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Formen des Kulturkontaktes zwischen Europäern und Eingeborenen seit dem 15. Jahrhundert am Beispiel Australiens

Hausarbeit 2008 21 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definition des Begriffs Kultur
2.2 Grundformen des Kulturkontaktes zwischen Europäern und Eingeborenen nach Bitterli

3. Australien als Fallbeispiel
3.1 Das Leben der Aborigines vor der Besiedlung Australiens durch Engländer
3.2 Die erste Kulturberührung zwischen Aborigines und Engländern
3.3 Von der Kulturberührung zum Kulturzusammenstoß
3.4 Die Anfänge einer Kulturbeziehung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dass Aborigines ungepflegt seien, war eine Behauptung, mit der ich während meines Aufenthaltes in Australien in diesem Jahr konfrontiert wurde. Diese entsprach keineswegs dem Bild, das ich mir im Vorfeld von der dortigen Bevölkerung gemacht hatte. Hatte ich sie doch als offen und tolerant eingestuft. Aber hier war nichts von einem Miteinander der weißen Australier mit den Ureinwohnern des Kontinents – sofern man überhaupt einmal einen solchen zu Gesicht bekam – zu erkennen.

Wie kam es zu einem derartigen Verhältnis zwischen diesen beiden ethnischen Gruppen? Die Ursache ist in der von Kolonialismus geprägten Geschichte des Landes zu suchen. Da der vorliegenden Arbeit die These zu Grunde liegt, dass kulturelle Differenzen einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen haben, liegt der Schwerpunkt hier auf dem Kulturkontakt zwischen Europäern und Eingeborenen.

Zunächst muss jedoch die Bedeutung des zwar häufig verwendeten, aber auch sehr unspezifischen Begriffs Kultur geklärt werden, um ein gemeinsames Grundverständnis zu schaffen. Dann wird das Grundmuster des Kulturkontaktes zwischen Europäern und Eingeborenen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert skizziert, da Australien kein Einzelfall war, sondern die Europäer in den unterschiedlichsten Regionen der Erde auf Eingeborene trafen, deren Verhältnis sich sehr unterschiedlich entwickelte. Erst in einem weiteren Schritt wird gefragt, inwieweit sich das allgemeine Konzept des Kulturkontaktes auf die spezifische Situation Australiens übertragen lässt. Dabei ist es unabdingbar, zunächst das kulturelle Leben der Aborigines, wie es die Engländer vorgefunden haben, zu erläutern, da nur auf dieser Basis verstanden werden kann, warum durch die Vertreibung der Aborigines auch deren kulturelle Identität zerstört wurde. Daran anschließend werden dann in Kürze die für dieses Thema relevant erscheinenden Aspekte der jüngeren Geschichte Australiens, beginnend mit der Besiedlung durch Weiße, anhand der allgemeinen Phasen des Kulturkontaktes dargelegt. Dabei darf jedoch die Frage nicht vernachlässigt werden, ob es unter den weißen Siedlern eine einheitliche Kultur gab und ob diese englischen Ursprungs oder doch eine Neuerfindung war.

Ziel ist es also die Formen des Kulturkontaktes zwischen Europäern und Eingeborenen theoretisch zu fassen und exemplarisch zu verdeutlichen bzw. auch zu erweitern.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definition des Begriffs Kultur

Der Terminus Kultur ist einer der komplexesten der deutschen Sprache. Zurückführen lässt er sich auf das lateinische Verb colere, das eine Vielzahl an Bedeutungen aufweist (vgl. Eagleton 2001, S. 8). Es kann mit Pflegen und Bewohnen, aber auch mit Beschützen übersetzt werden, um nur ein paar mögliche Ausprägungen zu nennen. Häufig wird Kultur als das Gegenteil von Natur angesehen (vgl. ebd., S. 7) – also als das vom Menschen Erschaffene. Dabei entstammt der Begriff dem semantischen Feld der Natur, da er von Pflege des natürlichen Wachstums abgeleitet wurde (vgl. ebd., S. 7). Somit hat er seinen Ursprung in der Landwirtschaft und war kein Ausdruck für vornehme Tätigkeiten. Ein Rohstoff muss in eine für den Menschen bedeutende Form gebracht werden, um zu einem kulturell wertvollen Kunstwerk zu werden. Daher entsteht Kultur oftmals aus Natur. „Das Kulturelle ist das, was wir verändern können, während der zu bearbeitende Rohstoff seine eigene, autonome Existenz hat, die ihm etwas von der Widerspenstigkeit der Natur verleiht.“ (ebd., S. 11).

Im 18. Jahrhundert war der Terminus Kultur ein Synonym für Zivilisation (vgl. ebd., S. 17), worin Sitten, Gebräuche und Moral mit eingeschlossen waren. Diese Art von Kulturbegriff kann als universalistisch eingestuft werden, da er ein Oberbegriff für alle Praktiken war, die als zivilisiert galten. Dadurch grenzte er sich von der „Barbarei“ ab, die als minderwertig angesehen wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten die gesellschaftlichen Bedingungen, die zur Kultivierung von Gesellschaften beitrugen, stärker in den Blick. War doch die Aneignung der Kultur keine individuelle Angelegenheit (vgl. ebd., S. 19). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnete der Begriff Kultur dann nicht mehr die derzeitige Lebensweise einer Gesellschaft, sondern entwarf eine Welt wie sie sein sollte. Somit wurde die Kultur zur Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft (vgl. ebd., S. 19) – insbesondere am Bürgertum. Als Vielfalt spezifischer Lebensformen wurde Kultur dann im 20. Jahrhundert definiert (vgl. ebd., S. 22). Nun verstand man Kultur nicht mehr als universalistisch. Damit richtete man sich ganz bewusst gegen den Eurozentrismus des Kulturbegriffs in der Aufklärung: „Der Ursprung der Idee von der Kultur-als-bestimmter-Lebensform ist also eng mit einer romantisch-antikolonialistischen Vorliebe für unterdrückte (exotische) Gesellschaften verbunden.“ (ebd., S. 22). Es wurde nicht mehr von der Kultur, sondern von den Kulturen im plural gesprochen. Definiert man Kultur also als viele verschiedene Lebensformen, fallen darunter auch Völker, die noch vor zwei Jahrhunderten als primitiv, aber nicht als kultiviert angesehen wurden. Man erkannte, dass die Lebensformen der Europäer nicht besser waren als andere.

