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Lebensstilforschung als Baustein einer modernisierten Ungleichheitsforschung bzw. Sozialstrukturanalyse

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung und Problemstellung

2. Bausteine für ein Modell sozialer Ungleichheit in fortgeschrittenen Gesellschaften
2.1 Anforderungen an ein zeitgemäßes Modell sozialer Ungleichheit
2.2 Soziale-Indikatoren-Bewegung
2.3 Statusinkonsistenzforschung
2.4 Sozialstrukturelle Sozialisationsforschung
2.5 Qualitative Sozialforschung in der Sozialstrukturanalyse

3. Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft
3.1 Begründung der Konzeption sozialer Ungleichheit
3.2 Soziale Lagen
3.3 Soziale Milieus

4. Literatur

1. Einleitung und Problemstellung

Die Analyse ungleicher Sozialstruktur erfolgte bisher mit Hilfe von Klassen- oder Schichtmodellen, die den heutigen Gegebenheiten nicht mehr entsprechen, bzw. diese nicht mehr genau genug abbilden können. Bei der Untersuchung der sozialen Ungleichheit, also des vertikalen Aufbaus der Sozialstruktur, wird mit Hilfe der Klassenkonzepte erklärt, wie die Herausbildung von Gruppen mit ungleichen Lebensbedingungen aufgrund ihrer unterschiedlichen Stellung im Wirtschaftsprozess und den sich daraus ergebenden Herrschafts- und Konfliktkonstellationen erfolgt ist. Die Schichtenkonzepte dagegen beschreiben die Struktur sozialer Ungleichheit als vertikal abgestuftes Gefüge von Gruppierungen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen. Diese stehen meist in mehr oder minder engem Verhältnis zur beruflichen Stellung.

Weder die Erklärungsfunktion des Klassenmodells, noch die Beschreibungsfunktion der Schichtenmodelle können heute noch hinreichend erfüllt werden.[1] Die Begründung dafür liegt vor allem im Strukturwandel der modernen Gesellschaften, der meist mit den Schlagworten »Differenzierung«, »Pluralisierung«, »Individualisierung« oder »Entstrukturierung«[2] beschrieben wird. Mehrere Autoren prägen in diesem Zusammenhang den Begriff der „neuen Ungleichheiten“[3], wie z.B. NISBET (1959), BECK (1983) sowie CLARK und LIPSET (1991).

Demnach hielt NISBET den Begriff der »sozialen Klassen« für moderne Gesellschaften wie West-Europa und die USA für überholt, da hier nicht mehr ökonomische und politische Macht zusammenfallen würden wie in einigen unterentwickelten Ländern. Die Demokratisierung verhindere somit die Konzentration von Macht auf bestimmte Gruppen. Politiker und Arbeiterführer hätten heute zum Teil erheblichen wirtschaftlichen Einfluss ohne selbst Besitz zu haben.[4]

Für BECK sind „aufgrund der allgemeinen Erhöhung des materiellen Lebensstandards (...) die Marxschen Bedingungen der Klassenbildung durch Verelendung und Entfremdung nicht mehr gegeben“[5].

Auch CLARK und LIPSET berufen sich in ihren Untersuchungen auf den zunehmenden materiellen Wohlstand. So zeigen sie u.a. an empirischen Daten, dass das Wahlverhalten in westlichen Demokratien sich immer weniger durch die Klassenzugehörigkeit erklären lässt. Sie kommen zu dem Schluss, dass...

„...die Auflösung typischer Muster der Lebensführung, wie sie die Klassenlage bestimmte, ein Rückgang der ökonomischen Determiniertheit, eine Politik, die anderen Konfliktlinien als Klassengegensätzen folgt, die abnehmende Mobilität zu neuen und anderen Mustern sozialer Schichtung und zum Einsturz des klassentheoretischen Gebäudes führe“[6].

