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Der Tod. Historisch-systematische Rekonstruktion eines Begriffs am Beispiel der Philosophie Kierkegaards

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil
1. Ausgangspunkte
1.1 Die Bedeutung des Einzelnen
1.2 Die Unerklärbarkeit des Todes
1.3 Ernst und Stimmung
1.4 Die Grenzen des Betrachtens
2. Die Bedeutung des Todes für das eigene Leben
2.1 Lebensimmanenz des Todes
2.2 Die Forderung einer Nutzung der Lebenszeit
3. Leerstellen in Kierkegaards Denken über den Tod

Schluss

Verwendete Literatur

Einleitung

Was ist der Tod? Wir wissen vom Tod nur durch unsere Erfahrung. Der Tod ist ein Ereignis, das uns stets überwältigt und das meist ungewollt von außen in unsere Existenz tritt und diese abrupt beendet. Aufgrund dieses empririschen Charakters ist der Tod daher nichts, was sich schon rein gedanklich er- und damit zuletzt ab­schließen ließe, denn dann könnten wir, wenn uns danach ist und wenn es unsere Fähigkeiten der Erkenntnis von etwas nicht überschreitet, es so einrichten, seine Realität am Ende vollkom­men zu vermeiden; etwa so, wie wir die Realität eines Gottes vermeiden können, in­dem wir ihn einfach leugnen und ein Beweis seiner Realität nach der „kopernikani­schen Wende“ Kants nicht mehr möglich ist. Dennoch kann jedoch, wenn auch un­zureichend, freilich über den Tod gedacht werden, etwa in quantitativen Aussagen wie der folgenden: „Alle Menschen sind sterblich“.

Aussagen wie diese mögen zwar richtig sein und aller Erfahrung nach sind sie das auch, jedoch sind sie noch rein allgemein gehalten und letztlich „nur“ aus der Erfahrung abgeleitet und erwecken somit den Eindruck, dass der Tod etwas sei, das mich (oder auch den geneigten Leser) nichts angehe. Etwas, das stets nur andere be­trifft; somit ein Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen kann oder auch nicht.

Ein Denken wie dieses, das sowohl eine gelebte (Todes-)Erfahrung als auch die eigene Existenz vollkommen zu vergessen gewohnt ist, ist, Kierkegaard folgend, ab­straktes Denken, wobei die Abstraktion vor allem darin besteht, dass sie den jeweils Denkenden außer Betracht zieht; ein Denken also „bei dem es keinen Denkenden gibt“ (VII 287). Dem setzt Kierkegaard im Gegenzug ein existenzielles Denken ge­genüber; ein Denken, „bei dem es einen Denkenden gibt“ und „bei dem die Exis­tenz dem existierenden Denker den Gedanken, Zeit und Raum gibt“ (ebd.).

In dieser Arbeit soll es darum gehen, welche Gestalt und vor allem welche Bedeutung der Tod dem Menschen gegenüber in Kierkegaards Denken einnimmt. Wie sich zeigen wird, erreicht dabei die Reflexion über den Tod bei ihm im Gegensatz zu Denkern vor ihm eine neuartige Qualität, die später Eingang in die Existenzphilosophie (insbesondere bei Martin Heidegger) finden wird. Es wird sich außerdem zeigen, welche vergleichsweise extrem individualisierte Position Kierkegaard zu dieser Sache vertritt. Während noch bei Fichte und Feuerbach das Ich und das Subjekt etwas allgemeines war tritt bei Kierkegaard der Einzelne und mit ihm die je ganz eigene Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung so sehr in den Vordergrund wie nie zuvor.

Als Leitfaden zu seinem Denken über den Tod wird hier seine fiktive Rede „An einem Grabe“ dienen, die zu den „Drei Reden bei gedachten Gelegenheiten“ aus dem Jahre 1845 gehören.

