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Bonner Regierungsbauten

Geschichte - Denkmalwerte - Zukunftsperspektiven

Masterarbeit 2005 244 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Vorwort

1) Die St adt Bonn von 1945 bis zum Jahre
1.1 Entwicklungsgeschichte der Bundeshauptstadt Bonn
1.1.1 Politische Situation nach dem zweiten Weltkrieg
1.1.2 Die Wahl der Stadt Bonn als Bundeshauptstadt und Regierungssitz
1.1.3 Die Hauptstadt Bonn als anfängliches Provisorium
1.1.4 Städtebauliche Topografie von Bonn
1.2 Entwicklung der Stadt Bonn als Regierungssitz
1.2.1 Keimzellen der Hauptstadt Bonn
1.2.2 Die anfängliche Architektur
1.2.3 Neubauten und ihre Repräsentationsfunktion
1.2.4 Das Ende des Provisoriums
1.2.5 Bauten und Umbauten in der Folgezeit
1.3 Verständnis und Präsentation des neuen politischen Systems
1.3.1 Hauptstadt und Architektur
1.3.2 Demokratie und Architektur
1.3.3 Die ersten bauten der “demokratischen Architektur” der Bundesbauten Bonns
1.3.4 Die Repräsentationsfunktion der späteren Architektur Bonn
Quellennachweis
Abbildungsnachweis

2) Nutzung und W andel der Regierungsbauten 1989 - 2005
2.1 Wiedervereinigung Deutschlands
2.1.1 Der Umzug des Regierungssitzes
2.1.2 Berlin als alte und neue Bundeshauptstadt
2.1.3 Konsequenzen für die Stadt Bonn
2.2 Nutzung der Regierungsobjekte
2.2.1 Kontinuierliche und temporäre Nutzung
2.2.2 Auslastung der Bonner Parlamentsgebäude durch Neunutzer
2.2.3 Regierungsbauten als historische Orte
2.3 Denkmalschutz und Denkmalpflege der Bonner Regierungsbauten
2.3.1 Das Denkmalrecht
2.3.2 Bereits ausgewiesene Einzeldenkmäler
2.3.2.1 Der “Lange Eugen”
2.3.2.2 Haus Carstanjen
2.3.3 Die unscheinbaren Denkmäler der Regierung
2.3.4 Umsetzungsprobleme der Denkmalpflege
2.3.4.1 Plenarbereich von Günter Behnisch
2.3.5 Regierungsviertel als komplexer Denkmalbereich
Quellennachweis
Abbildungsverzeichnis

3) Zukunftsperspektiven
3.1 Der Wandel der Stadt Bonn
3.1.1 Regierungswechsel - kulturelle und städtische Veränderungen
3.1.2 Neuorientierung - Bonn auf dem Weg zur UN Stadt
3.1.3 Rückbesinnung auf eigene Identität
3.2 Umnutzung des Bundesviertels
3.2.1 Investoren und Neuplanungen - Auweitung des IKBB
3.2.2 Zukunftspläne und Denkmalpflege
3.2.3 Kompromisse und Abrisse der Denkmäler
3.3 Konzepte zur Neugestaltung
3.3.1 Konzepte der Neunutzung
3.3.2 Städtebauliche Zukunftsentwicklung
3.3.3 Resumee

Quellennachweis
Abbildungsnachweis

Nachwort

Konzepte

Anhang

Abbildungsnachweis

Literaturverzeichnis

Vorwort

Ein wesentlicher Bestandteil der Stadtplanung ist neben der Planung neuer städtischer Strukturen der

Umgang mit den alten und historischen Stadtstrukturen. In vielen Städten existieren heute noch Gebäude und Stadtgrundrisse, die unterschiedlichste soziale und politische Wurzeln haben und dabei zu einer Gesellschaftsform gehören, die lange vergangen ist. Dabei hält die so weiter bestehende alte Architektur nicht nur geschichtliche Hintergründe lebendig, sondern gerade der Umgang einer Stadt mit ihrer alten Architektur spiegelt die Akzeptanz dieser Stadt mit ihrer historischen Vergangenheit wider. In diesem Zusammenhang kommt dem Denkmalschutz und der Denkmalpflege eine besondere Bedeutung zu.

