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Jean Piagets Stufenmodell der kognitiven Entwicklung in der Pädagogik

Wichtige Erkenntnisse für die Erziehung

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entwicklungspsychologie und Kognitive Entwicklung

3. Das Grundkonzept Piaget´s Stufenmodell

4. Piagets Stufen der kognitiven Entwicklung
4.1 Sensomotorische Stufe (Geburt bis 18. Lebensmonat)
4.2 Präoperationale Stufe (18. Lebensmonat bis 7. Lebensjahr)
4.3 Konkret-operationale Stufe (7. Bis 11. Lebensjahr)
4.4 Formal-operationale Stufe(ab dem 12. Lebensjahr)

5. Implikationen für die Erziehung

6. Kritik an Piagets Theorie

7. Zusammenfassung

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Stufen der Entwicklung nach Piaget, Gage et al 1996:104

1. Einleitung

In der Entwicklungspsychologie gibt es zahlreiche Theorien die versuchen, die kognitive Entwicklung den Menschen zu erklären. Einer der Hauptvertreter der kognitiven Entwicklungstheorie ist Jean Piaget, welcher in seinen Arbeiten der Frage nachging, wie sich der Mensch aktiv durch sein Handeln seine Umwelt und das Verständnis ihrer aneignet. Er versuchte Strukturen und Modelle zu entwickeln, an denen erklärbar und nachvollziehbar wurde, wie sich der Mensch seine Umwelt aneignet. Vielfach entwickelte er seine theoretischen Ansätze aus der Beobachtung von Kindern und einer Ableitung möglichst allgemeiner Erklärungsmechanismen. So wurde es ihm möglich, eine Vielzahl kognitiver Prozesse des Menschen aufzudecken und grundlegende Arbeiten für die Entwicklungspsychologie zur Verfügung zu stellen. Entsprechend eignet sich seine bekannteste Theorie – das Stufenmodell der kognitiven Entwicklung – als Ausgangspunkt für weiterführende Ansätze. In der vorliegenden Arbeit soll Piagets Theorie grundlegend vorgestellt werden.

Zunächst wird versucht, den Begriff der kognitiven Entwicklung abzugrenzen um darzustellen, welche Aspekte in diesem Zusammenhang wichtig sind, welche Mechanismen berücksichtigt werden und welche Prozesse nicht zur kognitiven Entwicklung bei der Entwicklung des Kindes zu zählen sind. Anschließend werden die Grundgedanken von Piagets Konzept vorgestellt um nachvollziehbar zu machen, auf welchen Annahmen die Entwicklung des Stufenmodells beruht. Der Hauptteil der Arbeit wird sich mit der Vorstellung des Stufenmodells befassen, wobei auf die einzelnen Stufen in ihrer logischen Abfolge und ihren Verbindungen untereinander eingegangen wird. Hieraus ableitend soll versucht werden, entsprechende Ableitungen und Konsequenzen für die Erziehung herauszuarbeiten, wobei aktuelle Erziehungsaufgaben in den Mittelpunkt gerückt werden. Piagets Theorie ist zwar vergleichsweise jung, jedoch kann man sich die Frage stellen, inwieweit sein Modell auch heute noch zutreffend ist es Anwendung in der Erziehung finden kann. Dies ist auch die Forschungsfrage der vorgelegten Arbeit: Welche Erkenntnisse und Konsequenzen lassen sich aus Piagets Entwicklungsmodell für die Erziehung ableiten? Hieran anschließend sollen auch kurz noch einmal Kritikpunkte an Piagets Kritik aufgezeigt werden und diese im Kontext der Fragestellung kritisch geprüft werden.

