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Globalisierung und Migration - Der Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationaler Migration

Unter besonderer Berücksichtigung der Feminisierung der Migration

Diplomarbeit 2009 135 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ausgewählte Migrationstheorien
2.1 Neoklassisch
2.2 New Economics of Migration
2.3 Dualer Arbeitsmarkt
2.4 Die globale Perspektive
2.4.1 Systemisch
2.4.2 Netzwerke & transnationale Räume
2.4.3 Global City-Konzept
2.4.4 Zusammenfassung der globalen Perspektive

3 Die Globalisierung
3.1 Was ist Globalisierung
3.1.1 Wachsende soziale Ungleichheit im Zeichen der Globalisierung
3.1.2 Globalisierung der Migration
3.1.3 Kommunikation über Globalisierung
3.2 Der Globalisierungsdiskurs
3.3 Die ökonomische Dimension der Globalisierung als Bezugspunkt zur internationalen Migration
3.4 Die Ursachen des globalen ökonomischen Strukturwandels

4 Der kausale Zusammenhang zwischen Globalisierung und Migration
4.1 Die Freisetzung von Arbeitskräften durch die Globalisierung
4.2 Der Bedarf nach freigesetzten, marginalisierten Arbeitskräften auf Grund der Globalisierung
4.3 Die internationale Migration als Triebfeder der Globalisierung
4.4 Fallbeispiele
4.4.1 Mexiko
4.4.2 China
4.4.3 Brasilien

5 Die Feminisierung der Migration
5.1 Die Ausblendung der Frauenmigration in der Migrationsforschung
5.2 Begründung der These, dass die Migration feminisiert wird
5.3 Bedingungen der Frauenmigration
5.3.1 Der ökonomische Strukturwandel
5.3.2 Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen in den Aufnahmeländern
5.3.3 Beitrag der Migration zur ökonomischen Entwicklung
5.4 Der durch den Strukturwandel bedingte Bedarf nach Frauenarbeitskräften
5.4.1 Im informellen Sektor
5.4.2 Im formellen Sektor

6 Fazit
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart beschäftigen verschiedene gesellschaftliche Trends die Wissenschaft. Der demographische Wandel, der Trend zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft, die Globali-sierungsprozesse und die internationale Migration wurden unter dem Überbegriff des Megatrends prominent.

Internationale Migration hat es seit der Geschichte der Menschheit gegeben, doch das Ausmaß und die Muster der Migration sowie die Geschwindigkeit dieses Trends verweisen auf ein Novum, das sich seit 1945 zu vollziehen scheint. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass die Globalisierungsprozesse parallel zu der Ausweitung der internationalen Migration stattfinden, deren Charakter seit den 1960er Jahren zunehmend femininer wird. So ist in Bezug auf letzterem zu beobachten, dass erstmals in der Migrationsgeschichte der Anteil der Frauen signifikant ansteigt, sich dem Anteil der Männer angleicht und mancherorts sogar übertrifft.

Die erkenntnisleitende Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist: Gibt es einen systematischen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der Feminisierung der internationalen Migration?

Weitere Fragen, die durch die oben benannte Fragestellung impliziert werden, sind:

- Welche Methoden und Theorien sind für diese Untersuchung geeignet?
- Was ist unter dem Begriff Globalisierung zu verstehen und welche Entwicklungen gehen damit einher?
- Wie stellt sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der internationalen Migration anhand von nachvollziehbaren Daten dar?
- Wie ist in diesem Kontext die Feminisierung der Migration einzuordnen?

Die Strukturierung dieser Arbeit wird den zuvor benannten Fragen in der vorgebrachten Reihenfolge Rechnung tragen und in jeweils einem eigenen Kapitel behandelt werden. Vor dem Hintergrund der erkenntnisleitenden Frage werden die einzelnen Kapitel zueinander in Beziehung gesetzt, um im Schlussteil zu einer Zusammenfassung und der Beantwortung der Forschungsfrage zusammengeführt zu werden.

In Kapitel 2 werden als erstes Migrationstheorien zur internationalen Migration thematisiert, die zuweilen entgegengesetzte oder miteinander verschränkende Argumente aufweisen. Die Untersuchung erfordert eine klare theoretische Positionierung, die dazu befähigt globale Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären. Der Prozess einer solchen Positionierung wird durch eine Bewertung der Stärken und Schwächen vorliegender Theorien im Hinblick auf die Fragestellung dargestellt.

Kapitel 3 macht die Globalisierung zum Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung. Die Globalisierung ist ein Begriff, der sehr weit gefasst und unterschiedlich verwendet werden kann. Um den Zusammenhang zwischen der internationalen Migration und der Globalisierung klar herausarbeiten zu können, bedarf es also auch einer ebenso klaren Begriffsbestimmung. Der ebenfalls skizzierte Diskurs über die Globalisierung wird hierbei deutlich machen, dass jeder Versuch einer solchen Begriffsbestimmung nur in Bezug zur Fragestellung erfolgen kann. Deshalb wird die Darstellung der Globalisierung als ein vornehmlich ökonomischer Strukturwandel, der bereits im Charakter des kapitalistischen Weltwirtschaftssystem angelegt ist, ein weiterer Beitrag im Diskurs bleiben und diesem sicher kein Ende setzen - was allerdings auch nicht beabsichtigt ist.

