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Die Universität Rostock am Ende der DDR

Bastion oder Opposition?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 50 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Forschungsfragen und Gliederung
1.2. Forschungsstand

2. Die Hochschulreformen in der DDR
2.1. Die erste Hochschulreform
2.2. Die zweite Hochschulreform
2.3. Die dritte Hochschulreform

3. Das MfS und die Universität Rostock

4. Die Jahre 1985 bis 1989/90 an der Universität
Rostock
4.1. Die Lage innerhalb der Universität – Leitung, Sektionen und Dozenten I (1985 bis 1988)
4.2. Die Lage innerhalb der Universität – Leitung, Sektionen und Dozenten II (1989/90)
4.3. Die Lage aus Sicht der Universität – 1987 bis 1990

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Daß Universitäten eine politische Rolle zukommt läßt sich bereits für die die Antike konstatieren, wurde doch in den Vorläufern unserer heutigen Universitäten in Grie-chenland die Grundlage für die gesamte moderne Zivilisation gelegt, seien es ma-thematisch-naturwissenschaftlich Disziplinen oder die Prinzipien der Staatsorganisa-tion. Im Mittelalter avancierte dann die Universität zum Mittel im Machtkampf zwi-schen Papst und säkularen Fürsten, die an den Universitäten jeweils ihre Staatselite ausbilden ließen. In der postnapoleonischen Zeit waren es dann beim Wartburgfest 1817 Studenten und Professoren der Universitäten des deutschen Raumes, die nachhaltig für eine Vereinigung der deutschen Staaten eintraten und somit politisch wirkten. Auch im Ersten Weltkrieg spielten die Studenten eine Rolle. Ebenso wäh-rend der Zeit des Nationalsozialismus waren Studenten teilweise politisch aktiv und im Widerstand präsent, so bspw. die „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl in München. Ihre Hochzeit erfuhr die Politisierung der Universitäten sicherlich ab 1965 in der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition der ausge-henden 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.

Betrachtet man diese Tradition, so drängt sich die Frage auf, wie die Universitäten innerhalb des politischen Lebens der DDR zu verorten sind. Noch konkreter, wie sich die Universitäten ab 1985 verhielten, als die sich die Krise innerhalb der DDR zu ver-schärfen begann und die UdSSR mit vorsichten Reformen begann, die wiederum die DDR ablehnte.

Zum einen überwachte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch die Hoch-schulen der DDR, zum anderen schränkte die Sozialistische Einheitspartei Deutsch-lands (SED) mit gezielter Kaderpolitik allein schon den Zugang massiv ein und öffne-te ihn nur eigentlich regimetreuen Bürgern. So fahndete das MfS von 1969 vier Jahre lang erfolglos nach den Urhebern eines Flugblattes an der Humboldt-Universität zu Berlin, welches zum Boykott einer marxistischen Pflichtvorlesung aufrief.1 Ebenso führte die DDR mehrere Hochschulreformen durch, die die DDR-Universitäts-landschaft nachhaltig verändern sollten. Fakultäten wurden abgeschafft, alte univer-sitäre Strukturen wurden zerschlagen und neue, scheinbar regimetreue aufgebaut, so wurde die Universität Rostock sogar in Wilhelm-Pieck-Universität Rostock umbe-nannt, um diesen Anspruch zu unterstreichen.

Unter diesem Eindruck wird die Rolle der Universitäten in der Endphase der DDR besonders interessant, einer Zeit, in der weite Kreise der Bevölkerung von oppositio-nellen Strömungen erfaßt wurden. Im Jahr 1989 konzentrierten sich die oppositionel-len Kreise neben Ostberlin auf Leipzig (Montagsdemonstrationen) und Rostock (Donnerstagsdemonstrationen), jedoch weitaus kleiner, – alle drei Städte waren Uni-versitätsstandorte, so daß die Frage nach der Rolle der Universitäten in großem Ma-ße Berechtigung genießt.