Es lässt sich feststellen, dass bis in die 70er Jahre hinein vor allem beruflich vermittelte Ressourcen und hier in erster Linie Berufsprestige, Einkommen und Qualifikation, als Ungleichheitsphänomene die Diskussion beherrschten. Die vorherrschenden Theorien „suchten die Ursachen der Ressourcenverteilung ausnahmslos innerhalb der Sphäre der Ökonomie und sahen die Berufsstellung als entscheidende Determinante der Allokation von Ressourcen“[7]. Die Theorien, welche die ungleiche Verteilung von Prestige, Geld und Bildung untersuchen sollten, bezogen sich hauptsächlich auf ökonomische Ursachen. Somit erschien die Gesamtstruktur sozialer Ungleichheit im wesentlichen als vertikal und von der Berufshierarchie geprägt. Seit den 70er Jahren werden jedoch auch vermehrt horizontale Ungleichheiten betrachtet und berücksichtigt. Dazu zählen unter anderem Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, Regionen, Altersgruppen und Ethnien.[8]

2. Bausteine für ein Modell sozialer Ungleichheit in fortgeschrittenen Gesellschaften

2.1 Anforderungen an ein zeitgemäßes Modell sozialer Ungleichheit

STEFAN HRADIL (1987) formuliert fünf Anforderungen, die an ein zeitgemäßes Modell sozialer Ungleichheit gestellt werden müssen, damit dieses die bereits erwähnten »neuen« Ungleichheiten entsprechend berücksichtigen kann.

Demnach muss ein zeitgemäßes Modell sozialer Ungleichheit...

a) ... alle Dimensionen sozialer Ungleichheit enthalten, die in einem sozialen Kontext wesentlich sind. Dazu ist eine systematische Begründung der Dimensionenwahl und -definition erforderlich, die sich auf die Lebenschancen von Menschen bezieht und jederzeit um spezifisch empirische Gegebenheiten erweitert und angepasst werden kann.
b) ... das Zusammentreffen und -wirken aller relativ günstigen und ungünstigen Lebensbedingungen erfassen. Dazu muss von der additiven Logik und der prinzipiellen Statuskonsistenzvermutung abgegangen, und dem wirklichen Zusammenspiel von Faktoren – und damit der so entstehenden Gesamtsituation für die einzelnen Gesellschaftsmitglieder – nachgegangen werden.
c) ... die Verteilung aller Gesellschaftsmitglieder auf solche Gesamtsituationen sozialer Ungleichheit erfassen und damit deren Verallgemeinerung ermöglichen. Dabei muss das Modell jedoch flexibel bleiben und unter anderem der unterschiedlichen Relevanz bestimmter Kriterien gerecht werden.
d) ... es ermöglichen, den Auswirkungen der Ungleichen Lebensbedingungen nachzugehen, ohne die Betroffenheit von besseren oder schlechteren äußeren Existenzbedingungen einfach objektivistisch abzuleiten. Das heißt, dass die Subjektivität von Gesellschaftsmitgliedern stärker berücksichtigt werden muss. Menschliches Denken und Handeln muss als Faktor der ungleichen Lebensbedingungen von Mitmenschen gesehen werden.
e) ... die Fähigkeit zur Verallgemeinerung der eben angesprochenen differenziellen Auswirkungen, Lageinterpretationen und Handlungsweisen besitzen. Mentalitäten und Lebensstile müssen einen eigenständigen Platz im Rahmen der Sozialstrukturkonzeption erhalten.[9]

Diese fünf Anforderungen sollen im folgenden dazu dienen, neuere Ansätze der Sozialstrukturanalyse daraufhin zu überprüfen, ob sie zum Aufbau einer zeitgemäßen Strukturkonzeption sozialer Ungleichheit etwas beitragen können. Diese Ansätze können an dieser Stelle nur sehr verkürzt wiedergegeben werden.