Kapitel 4 knüpft am vorherigen an und legt den Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der internationalen Migration und den Bedingungen des Zusammenhanges dar. Für die Struktur dieses Kapitels sind drei Thesen leitend, die eingangs formuliert werden und in den Titeln den Abschnitte Ausdruck finden. Daran anschließend wird dieser Zusammenhang an Fallbeispielen aus drei Kontinenten veranschaulicht. Im Zuge dieses Abschnitts der Arbeit werden bereits die Ursachen zu Tage gelegt, die zur zunehmenden Feminisierung der Migration führen.

Kapitel 5 ordnet dann zuletzt die Feminisierung der Migration in den theoretischen Kontext ein, der durch die vorangegangenen Kapitel dieser Arbeit konkretisiert wurde. Es wird hierbei eingangs darauf eingegangen, dass die Frauen lange Zeit in der Migrationsforschung ausgeblendet wurden und welche Entwicklungen dazu beigetragen hatten, diesen Umstand zu revidieren. Darüber hinaus wird festgehalten, was unter der Feminisierung genau zu verstehen ist und welche strukturellen Bedingungen die Migration der Frauen beeinflussen. Dazu fällt unweigerlich auf, dass Migrantinnen in den Aufnahmeländern in bestimmten ökonomischen Bereichen konzentriert sind. Diese geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes wird abschließend separat behandelt.

2 Ausgewählte Migrationstheorien

In diesem Kapitel wird die konzeptionelle Vorarbeit für die Beantwortung der Fragestellung geleistet. Hierzu werden in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit relevante Migrationstheorien vorgestellt. Von diesen Theorien werden wiederum bestimmte Ansätze ausgewählt und diese zu einer globalen Perspektive vereint. Grund dieser Vorgehensweise ist, eine Komposition aus Theorien zur Verfügung zu haben, die für die Fragestellung fruchtbar zusammengefügt werden können, um so auf der globalen Ebene Migration mit der Globalisierung in Verbindung zu bringen. Die vorgestellten Theorien werden hierbei nicht erschöpfend mit Hinblick auf Stärken und Schwächen untersucht und gegeneinander abgewogen, sondern es wird sich darauf beschränkt, diese allein auf ihre Aussagekraft für die Fragestellung zu bewerten.

Dabei thematisieren die Abschnitte 2.1 bis 2.3 nacheinander die Neoklassische Theorie, die New Economics of Migration und die Theorie des Dualen Arbeitsmarktes. Diesen fehlt es zwar an einem globalen Zugang, jedoch können sie erstens die globale Perspektive fallweise nützlich ergänzen und zweitens betonen sie gemeinsam den ökonomischen Aspekt der Migration, der auch hervorgehoben werden muss, wenn man den Zusammenhang der Globalisierung mit der Migration in den Vordergrund stellen will.

Abschnitt 2.4 stellt schließlich die globale Perspektive vor, mit der das benannte Thema erschlossen werden wird. Das Fundament dieser Perspektive bildet Abschnitt 2.4.1 mit der Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins, bereichert durch die Beiträge von Portes & Walton sowie Robin Cohen.

An diese Theorie von Wallerstein anlehnend werden in Abschnitt 2.4.2 die Untersuchungen und Beiträge zur Transnationalismusforschung und den Migrationsnetzwerken hinzugezogen.

Die globale Perspektive wird schließlich abgerundet durch das Global City-Konzept Saskia Sassens, das es möglich macht, die Prozesse der Globalisierung und ihren Zusammenhang mit der Migration an einen Ort verdichtet darzustellen. Dies wird vor allem in Bezug auf die Feminisierung der Migration notwendig, weil im Diskurs über die Globalisierung der Mensch leicht in den Hintergrund gerückt wird.

2.1 Neoklassisch

George J. Borjas kritisiert die Migrationsforschung, wenn diese die Unterscheidung zwischen ökonomischer und nicht-ökonomischer Migration vornimmt. In seinem Modell betont er hingegen, dass auch die sogenannte nicht-ökonomische Migration wie Flucht im Rahmen der Gewinnmaximierungsthese vollkommen ökonomisch verstanden werden kann, indem er diverse Gleichungen herleitet, welche die Variablen wie Einkommen, soziales Kapital, Störfaktoren und andere berücksichtigen. Dieser hier knapp vorzustellende Ansatz wird in der Literatur als neoklassisch bezeichnet.1

Die Neoklassische Ökonomie mit Borjas als ihren bekanntesten Vertreter gehört zu den ältesten Theorien über die internationale Migration. Borjas geht davon aus, dass Unterschiede in der Immigrationspolitik und die wirtschaftlichen Bedingungen einen Immigrationsmarkt schaffen, auf dem die Aufnahmeländer miteinander um die verfügbaren Immigranten konkurrieren. Eine der Besonderheiten dieser neoklassischen Ökonomie ist, dass sie zur Erklärung der Migration diese sowohl makrosoziologisch als auch mikrosoziologisch betrachtet.2

Auf der Makroebene wird Migration auf Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften zurückgeführt, die zu Lohnunterschieden zwischen verschiedenen Regionen führen. Je größer das Angebot der Arbeitskräfte, desto niedriger ist der für die Arbeitskraft bezahlte Lohn. Die Wanderung der Arbeitskräfte versucht diese Lohndifferenz auszugleichen, indem benötigte Arbeitskräfte in die Regionen ziehen, in denen ihre Arbeit benötigt wird und zugleich den Wettbewerbsdruck in der Herkunftsregion vermieden werden kann.

