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Mythisierung im multimedialen Zeitalter am Beispiel von Michael Jackson

Bachelorarbeit 2009 48 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1. Problemstellung und Ziele der Arbeit
1.2. Abgrenzung des Untersuchungsschwerpunktes und Arbeitsmethoden
1.3. Aktueller Forschungsstand

2 Mythisierung der Person Michael Jackson
2.1. Star, Mythos und lebende Legende
2.2. Die Voraussetzungen für die Mythisierung Jacksons
2.2.1. Das Wunderkind
2.2.2. Ein Amerikanischer Traum ß
2.2.3. Das Weltwunder Michael Jackson
2.3. Die Techniken der Mythisierung bei Michael Jackson - Imagebildung, Selbstinszenierung, Verwandlung
2.4. Michael Jackson als Tricksterfigur

3 Das mediale Sterben des Michael Jackson
3.1. Der Schock - Reflexionen der Medien
3.2. Die Verarbeitungs- und Vermarktungsphase - Die Rolle der neuen Medien

4 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

„Nous avons perdu le Mozart du 20ème siècle"

Le Nouvel Observateur1

1. 1. Problemstellung und Ziele der Arbeit

Für einen Augenblick schien die Welt still zu stehen, als die Nachricht vom plötzlichen Tod Michael Jacksons über den Globus eilte. Fernsehsendungen wurden unterbrochen und Nachrichten- und Presseagenturen stellten Informationen iiber den Tod des „King of Pop" vor alle anderen Meldungen. Fiir einige Zeit brachen nicht nur Fans weltweit, sondern auch einige Webseiten zusammen. Die Reaktionen auf die schockierende Nachricht waren in aller Welt geprägt von einer Anteilnahme, wie sie wohl nur selten zu erleben war.

Es gab einige Musiker, deren Tod ebenfalls ein Entsetzen auslöste und unbegreiflich erschien, wie etwa bei John Lennon, Jimi Hendrix, Kurt Cobain oder Freddy Mercury. Doch eine vergleichbare Erschütterung war nur beispielsweise beim Tod von Elvis Presley oder anderen Prominenten, wie Prinzessin Diana, Mahatma Ghandi oder John F. Kennedy, zu beobachten. Dieses Mal war eine ganze Palette von Emotionen zu spüren, als Fans überall auf der Welt gleichzeitig trauerten und feierten, „... als habe sie ein universeller Sinnstifter verlassen."2 Zu Ehren Michael Jacksons fanden sich in vielen Metropolen der Welt, wie Paris, London, New York, Los Angeles, Tokio oder Berlin, Flashmobs3 zu einer tanzenden Trauerfeier zusammen. Es gab kaum eine Internetseite, welche sich nicht mit dem Tod Jacksons beschäftigt hat. Im Online-Game-Portal World of Warcraft wurde von virtuellen Figuren der „Moonwalk"4 getanzt und selbst die Häftlinge des CPDRC5 auf den Philippinen, welche mit Ihrem Thriller -Tanz6 bereits 2007 berühmt wurden, zollten ihrem Idol Tribut.

Seit dem Todestag Michael Jacksons, standen erstmals seit langer Zeit das Schaffen und die Musik des Künstlers wieder im Vordergrund. Seine Persönlichkeit erhielt die Anerkennung zurück, die er in seinem Leben mehrfach erlangt hatte, welche jedoch aufgrund von hier nicht näher angeführten, negativen Sensationsmeldungen verdrängt wurde.

Die Gleichsetzung mit Mozart im Nouvel Observateur spricht Michael Jackson eine legendäre Eigenschaft zu, die ihn von anderen Popstars unterscheidet und ihn mit dem Begriff des Mythos in Verbindung zu bringen scheint.

Zwischen Michael Jackson und Wolfgang Amadeus Mozart liegen 200 Jahre Musikgeschichte und doch verbindet sie eine Reihe von Fakten, welche sie beide zu „Stars" ihrer Zeit und zu Legenden fiber ihre Zeit hinaus gemacht haben. Beide wurden im frühen Kindesalter vom Vater auf die Bühne getrieben und genossen ihr Leben in vollen Zügen, welches nachfolgend Konsequenzen für ihre finanzielle Situation hatte. Beide waren von musikalischem Erfindergeist beseelt und fanden einen frühen Tod.

