeit und Sozialpolitik (Hrsg.): Deutsch sein und doch fremd sein.

[6] Bem.: Die Erarbeitung des Fragebogens, der Ablauf der Befragung und die Probleme bei der Auswertung sind im Anhang dieser Arbeit dargestellt.

[7] Bem.: Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Übersetzungen von mir.

[8] Bem.: Mehr Information über Aussiedler und Kontingentflüchtlinge, ihre Geschichte, die rechtlichen Grundlagen für ihre Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland findet sich in der Literatur, die in der Bibliografie dieser Arbeit angegeben ist.

[9] Vgl. Sander, N.: Auswertung der Befragung zum Miteinander der Kulturen/Nationen am Geno, S. 2.

[10] Bem.: Zur Etymologie und zum Gebrauch von pyccciic vergleiche Müller, K.: Moderner russi-scher Jugendjargon. Teil II, S. 183.

[11] Vgl. Schäfer, P.: Interaktionsprozesse bei der Implementierung des Purimfestes als Identifika-tionsangebot an jüdische Kontingentflüchtlinge in das Schulprogramm eines multikulturellen Gymnasiums, S. 135.

[12] Zu den obigen Zahlen vgl. Waffenschmidt, H. (Hrsg.): Info-Dienst Deutsche Aussiedler. Zah-len Daten Fakten, S. 4 f., S 23./ Bundesverwaltungsamt (Hrsg.): Jahresstatistik Aussiedler 1998. S 3/ Microsoft Corporation (Hrsg.): Microsoft Encarta 1998 im Artikel Deutschland.

[13] IB-JGW Köln (Hrsg.): Arbeitspapier, S. 14.

[14] Vgl. Beier, K.-H.: Die Eingliederung in das deutsche Schulsystem, S. 64./ Kestermann: a. a. O., S. 61.

[15] Bem.: In der Regel geschieht dies aber zumindest in Mathematik und den naturwissenschaftli-chen Fächern schon nach einigen Wochen.

[16] Bem.: Im Rahmen meines Referendariats habe ich in diesen Klassen unterrichtet. Hier entstand die Idee für diese Staatsarbeit.

[17] IB-JGW Köln (Hrsg.): Arbeitspapier, S. 15.

[18] Vgl. Sander: a. a. O., S. 2.

[19] Vgl. Koolwijk/Wieken-Mayser: Die Befragung, S. 113.

[20] Bem.: Ein Schiller hat in der Frage 5 keine Angaben gemacht.

[21] MnxaH-TOHKO, E. A . / E O S K O B , ro. K. (peaaKTopbi): Coro3 COBCTCKHX CouHa^HcraqecKHX Pecny6^HK. AflMHHHCTpaTHBHo-TeppHTopHa^bHoe ae^eHHe coro3Hbix pecny6^HK. 1:8000000. (Ubersichtskarte)

[22] Vgl. z. B. Hilgemann, W./ Kettermann, G./ Hergt, M.: dtv-Perthes-Weltatlas. Band 6: Sowjet-union, S. 58f.

[23] Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Hrsg.): Standpunkte, S. 10.

[24] ÜBERSETZUNG: „Die Türken unterscheiden nicht zwischen den verschiedenen Republiken der ehemaligen Sowjetunion und nennen alle ‚die Russen‘.“

[25] Vgl. Microsoft Corporation (Hrsg.): Microsoft Encarta 1998 im Artikel Russland / lex - pa.amiam C.apalia Fecoe3HH H KapTorpacrHH PoccHH (Hsu.): reOrpaciHgeCHat arilaC POCCHH. S. 14 f.

[26] Vgl. Jugenddorf Berlin (Hrsg.): ”Mein Leben in Deutschland”, S. 6.

[27] Vgl. Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: a. a. O., S. 42.

[28] Bem.: Eine Ausnahme ist zum Beispiel die Ukraine.

[29] Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: a. a. O., S. 17.

[30] Vgl. Infoplease.com: Jewish Autonomous Region or Birobidzhan. (Internetseite)/ Ingenieur-büro für Kartographie Zwick (Hrsg.): Territoriale Gliederung (1995) der ehemaligen Sowjet-union. (Karte)/ RV Reise- und Verkehrsverlag GmbH (Hrsg.): Universal Weltatlas, S. 102.

[31] Vgl. Vrij Historisch Onderzoek: Die europäischen Juden. Eine technische Studie zur zahlen-mäßigen Entwicklung. Dritter Teil. (Internetseite)

[32] Vgl. Vrij Historisch Onderzoek: a. a. O.

ÜBERSETZUNG: „Wo ist die Seele des Juden?“ „In seinem Kind.“

[34] Vgl. The state of Israel: Immigrants and potential immigrants(1), by period of immigration, country of birth, and last country of residence. (Internetseite)

[35] Vgl. Kaeppeler, C.: Die jüdische Gemeinde in Fulda ist wieder voller Leben. (Internetseite)

Details

Seiten
110
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640442560
ISBN (Buch)
9783640442812
Dateigröße
20.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137008
Institution / Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Leverkusen
Note
1,0
Schlagworte
Aussiedler Kontingentflüchtlinge Schule Integration Sprache Fremdwahrnehmung Lehrerbild Mitschüler Wahrnehmung Staatsarbeit Ausländer Migration Migrationshintergrund Migrationsgründe Migrationsgrund

Autor

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Titel: Schulschock - Wie junge russischsprachige Übersiedler eine deutsche Schule wahrnehmen