Mikrosoziologisch liegt diesem Konzept ein ökonomisches Menschenbild zu Grunde: Der „homo oeconomicus“ ist allein an Gewinnmaximierung orientiert und entscheidet sich entweder für oder gegen die Migration als Ergebnis einer rationalen Abwägung. Dennoch wandern nicht alle Menschen, die gemäß einer Kosten-/ Nutzenanalyse wandern müssten. Dies ist dem Bestehen eines Immigrationsmarktes geschuldet, dessen Angebot und Nachfrage durch nationalstaatliche Politik und den wirtschaftlichen Bedingungen beeinflusst werden.3

„Nachdem ein Individuum auf dem Immigrantenmarkt verfügbar ist, entscheidet er sich für sein Aufnahmeland auf eine solche Weise wie sich auch eine dem Arbeitsmarkt verfügbare Arbeitskraft für eine bestimmte Anstellung entscheidet.“4

Neben dem Hauptfaktor Lohnunterschied kommen aus Sicht der potentiellen Migranten weitere Faktoren wie Eigenkapital, Bildung, Beruf, soziale Beziehungen und möglicherweise auch politischer und religiöser Hintergrund hinzu. Dahingegen spielen aus Sicht des Ziellandes das realisierbare Einkommen und die von der Regierung verfolgte Immigrationspolitik eine Rolle.5

Die Bedeutung der Kosten-Nutzen-Kalkulation wird anhand ihrer Rolle für die Einwanderungspolitik westlicher Industrieländer deutlich. Im Fall der Vereinigten Staaten empfiehlt George J. Borjas im Zuge seiner Auseinandersetzung 1999 mit der Immigrationspolitik in „Heaven's Door - Immigration Policy and the America Economy“ einen ökonomisch ausgerichteten Ansatz. Bei diesem sollten ausschließlich qualifizierte Arbeitskräfte bevorzugt und die jährliche Immigrantenzahl auf 500.000 reduziert werden, was als vertretbar beurteilt wurde. Zu dieser Empfehlung gelangte Borjas mit Hilfe der von ihm festgestellten zehn hauptsächlichen Merkmale der Immigration: 6

1. Nach der "Great Migration" und der darauffolgenden Beschränkung der Einwanderung stieg die Einwanderungszahl seit Ende der 30er des letzten Jahrhunderts in einer solchen Qualität an, dass man von einer "Second Great Migration" sprechen kann.
2. Die berufliche Qualifikation der Immigranten wird im Vergleich zu den Einheimischen jährlich schlechter.
3. Immigranten haben ein signifikant geringeres Einkommen.
4. Auf Grund der Aufhebung einer nationalen Quotenregelung ist es unter den Immigranten zu einer gravierenden Verschiebung der ethnischen Komposition gekommen.
5. Die Mehrheit der Immigranten massiert sich in bestimmten Regionen.
6. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Immigration und Bezug von Leistungen des Wohlfahrtstaates.
7. Hauptsächlich ist es die Wirtschaft, die von Immigration profitieren kann, während niedrigqualifizierte Einheimische zu den Verlierern zuzuordnen sind.
8. Die Lohndifferenz der Immigranten zu den Einheimischen wird tradiert.
9. Die ethnische Umgebung beeinflusst die Fähigkeiten der nachfolgenden Generation der Immigranten.
10. Immigranten sind räumlich konzentriert und segregiert.

Es zeigt sich hierbei eindeutig, dass die für den Hauptvertreter der Neoklassischen Theorie die wirtschaftlichen Aspekte der Migration sind.

2.2 New Economics of Migration

Oded Starks Migrationstheorie beruht auf drei Prämissen. Erstens wendet er den zentralen Blickpunkt von der individuellen Abhängigkeit auf die gegenseitige Abhängigkeit von Personen, die das Migrationsverhalten beeinflussen. Zweitens stellt er sich gegen die neoklassische Behauptung, dass die Lohnungleichheit ausschlaggebender Hauptauslöser der Migration sei und führt die Einkommens-unsicherheit und die relative Verarmung als weitere Faktoren hinzu und verweist drittens darauf, dass viele Migrationserscheinungen nicht aufgetreten wären, wenn es einen intakten Finanz- und Kapitalmarkt gegeben hätte.7

So ist das Konzept der New Economics of Migration von Oded Stark eine mikroökonomische Theorie zur Erklärung von Migration, die den Fokus auf die Familie als entscheidende Ebene der Migrationsentscheidung setzt. Die eigentliche Absicht der Migration ist es demnach den ländlichen Haushalt zu transformieren. Letzteres ist nämlich mit Schwierigkeiten verbunden, die durch eine Migration einzelner Familienmitglieder zu überwinden versucht wird. Jene Schwierigkeiten sind zum Einen fehlendes Kapital, das auf Grund eines unzureichend funktionierenden Kapitalmarktes nicht zu erlangen ist, und zum Anderen weitere, mit der Transformation verbundende, wirtschaftliche Risiken. Die Migration kommt in diesem Kontext einer Investition gleich, die durch die Rimessen (Geldrücküberweisungen von MigrantInnen) die notwendige Rendite verspricht, um die Transformation im Entsendeland umzusetzen.8

Nach dieser Theorie werden letztlich die Migrationsentscheidungen gemeinsam zwischen dem Migranten und den Nichtmigranten der Familie getroffen. Sowohl die Kosten, wie auch die aus der Migration entstehenden Gewinne werden geteilt. Bezüglich der Rimessen liegt es nach Oded Stark nahe, dass diese eher als zwischenzeitliche Vereinbarung zwischen Familie und Migrant anstelle eines altruistischen Akts angesehen werden sollten.9

Neben einer Investition ist die Migration auch eine Risikostreuung bzw. -verminderung, da der ländliche Haushalt weiterhin mit den Risiken im Entsendeland konfrontiert ist und die Migration eines Familienmitgliedes die fehlende Absicherung eines nicht vorhandenen Versicherungsmarktes kompensieren kann.