Die Gleichsetzung im Anfangszitat, impliziert nicht nur die „Unsterblichkeit" Michael Jacksons, sondern auch die wahrscheinlich stetig zukünftige Präsenz seines Lebenswerkes und gesteht ihm die maßgebliche Beteiligung an der Weiterentwicklung des musikalischen Schaffens der Menschheitsgeschichte zu. Es gibt Mozartkugeln, Mozart-Geschirr, Mozarttaschen, sowie weitere Merchandise-Artikel des Genies und es ist nicht auszuschließen, dass diese Art der Vermarktung mit dem Produkt Michael Jackson ebenfalls in 200 Jahren nicht auch der Fall sein wird.

Im Gegensatz zu Mozart, wurde Michael Jackson, neben seiner Rolle als vielgefeierter Musiker, aufgrund der epochalen Medialisierung des 20. Jahrhunderts, noch eine andere Rolle zuteil — die der Medienfigur. Daher setzt sich die folgende Arbeit mit dem Zusammenhang sowohl von Mythos und Person, als auch Medienentwicklung und Mythisierung auseinander und geht folgender Fragestellung nach:

Wodurch wurde Michael Jackson zum Mythos und welche Rolle spielen die modernen Medien dabei?

Es soll untersucht werden, welche Faktoren für eine Ikonisierung seiner Person verantwortlich sind, weshalb er eine solche Faszination bzw. Anziehungskraft auf Menschen in allen Teilen der Welt ausübt und welche Auswirkungen die Entwicklungen im multimedialen Sektor für die Verbreitung und Vermarktung von Jacksons Werken haben bzw. wie der Mythos Michael Jackson in der multimedialen Gegenwart gefestigt wird.

1. 2. Abgrenzung des Untersuchungsschwerpunktes und Arbeitsmethoden

Hinsichtlich dieser Problemstellung, wird die Arbeit in zwei Abschnitte aufgeteilt, da man zwei Phasen bei der Mythisierung Jacksons unterscheiden kann. Die erste Phase, die Hauptphase, bezieht sich auf sein musikalisches Schaffen während der Lebenszeit, wobei die Untersuchung der persönlichen Entwicklung des Musikers im Zusammenhang mit der fortschreitenden Medialisierung und den gesellschaftspolitischen Veränderungen seinerzeit im Fokus stehen. Das Fundament auf das sich eine Mythisierung zu Lebzeiten Jacksons baut, soll beleuchtet und die Einflussfaktoren aufgezeigt werden, die das Starwesen um Michael Jackson entstehen lassen. Biographische Aspekte werden hier teilweise nur angeschnitten und der Schwerpunkt nur auf einige der Höhepunkte seiner Musikkarriere gelegt, da diese von besonderer Relevanz bezüglich der Herausbildung des Megastars sind.

Bezugnehmend auf die Person Michael Jackson wird sich die Ausarbeitung vor allem auf Aussagen aus biographischen und autobiographischen Texten berufen, wohingegen Theorien zur Mythos- und Ikonenbildung interdisziplinär zu untersuchen sind. Daher bezieht sich die Ausarbeitung der Mythisierung, sowohl auf soziophilosophische, als auch auf medienkulturelle-, kommunikations- und populärwissenschaftliche Texte.

Im zweiten Teil konzentriert sich die Arbeit auf mediale Reflektionen nach dem Tod. Seit diesem Zeitpunkt war die Verarbeitung des Themas in den modernen Medien am stärksten vertreten und die globale Nutzung des Internets etwa, wurde bis an die Grenzen ausgereizt. Aufgrund der Vielzahl von Quellen, wird sich der zweite Teil der Arbeit auf ausgewählte deutsch- und englischsprachige Quellen beschränken. Durch die zeitnahe Aufarbeitung erfolgt hierbei nur ein Überblick über einige, der im Zeitraum zwischen dem 25. 06. 2009 und dem 15. 07. 2009, veröffentlichten Beiträge und Kommentare.

Um den Begriff des Mythos in einen Zusammenhang mit der Person Jacksons zu bringen, ist es notwendig Theorieansätze und Forschungsergebnisse zu analysieren, welche einen Bezug rechtfertigen können. Dieser wird zum einen über die Begriffe des Stars, des Images eines Stars und dessen Ikonisierung argumentiert.