Rostock als oppositionelle Hochburg brachte mit Pastor Joachim Gauck, dem spä-teren Bundesbeauftragten für die Unterlagen des MfS (BStU), und Harald Ringstorff, dem späteren Ministerpräsident des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, um nur einige zu nennen, einflußreiche Bürgerrechtler hervor, die im weiteren Verlauf eine gewichtige Rolle in der weiteren Geschichte spielen sollten. Zudem gab es Be-strebungen, in Rostock notfalls ohne die restliche DDR der Bundesrepublik beizutre-ten, sollte sich die DDR-Führung gegen einen Beitritt der Gesamt-DDR wenden. Die dort ansässige Universität, eine der ältesten in Nordeuropa, wird schon dadurch in-teressant, daß sie 1989 ausgerechnet mit der Theologischen Fakultät wieder eine Fakultät an einer Universität zuließ, waren diese doch bis 1975 mit der Hochschulre-form auf politischen Druck hin DDR-weit abgeschafft worden. Sowohl diese Ereignis-se als auch das historische Wissen um universitäre und studentische Agitation im politischen Raum weiten das Feld für die Frage nach dem politischen Einfluß der Universität in der Wendezeit, nach der politischen Kultur innerhalb der Universität und der Studentenschaft. Aufgrund dieser spannenden Ausgangslage soll im Fol-genden der Frage nachgegangen werden, wie die Universität Rostock in den Status Rostocks als Oppositionszentrum einzuordnen ist.

1.1. Forschungsfragen und Gliederung

Die Arbeit geht folgenden Forschungsfragen nach:

- ußn die DDR-Hochschulreformen eine politische Wirkung auf die Univer-sitäten bzw. veränderten sie die politische Ausrichtung?
- Welchen Einfluß übten SED-Kaderpolitik, Freie Deutsche Jugend (FDJ) und MfS-Überwachung auf die Universität und ihre Angehörigen aus?
- Wie positionierten sich die Universität Rostock, die einzelnen Sektionen und die Studenten zwischen 1985 und 1990?
- Gibt es Anhaltspunkte für politische Veränderungen zwischen 1985 und 1990?
- Welche ußn ergriff der Staat ab 1985 zur ußn auf die Uni-versität Rostock?
- Wie stellte sich der Einfluß kirchlicher Organe, wie der Theologischen Fakultät oder Evangelischen Studenten Gemeinde (ESG), in Rostock dar?
- Gab es an der Universität Rostock eine politische Opposition?

Die vorliegende Arbeit stellt zunächst im zweiten Kapitel die Entwicklungen und Veränderungen durch die DDR-Hochschulreformen vor. Im dritten Kapitel stehen dann die Rolle des MfS, dessen ußn und Einfluß in Bezug auf die Universität Rostock und deren Angehörige im Fokus. In einem weiteren Kapitel, dem vierten, steht dann die Zeit der Veränderungen bis 1989/90 im Blickpunkt. Als historischer Einstieg wurde hierfür die Machtübernahme Gorbatschows gewählt und der Beginn von Perestrojka und Glasnost, mithin das Jahr 1985. Im fünften Kapitel ußn die Arbeit mit der Beantwortung der Forschungsfragen und einem Fazit.

1.2. Forschungsstand

Die Forschungen zum Thema stecken auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR noch in den Anfängen. Dies ist zum einen dem Interesse einiger Kreise geschuldet, die Aufarbeitung auf einen Zeitpunkt hinauszuzögern, an dem die Wendegeneration ge-schlossen entpflichtet wurde, zum anderen ist ein weiteres Symptom, daß die Quanti-tät der DDR-Aufarbeitungsliteratur immens ist, jedoch die Qualität unter dem Einfluß der anhaltenden Romantisierung der DDR leidet. Nach wie vor fehlt nach dem Ab-schluß der Mauerschützenprozesse und der ersten Welle der MfS-Aufarbeitung das Problembewußtsein für die Notwendigkeit einer konsequenten Fortführung der Auf-arbeitung aller Bereiche der DDR. Bewiesen werden kann dies u.a. damit, daß die „Berliner Zeitung“ im Jahr 2002 einen dramatischen Appell startete, daß an 54 von 88 Lehramtsausbildungsstandorten eine Ausbildung zum Thema DDR-Geschichte nicht möglich war.2 Diese pessimistische Einschätzung das Jahres 2002 bestätigte sich im Jahr 2007 durch eine Studie, die eklatante Lücken im DDR-Geschichtsbewußtsein vor allem bei jungen Generationen nachwies3, geschuldet der mangelnden Aufarbei-tung und der Romantisierung der zweiten deutschen Diktatur durch ihre ehemaligen Bürger.