Neben der Transformation des Haushaltes als eigentlichen Auslöser der Migration kommt die relative Verarmung als ein weiterer Auslöser hinzu. Relativ verarmt ist jemand, der im Vergleich zu einer nahen Referenzgruppe sich selbst in einer schlechteren ökonomischen Lage sieht und die Perspektive hat, jene durch Migration zu verbessern. So kann erklärt werden, dass die Migration nicht in den ärmsten Regionen am höchsten ist, sondern in denen die Ungleichheit zur Referenzgruppe am höchsten ist.10

2.3 Dualer Arbeitsmarkt

Unter Berücksichtigung der zwei zuvor vorgestellten Theorien zur Erklärung der Migration, welche von einem Individuum bzw. der Familie ausgehen, für welche die Migrationsentscheidung eine Chance zur Einkommenserhöhung, Risiko-verminderung und Zugang zu Kapital darstellt, zeigt sich mit Blick auf Industrie- länder mit hoher struktureller Arbeitslosigkeit wie Italien oder Griechenland der Widerspruch, dass dort dennoch Menschen auf der Suche nach Arbeit emigrieren, obwohl dem „homo oeconomicus“ unterstellt wird, dass er rational und ökonomisch handele.

Michael J. Piore stellt den rational handelnden und nach Gewinn orientierten „homo oeconomicus“ nicht zur Diskussion, sondern richtet seinen Blick auf den Arbeitsmarkt, in dem er die Erklärung für das scheinbar paradoxe Phänomen sucht. Jener Arbeitsmarkt ist in Industriestaaten in ein primäres und ein sekundäres Segment unterteilt. Während im primären Segment die mittel- bis hochqualifizierten Arbeitskräfte zu finden sind, herrschen im sekundären Segment Niedriglohnarbeit mit verhältnismäßig schlechteren Arbeitsbedingungen, höherer Unsicherheit und einem insgesamt damit einhergehenden geringeren Sozialprestige vor.11

Auf Grund der beschriebenen Charakteristika der Arbeit im sekundären Segment ist jener für die einheimischen Arbeitskräfte höchst unattraktiv abzuwenden, weil die Arbeit in diesem Segment ein „Gesichtsverlust“ ist, den man zu vermeiden sucht. Dadurch entsteht jedoch ein Mangel an Arbeitskräften in diesem Bereich des Arbeitsmarktes. Davon betroffen sind vor allem Dienstleistungen, worauf Unternehmen Arbeitskräfte zu rekrutieren angewiesen sind, denen das Sozialprestige auf dem Arbeitsmarkt einerlei ist.12 Es zeigt sich, dass es die Unternehmer und offizielle Behörden sind, welche die Migration initiieren bzw. ursprünglich initiiert hatten bis der Migrationsstrom auf Grund eines gewaltigen Informationsflusses zwischen Migranten und zurückgebliebenen Familienmitgliedern selbsterhaltend geworden war (siehe Migrationsnetzwerke in Abschnitt 2.4.2).

Dies steht im Gegensatz zur Neoklassischen Ökonomie, welche den Lohnunterschied als Ursache für die Migration annimmt. Eine initiierte Migration entsprechend der Theorie des dualen Arbeitsmarktes kann geschichtlich anhand der Gastarbeiter-rekrutierungen Deutschlands und Frankreichs in der Nachkriegsgeschichte beobachtet werden.13

„Die Migranten [hingegen] sind aufgrund ihrer unsicheren Situation auf dem Arbeitsmarkt generell und stärker auf den sekundären Sektor der Wirtschaft angewiesen. [...] Dabei konzentrieren sich die unsicheren Jobs (the unsecured jobs) im sekundären Sektor besonders stark auf der untersten Ebene der Hierarchie. Sie haben die Funktion, die Beschäftigung der Einheimischen sicherzustellen. [...] Dabei ist die Konzentration von Migranten dort zu erwarten, wo die instabile Nachfrage mit einer Vielzahl von Jobs zusammentrifft, die geringe Qualifikation voraussetzen“.14 Der Arbeitskräftemangel kann deshalb durch Immigranten ausgeglichen werden, weil sie ihre Beschäftigung nur als zeitlich beschränkt ansehen und schlechtere Arbeitsbedingen in Kauf nehmen. Ein Verlust des Sozialprestiges haben sie im Gegensatz zu den Einheimischen nicht zu fürchten, da die Immigranten keine ähnlichen sozialen Beziehungen unterhalten und die Arbeit für sie als Mittel zum Zweck nicht identitätsstiftend ist als wären sie Teil der Aufnahmegesellschaft. Ganz im Gegenteil liegt die Motivation der Immigranten in der Hoffnung durch ein relativ besseres Einkommen im Heimatland ihren sozialen Status zu erhöhen. Zudem müssen die Arbeitsbedingungen im Verhältnis zu denen des Herkunftslandes nicht zwangsläufig schlechter sein.15