1. 3. Aktueller Forschungsstand

Über Michael Jackson gibt es neben zahlreichen Artikeln und Texten der Boulevardpresse einige belletristische und biographische Texte, wobei sich die Biographien vorrangig nach autobiographischen Mustern richten und dadurch hintergründige Nachforschungen erschwert werden. Die wichtigsten sind die Autobiographie Moonwalker und die Biographie von J. Randy Taraborrelli: ,,Michael Jackson".

Hinsichtlich der Mythisierung im Zusammenhang mit Personen, gelang es Rudolf Speth in seinem Buch Nation und Revolution am Beispiel von Bismarck eine Untersuchung durchzuführen, bei der er die Schwerpunkte auf die Voraussetzungen und Techniken der Mythisierung legte und somit ein grobes Orientierungsmuster für die vorliegende Untersuchung lieferte.

Desweiteren beschäftigt sich die Wissenschaft seit der zunehmenden Medialisierung mit der Rolle der Medien in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der Entstehung von Medienfiguren und der Ikonisierung von populären Personen beschäftigen. In der Mythosforschung dagegen gibt es eine Reihe interessanter und relevanter Texte, welche jedoch hier wenig Anwendung finden können, daher beschränkt sich die Analyse des Zusammenhangs von Mythos und Michael Jackson im Wesentlichen auf die Theorien in Roland Barthes` Mythen des Alltags.

An der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf, wurde seit 1987 mit dem Aufbau des Mythos/Ideologie-Schwerpunktes im Fachbereich Germanistik begonnen. Untersucht werden in der literatur- und medienwissenschaftlichen Mythosforschung vor allem Kunstphänomene. Prof. Dr. Peter Tepe führte unter anderem im Sommersemester des Jahres 1999 ein Hauptseminar mit dem Titel ,,Medienfiguren und ihre `Mythisierung´. Das Beispiel Boris Becker" durch, dessen Aufbau eine Vorlage für die hiesige Arbeitsweise bot. Das von Tepe herausgegebene Online-Magazin www.mythos-magazin.de, veröffentlicht regelmäßig Beiträge, die sich mit der Erforschung von Mythen im Zusammenhang mit modernen Medien befassen.

Hinsichtlich der Mythisierung Michael Jacksons wurden erst nach seinem Ableben Versuche unternommen, die Person zu analysieren und seine Besonderheit, sowie seinen Wert zu erforschen. Gerade aus profitorientierten Gründen, werden Texte herausgebracht, welche sich im Einzelnen mit seiner Kindheit und den Errungenschaften seiner musikalischen Laufbahn beschäftigen. Es scheint als sei sein Schaffen lediglich auf diese zwei Säulen gestützt. Bei der Untersuchung seines musikalischen Aufstiegs unter Berücksichtigung der Entwicklung der Medien besteht jedoch noch Forschungsbedarf.

Die Person Michael Jackson wurde bereits zu Lebzeiten mehrfach mit dem Begriff des Mythos zusammengebracht, wie dies zusammenhängt und welche Bedeutung dies hat, soll nun im Folgenden erörtert werden.

2 Mythisierung der Person Michael Jackson

2. 1. Star, Mythos und lebende Legende

Die Begriffe Megastar und „King of Pop" werden als Synonyme für Michael Jackson benutzt und schaffen eine Hypergattung für eine Skala der Superstars, auf der selbst der höchste Wert nicht auszureichen scheint, um den Genius seiner Person zu definieren. Auf den Webseiten der Fanclubs, wurde das Sterbedatum abgeschafft und durch „forever", fir immer, ersetzt. Michael Jackson wurde unsterblich gemacht.

„I can't believe I'm about to say this, but Michael Jackson is dead.

I can't even like comprehend, that that's possible, [you can't denie, that he is just...he's Michael Jackson! [...] it's just like...unbelievable...”7

Keiner schien wirklich fassen zu können, dass dieses unerklärliche Phänomen Michael Jackson, als wahrhaftiger Mensch gestorben ist.

Doch wie kommt es dazu, dass ein Mensch zum Star erkoren wird?