Die vorhandene Literatur geht vor allem auf das Umfeld der Universitäten zurück. Begonnen wurde die Aufarbeitung der Geschichte der Rostocker in der DDR im Jahr 1969 von Thomas Ammer.4 Bei Thomas Ammer handelt es sich um einen Wider-standskämpfer aus der DDR, der dem „Eisenberger Kreis“5 von 1953 bis zu seiner Verhaftung 1958 angehörte. Ammer wird zu 15 Jahren Haft verurteilt und 1964 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Es sollte jedoch fast 30 Jahre dauern, bevor die Geschichtsaufarbeitung fortgeführt wurde. Diesmal durch den Verband ehemaliger Rostocker Studenten (VERS), der seit den frühen 1990er Jahren umfang-reicher Werke zum Thema der Aufarbeitung herausgegeben hat. Seine Mitglieder sind jedoch nicht von Hause aus Historiker, sondern haben die Universitätsgeschichte teils autodidaktisch und in Eigenregie erforscht.6 Weitere Werke zum Thema stammen von Martin Handschuck, ebenfalls ein ehemaliger Rostocker Student, der sich vor allem mit der Frühphase der Entwicklung der Universität Rostock in der DDR auseinandergesetzt hat und sehr detaillierte Werke dazu verfaßt hat.7 Über die Spät-phase der DDR in den drei Nordbezirken hat zudem ein weiterer Rostocker Student, Kai Langer, promoviert.8 Er ist heute am Institut für Politik- und Verwaltungswissen-schaften der Universität Rostock, Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre, tätig und forscht weiter zur Thematik.

Auch der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat mit den Berichten zur Arbeit der Enquete-Kommission9 einen Beitrag geleistet, jedoch wurde diese Kommission inzwischen aufgelöst, weshalb hier in nächster Zeit keine neuerlichen Publikationen zu erwarten sind. Recht spärlich sind zurzeit noch die Beiträge des Historischen Insti­tutes (HI) der Universität Rostock, es gibt wenige Protokollbände zu Veranstaltungen und Diskussionen sowie einige Forschungen zur SED von Mario Niemann.10 Zu Be-ginn des Jahres 2008 wurden im Rahmen der Initiative zum 600-jährigen Universi-tätsjubiläum von Kersten Krüger Zeitzeugenberichte erarbeitet und als neue Reihe der Universitätspublikationen herausgegeben.11 Diese stellt zwar einen wichtigen Beitrag dar, ist jedoch quantitativ zu schwach angelegt, um die bestehenden For-schungslücken zu schließen.

Erwähnenswert ebenso die Werke von Wolfgang Dalk und Michael Ruschke12 sowie Christopher Dietrich13 zum Studentenkabarett ROhrSTOCK, welches 1970 gegründet wurde und als das älteste Deutschlands gilt. Besonders Dietrich geht da-bei auf die IM-Unterwanderung des Kabaretts ein.

Die vorhandenen Publikationen, die auf den Akten der BStU basieren, sind zah-lenmäßig gering, das vorhandene Material aus den Aktivitäten des MfS ist bei weitem noch nicht analysiert und in ausreichendem ußn genutzt sowie publiziert. Hier wur-den bislang ußn Chancen zur Aufarbeitung ußn, dies vor allem im Hinblick auf die voranschreitende Romantisierung der DDR und die Ausblendung von Teilen der Geschichte einer deutschen Diktatur. Die vorliegende Arbeit greift auf Aktenmaterial der MfS-Bezirkszentrale Rostock zurück, welches in den Jahren 1982 bis 1990 ange-legt wurde.14

Immer wieder wird die Frage innerhalb der Wissenschaft aufgeworfen, in welchemußn die Akten des MfS auszuwerten seien, in welchemußn sie vor allem zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn betragen könnten. Nach Abschluß der Analy-sen kann für diese Art der MfS-Akten - hierbei handelte es sich um Lageeinschät-zungen und interne Memoranden an vorgesetzte und nachgeordnete Stellen - ein positives Fazit gezogen und festgestellt werden, daß sie durchaus einen Mehrwert für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn besitzen.