Die Rimessen jener Migranten, die anhand einer Untersuchung in den USA oder Deutschland einen beträchtlichen Teil des Gesamteinkommens ausmachen können, dienen der Modernisierung des Haushaltes, der Ausbildung der Kinder oder schlicht um Konsummuster aufrechtzuerhalten. Die Qualität der Rimessen belegen, dass die Migranten ihren Lebensmittelpunkt in ihrem Herkunftsland sehen.16

Die Immigranten im sekundären Segment trennen also „... zwischen ihrer sozialen Rolle und der Selbstwahrnehmung einerseits, der ökonomischen Rolle am Zielpunkt der Migration andererseits.“17

Robin Cohen wirft jedoch ein, dass soziale Bedingungen, welche die Annahme eines Arbeitsplatzes bedingen, dynamisch sind. Natürlich werden hochqualifizierte Arbeiter mit bestimmten Garantien, einem guten Lohn und Gewerkschaftsschutz kaum den Arbeitsplatz eines illegalen Migranten annehmen, dennoch können die Bedingungen so prekär werden, dass der zuvor im primären Sektor tätige Arbeiter seine sozialen Erwartungen revidiert und mit dem illegalen Arbeiter in Wettbewerb tritt.18

Abschließend dazu ist also „...aus der Perspektive des Migranten ... die Arbeit im Wesentlichen asozial und bloß ein Mittel zum Zweck. In diesem Sinn ist der Migrant zunächst ein wahrhaft ökonomischer Mensch und im wahren Leben vermutlich das dem homo oeconomicus der Ökonomischen Theorie am Nächsten kommende (übersetzt, d. Verf.).“19

Je länger zugewanderte Arbeitskräfte im sekundären Segment tätig sind, desto brüchiger müsste dieses Beschäftigungssystem werden, weil die oben erwähnte Unterscheidung zwischen sozialer Selbstwahrnehmung und ökonomischer Rolle, welche die Immigranten als Arbeitskräfte hervorragend prädestiniert hatte, schwindet je länger die Immigranten im Aufnahmeland tätig sind. Denn durch die Anpassung gelingt die Unterscheidung nicht mehr und Begehrlichkeiten wie der Gewinn an sozialen Prestige usf. wachsen auch im Aufnahmeland. Eine Konsequenz daraus wäre, dass die Immigranten beruflich in das primäre Segment aufsteigen müssten, was allerdings empirisch widerlegt wird. Gründe dafür sind strukturelle Diskriminierungen im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt, weshalb man bezüglich des dualen Arbeitsmarktes von einer ethnischen Segmentierung sprechen könnte.20

„Eine der Stärken der Theorie dualer Arbeitsmärkte besteht darin, dass sie die Gleichzeitigkeit von hoher Arbeitslosigkeit im primären Arbeitsmarkt und starker Zuwanderung bzw. hoher Nachfrage nach niedrigqualifizierten migrantischen Arbeitskräften im Niedriglohnbereich mit der Segmentierung des Arbeitsmarktes plausibel erklären kann“.21

2.4 Die globale Perspektive

In diesem Abschnitt wird keine einzelne Theorie aufgeführt, welches es vermag die Migration im globalen Zusammenhang erschöpfend zu erklären. In diesem Abschnitt werden verschiedene Perspektiven der Migration zusammengeführt, die auf Grund einer gemeinsamen systemischen Sichtweise miteinander kompatibel sind. Hierbei handelt es sich grob umrissen um die Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins und anderen Theoretikern, die sich zumindest seiner Analyseeinheiten bedienen und verschiedene Theorien über Transnationalismus und Migrationsnetzwerke, die durch zuvor genannte Arbeiten erst möglich gemacht wurden und sich an diese stark anlehnen.

Diese Zusammenführung verschiedener Arbeiten ist notwendig, um die Perspektive dieser Arbeit zu verdeutlichen, deren Untersuchung eines Zusammenhanges zwischen der Globalisierung und der (zunehmend feminisierten) internationalen Migration einen globalen Zugang zwingend erfordert.

2.4.1 Systemisch

Die Weltsystemperspektive wurde durch neomarxistische Strömungen maßgeblich erweitert, die den Fokus auf Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnisse richten, die wiederum durch die weltweite Expansion des Kapitalismus bedingt sind. Im letzteren ist nämlich der Bedarf nach Arbeitskräften auf Grund des nimmermüden Akkumulationsprozesses von vornherein angelegt. Gemäß dieser auf Wallerstein zurückgehenden Theorie dienen die Begriffe Peripherie und Zentrum als Analyseeinheiten eines sich seit Entdeckung der Neuen Welt entwickelten Weltsystems.22

Die Begriffe Zentrum und Peripherie verhalten sich antagonistisch zueinander. Erst wenn sie miteinander in Beziehung gesetzt werden, erhalten sie einen Sinn. Dieses Begriffspaar „...bezeichnet eine räumliche und soziale Hierarchisierung, da die verschiedenen Räume und Gesellschaften niemals gleichzeitig und gleichförmig in das Weltsystem integriert wurden. Die ständig neue Produktion von in Raum und Zeit ungleicher Entwicklung ist ebenso Voraussetzung der globalen Akkumulation wie die soziale Fragmentierung von Gesellschaften.“23