Denkmalschutz und Denkmalpflege zählen heute zu den wichtigsten kulturellen Aufgaben einer Stadt. Gerade in der heutigen Zeit, in der das Bewusstsein der Öffentlichkeit für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in hohem Maße sensibilisiert ist, kommt dem Anliegen der Bewahrung des gebau- ten historischen Erbes eine besondere Bedeutung zu. Erst die Denkmalpflege ermöglicht es, die Vergangenheit für unsere heutige Zeit verständlich zu machen. Wer aus der Geschichte lernen will, muss Geschichte erleben können. Durch die Erhaltung des historischen Erbes bewahren wir uns und künftigen Generationen Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen früherer Epochen.

Ein besonderer Stellenwert kommt der jüngsten politischen Vergangenheit des 1949 neu entstandenen demokratischen Staates Bundesrepublik Deutschland zu. Diese politische Vergangenheit manifestiert sich in der gebauten und gestalteten Architektur der Hauptstadt Bonn, die auf vielfältige Art und Weise nicht nur ihre Zeit widerspiegelt, sondern mit speziellen Charakteristika explizit auf politische Bedingtheiten der ersten Jahre der Bundesrepublik Deutschland verweist. In den letzten Jahren ist in Bonn eine kontroverse Diskussion um die ehemaligen Regierungsgebäude der ehemaligen Hauptstadt Bonn entstanden, wobei es nicht zuletzt darum geht, ob die von vielen als hässlich empfundenen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt werden sollten. In diesem Zusammenhang geht es auch darum, was unter einem denkmalgeschützten Gebäude zu verstehen ist und ob die alten Regierungsgebäude neuen modernen Gebäuden weichen sollen. Eng verbundenen damit ist ein Selbstverständnis der Stadt Bonn, die nach dem Umzug der Regierung nach Berlin neue städtebauliche Inhalte und Schwerpunkte sucht und einer neuen bedeutsamen politischen Funktion nachgeht.

Eben diese vielfach tagespolitisch diskutierten Fragestellungen bilden den Hintergrund dieser Arbeit,

die vor dem Hintergrund aktueller politischer Entscheidungen der Stadt Bonn steht und mit der an die gegensätzlichen Positionen des Pros und Contras einer Bewahrung der ehemaligen Regierungsbauten Bonns angeknüpft werden soll. Im Mittelpunkt der Arbeit steht dabei die Fragestellung, wie der Denkmalwert der historischen Regierungsbauten Bonns beurteilt werden kann. Zu fragen ist, ob dieser Denkmalwert allein aus den ästhetischen Gestaltungselementen der Architektur abgeleitet werden kann oder ob er auf die historischen Bedingtheiten der Bauten bezogen werden muss. Nicht zuletzt wird zur Klärung dieser Fragen auch auf die historischen und architektonischen Hintergründe, die mit den ehe- maligen Regierungsbauten in Verbindung stehen, Bezug genommen.

In der Einleitung geht es deshalb zunächst um einen kurzen Abriss der Geschichte Bonns. Anschließend wird im 1. Kapitel vor allem dargestellt, wie es politisch dazu kam, sich für Bonn als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland zu entscheiden. Im Weiteren geht es dann um die Entwicklung von Bonn als Regierungssitz und die architektonische Präsentation des neuen politischen Systems nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt des 2. Kapitels steht der durch den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin entstandene Wandel der städtebaulichen Landschaft Bonns. Fokussiert wird dabei nicht nur auf die mit einem Umzug nach Berlin verbundenen politischen Entscheidungen, sondern besonders auf die Nutzung der Regierungsobjekte nach dem Umzug. Wesentlich für dieses Kapitel sind dann die im Anschluss daran behandelten Fragen des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege. Im 3. Kapitel geht es um Zukunftsperspektiven der Stadt Bonn und den mit einer Umnutzung der ehemaligen Regierungsbauten verbundenen Wandel der Stadt Bonn. Im Zusammenhang mit Konzepten zur Neunutzung und Neugestaltung der ehemaligen Hauptstadtbauten wird dabei auch diskutiert, ob und inwieweit diese Bauten als Ganzes denkmalgeschützt werden sollten. Ein kurzes Nachwort in Kapitel 4 schließt die Arbeit dann ab.

Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 - Bonn, Wochenmarkt 1903

1. Die St adtgeschichte Bonns

Bereits in der Altsteinzeit lebten im heutigen Gebiet Bonns Menschen, was durch den Fund eines

Doppelgrabes mit gut erhaltenen Skeletten im Stadtteil Oberkassel belegt werden konnte. Belegt ist auch, dass sich hier germanische Stämme und Kelten um ungefähr 30 v. Chr. niederließen. Eine der von diesen Völkern gegründeten Siedlungen trug den Namen „Bonna“. Zum einen war dieser Name Über- lieferungen zufolge eine Bedingung der Ubier, nachdem sie mit den einrückenden Römern Frieden geschlossen hatten. Zum anderen soll „Bonna“ aus dem Keltischen stammen und soviel wie „Furt durch den Rhein“ oder „großes gutes Wasser“ bedeuten.

Im Jahre 55. v. Chr. wurde Bonn von den Römern als geeigneter Platz für den Bau eines militärischen Stützpunktes ausgewählt. Im Bereich zwischen der heutigen Rathausgasse und der St-Remigius-Kirche wurde ein römisches Kastell errichtet.

Erstmals aktenkundig erwähnt wurde „Bonna“ vom römischen Schriftsteller Florus, der um 11 v. Chr. die Errichtung einer Rheinbrücke bei „Bonna“ beschreibt. Um 69 n. Chr. erfolgte eine Erwähnung des römischen Legionslagers „castra bonnensia“ durch den römischen Historiker Tacitus im

Zusammenhang mit einem Aufstand der Bataver.

Nach dem Rückzug der Römer wurde das Rheinland durch die Franken um ca. 450 n. Chr. übernom- men. Die alte Römerfestung wurde jetzt von fränkischen Truppen beherrscht und bekam den Namen „Bonnburg“.

Um die Jahrtausendwende verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt um das heutige Münster zur „villa basilica“, dem Kern der mittelalterlichen Stadt mit dem Cassiusstift. Vor seinen Toren entstand rhein- wärts die offene Marktsiedlung „Oppidum Bonnense“, die erstmalig 1211 offiziell erwähnt wurde. Aus diesen beiden Keimzellen, der Stiftsburg und der Marktsiedlung, begann die eigentliche Stadtwerdung Bonns, die vom Bau einer rund sieben Meter hohen Stadtmauer begleitet wurde. Politisch bedeutsam war auch die Godesburg, die Erzbischof Dietrich von Hengsbach bereits 1210 zur Demonstration und Durchsetzung seiner Machtansprüche in der Region erbauen ließ. Wenig später entwickelte sich die Godesburg zum Mittelpunkt der landesherrlichen Verwaltung.

Die Entwicklung Bonns zur Stadt wurde dann durch die 1286 eingeführte Ratsverfassung abgeschlos- sen, mit der die Bürger das Recht auf Selbstverwaltung erhielten.

Nach großen Pest- und Lepraerkrankungen erlebte Bonn dann erst im 15. Jahrhundert, vor allem auf- grund des Handelsgutes Wein, eine neue wirtschaftliche Blütezeit.

1525 wurde Bonn kurfürstliche Residenz. Der erste Wittelsbacher, Ernst von Bayern, regierte als Kölner Kurfürst von 1612 bis 1650 und brachte Bonn relativ unbeschadet durch den Dreißigjährigen Krieg. Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde Bonn dann bei der Belagerung durch Reichstruppen unter Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg vollständig zerstört. Im 18. Jahrhundert endete die Herrschaft der Wittelsbacher (1761), ihnen folgten die Habsburger auf dem Kurkölnischen Stuhl, wodurch die Glanzzeit Bonns als Residenzstadt begann und mit barockem Glanz in der Regentschaft der Kurfürsten Joseph Clemens und Clemens Augusts gipfelte.