Es handelt sich bei Lageeinschätzungen um Zusammenfassungen mehrerer IM-Berichte, damit ist weitestgehend ausgeschlossen, daß Tatsachenberichte aufgrund von Eindrücken einzelner Personen verfälscht sind. Weiterhin ist das Ziel dieser Be-richte eine möglichst ungeschönte Darstellung der aktuellen Lage ohne propagandi-stische Überzeichnung des Ist-Zustandes. Der dritte Punkt ist in der Tatsache, daß die Lageeinschätzungen und Memoranden für den internen Gebrauch bestimmt wa-ren, sprich keinem Propagandazweck dienten. Ebenso zeigen Inhalt und Sprachwahl deutlich, daß es nicht Ziel dieser Dokumente und Akten war, die eigene Motivation der Führungsebene der DDR propagandistisch zu erhöhen, sondern es werden Miß-stände und Probleme unverblümt und in deutlichen Worten angeprangert. So wird bereits 1987 von der Bezirksverwaltung des MfS in Rostock, in Person von General-major Mittag, die medizinische Versorgungssituation in Nordvorpommern und auf Rügen aufs schärfste kritisiert. Er bittet in seinem Memorandum, das einem Appell gleicht, um Verbesserung der Ausbildung des medizinischen Personals, vor allem aber um seine Aufstockung. Auch im Jahr 2008 leidet diese Region noch immer un-ter einem Ärztemangel und der Überalterung des medizinischen Personals. Dieses Beispiel zeigt, daß die Akten zum Erkenntnisgewinn durchaus beitragen können. Da-bei dürfen natürlich nicht die übliche wissenschaftliche Sorgfalt im Umgang mit Quel-len und deren kritische Analyse in Vergessenheit geraten. Jedoch ist nichts authenti-scher als die MfS-Akten, die das Gesicht des Staates unverfälscht, fernab von mögli-cher Propaganda, widerspiegeln. Ihnen ist durchaus das Potential zuzutrauen, eine objektive Aufarbeitung zu ermöglichen.

Eine weitere Quelle, die Verwendung in dieser Arbeit findet, ist die Rostocker Uni-versitätszeitung. Diese bestand zunächst von 1960 bis 1989 als „Die neue Universi-tät“, ein direktes Organ der SED-Leitung und wurde mit dem Ende des Jahres 1989 nach 30 Jahrgängen eingestellt. Nachfolger mit einem ähnlichen Konzept wurde ab Januar 1990 die „Rostocker Universitätszeitung“. Beide Publikationen bieten einen Einblick in die offizielle Sichtweise der Ereignisse der Jahre 1985 bis 1990. Die He-rausgeberschaft wechselte 1990 mit der „Rostocker Universitätszeitung“ vom direk-ten SED-Organ übergangsweise zum Wissenschaftlichen Rat der Universität, um mit der Ausgabe 4/1990 zum Rektor der Universität überzugehen.15

2. Die Hochschulreformen in der DDR

Für das Verständnis der Ausgangssituation im Jahr 1985 muß zunächst die Entwick-lung der Universität Rostock in der Zeit der DDR nachgezeichnet werden. Schwer-punkt dieser Veränderungen bilden die insgesamt drei Hochschulreformen der DDR, in denen die Staatsführung den sukzessiven Umbau der Universitäten in der DDR zu sozialistischen Hochschulen betrieb. Ziel war dabei u. a. eine bessere Kontrolle der Universitäten durch den Staat, in diesem Fall SED, FDJ und MfS. Gleichzeitig sollte mit gewachsenen Traditionen radikal gebrochen werden, um eventuell reaktionär-oppositionelle Kräfte innerhalb der Universitäten zu isolieren und zu entfernen. Wich-tigstes Ziel der Universitäten innerhalb der DDR war die Ausbildung sozialistischer Lehrkräfte sowie die Heranbildung sozialistischer Akademiker. Diesem Ziel galt dabei oberste Priorität, es wurde mit großem politischem Druck verfolgt.16