Forscher, die sich den Cultural Studies zugehörig fühlen, definieren Kultur als konfliktäres Feld von Auseinandersetzungen (vgl. Hepp 1999, S. 18). Kulturelle Praktiken dürfen niemals getrennt von ihrem Kontext betrachtet werden, da der Kulturbegriff innerhalb jedes Kontextes eine spezifische Ausprägung hat (vgl. ebd., S. 19). Somit ist auch verständlich, warum der Kulturbegriff zu Zeiten des Kolonialismus eine andere Bedeutung hatte als in postmodernen Gesellschaften, wo Pluralismus zum Schlagwort geworden ist. Natürlich spielen die Interessen der Inhaber von Machtpositionen bei der Entstehung und Aneignung von Kultur auch eine Rolle. Die Cultural Studies richten sich gegen das Konzept der Nationalkultur, da Kultur nicht in klar abgrenzbaren Territorien lokalisiert werden kann (vgl. ebd., S. 43). Vielmehr zerfallen die einzelnen Staaten in Subkulturen. Dies trifft heute wahrscheinlich in einem größeren Maße zu als noch vor 200 Jahren, da man über die diversen Massenmedien einiges über kulturelle Praktiken in anderen Ländern erfährt und man mit dem Flugzeug auch einfach schneller in andere Länder gelangen kann. Dadurch beginnen sich nationale Grenzen aufzulösen, wobei kulturelle Praktiken nicht immer unbedingt übernommen, sondern auch modifiziert werden. Die Cultural Studies werden von zwei Strömungen beeinflusst (vgl. ebd., S. 42). Dies ist auf der einen Seite die Semiotik bzw. der Strukturalismus, wonach Kultur als einzelne spezifische gesellschaftliche Praktiken aufgefasst wird, deren Beziehungen untereinander es zu untersuchen gilt. Bedeutungen werden immer ausgehandelt. Auf der anderen Seite steht der anthropologische Kulturbegriff, was in den Cultural Studies auch als Kulturalismus bezeichnet wird, der Kultur als Gesamtheit einer Lebensweise begreift.

Raymond Williams unterscheidet die drei folgenden Definitionen von Kultur (vgl. ebd., S. 39): Die ideale Bestimmung als Zustand menschlicher Perfektion – also als utopische Wunschvorstellung – die dokumentarische Bestimmung bestehend aus einem Korpus künstlerischer Werke, in denen menschliches Denken und menschliche Erfahrung verwirklicht wird und schließlich die gesellschaftliche bestimmung, wonach sich Werte nicht nur in Kunstwerken von Minderheiten ausdrücken, sondern auch in Institutionen und im ganz gewöhnlichen Leben.

Bereits dieser kurze Abschnitt über den Kulturbegriff, der keineswegs vollständig ist, verdeutlicht, dass keine einheitliche Definition von Kultur existiert. Vielmehr muss der Terminus in jedem spezifischen Kontext neu bestimmt werden. Zu jener Zeit, mit der sich die vorliegende Arbeit primär beschäftigt, wurden die so genannten primitiven Völker nicht als kultiviert betrachtet und dadurch abgewertet. Der Ausdruck Kultur stand also für etwas Besseres und Überlegenes. Dieses Verständnis von Kultur soll hier nicht geteilt werden. Denn wenn die Eingeborenen anderer Kontinente außerhalb Europas keine eigene Kultur besessen hätten, hätten sie auch keine kollektive Identität gehabt. Dass sie aber durchaus über eine solche verfügten, zeigt die vorhandene Literatur deutlich. In der vorliegenden Arbeit wird Kultur daher neutral als Pluralismus von Lebensformen verstanden, von denen alle als gleichwertig zu betrachten sind.

2.2 Grundformen des Kulturkontaktes zwischen Europäern und Eingeborenen nach Bitterli

Bitterli hat für die unterschiedlichsten kulturellen Beziehungen zwischen Europäern und Eingeborenen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, die sich nach den diversen Entdeckungs- und Eroberungsreisen der Europäer nach Übersee zwangsläufig ergeben mussten, drei Grundmuster herausgearbeitet. Seiner Meinung nach war die erste Form des Kulturkontaktes die Kulturberührung (vgl. Bitterli 1986, S. 17), welche jedoch nur wenige Jahre andauerte und sich dann entweder in eine Kulturbeziehung – was selten der Fall war – oder einen Kulturzusammenstoß verwandelte. Es war jedoch durchaus möglich, dass sich der Kulturzusammenstoß noch zu einer Kulturbeziehung entwickelte.

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Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640464258
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137808
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
Formen Kulturkontaktes Europäern Eingeborenen Jahrhundert Beispiel Australiens

Autor

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