1794 begann für Bonn eine Besatzung durch Franzosen und eine für die Stadt sehr schwierige siebzehn- jährige französische Herrschaft. In dieser Zeit verkam die Stadt zur völligen Bedeutungslosigkeit. Erst durch den Friedensschluss von Campo Formino im Jahr 1797 wurde das bisher politisch zersplitterte linksrheinische Gebiet unter die einheitliche Verwaltung des Départements Rhein-Mosel mit der Hauptstadt Koblenz gestellt, womit Bonn praktisch den Status einer Unterpräfektur hatte. Durch die Säkularisation verlor die Kirche ihre einst umfangreichen Besitztümer und ihre Macht. Klöster und Stifte wurden aufgelöst und Pfarrbezirke neu geordnet. Die wohl wichtigste Neuerung aber war die Einführung des “Code Napoléon”, des “Code zivil”. Er sicherte die Gleichstellung der Bürger und löste in vielen Bereichen die alte rechtliche Unsicherheit ab. Auf wirtschaftlichem Gebiet schaffte man die Zunftrechte ab und führte die Gewerbefreiheit ein.

Nach dem Wiener Kongress von 1815 kam das Rheinland dann unter preußische Herrschaft. Als Teil des Regierungsbezirks Koblenz wurde Bonn jetzt zur Kreisstadt der erstmals zusammengefassten links- und rechtsrheinischen Gebiete. Besonders bedeutsam für die Stadt waren im 19. Jahrhundert die 1818 gegründete Universität und die Inbetriebnahme der Eisenbahn Köln-Bonn im Jahre 1844. 1850 erhielt Bonn ein Landgericht und wurde 1887 kreisfreie Stadt. Immer mehr wohlhabende Familien siedelten sich in Bonn und Godesberg an.

Im 1. Weltkrieg verarmte die einstmals reiche Bonner Bevölkerung. Lebensmittelknappheit und hohe Arbeitslosigkeit führten zu dramatischen Problemen. Auch unter der dann folgenden Wirtschaftskrise der 1920er Jahre hatte Bonn erheblich zu leiden. Erst mit der Einführung der Rentenmark in Deutschland 1923 wurde die Inflation beendet, und die wirtschaftliche Lage Bonns verbesserte sich wieder. Im 2. Weltkrieg hatte Bonn, wie viele andere Städte auch, unter dem Terror der SS in der Reichskristallnacht 1938 zu leiden. Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Bonns flohen oder wurden deportiert und in Konzentrationslagern umgebracht. Weder die Innenstadt Bonns, noch die nahe Umgebung wurden von den zahlreichen Bombenangriffen verschont. Noch vor der eigentlichen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurde Bonn am 8. März durch amerikanische Truppen besetzt.

DIE S T ADT BONN VON 1945 BIS ZUM JAHRE 1989

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 - Einnahme der Stadt Bonn durch amerik.

Alliierten am 09.03.45

1.1 Entwicklungsgeschichte der Bundeshauptstadt Bonn

1.1.1 Politische Situation nach dem zweiten Weltkrieg

Bereits im Rahmen der von den Alliierten der Anti-Hitler-Koalition während des Zweiten Weltkrieges

angestellten Überlegungen zum Schicksal eines Nachkriegsdeutschlands, bei dem es um eine Verkleinerung, eine Aufteilung, eine Dezentralisierung und eine Einteilung Deutschlands in mehrere kleine Staaten ging, stand die Zukunft Berlins als Hauptstadt zur Disposition.

An eine Weiterführung der Funktion als Reichshauptstadt war für Berlin schon allein deshalb nicht mehr zu denken, wenn die Überlegungen Frankreichs verwirklicht werden würden, das Deutsche Reich in viele kleine Einzelstaaten ohne zentrale Lenkung aufzuteilen. Aber auch nach den Plänen Großbritanniens kam eine Hauptstadt Berlin nicht in Frage, denn Großbritannien ging es darum, vor allem das nach englischer Auffassung für den Militarismus verantwortliche Land Preußen aufzuteilen und auf einen Rumpfstaat zu verkleinern. Damit war sicher, dass die Zukunft Deutschlands und mit ihr auch die Hauptstadt Deutschlands von dem Willen der Siegermächte abhing. Nicht nur Großbritannien und Frankreich verfolgten die Überlegung, Deutschland in Einzelstaaten zu zerlegen, sondern auch die USA und die Sowjetunion, die erst 1941 zur Anti-Hitler-Koalition stießen, dachten ähnlich. So befür- wortete der amerikanische Präsident Roosevelt eine Teilung Deutschlands schon aus dem Grund, weil er den Begriff „Reich“ ausgelöscht sehen wollte und mit dieser Teilung vor allem Preußen treffen woll- te. Welche Zukunftschancen Berlin aus amerikanischer Sicht als Reichshauptstadt hatte, belegt die Äußerung Roosevelts, dass es Preußen nicht erlaubt sein dürfte, ganz Deutschland zu dominieren1.