Hauptteil

1. Ausgangspunkte

1.1 Die Bedeutung des Einzelnen

Bei Kierkegaard ist der Tod zu einer je persönlichen Angelegenheit geworden. Von keinem Philosophen zuvor wurde das Individuum anstelle des Jedermanns bei der Frage nach dem Tode so sehr in Anspruch und in die Pflicht genommen wie es in seinen Schriften geschieht. Das zeigt sich zunächst am offensichtlichsten darin, dass der Leser in seiner Grabrede wiederholt ganz persönlich angesprochen wird (darunter allein ganze sechsmal mit „mein Zuhörer“ (beginnend bei V 229) oder „Siehe, [...]“ (V 226, V 233, Herv. d. Verf.) ). Damit wendet sich Kierkegaard an den je einzelnen Leser und nicht an eine allgemeine Leserschaft, die von eben diesem Einzelnen notwendigerweise abstrahiert. Nicht das anonyme „man“ also, wie Heidegger sich ausgedrückt hätte, soll hier angesprochen werden, sondern jeder Einzelne für sich genommen.

Kierkegaards Strategie liegt damit bereits auf rein formaler Ebene in der Forderung einer konsequenten Bewusstwerdung des Lesers dahingehend, dass jedem einzelnen von ihnen sein ganz persönlicher Tod bevorsteht. Dazu passt auch die Form des vorliegenden Textes: Es ist eine Rede und keine, gar noch systematische, Abhandlung. Eine Form der Vermittlung philosophischer (und in diesem Falle allerdings zudem auch theologischer) Weisheit also, die wie schon bei Platon seinen Schülern gegenüber das Gesprochene dem Geschriebenen vorzieht und die hier auch Kierkegaard verwendet; wohl, um den Leser möglichst unmittelbar zu erreichen.

Epikur, der „Heide“ (V 228), gegen den sich Kierkegaard in seiner Rede ganz gezielt wendet, bevorzugte in seinem Brief an seinen Schüler Menoikeus hingegen noch einen ganz allgemein gehaltenen Stil: „Gewöhne dich ferner daran zu glauben, der Tod sei nichts, was uns betrifft“ (124, Herv. d. Verf.). Er schrieb nicht: „... was dich betrifft“ oder „... was dich und mich betrifft“. Dies, obwohl sich Epikur hier tatsächlich an nur eine einzelne Person wendet, nämlich an den Adressaten seines Briefes: Menoikeus. Ein Umstand, der einen Bezug des Todes auf Menoikeus persönlich angeboten hätte, da jener ihn ohne Frage früher oder später erreichen wird. Dennoch zieht Epikur demgegenüber einen Bezug des Todes auf etwas (von Menoikeus konkretem Dasein abstrahierendes) allgemeines vor, wobei offen bleiben muss, ob er damit die ganze Menschheit im Sinne hatte oder vielleicht nur ihn und seinen Addressaten alleine.[1]

Das Anliegen Kierkegaards, den Tod von einem Bezug auf etwas allgemeines hin zu etwas konkretem gleichsam zurückzuführen verschärft sich noch, indem Kierkegaard Epikur gemäß besagter Zielsetzung zwar nur leicht, aber dennoch deutlich abgeändert zitiert: Es heißt nun nicht mehr ganz allgemein gehalten: „Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr“ (125, Herv. d. Verf.), sondern nun ganz individuell „denn wenn er ist, bin ich nicht und wenn ich bin, ist er nicht“ (V 228, Herv. d. Verf.).

[...]


[1] Letzteres kann jedoch als unwahrscheinlich betrachtet werden, da sich Epikur in diesem Brief auch sonst sehr im Allgemeinen aufhält.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640464722
ISBN (Buch)
9783640461875
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v137936
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Seminar für Philosophie
Note
1
Schlagworte
Tod Kierkegaard 19. Jahrhundert Existenzialismus

Autor

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Titel: Der Tod. Historisch-systematische Rekonstruktion eines Begriffs am Beispiel der Philosophie Kierkegaards