2.1. Die erste Hochschulreform

Die erste Hochschulreform im Jahr 1945/46 bestand in ihrem Kern vor allem aus der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes an den Universitäten in der Sowjetischen Besat-zungszone (SBZ) und der Entnazifizierung des Lehrkörpers. Die Sowjetische Militär-administration in Deutschland (SMAD) und die SED standen dabei vor dem Dilemma, daß man zum einen den Lehrbetrieb wiederaufnehmen wollte, um die neue sozialisti-sche Intelligenz und eine neue Generation von Lehrern aufzubauen17, zum anderen standen dabei nicht genug Lehrkräfte mit der gewünschten politischen Überzeugung zur Verfügung. Bei der Neubesetzung von Dozentenstellen wurde versucht, SED-nahe Lehrkräfte zu verpflichten, jedoch konnte dies zu diesem Zeitpunkt nicht strin­gent durchgehalten werden.18 Dies wurde in Kauf genommen, ebenso verzichtete man zunächst darauf, die Hochschulautonomie (Wahl des Rektors, studentische Selbstverwaltung etc.) parteipolitisch zu untergraben, sondern gestand dies den Uni-versitäten zu.19

Im Gegenzug wurde jedoch mit Zulassungsbeschränkungen und Kaderformung begonnen, so daß nur politisch zuverlässige und der SED positiv gesonnene Studen-ten an den Hochschulen zugelassen wurden.20 Hinzu kam die „Deutsche Verwaltung für Volksbildung“, die als obere Behörde gegenüber den Universitäten fungierte und mit linientreuen Kadern besetzt war. Sie beeinflußte nicht nur die Zielvorgaben für den Bereich Lehre, sondern auch die Auswahl neuer Lehrkräfte. Vor allem drängte sie darauf, möglichst schnell neue Lehrkörper auszubilden, um so von den alten, poli-tisch nicht völlig Überzeugten unabhängig zu werden und diese aus dem Lehrbetrieb entfernen zu können. Ebenso wurde die Universitätsverwaltung mit einer Verwal-tungsdirektion, die mit SED-Kadern besetzt war, von der eigentlichen Universität ab-gespalten und dem Einflußbereich des Rektors entzogen. Dessen Position wurde durch die Einführung eines Dekans für Studentische Angelegenheiten auch im Be-reich der Studienplatzvergabe entmachtet, was die Kaderbildung absicherte.21

Zu Beginn der Lehrtätigkeit der Universität Rostock herrschte ein SED- und FDJ-kritisches Klima, besonders aus Reihen der Studenten wurden die getroffenen Maß-nahmen umfangreich kritisiert. Die Zustände innerhalb der Universität konnten als demokratisch bezeichnet werden.22

Die Tatsache, daß die SED und FDJ in den studentischen Verwaltungsgremien über keine Mehrheit verfügten23, wurde anfangs noch notgedrungen toleriert. Nach-dem die SMAD und die SED die Situation jedoch stabilisiert hatten, wurde diese in-neruniversitäre Opposition jedoch aus den Universitätsstrukturen entfernt24 und ihre ehemaligen Mitglieder wegen angeblicher politischer Delikte verhaftet und abgeur-teilt.25 Damit wurde die inneruniversitäre Demokratie weitestgehend unterbunden.

2.2. Die zweite Hochschulreform

Die zweite Reform des DDR-Hochschulwesens wurde mit der Gründung des Staats-sekretariats für Hochschulwesen im Jahr 1951 eingeleitet.26 Die neugegründete Be-hörde löste die „Deutsche Verwaltung für Volksbildung“ als vorgesetzte Behörde der Universitäten ab und war mit deutlich größeren Kompetenzen ausgestattet.27 Hatte die erste Reform noch hauptsächlich Änderungen für die Studenten mit sich ge-bracht, so wurde mit der neuerlichen Reform der Umbau der Universitäten zu soziali-stischen Hochschulen weiter voran getrieben, der dann in der dritten Hochschulre-form abgeschlossen werden sollte.28

