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Von der Insistenz der Trauer

Walter Benjamins melancholischer Blick

Hausarbeit 2009 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Veredelung der Melancholie

Exkurs I: Benjamins Trauerspiel -Buch

Benjamins Melancholiker

Exkurs II: Freuds Aufsatz Trauer und Melancholie

Dialektik des Sinns

Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Zusätzlich verwendete Literatur:

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.

(Walter Benjamin)

Die Neurose ist das bange Gewahrwerden der Unmöglichkeit in Allem.

(Georges Bataille)

Einleitung

„Wird der Gegenstand unterm Blick der Melancholie allegorisch, lässt sie das Leben von ihm abfließen, bleibt er als toter, doch in Ewigkeit gesicherter zurück, so liegt er vor dem Allegoriker, auf Gnade und Ungnade ihm überliefert. Das heißt: eine Bedeutung, einen Sinn auszustrahlen, ist er von nun an ganz unfähig; an Bedeutung kommt ihm das zu, was der Allegoriker ihm verleiht.“ (359[1]) Diese oft zitierten Sätze entstammen Walter Benjamins Trauerspiel -Buch, worin er, ausgehend von der Literatur des Barock, seinen reich gegliederten Begriff der Allegorie entwickelt. Die Tätigkeit des Allegorikers, der ein Element aus der Totalität des Lebenszusammenhangs herausreißt, um es zu isolieren und seiner Funktion zu berauben, wird von Benjamin als Ausdruck der Melancholie gedeutet. Eine Melancholie, die ontologisch begründet, „[...] die Welt um des Wissens willen“ (334) verrät.

Movens vorliegender Bemühung ist es, jene Melancholie, die dem Allegoriker eignet, aufzuspüren – eingedenk der Trümmerhaufen alles Vergangenen, denen sich Benjamins Engel der Geschichte gegenübersieht – in Nuancierung verschiedener Theorien der Melancholie. Fern eines Überblicks gilt es, einzelnen Strängen in extenso zu folgen und im etwaigen Ungleichgewicht durchaus essayistische Raffinesse zu entfalten. Gewissermaßen als Folie dient hierbei Marsilio Ficinos Diätik des saturnischen Menschen, mit der er aus tiefster, innerster Zerrüttung Ansätze von griechischer Humoralpathologie und arabischer Kosmologie vereint, und damit, wenngleich in anderer Absicht als Benjamin, eine melancholische Weltzuwendung wegweisend pointiert. Nicht mehr als eine erste Ahnung soll am Ende des Textes sich einstellen, die – so bleibt zu hoffen – Einblicke, vielleicht gar ein Einfühlen in den Zustand des Melancholikers gewährt, der nicht zermartert und ermattet, sondern sinnstiftend das theatrum mundi betritt, um es zu erretten.

Die Veredelung der Melancholie

Datiert auf die Zeit um 1475 ereignet sich innerhalb der spannungsreichen Deutungsgeschichte der Melancholie eine ganz entscheidende Begebenheit: Der Neuplatoniker Marsilio Ficino klagt in einem Brief an seinen Freund Giovanni Calvacanti, dass er um nichts mehr wisse, nicht einmal was er wolle; schuldig an seiner Verzweiflung seien die Einflüsse des mächtigen und düsteren Saturn.[2] „Saturn - das ist hier der maligne Stern, der fernste des Planetensystems, der Gott des Dunklen, Kalten und Schweren; rätselhafte, schwer entzifferbare Gottheit der Zeit; uralter Flurgott oder auch der gestürzte und kastrierte Uranide. Viele, auch widersprüchliche Traditionen fließen in der Semantik des Saturns zusammen. Innerhalb der Astralmedizin ist der Saturn der Regent der schwarzen Galle, der Milz, der kalten, trockenen Erde. Diese Komplexion aus Astrologie, Elementenlehre, Anatomie und Humoralpathologie bildet den Typus des melancholischen Temperaments.“[3] Ficino sträubt sich mit allem Nachdruck gegen dessen Einflussnahme, versteht ihn als Unglücksplaneten. Auch sein Wissen um Dante, der im XXI. Gesang des Paradiso die Saturnsphäre als den Ort erklärt, von wo aus der Dichter, dem die anime speculatrici erscheinen, die leuchtende Stufenleiter der Kontemplation bis zur Anschauung des Göttlichen emporsteigt, kann ihn nicht beschwichtigen. Calvanti antwortet erbost, es könne nicht sein, dass er, Marsilio Ficino, Kenner Griechenlands und Ägyptens, ausgezeichnet durch ein allumfassendes Gedächtnis und gedankliche Präzision, der all seine Begabungen letztlich dem Saturn verdanke, diesen anfeinde. Erst noch im Hadern begriffen, ob der Planet Saturn, wenn schon für seine Fähigkeiten verantwortlich, auch Urheber der Melancholie ist, lenkt Ficino alsbald ein und zitiert die berühmte, lange Zeit Aristoteles zugeschriebene, Problemata -Schrift XXX. I herbei. Darin heißt es: „Aus welchem Grunde sind alle hervorragenden Männer, sei es, dass sie sich in der Philosophie, in der Politik, der Poesie oder den bildenden Künsten ausgezeichnet haben, offenbar Melancholiker...?“

[...]


[1] Zitate von Walter Benjamin werden direkt im Text, ohne Angabe des Autors erwähnt. In allen Fällen liegt die folgende Veröffentlichung vor. Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. In: ders.: Gesammelte Schriften Band I. I Frankfurt a.M. 1991.

[2] Vgl. Raymond Klibansky, Erwin Panofsky und Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt a.M. 1990, S.370.

[3] Harmut Böhme: Natur und Subjekt. Frankfurt am Main 1988, S.256.

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640465071
ISBN (Buch)
9783640462186
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138078
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
"-"
Schlagworte
Philosophie Melancholie Walter Benjamin Sigmund Freud Marsilio Ficino Dürer Saturn

Autor

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