Gegen Kriegsende ging es dann nicht mehr darum, Deutschland in Einzelstaaten zu unterteilen, sondern es ging primär um die Zerschlagung Preußens. An der Einheit Deutschlands sollte jedoch festgehalten werden.

In den von England, der Sowjetunion und den USA im Rahmen der „Londoner Protokolle“ vom September und November 1944 getroffenen Vereinbarungen einigte man sich auf die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen, die Einrichtung eines Kontrollrats als oberstem Kontrollorgan sowie auf eine gemeinsame Verwaltung Groß-Berlins durch eine entsprechende interalliierte Behörde. Dies bedeutete, dass die alliierten Siegermächte, trotz der Unterteilung Deutschlands in Besatzungszonen, das Land von Berlin aus gemeinsam verwalten wollten.

Im weiteren Kriegsverlauf und nach der eigentlichen Kapitulation des deutschen Reiches war die Hauptstadtfrage zwar weiterhin mit Fragen zu einer Einheit oder einer Aufteilung eines zukünftigen Deutschlands verbunden, jedoch stand gleichzeitig die Zukunft Berlins als Hauptstadt offen. Hier waren es vor allem die Briten, die Überlegungen anstellten, dass Berlin sich möglicherweise doch nicht als Ort für den obersten Kontrollrat eignete. Verschiedene alternative Standorte wurden in London in Erwägung gezogen. So z.B. Frankfurt am Main, Weimar, Leipzig, Halle und Coburg. Schließlich soll- te aber doch die weiterhin gewünschte Kooperation mit der Sowjetunion nicht durch einen solchen Vorschlag belastet werden. Es blieb deshalb bei Berlin als Kontrollratsitz.

Problematisch war dabei, dass es im Rahmen der gemeinsamen Zusammenarbeit im Kontrollrat mit Sitz in Berlin zu immer stärker werdenden Spannungen zwischen den Alliierten kam. Somit war klar, dass mit Berlin als von allen Siegermächten gemeinsam zu verwaltender Hauptstadt mehr Probleme verbun- den sein würden, die zudem leicht eskalieren konnten. Spätestens bei der im Juli 1948 beginnenden Berlin-Blockade wurde deutlich, wie ungeschützt Berlin sowjetischen Übergriffen ausgesetzt war.

Nach Ansicht der Briten sprach viel für eine neue Hauptstadt eines Rumpfdeutschlands mehr im Zentrum Deutschlands und weiter entfernt von der Sowjetunion. Damit zeigte sich, dass hauptsächlich die Briten Überlegungen vorantrieben, bei denen es darum ging, die Hauptstadt Deutschlands neu zu bestimmen bzw. festzulegen. Auch nachdem der Zerstörungsgrad Berlins nach dem 8. Mai 1945 für die westlichen Alliierten sichtbar geworden war und zudem Erfahrungen in von der Sowjetunion kontrol- lierten Hauptstädten in anderen Ländern bekannt wurden, gab es weitere britische Überlegungen, den Sitz einer zentralen Verwaltung Deutschlands nicht im Zusammenhang mit dem von der Sowjetunion beherrschten politischen Neubeginn in Berlin zu diskutieren.

Mit diesen Überlegungen befanden sich die Briten durchaus auf einer Linie mit Konrad Adenauer und den im Süden und Westen Deutschlands vorherrschenden Vorbehalten gegen Berlin als zukünftige Hauptstadt.