Konkret bedeutete dies, daß mit alten universitären Traditionen gebrochen wurde. Das Sommer- und Wintersemester wurde durch ein zehnmonatiges Studienjahr er-setzt, welches jeweils im Oktober begann. Unabhängig vom Studienzweig wurden die Pflichtfächer Deutsch, Russisch und Sport eingeführt, obligatorisch war ebenso das marxistisch-leninistische Studienfach Gesellschaftswissenschaften.29 Hinzu ka-men ein starres Kurssystem, die Organisation der Studenten in Seminargruppen, vom Staatssekretariat erstellte, verbindliche Lehrpläne sowie obligatorische Lern-gruppen außerhalb der Universität, die von der FDJ organisiert und kontrolliert wur-den. Praktika mußten ab sofort in der vorlesungsfreien Zeit abgeleistet werden, so daß kein Ausbrechen aus diesen Strukturen möglich war.30 Auf diesem Wege wurde nicht nur die politisch-ideologische Ausbildung der Studenten sichergestellt, sondern es wurden auch schulische Strukturen in die Universität eingeführt, welche die freien Entfaltungsmöglichkeiten der Studenten und unerwünschte oppositionelle Agitation unterbanden. Zusätzlich wurden die Gewährung und der Umfang von Stipendien von der Überprüfung der politischen Zuverlässigkeit der Antragssteller abhängig ge-macht.31 Ebenso wurde der politische Druck auf unpolitische Studenten stark erhöht, um diese entweder zu politisieren oder von der Universität zu entfernen.32 Gegen die zusätzlichen Pflichtfächer regte sich in der Universität Rostock massiver Widerstand von Seiten mehrerer Dekane, u. a. aus der Medizin, deren Widerstand die SED erst mühsam brechen mußte, bevor das Konzept vollständig umgesetzt werden konnte.33

Während der Lehrkörper, seine Loyalität vorausgesetzt, persönlich nicht weiter von den Reformen betroffen war34, wurde die Universitätsleitung in Person des Rek-tors weiter entmachtet. Offiziell zur Entlastung des Rektors wurden insgesamt vier Prorektoren installiert, deren Posten vom Staatssekretariat besetzt wurden. Ihre Kompetenzen umfaßten die Bereiche Gesellschaftswissenschaften, Studium, For-schung und Promotion.35 Zusätzlich wurde die Zusammensetzung des akademi-schen Senats nun ebenfalls vom Staatssekretariat kontrolliert, um eine Mehrheit von SED und FDJ sicherzustellen. Da dem akademischen Senat auch die Wahl des Rek-tors oblag, bedurfte es hier keiner weiteren Maßnahmen, da nunmehr die Linientreue zukünftiger Rektoren sichergestellt war, zumal das Amt des Rektors flankiert durch die vier Prorektoren und die Verwaltungsdirektion im Sinne der SED politisch abgesi-chert war.36

2.3. Die dritte Hochschulreform

Die Planungen zur dritten und letzten Hochschulreform begannen 1963 und endeten erst 1967.37 Dabei wurden in den vier Jahren nicht nur Planungen vollzogen, sondern auch einfache gesetzliche Grundlagen gelegt, die die Umsetzung der Reform ermög-lichen sollten, von zahlreichen Rechtsverordnungen flankiert, die bei der Umsetzung halfen.38 Die Umsetzung der Reform begann 1967/68 und sollte bis 1975 beendet werden.39 Ziel war die nunmehr vollständige Umwandlung der Universitäten in sozia-listische Hochschulen und die Auflösung traditioneller universitärer Strukturen.40

[...]


1 Kellerhoff: Sven Felix: DDR und Stasi: Die Geschichte des teuersten Flugblatts der Welt; in: Welt Online, 29. Juli 2008, Hamburg 2008, url: http://www.welt.de/politik/article2259337/Die-Geschichte-des-teuersten-Flugblatts-der-Welt.html [01.09.2008].