2.2 Soziale-Indikatoren-Bewegung

Der erste dieser neueren Ansätze ist die sogenannte Soziale-Indikatoren-Bewegung. Unter einem sozialen Indikator versteht man den Teil einer Statistik, welche von direktem normativen Interesse ist. Ein sozialer Indikator ist ein direktes Wohlfahrtsmaß, welches so interpretiert werden sollte, dass dann, wenn er sich ceteris paribus in die richtige Richtung entwickelt, sich die Verhältnisse verbessert haben, bzw. sich die Menschen besser stellen. Sie wurden vor allem deshalb eingeführt, weil Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre sich die Überzeugung durchsetzte, dass wirtschaftliches Wachstum nicht alleine ausschlaggebend für die »Lebensqualität« sein könne. Daher wurde dem wertneutralen Wohl stands begriff, der hauptsächlich durch das Bruttosozialprodukt ausgedrückt wurde, ein bewusst wertender Wohl fahrts begriff gegenübergestellt, welcher durch die sozialen Indikatoren beschrieben werden sollte. Diese sollten out-put-orientiert sein, also nicht die entstehenden Kosten, sondern den Wohlfahrtsertrag messen, individuenorientiert sein, den Grad der Realisierung von Zielvorstellungen über individuelle Wohlfahrt erfassen, das Ausmaß der Versorgung mit bestimmten Gütern und Dienste messen, zusammenfassende und quantifizierende Maßzahlen darstellen, international vergleichbar sein, Fortschritte oder Rückschritte der Wohlfahrt unmittelbar zum Ausdruck bringen. Sie haben also hauptsächlich deskriptiven Charakter. Dabei sollen sie nicht soziale Ungleichheit feststellen, sondern Wohlfahrt insgesamt. In der Soziale-Indikatoren-Bewegung gibt es zahlreiche Herangehensweisen. Den meisten ist jedoch gemeinsam, dass sie umfangreiche Indikatorenlisten aufstellen, die Wohlfahrtsziele widerspiegeln sollen (z.B. Bevölkerung, Sozialer Status und Mobilität, Einkommen und seine Verteilung, Verkehr, Gesundheit etc.). Sie werden meist aus einer Analyse des politischen Willensbildungsprozesses, oftmals unter sozialpolitischen Zielvorstellungen, gewonnen, z.B. aus Gesetzestexten, Parteiprogrammen, sozialpolitischer Grundsatzliteratur, Verbandsverlautbarungen usw. So werden viele Lebensbedingungen erfasst und systematisch eingeordnet.[10]

Für die Schaffung eines zeitgemäßen Modells sozialer Ungleichheit ist die Soziale-Indikatoren-Bewegung deshalb von Bedeutung, weil „sie Ungleichheiten erfasste, diese innerhalb einzelner, voneinander unabhängiger Dimensionen begriff und dadurch wichtige Beiträge zur Erfüllung der ersten Anforderung leistete“[11]. Zu erwähnen sind...

„...vor allem ihre grundsätzlichen Überlegungen zum Wohlfahrtsbegriff, den Dimensionen der Wohlfahrt und der Lebenslage, die durch sie konstituiert wird. Sie sind geeignet, die Enge des schichtungssoziologischen Ansatzes um zusätzliche Dimensionen zu erweitern und deren Definition gleichzeitig auf systematischere und flexiblere Grundlagen zu stellen“[12].

[...]


[1] vergl. S. Hradil: Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft. Von Klassen und Schichten zu Lagen und Milieus, Leverkusen 1987, S. 7. (im folgenden zitiert als: S. Hradil: Sozialstrukturanalyse.)

[2] vergl. F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung. Eine empirische Untersuchung zum Umbruch der Sozialstruktur, Frankfurt 2000, S. 23f. (im folgenden zitiert als: F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung.)

[3] F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung, a.a.O., S. 28.

[4] vergl. F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung, a.a.O., S. 25f.

[5] F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung, a.a.O., S. 27.

[6] F. Zerger: Klassen, Milieus und Individualisierung, a.a.O., S. 28.

[7] P. Berger, S. Hradil: Die Modernisierung sozialer Ungleichheit – und die neuen Konturen ihrer Erforschung, in: P. Berger, S. Hradil (Hrsg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile (Soziale Welt, Sonderband 7), Göttingen 1990, S. 6. (im folgenden zitiert als: P. Berger, S. Hradil: Die Modernisierung sozialer Ungleichheit.)

[8] vergl. P. Berger, S. Hradil: Die Modernisierung sozialer Ungleichheit, a.a.O., S. 3.

[9] vergl. S. Hradil: Sozialstrukturanalyse, a.a.O., S. 97f.

[10] vergl. S. Hradil: Sozialstrukturanalyse, a.a.O., S. 98ff.

[11] S. Hradil: Sozialstrukturanalyse, a.a.O., S. 102.

[12] S. Hradil: Sozialstrukturanalyse, a.a.O., S. 99.

Details

Seiten
17
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638108560
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1380
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Soziologie, Kiel
Note
1,3
Schlagworte
Lebensstilforschung Baustein Ungleichheitsforschung Sozialstrukturanalyse Proseminar

Autor

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