2. Entwicklungspsychologie und Kognitive Entwicklung

Die Entwicklungspsychologie als Zweig der Psychologie beschäftigt sich mit den „…altersbezogenen Veränderungen in den psychischen Funktionen des Menschen“ (Zimbardo & Gerrig 1996:450) Beobachtbar ist, dass sich Menschen häufig in unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung befinden. Besonders eindrücklich wird dies bei Kindern, zwischen denen besonders in den ersten Lebensjahren große Unterschiede festgestellt werden können. So können einige Kinder im Alter von 12 Monaten bereits sprechen und andere nicht. Einige können mit 10 Monaten bereits stehen und andere nicht. Offensichtlich gibt es hier große Unterschiede in der Aneignung von Fähigkeiten. Um die Prozesse, welche sich dahinter verbergen, herauszustellen, müssen eine Vielzahl verschiedener Prozesse berücksichtigt werden. Dabei verlaufen diese Prozesse nicht bei jedem Kind gleich, lassen sich aber dennoch generalisieren, da die meiste Kinder alle Entwicklungsstufen durchlaufen, auch wenn die zeitlichen Abläufe nicht immer gleich sind. Eine Aufgabe der Entwicklungspsychologie ist es nun, diese Prozesse aufzudecken und sie zu erklären. Vielfach wird dabei auf den Einfluss von Anlage und Umwelt hingewiesen. Die Anlage-Umwelt-Diskussion beinhaltet eine sehr alte Debatte um die Einflüsse, die an der kindlichen Entwicklung beteiligt sind. Ist die kindliche Entwicklung durch genetische Faktoren vorbestimmt (Anlage) oder wird sie durch äußere Faktoren ausgelöst (Umwelt)? Besonders interessant sind hierbei zunächst die kognitiven Prozesse und ihre Entwicklung. „Kognitive Entwicklung umfaßt die Veränderung aller geistigen Prozesse: der Wahrnehmung, des Denkens, der Vorstellung und des Problemlösens.“ (Zimbardo & Gerrig 1996:462) Damit sind also alle Prozesse gemeint, welche eine geistige Leistung erfordern.

3. Das Grundkonzept Piaget´s Stufenmodell

Piagets Theorie entwickelte sich allmählich aus seinen Beobachtungen; unter anderem auch der Beobachtung seiner eigenen Kinder. Seine Annahmen prüfte er an Kindern mit Hilfe von Aufgaben, die sie zu bewältigen hatten. Dabei variierte er diese Aufgaben um Veränderungen und Adaptionen zu erkennen und hieraus Erkenntnisse zu gewinnen, wie sich das Denken bei Kindern entwickelt. Damit ist der Mittelpunkt seiner Arbeit die Beobachtung der Anpassungsleistung, die das Denken im Laufe der Entwicklung zeigt. „Jean Piagets System ist kognitiv, nicht nur, weil es Reizen und Reaktionen wenig Beachtung schenkt, sondern weil sein Hauptinteresse darin besteht, die Beschaffenheit der geistigen Repräsentationen zu beschreiben. Im Gegensatz zu vielen anderen kognitiven Positionen versucht Piagets Theorie jedoch viel mehr, als kognitive Repräsentationen einfach so zu beschreiben, wie die bei älteren Kindern oder Erwachsenen vorkommt: es ist eine kognitive Entwicklungsposition. Entsprechend liegt der wichtigste Beitrag Piagets in dem Versuch, die Prozesse zu beschreiben, durch die Kinder ein Verständnis von sich selbst und ihrer Umwelt erwerben, das dem der Erwachsenen immer ähnlicher wird.“ (Lefrancois & Leppmann 1994:122) Für Prozesse der kognitiven Anpassung betrachtete Piaget die Erfordernisse der Umwelt, an welche sich durch Strukturen angepasst wird. Aufgrund dieser Sichtweise wird sein Ansatz auch als genetischer Strukturalismus bezeichnet, wobei sich „genetisch“ an dieser Stelle auf die Entwicklung bezieht und nicht auf Gene (Harbach 2004:58). Davon ausgehend, dass Neugeborene in den ersten Lebensmonaten nur über diese Handlungsstrukturen verfügen (Fischer & Wiswede 2002:188) entwickelt sich hieraus „…die sensomotorische Intelligenz, aus der dann später verinnerlichte kognitive Strukturen oder Begriffe entstehen. Spezifische Strukturen nennt Piaget Schemata.“ (Zimbardo & Gerrig 1996:463) Beispiele für diese Schemata sind das Saugschema oder das Greifschema, welche sich als Handlungsschemata verstehen lassen. Diese Handlungsschemata dienen dazu, sich die Umwelt nach und nach zu erschließen und die Umwelt immer besser zu begreifen. Das Begreifen der Umwelt erfolgt nach Piaget durch die Prozesse Assimilation und Akkommodation. „Beide dienen der Anpassung des Individuums an seine Umwelt. Kognitive Strukturen sind sowohl das Ergebnis als auch Voraussetzung einer solchen Anpassung… Bei der Assimilation wird die Information, die das Individuum aufnimmt, so verändert, daß sie sich in vorhandene Schemata einfügt. Bei der Akkommodation werden die Schemata selbst verändert, um der Information angemessen zu sein oder um nicht zu anderen Schemata der Gesamtstruktur im Widerspruch zu stehen.“ (Fischer & Wiswede 2002:188) Um die kognitive Entwicklung voranzutreiben ist ein ständiges Abwechseln von Assimilation und Akkommodation notwendig. „Die Assimilation bewahrt und erweitert das Bestehende und verbindet so die Gegenwart mit der Vergangenheit, und die Akkommodation entsteht aus Problemen, die die Umwelt stelle, also aus Informationen, die nicht zu dem passen, was man weiß und denkt.“ (Zimbardo & Gerrig 1996:463) Diese Abweichungen von bestehendem Wissen und den Anforderungen der Umwelt machen Anpassungsprozesse erforderlich, welche für die kognitive maßgebend sind. Dabei sind Assimilation und Akkommodation ausgeglichen, weshalb an dieser Stelle auch von einem Äquilibrationsprinzip gesprochen wird. „Nach dem Äquilibrationsprinzip ist Entwicklung eine fortlaufende Folge von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtszuständen, wobei das Ungleichgewicht von Gleichgewicht auf einem höheren Niveau abgelöst wird (…). Es sind Schemata untereinander oder Schemata und Informationen (Umweltgegebenheiten), die im Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht stehen und auf die das Kind seine Aufmerksamkeit richtet.“ (Zimbardo & Gerrig 1996:463) Entsprechend kann dies als Grundkonzept von Piagets Überlegungen verstanden werden. Nur wenn sich das Kind Herausforderungen gegenübersieht, ist ein Entwicklungsprozess möglich, der von einfachen Strukturen zu immer komplexeren Denk- und Wahrnehmungsmustern führt.