2 Oschlies, Renate: DDR-Geschichte? Kein Thema für deutsche Universitäten. Nur wenige Hoch-schulen bieten Lehrveranstaltungen an; in: Berliner Zeitung, 22. Januar 2002, Berlin 2002, url: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0122/bildungundhochschule/0021/index.html [01.09.2008]

3 Hengst, Björn / Wensierski, Peter: Bundeskanzler Honecker, SED-Chef Adenauer, Spiegel 09.11.2007, Hamburg 2007, url: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,516459,00.html [10.09.2008].

4 Ammer, Thomas: Universität zwischen Demokratie und Diktatur. Ein Beitrag zur Nachkriegsge-schichte der Universität Rostock, Köln 1969.

5 Der „Eisenberger Kreis“ wurde 1953/54 im thüringischen Eisenberg von Oberschülern und Lehrlin-gen unter dem Eindruck der politischen Verfolgung von Mitgliedern der Jungen Gemeinde aufgrund ihrer Position zum 17. Juni 1953 durch die SED gegründet und zeichnete in den Folgejahren für Flugblatt- und Protestaktionen aber auch einen Brandanschlag auf einen geplanten Standort der Nationalen Volksarmee (NVA) verantwortlich. Ab 1957 verlagerte sich der Schwerpunkt durch das Studium Ammers nach Jena. Der Eisenberger Kreis wurde 1958 bei der Vorbereitung einer weite-ren Flugblattaktion durch das MfS ausgehoben und seine Mitglieder verhaftet. Vgl.: Jugendoppo-stion.de: Thomas Ammer, url: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=3394; Jugendopposti-on.de: Eisenberger Kreis, url: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2859 [13.11.2008]; vgl. auch: "Gedenkstätte Amthordurchgang" e. V.: Geschichte 1952 bis 1989, http://www.torhaus-gera.de/ges_1952.html [13.11.2008].

6 Arndt, Ernst-Albert: 50 Jahre Biologie an der Universität Rostock (1945-1995). Anpassen und Überleben während und nach der 3. Hochschulreform der DDR, Dannenberg 2003; Köpke, Horst / Wiese, Friedrich-Franz: Mein Vaterland ist die Freiheit. Das Schicksal des Studenten Arno Esch, Rostock 1990; Lichtenstein, Georg: Das durfte nie wahr sein. Rostocker Universitätsprotokolle zum Stalinismus, Rostock / Berlin 1993; Ders.: Von der ohnmächtigen Macht des Gewissens. Rostocker Akademiker unter Zirkel und Ährenkranz, Rostock / Berlin 1994; VERS (Hrsg.): Namen und Schicksale der von 1945 bis 1962 in der SBZ/DDR verhafteten Professoren und Studenten, Ro­stock / Berlin 1994; Wockenfuß, Karl: Einblicke in Akten und Schicksale Rostocker Studenten und Professoren nach 1945, Dannenberg 1995; Ders.: Streng Vertraulich.Die Berichte über die politi-sche Lage und Stimmung an der Universität Rostock 1955 bis 1989, Dannenberg 1995; Ders.: Die Universität Rostock im Visier der Stasi. Einblicke in Akten und Schicksale 1955 bis 1989, Dannen-berg 2003; Schoenemann, Julius / Seifert, Angelika: Der große Schritt. Die Dritte Hochschulreform in der DDR und ihre Folgen dargestellt an einem Beispiel aus der Medizinischen Fakultät der Uni-versität Rostock 1969-1972, Dannenberg 1998.

7 Handschuck, Martin: "Es gibt keinen Fortschritt an der Universität, an dem die Parteiorganisation nicht wesentlichen Anteil hat." - Zur Geschichte der Universität Rostock in den Jahren 1945 bis 1955, Rostock 2001; Ders.: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule : die Universität Rostock in den Jahren 1945 bis 1955, Bremen 2003.

8 Langer, Kai: "Ihr sollt wissen, daß der Norden nicht schläft ...". Zur Geschichte der "Wende" in den drei Nordbezirken der DDR, Bremen u.a. 1999.

9 Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Sekretariat Enquete-Kommission Aufarbeitung und Versöh-nung: Anträge, Debatten, Berichte. 10 Bände, Schwerin 1996-1998.