Man muss zunächst die Eigenschaften betrachten, mit denen ein Star ausgestattet ist und welche ihn von anderen Menschen abheben. Zweifellos können es keine gewöhnlichen Eigenschaften sein. Es müssen besondere Fähigkeiten sein, die er besitzt und doch, reicht dies aus, um ein Star zu werden? Man mag die Entstehung des Startums in der frühen cinematischen Zeit des amerikanischen Hollywoods vermuten, doch gab und gibt es in der Menschheitsgeschichte fortwährend bestimmte Personen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten oder besonderen Eigenschaften, welche sich vom gewöhnlichen Menschen abheben, zu Helden oder Göttern avancieren und zu Mythen werden. Außerdem ist diese Gruppe von einem zusätzlichen Faktor gekennzeichnet — sie werden von anderen bewundert und genießen ein hohes Ansehen in Ihrer Gesellschaft.8

Bevor man offiziell den Begriff des Starwesens benutzte, wurde demzufolge bereits eine gewisse Außeralltäglichkeit bei bestimmten Menschen personifiziert. Für eine weiterführende Erörterung, ist es jedoch unabdingbar den Begriff des Mythos herbeizuziehen. Mythen werden häufig in Verbindung mit Stars gebracht, denn, wie bei jedem Kult, ranken sich auch um einen Star viele Mythen und beide Begriffe werden im alltäglichen, sowie im wissenschaftlichen Gebrauch miteinander assoziiert.

Was ist ein Mythos?

„Diese Verwirrung in bezug auf die Bedeutung des Wortes Mythos ist symptomatisch im Gebiet der Mythenforschung. Man kann leichten Gewissens sagen, dass es genau so viele Definitionen wie Erklärungsversuche gibt."9

Ursprünglich war das Erschaffen eines Mythos von der Selbsthilfe der Urvölker bestimmt, unerklärliche Phänomene ihrer Umwelt zu verstehen und sie begannen Naturereignisse zu personifizieren. Ihrer Phantasie war es zu verdanken, dass sie sich, durch die Personifizierung perfektionierter Abbilder von sich selbst, mit dem Unbegreiflichen arrangieren konnten.10

Während damals Mythen durch die Vergötterung alltäglicher und natürlicher Geschehnisse bestimmt waren, müssen sie in der Gegenwart nicht mehr religiös geprägt sein, sondern bauen vordergründig auf kollektive, verklärte Erinnerungen aus Erzählungen, Überlieferungen und gemeinsam Erlebtem oder auf Darstellungen in den Medien.11 Daraus lässt sich schließen, dass ein Mythos dieser Auffassung nach, auch ein Begriff für eine Person, einen Gegenstand oder eine nichtgreifbare Sache sein kann, welche die Aufmerksamkeit eines großen öffentlichen Interesses, die diese durch ihre einzigartigen Anziehungskräfte ausüben, genießen.

„Somit hat ein Mythos immer eine sinnstiftende Funktion und eine Bedeutung für Existenz — und damit Kommunikationsverständnis des Menschen. Zugleich ist ein Mythos immer auch Ausdruck einer Weltanschauung, die es bezogen auf die Mediengesellschaft zu erkennen bzw. auch zu hinterfragen gilt."12

Es erfolgt eine Mythisierung, wodurch Gegenstände, Ereignisse und Personen einen Kultstatus erlangen und als Kultobjekte oder — entsprechend — als Stars bezeichnet werden. Barthes spricht von einer Verschleierung, Verklärung und von einem falschen Bewusstsein, welches sich im Alltag verfestigt hat und somit eine Ideologie bzw. eine ideologisierte scheinbare Wirklichkeit schafft.13 Diese stereotype Bild- und Wunschwelt wird vor allem in der Produktwerbung verwendet, um einer bestimmten Ware einen Überwert zu verleihen. So verhält es sich auch mit dem Produkt des Stars. Ähnlich wie einem bestimmten Produkt ein Image verliehen wird, um es besser zu vermarkten, wird dem Star ebenso ein gewisses Image verliehen, um ihn besser zu verkaufen. Dabei spielt nur die Bedeutung eine Rolle, die ihre „medial geschaffene und reproduzierte Persona"14 vermittelt. Wie dieses Image verliehen werden kann, darauf soll im Kapitel 2. 3. näher eingegangen werden.

Natürlich weiß jeder, dass Stars, in diesem Falle Michael Jackson, ebenfalls Menschen aus Fleisch und Blut sind, doch will das im Moment der Nutzung des Stars niemand wirklich wahrhaben oder wahrnehmen.

Nun soll erörtert werden, welche die Voraussetzungen für die Ikonisierung Michael Jacksons sind, wie er ein Star geworden ist und welche die „Zutaten" für seine Mythisierung sind.