Zur Migration kommt es hiernach, wenn zu wenig Arbeit verfügbar ist oder diese den individuellen Ansprüchen nicht genügt. Es wird jedoch betont, dass Migration initiiert wird. Dabei setzt allerdings die Rekrutierung die Proletarisierung der Menschen voraus, um sie dem „Pool der Migrationswilligen“ hinzuzufügen. Der Nationalstaat mit seinen Grenzen übernimmt in diesem Weltsystem die Funktion eines Selektionsfilters, mithilfe dessen der Nationalstaat Immigranten je nach verfolgter Politik nach Belieben in die Gesellschaft inkludieren bzw. exkludieren kann. Dies hat unter anderem zur Folge, dass Migranten schließlich in die informelle Lohnarbeit gedrängt werden.24

Weltsystemisch betrachtet handelt es sich bei der Migration um ein Phänomen, das auf den Zusammenhang zwischen internationalen wie auch nationalen Ungleichheiten und Ausbeutung von Arbeitskraft beruht. Die Migration ist für die Arbeitgeber eine Quelle von benötigten Arbeitskräften und für die Migranten selbst eine Möglichkeit eine wirtschaftlich eingeschränkte Lage zu überwältigen. Sie ist ein Prozess bei dem die Arbeiter auf dem Weltmarkt ihre Arbeit zu den für sie am günstigsten Bedingungen verkaufen. Beide Merkmale hängen miteinander zusammen, da die politisch erzwungenen Einschränkungen für die individuelle Lage mit der Herausbildung der Arbeiterschaft einhergehen.25

Robin Cohen schließt sich weitestgehend Wallersteins weltsystemtheoretische Ausführungen über die Zusammenhänge zwischen Kolonialismus, dem damit einhergehenden Sklavenhandel und der Expansion des Kapitalismus an, was zeitlich Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts einzuordnen ist. Es wird jedoch herausgestellt, dass im Gegensatz zur klassischen diese Form der Sklaverei in einem völlig neuen Kontext vollzogen wurde.26

Die Arbeitskraft war für die Kolonisierung der Neuen Welt äußerst notwendig, aber eine durchaus knappe Ressource, die in Westafrika überschüssig anzufinden war. Der Sklave im sich expandierenden Kapitalismus ist eine reine kommodifizierte Arbeitskraft, deren Preis abhängig von den Bedingungen der Überfahrt und der Behandlung gewesen war. Merkmale der neuen Sklavenarbeit im sogenannten Dreieckshandel waren, dass die Arbeit vielseitig unter Arbeitskontrolle verrichtet und das Produkt gemäß dem Bedarf dem kapitalistischen Weltmarkt angeboten wurde.27

Dass Wallerstein die freie Arbeit als Form der Arbeitskontrolle für qualifizierte Arbeit im Zentrum und die Zwangsarbeit bzw. Sklavenarbeit als vorherrschende Form der Arbeitskontrolle von niedrigqualifizierter Arbeit in der Peripherie definiert, kann nur bedingt, denn nämlich als tendenziell richtig zugestimmt werden, weil sich Cohen insbesondere gegen die strikte räumliche Unterscheidung zwischen Peripherie und Zentrum im Kontext eines Globus wehrt.28

Im Gegensatz wendet Cohen die räumliche Unterscheidung auf bestimmte regionale Großräume wie Nordamerika-Mittelamerika-Karibik an, die er als „regionale politische Wirtschaftssysteme“ bezeichnet. Dies zieht Cohen einer globalen Unterscheidung vor, weil auch historisch gewachsene Verflechtungen in politischer und kultureller Hinsicht berücksichtigt werden müssen, um die internationale Migration in einem solchen Raum besser verstehen zu können. Dieser methodische Ansatz Cohens entzieht sich zwar dem globalen Determinismus Wallersteins, bleibt jedoch ein systemischer. Eine besondere Rolle kommt dem Staat zu, der die Arbeitsteilung strukturiert, den gesetzlichen und ideologischen Rahmen formt, aktiv an der Rekrutierung von Arbeitskraft beteiligt ist und die Grenzen innerhalb dieses regionalen Systems definiert und überwacht.29

Wallersteins Definition der freien und erzwungen Arbeit, die sich jeweils im Zentrum und der Peripherie konzentriert, kann nur teilweise zugestimmt werden. Denn in manchen Regionen, die nach Wallerstein der Peripherie zuzuordnen waren, sich das Kapital in einem solchen Maße durchgesetzt hatte, dass sich in diesen Regionen eine freie Arbeiterschaft mit anfänglichen Klassenstrukturen und auch einem Klassenbewusstsein herausbilden konnte.

Obwohl in dieser Hinsicht Wallerstein von Cohen entgegnet wird, dass sich die verschiedenen Arbeitsformen auf das Zentrum und die Peripherie verteilen, erkennt Cohen dennoch den Trend zu einer solchen Konzentration an.30

Alejandro Portes und John Walton verweisen darauf, dass die Weltsystemperspektive viele wichtige Beiträge von Wallerstein erhalten hatte, aber nicht allein von ihm abhängig oder sogar begründet worden sei. Eher gingen die Ursprünge der Weltsystemperspektive auf die Theorien des Imperialismus von Hobson und Lenin zurück.31 Während Hobson fehlende Absatzmärkte für das akkumulierte Kapital im Zentrum als zentrales Problem ausmachte, versuchte Lenin zu beweisen, dass der Imperialismus und die Expansion des Kapitalismus im Weltausmaß die logische Konsequenz gemäß den Gesetzen des Kapitals nach Marx darstellen.