Piaget unterschied in seinem Konzept die Faktoren Funktion, Struktur und Inhalte (Zimbardo & Gerrig 1996:462f.). Unter Funktionen verstand er dabei die grundlegende Fähigkeit des Menschen, sich seine Umwelt durch Assimilation und Akkommodation zu erschließen (Zimbardo & Gerrig 1996:462f.). Es erfolgt also eine gegenseitige Anpassung von Umwelt und dem Individuum. Träger dieser Anpassungsprozesse sind die Strukturen (Zimbardo & Gerrig 1996:462), auch Schema genannt, mit Hilfe derer er in der Lage ist die Bedingungen der Umwelt zu strukturieren und sie handzuhaben. Hierbei lernt der Mensch beispielsweise, wie man sich entschuldigt, wie man über etwas springt usw. Die Handlungen sind auf verschiedene Situationen übertragbar und damit generalisierbar. Diese Strukturen vereinfachen den Umgang mit der Umwelt und werden maßgeblich von den Erfahrungen eines Menschen geprägt. Nach und nach entstehen organisierte Verbindungen von Schemata, so dass das Handeln immer sinnvoller und komplexer wird. Um Schemata anwenden zu können, sind Inhalte erforderlich, mit denen sie gefüllt werden können. Die Inhalte sind nach Piaget konkret, einzeln und voneinander unterscheidbar, z.B. Ball, Vase, Schaukelstuhl. Diese drei Faktoren sind für die kognitive Entwicklung unerlässlich und immer vorhanden. Kinder entwickeln ihr denken aus einer Verbindung sich permanent verändernder Inhalte und sich im Sinne der Entwicklung verändernden Strukturen unter Berücksichtigung unveränderlicher Funktionen. Wie sich diese Stufen entwickeln, soll im Folgenden gezeigt werden.

4. Piagets Stufen der kognitiven Entwicklung

Wie angedeutet wurde, erfolgt die kognitive Entwicklung schrittweise. Piaget beschrieb Stufen der kognitiven Entwicklung, die alle Kinder in genau dieser Reihenfolge durchlaufen, auch wenn die zeitliche Dimension von Kind zu Kind unterschiedlich sein kann. Dennoch bauen die einzelnen Stufen logisch aufeinander auf, so dass die Stufen der geistigen Entwicklung auf diesen verschiedenen Ebenen organisiert werden, die von einfachen zu komplexen Schemata werden. Piaget gab zu jeder Stufe einen Zeitrahmen für das Alter der Kinder an, in welchem die jeweilige Stufe durchlaufen wird (vgl. Abb.1). Jedoch sieht er selbst diese Zeitangaben eher als Durchschnittswerte als formale Richtlinien an, da er die Individualität des Kindes betont und die Zeitabläufe individuell verschieden sein können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Stufen der Entwicklung nach Piaget, Gage et al 1996:104