Im Zuge der Ausweitung des Kulturbegriffs auch außerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung und als "cultural turn" bezeichnet, werden Themen, wie etwa die Alltags-, Populär- und Massenkultur aufgegriffen und verstärkt untersucht. Dabei steht die Erforschung der Zeichensysteme (sprachlich, visuell und akustisch bzw. medial), derer sich Menschen bedienen, um bestimmten Gegenständen, Personen oder Ereignissen Bedeutung beizumessen, im Fokus.15

Eine Theorie, die kurz näher betrachtet werden soll, geht auf ein Modell des Schweizer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure zurück. Er beschreibt die Beziehung zwischen einem Signifikat und dem Signifikant, als willkürlich und etabliert. Das heißt, dass die Verbindung zwischen Signifikat (Begriff/Konzept), hier nun der Star Michael Jackson bzw. das Image des Stars, und Signifikant (Lautbild/Text), in diesem Fall das biologische Wesen des Michael Joseph Jackson, stillschweigend akzeptiert wird.16 Dies lässt auf eine unüberbrückbare Distanz schließen, welche keine konkrete Antwort auf die Fragen, wie und warum Michael Jackson zum Star wird, liefert.

Weiterführend kann man jedoch erkennen, dass die Empfänger, die es als Fans zu gewinnen gilt und die über ein eigenes Zeichensystem verfügen, am Zeichensystem des Stars teilhaben wollen. Dies tun sie, um ihre eigenes Zeichensystem aufzuwerten, indem sie die vom Star zur Verfügung gestellten Mittel, wie Tonträger, Videos, Konzerte oder Merchandise-Artikel konsumieren.17 Diese Teilhabe äußert sich neben dem Konsum, in Form von Mitsingen, Mittanzen, Imitieren und Kopieren bestimmter Verhaltensweisen und dem Wunsch, sich mit den vom Star ausgestrahlten und symbolisierten Eigenschaften zu identifizieren, wie z. B. hinsichtlich Michael Jackson, Selbstbewusstsein, Provokation, Jugendlichkeit, Glamour, Beliebtheit, Macht, Ruhm und Innovation bzw. In-Sein. Die Fans, vor allem meist Jugendliche, verwenden populärkulturelle Produkte - nämlich Stars - zur emotionalen, wie auch aktiven Bereicherung und Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse.18

Eine Mythisierung Michael Jacksons als zentrale Pop-Ikone konnte nur erfolgen, weil er bestimmte Voraussetzungen aufgrund seiner Person erfüllte und er in einer Zeit aufwuchs, in der verschiedene Faktoren seine Karriere beeinflussten und welche er auch so zu nutzen wusste, dass er daraus seinen Vorteil ziehen konnte und im Gegenzug dazu auch etwas zurückgab, was wiederum von Vorteil für einige grundlegende gesellschaftliche Veränderungen war. Dieser Zusammenhang soll im Folgenden beleuchtet werden.

2. 2. Die Voraussetzungen für die Mythisierung Jacksons

2. 2. 1. Das Wunderkind

Das Anfangszitat, welches die Gleichsetzung mit Mozart impliziert, bezieht sich auf die ersten Jahre der Kindheit Michael Jacksons, in denen die weltweite Karriere ihren Lauf nahm. Diese Zeit war geprägt von einer Bewunderung ihm gegenüber, wie sie auch Mozart zuteil wurde. Beide mussten bereits im Kindesalter im Mittelpunkt stehen und alles geben. Dieser Ehrgeiz war nicht von ihnen selbst bestimmt, sondern begründete sich auf das Drängen der jeweiligen Väter Leopold Mozart bzw. Joe Jackson.

Vielleicht liegt in diesem gemeinsamen Aspekt auch der Schlüssel zum Verständnis für die antiautoritären Haltungen der Künstler. Als wären sie von einer anderen Hand geführt worden und hätten eine eigene Energie, außer der väterlichen, die sie antreibt.

Ein kleiner Junge, der auf der Bühne steht und singt und tanzt wie ein Erwachsener, erhält zunächst mehr Bewunderung als ein singender und tanzender Erwachsener. Zum einen weckt ein kleiner Junge Beschützerinstinkte und zum anderen, sind Knabenstimmen zur Zeit Michael Jacksons üblicherweise nicht des Nachts im verräucherten und dunklen Rotlichtmilieu zu hören. Der erste und einzige Kinderstar des 20. Jahrhunderts war er jedoch nicht. Buster Keaton, Sammy Davis Jr. und Jackie Coogan sind Beispiele für Kinderstars, die auf der Bühne für Ihre Väter die Erwachsenen amüsierten.19

Betrachtet man sich die Ereignisse in der Kindheit Michael Jacksons einmal genauer, erhält man weitaus interessantere Antworten auf Fragen, um die infantilen Seiten des Popstars, als diejenigen, welche schon mehrfach in den bunten Seiten der Klatschpresse „analysiert" worden sind und sich nur auf das persönliche und schlechte Verhältnis zu seinem Vater beziehen.