Portes und Walton nach ging der Aufstieg von Monopolen, dem Finanz-imperialismus und herausgehobenen Stellung der hochqualifizierten Arbeitskräfte im Zentrum mit dem „ungleichen Tausch“ („unequal change“) einher, der zwischen dem Zentrum und der Peripherie abgewickelt wird.

Die Annahme von Ökonomen, dass der internationale Handel dem Zentrum wie auch der Peripherie Vorteile bringe, wurde durch eine Studie der ECLA (United Nations Economic Commission for Latin America) während der 1940er und 1950er Jahre widerlegt. So zeigt sich im Fall von Lateinamerika wie sich die „Terms of Trade“ kontinuierlich verschlechterten. Die Vorzüge der erhöhten Produktivität würden demnach in Form von Gewinnen und höheren Löhnen in das Zentrum abgeführt werden.32

Der ungleiche Tausch wird auch dann immer abgewickelt wenn periphere Arbeit für relativ gleiche Produktivität wie im Zentrum geringer bezahlt wird. Es findet also eine nicht ganz offensichtliche Abfuhr von Gewinnen aus der Peripherie in das Zentrum ab, was auf die ungleichen Preise auf dem Weltmarkt zurückzuführen ist.33

Entgegen einer Gleichgewichtstheorie wurde vor dem Hintergrund der Weltsystem-analyse eine Perspektive entwickelt, welche den Blick auf Beziehungen zwischen Peripherie und Zentrum richtete. Eine der ersten Behauptungen war, dass die Migrationsströme dem Kapital folgen würden und letzteres in der Peripherie bewirke, die Unterentwicklung voranzutreiben, um die Abhängigkeit vom Zentrum aufrechtzuerhalten. Allerdings ist anzumerken ist, dass in der Mitte des 20. Jahrhunderts jene Ströme aus der Peripherie heraus ins Zentrum abzielten.

Diese Perspektive wurde von Neomarxisten und im Feld Lateinamerikas tätigen Forschern fortentwickelt. Sie zeigt vereinigend und zueinander widerspruchslos wie innerstaatlich die Landflucht dem Abfluss des Kapitals folgt, während wiederum global betrachtet die internationale Arbeitsmigration das Bemühen einer verarmten peripheren Bevölkerung darstellt, Zugang zu einem fortgeschrittenem Konsummarkt zu erlangen. Hierbei handelt es sich um eine klassische marxistische Analyse von der Mobilität des Kapitals und zeigt die Dependenz der Peripherie vom Zentrum auf, das durch Finanz- und Handelsmechanismen voriges zu kontrollieren weiß.34

Davon abgesehen, dass Portes und Walton die theoretischen Ursprünge des Weltsystems wie beschrieben bei Lenin und Hobson sehen, unterstreichen sie, dass das kapitalistische Weltsystem ihr volles Ausmaß erst mit dem Aufkommen des Finanzimperialismus entwickeln konnte.35

Es wird dem systemischen Ansatz oft vorgeworfen, er würde den Migranten auf die Arbeitskraft reduzieren, jedoch zeigt Cohen Beispiele auf, dass eine eindeutige Unterscheidung zwischen politischen Flüchtlingen, die aus arg repressiven Gesellschaften wie Haiti zu emigrieren versuchten, und denen, die der wirtschaftlichen Armut entkommen wollten, nicht klar getroffen werden kann.36 Anhand der Beispiele der Migrationsströme von New Mexico, Puerto Rico und der Dominikanischen Republik nach den USA, die gemeinsam ein politisches regionales Wirtschaftssystem darstellen, geht Robin Cohen der Behauptung nach, dass wirtschaftliche Fluktuationen das Ausmaß der Migration beeinflussen.

Statistische Erhebungen scheinen diese These in Bezug auf New Mexico und Puerto Rico zu bestätigen, deren Ausmaß der Migrationsströme sich an die wirtschaftlichen Bedingungen der USA anpassen. Im Fall der Dominikanischen Republik, die in den 1970er Jahren trotz einer amerikanischen Rezession, einen enormen Anstieg der Emigration in die USA verzeichnete, trifft die Behauptung nicht zu.

Dieser wirtschaftliche Erklärungsansatz aus Sicht des arbeitskraftbedürftigen Landes verliert demnach an Kraft, wenn soziale Faktoren wie ethnische Vorurteile oder sogar Xenophobie seitens der Aufnahmegesellschaft oder innenpolitische Repressionen seitens des Entsendelandes hinzukommen.

Dies zeigt wiederum, dass eine Berücksichtigung der historischen Verflechtungen zwischen Peripherie und Zentrum zwingend notwendig ist.37

In der Geschichte des aufkommenden kapitalistischen Weltsystems kann zudem feiner zwischen den heutigen Arbeitsmigranten als der vorherrschenden Form der internationalen Migration und den sogenannten kolonisierenden Migranten unterschieden werden. Im Gegensatz zu den Arbeitsmigranten, die auf einem bestehenden Weltmarkt ihre Arbeit anbieten, emigrierten die kolonisierenden Migranten für aus der Sicht des Zentrums in unbekannte Regionen, wo sofort Ressourcen zur Verfügung standen und ebenso Arbeit benötigt wurde.