In einem Brief an den Münchener Oberbürgermeister Scharnagl bekräftige Adenauer seine Meinung, das politische Zentrum Deutschlands, das sich so lange in Berlin befunden hatte, von dort fortzuverle- gen2. Adenauer begründete diese Ansicht nicht nur damit, dass er dann eine zunehmende Kontrolle Berlins durch die Sowjetunion befürchtete, sondern er verwies darauf, dass Berlin auch in der Vergangenheit von den Menschen im Süden und Westen Deutschlands eigentlich nie als ihre wirkliche eigentliche Hauptstadt akzeptiert worden war, sondern stattdessen die Hauptstadt des keineswegs geliebten Landes Preußen darstellte. Mit Preußen wurde dabei ein monarchischer Obrigkeitsstaat ver- bunden, der das übrige Deutschland an einer stärkeren Selbstbestimmung und Selbstverwaltung hinder- te. Diese problematische Einstellung zu Berlin zeigte sich daran, dass die deutsche Republik zwar in Berlin ausgerufen worden war, aber als „Weimarer Republik“ bezeichnet wurde. Nicht zuletzt war das großstädtische Berlin für viele Deutsche negativ besetzt, da es dort ein für Deutsche in vielen anderen Städten unverständliches und zu freizügiges kulturelles Leben gab. In den 1920er Jahren galt Berlin als die Stadt, die im Bezug auf die freien und angewandten Künste die kulturelle Vorrangstellung von Städten wie Paris und London wenigstens für die Dauer eines Jahrzehnts überrundet hatte. Hier konn- te sich nach dem Ersten Weltkrieg zum ersten Mal in Deutschland eine Kultur entwickeln, die vor allem durch die Freiheit der 20er Jahre einen bleibenden Eindruck hinterließ. Aber nicht nur in den 1920ern, sondern auch in den 1930er Jahren gab es politische Tumulte, Unruhen, Straßenschlachten und nicht zuletzt den nationalsozialistischen Terror, mit dem gerade in Berlin versucht wurde, demokratische Kräfte zu zerstören. Die Hauptstadt Berlin war daher vielen Deutschen entfremdet.

Wie berechtigt die Befürchtungen Adenauers und auch der deutschen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten im Hinblick auf den sowjetischen Einfluss in Berlin waren, zeigte sich an dem 1946 beginnenden kalten Krieg zwischen den drei westlichen Alliierten und der Sowjetunion. Die dann fol- genden zwei unterschiedlichen Staatsgründungen auf deutschem Boden zeigen, wie entgegengesetzt die Wertvorstellungen und politischen Zielsetzungen der beiden Lager waren.

Im Januar 1946 empfahlen deshalb alle deutschen Parteien, abgesehen von der kommunistischen Partei, den Sitz einer zukünftigen zentralen Regierung nicht nach Berlin zu verlegen. Anfang Februar 1946 wurden in diesem Zusammenhang erstmals einige Orte in der britischen Besatzungszone in Erwägung gezogen. Mit der Bemerkung eines Beamten des britischen Auswärtigen Amtes „What about Bonn?“3 geriet dann Bonn als möglicher Sitz der neuen Hauptstadt ins Blickfeld, lange bevor von deutscher Seite überhaupt an Bonn als zukünftige Hauptstadt gedacht wurde. Es zeigte sich dabei aber, dass gerade diese Bemerkung eines britischen Beamten durchaus auf konkreten Plänen der Briten beruhte, die damit die Hauptstadtfrage im Gegensatz zu den anderen Alliierten konkret diskutierten und auch beeinfluss- ten. Die bereits 1945 angestellten Überlegungen der Briten, Berlin nicht als Hauptstadt eines neuen deutschen Staates festzulegen, fanden somit in dieser Äußerung eines britischen Beamten ihren konkre- ten Ausdruck. Gleichzeitig brachten die Briten damit ihr Interesse zum Ausdruck, die Hauptstadt Deutschlands innerhalb der britischen Besatzungszone anzusiedeln.

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Details

Seiten
244
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640432738
ISBN (Buch)
9783640432837
Dateigröße
10.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137149
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Bonner Regierungsbauten Geschichte Denkmalwerte Zukunftsperspektiven

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