[...]


1 Yann Kervarec: Interview - La Mort de Michael Jackson. 26. 06. 2009. In: Le Nouvel Observateur, http://tempsreel.nouvelobs.com/actualites/interviews/20090626.OBS2061/nou_avons_perdu_le_ mozart_du_20eme_siecle.html Online-Zugriff : 06. 08. 2009

2 Fetscher, Caroline: Michael Jackson. Das Weltwunderkind. In: Zeit-Online, Tagesspiegel — 04. 07. 2009 http://www.pdf.zeit.de/online/2009/28/michael-jackson-wunderkind.pdf, Seite 1, Online-Zugriff 08. 07. 2009

3 Als Flashmob wird eine scheinbar spontan zusammentreffende Menschenmasse, welche sich zuvor in Online-Communities wie z. B. Facebook oder Twitter an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit verabredet hat, bezeichnet.

4 ein von Michael Jackson kreierter Tanz, dessen Schrittfolge eine optische Vorwärtsbewegung vermuten lässt, tatsächlich jedoch rückwärts stattfindet

5 Cebu Provincial Detention and Rehabilitation Center - die Idee ging auf den Gefängnisdirektor Byron Garcia zurück, der die Insassen, anstatt sie eintönigem Drill auszusetzen, lieber abwechsulngsreiche Tanzchoreographien durchführen lies.

Vgl. http://www.cpdrc.org/ Online Zugriff: 14. 08. 2009

6 siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=hMnk7lh9M3o Online-Zugriff: 08. 07. 2009

7 ErickWithNoK: Michael Jackson is Dead. 25. 06. 2009

http://www.youtube.com/watch?v=w_aytFC6BB4&feature=channel_page Online-Zugriff: 06. 07. 2009

8 Vgl. Borgstedt, Silke: Der Musik-Star. Vergleichende Imageanalysen von Alfred Brendel, Stefanie Hertel und Robbie Williams. Studien zur Popularmusik. Bielefeld 2008, Seiten 16 f.

9 Kodakos, Anastassios: Menschen brauchen Mythen. Eine Studie zum Bildungswert des Mythos., Suttgart 1993, Seite 13

10

Vgl. Golther, Wolfgang: Handbuch der germanischen Mythologie. Band 1, Leipzig 1895, Auflage Wiesbaden 2000, Seite 38

11 Vgl. Barthes, Roland: Mythen des Alltags., Paris 1957, 1. Auflage 1964, Sonderausgabe 1996, Seite 85 ff.

12 Femers, Susanne: Neue Medien — neue Macht, neue Mythen? In: Rössler, Patrick/ Krotz, Friedrich (Hrsg.): Mythen der Mediengesellschaft. The Media Society and the Myths., Band 32 Schriften der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Konstanz 2005, S. 159 — 176, Seite 160

13 Vgl. Barthes (Anm. 11) Seiten 129 f.

14 Volkmann, Laurenz: Ikonen des neuen Weiblichen: Madonna und Britney Spears. Pop-Ikonen und ihr Empowerment-Faktor. In: Kirschenmann Johannes/ Wagner, Ernst (Hrsg.): Bilder, die die Welt bedeuten. „Ikonen" des Bildgedächtnisses und ihre Vermittlung über Datenbanken., München 2006, S. 93 - 120, Seite 93

15 Vgl. Volkmann (Anm. 14), Seite 94

16 Vgl. ebd., Seite 95 f.

17 Vgl. ebd., Seite 96

18 Vgl. ebd., Seite 93

19 Vgl. Jefferson, Margo: Über Michael Jackson. New York 2006, Seite 72 ff.

Details

Seiten
48
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640448838
ISBN (Buch)
9783640448876
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137404
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,3
Schlagworte
Mythisierung Zeitalter Beispiel Michael Jackson

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Titel: Mythisierung im multimedialen Zeitalter am Beispiel von Michael Jackson