4.1 Sensomotorische Stufe (Geburt bis 18. Lebensmonat)

Die sensomotorische Stufe durchläuft das Kind in den ersten 18 Lebensmonaten, wobei sich innerhalb dieser Stufe bereits zahlreiche Phasen unterscheiden lassen. Zunächst verfügt das Neugeborene ausschließlich über eingeschränkte motorische und sensorische Fähigkeiten, maßgeblich Reflexe, kognitive Fähigkeiten sind noch nicht ausgeprägt, so dass sich mit den Handlungen noch keine kognitiven Intentionen und Gedanken verbinden lassen (Gage et al 1996:105). Das Kind nimmt in diesem frühen Stadium nur sich selbst wahr. Zunehmend entwickeln sich jedoch Reaktionsmuster heraus, die auf den Handlungen des Kleinkindes basieren. Das Lernen erfolgt in erster Linie über Beobachtung und Handeln, wobei das Kleinkind die Dinge in seiner unmittelbaren Umwelt nutzt, beruht, bewegt und so nach und nach durch Beobachtung lernt, welche Folgen seine Handlungen haben. Es reagiert zunehmend auf äußere Reize und nimmt mit Hilfe eigener Handlungen einen ersten Einfluss auf die es umgebende Umwelt aus. Dieses Stadium ist bis etwa zum 8. Lebensmonat abgeschlossen (Resch 1999:125). Nach und nach lernt es, welche Verbindung zwischen einem Objekt und seinem Handeln besteht und lernt so, mit welchem Objekt ein Ziel erreicht werden kann. „Das Kind ist in der Lage, erste einfache Handlungen an Objekten der Außenwelt durchzuführen. Erlebt der Säugling eine Reaktion auf eigene Handlung, versucht er diese Handlung zu wiederholen, wendet sich jedoch, wenn keine weiteren Reaktionen folgen, wieder ab.“ (Resch 1999:125) Hieraus wird ein erstes zielgerichtetes Handeln erkennbar. Auch kann das Kind zunehmend Personen voneinander unterscheiden und so Bekannte von Fremden differenzieren. Nach etwa 12 Lebensmonaten hat das Kind ein Bewusstsein dafür, dass Dinge auch dann existieren, wenn sie nicht zu sehen sind. Dies wird als Objektpermanenz bezeichnet. „Für das Wissen, dass Gegenstände unserer Umwelt auch dann existieren, wenn wir sie nicht wahrnehmen (…), hat Piaget den Begriff der „Objektpermanenz“ geprägt. Objektpermanenz ist eine wesentliche Voraussetzung für symbolisches Denken und bildet sich ca. ab dem, achten Lebensmonat heraus.“ (Tücke 2007:197) Hierauf aufbauend wird es dem Kind möglich, eine Differenzierung zwischen sich selbst und der Umwelt herzustellen. Es handelt zielgerichtet und nutzt zur Zielerreichung auch Hilfsmittel, wobei es nach de Trial-and-Error-Prinzip vorgeht und so auslotet, welche Handlungen zur Erreichung der Ziele geeignet sind (Resch 1999:125f.). Damit wurden in diesen Phasen maßgeblich motorische Fähigkeiten entwickelt. In der letzten Phase der sensomotorischen Stufe beginnt die geistige Entwicklung, in welcher die motorischen Handlungen auf eine geistige Ebene verlagert werden.

Zusammengefast kann man festhalten, dass in dieser ersten egozentrierten Lebensphase also der Erwerb von Gruppenstrukturen im Sinne des räumlichen Verschiebens von Gegenständen erfolgt, Größenkonstanten und damit der Erwerb von Konstanten überhaupt, der Erwerb von Identitäten im Sinne einer Wiedererkennung von Personen sowie der Erwerb von Objektpermanenz erfolgen.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640463909
ISBN (Buch)
9783640461073
Dateigröße
1000 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137520
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,2
Schlagworte
Stufenmodell Jean Piaget Wichtige Erkenntnisse Erziehung

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