10 Niemann, Mario: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989, Paderborn u. a. 2007.

11 Krüger, Kersten: Die Universität Rostock zwischen Sozialismus und Hochschulerneuerung – Zeit-zeugen berichten, 3 Bände, Rostock 2007.

12 Dalk, Wolfgang / Ruschke, Michael: Das Kabarett Rohrstock - 30 Jahre, Kabarett ROhrSTOCK e.V., Rostock 2000.

13 Dietrich, Christopher: Schild, Schwert und Satire - Das Kabarett ROhrSTOCK und die Staatssi-cherheit, Rostock 2007.

14 Die MfS-Unterlagen wurden dem Autoren von Prof. Dr. Nikolaus Werz, Institut für Politik- und Ver-waltungswissenschaften an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock zur Verfügung gestellt. Die Unterlagen wurden im Rahmen eines Forschungsauftrages vom BStU freigegeben und in dessen Rahmen genutzt.

15 Der Autor hat bei seinen Analysen auf die Jahrgänge 1987 bis 1990 zurückgegriffen, da die Re-cherchen ergeben haben, daß offizielle, substantielle Verlautbarungen zur Umbruchsphase erst ab 1987 vorhanden sind, im vorigen Zeitraum wurde statt dessen propagandistisches Material abge-druckt, bzw. die Vorkommnisse offiziell ignoriert und folglich nicht kommentiert. Die neue Universität. Organ der SED-Parteileitung. 28 Jhrg. 1987, Rostock 1987; Ders. 29. Jhrg. 1988, Rostock 1988; Ders. 30. Jhrg. 1989, Rostock 1989; Rostocker Universitätszeitung, 1. Jhrg. 1990, Rostock 1990.

16 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 10 ff.

17 Roger, Gerhard: Zur der Entwicklung der Hoch- und Fachschulpädagogik in Rostock; in: Wilhelm-Pieck-Universität Rostock: Beiträge zur Geschichte der Wilhelm-Pieck-Universität Ro­stock, Heft 6, Rostock 1984, S. 49-58, hier: S. 49f.

18 Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 29.

19 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 10.

20 Handschuck: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule, S. 153ff.

21 Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 10.

22 Ebd., S. 43.

23 Handschuck: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule, S. 158.

24 Arndt, Ernst Albert: Durchsetzung politischer Macht am Beispiel der Rostocker Universität; in: Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Sekretariat Enquete-Kommission Aufarbeitung und Versöh-nung: Anträge, Debatten, Berichte (Bd.3.): "Leben in der DDR, Leben nach 1989 - Aufarbeitung und Versöhnung", Schwerin 1996, S.54-57, hier: S. 55.

25 Verband Ehemaliger Rostocker Studenten (VERS): Namen und Schicksale, S. 143ff.; Handschuck: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule, S. 214ff; Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 47ff.

26 Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 15.

27 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 12.

28 Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 57ff..

29 Handschuck, Martin: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule, S. 279.

30 Ebd., S. 271, S. 274ff.

31 Ebd., S. 270.

32 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 12.

33 Handschuck: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule, S. 293ff; Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 66ff.

34 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 13.

35 Rektor der Universität Rostock: 575 Jahre Universität Rostock. Mögen viele Lehrmeinungen um die eine Wahrheit ringen, Rostock 1994, S. 345.

36 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 12f.

37 Heidorn, Günther: Die III. Hochschulreform – Versuch einer Verbesserung der Leitung und Planung im Hochschulwesen der DDR; in:

Guntau, Martin / Herms, Michael / Pade, Werner (Hrsg.): Zur Geschichte wissenschaftlicher Arbeit im Norden der DDR 1945 bis 1990 - 100. Rostocker Wissenschaftshistorisches Kolloquium – 23. und 24. Februar 2007, Rostock 2007, S. 120-123, hier: S. 120.

38 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 13.

39 Ebd., S. 14.

40 Ebd., S. 16f.

Details

Seiten
50
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640478255
ISBN (Buch)
9783640478484
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138390
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
DDR Wende 1989 Universität Rostock Geschichte Universität Rostock Fall der Mauer Opposition Rostock

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Titel: Die Universität Rostock am Ende der DDR