Erst als die Expansion des Kolonialismus schlichtweg an der „Begrenztheit des Globus“38 ihre Grenzen fand und die Kolonien in ein einzelnes kapitalistisches Wirtschaftssystem integriert wurden, verlor diese Form der Migration ihre Grundlage.39

Die internationalen Migranten der Nachkriegsgeschichte bis zur Gegenwart zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen in Ländern des Zentrums Bürgerrechte nicht umfassend zugestanden bzw. völlig verwehrt werden. Nationalstaatliche Grenzen haben hierbei die Funktion, die Unterscheidung zwischen Bürger mit vollen Rechten und Immigranten mit beschränkten Rechten vorzunehmen. Darin kann schließlich die Legitimation für die Ausbeutung der Arbeitsmigranten oder deren Verdrängung die informelle Wirtschaft gesehen werden.40

In der Nachkriegsgeschichte emigrierten in einem beträchtlichen Umfang Arbeitsmigranten von der Peripherie in das Zentrum. Dies hatte zur Folge, dass die Kosten im Zentrum sanken, aber zugleich der Überschuss des Arbeiterpools in der Peripherie sank. Dieses Phänomen wurde lange Zeit nicht angemessen in der Weltsystemtheorie berücksichtigt.41 Jene Senkung der Kosten war wegen der tiefgreifenden Profitkrise des Fordismus notwendig geworden, der in der Nachkriegsgeschichte bis in die 1960er Jahre hinein für ein stabiles Wirtschafts-wachstum innerhalb des Zentrum und der Semiperipherie sorgen konnte. Detaillierter soll jedoch im Abschnitt 3.4 darauf eingegangen werden.

Die überschüssigen Arbeitskräfte in der Peripherie zu einem Bruchteil der Kosten unterhalten zu können, wird dadurch ermöglicht, indem vorkapitalistische Strukturen aufrechterhalten werden. Diese vorkapitalistischen Strukturen haben zwei Vorteile für die Nutzung der peripheren Arbeitskräfte. Sie absorbieren nämlich die Reproduktionskosten wie z.B. die Erziehung und nehmen die ökonomisch nicht mehr verwertbaren Arbeitskräfte wie die Alten und Kranken wieder auf.42

Dem Prozess der Arbeitsmigration unterliegen Ungleichgewichte innerhalb der Peripherie, die von außen induziert wurden, denn anhaltende Arbeitsmigration setzt

die Durchdringung des Kapitals aus dem Zentrum in die untergeordnete Peripherie voraus. Diese Durchdringung des Kapitals führt innerhalb der Peripherie zu einem Ungleichgewicht zwischen Sektoren und Institutionen, was letztlich zur Proletarisierung führt.

Das Besondere der Proletarisierung für die internationale Arbeitsmigration liegt darin, dass wenn aus Bauern Arbeiter werden, diese nicht mehr durch lokale Autoritäten vermittelt oder sogar erzwungen werden müssen. Im Gegensatz zur früheren Rekrutierung von Arbeitskräften wie beim Sklavenhandel oder dem Coolie-System tragen diese Arbeitsmigranten die Migrations- wie auch ihre Reproduktionskosten selbst. Für den Nutzer ihrer Arbeitskraft wie auch für die Migranten selbst wird die Migration zu einer ökonomischen Bewegung. Zur Verdeutlichung dessen wird in der Literatur, welche die koloniale Freisetzung der Arbeitskräfte thematisieren, häufig der südafrikanische Fall angeführt.43

Dort wurde es im Zuge der Kolonialisierung einer zuvor funktionierenden Subsistenzwirtschaft durch Auflagen unmöglich gemacht, die Selbstversorgung der Familie sicherzustellen. Diese Auflagen bestanden zum einen durch die Einführung neuer Kosten wie Steuern und die Beschränkung der Fähigkeit, die eigene Familie zu versorgen, worauf die Männer gezwungen waren Lohnarbeit anzunehmen, die zur gleichen Zeit durch den Beginn der Ausbeutung der lokalen Rohstoffe dringend benötigt wurde. Die Stammeswirtschaften wurden jedoch nie vom kapitalistischen Wirtschaftssystem absorbiert, weil dies auch bedeutet hätte die Reproduktionskosten der nach dem Ablauf der Arbeitsverträge in diese Stammeswirtschaften zurückkehrenden Arbeiter zu übernehmen.44

Während historische Fallstudien darauf aufmerksam machen, dass Arbeitsmigration entgegen der Widerstände der herrschenden Klasse durchgesetzt werden musste, weil deren Macht auch auf den Zugriff auf Arbeitskräfte fußte, scheint der gegenwärtige Trend beträchtlich zunehmender Arbeitsmigration damit einherzugehen, dass die herrschenden Klassen der Peripherie sich nach den Interessen des Zentrums richten bzw. an Einfluss verlieren. Jedoch kommen auch weitere Gründe hinzu, die weniger mit einer Schwächung oder der Abhängigkeit der herrschenden Klasse in der Peripherie als mit einer Ausweitung der Maschinenproduktion und der Möglichkeit selbst Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt zu erwerben zu tun haben. Möglicherweise kommt in der Peripherie auch die Übernahme einer aus dem Zentrum ursprünglichen Wirtschaftskultur, deren zentraler Bestandteilt Flexibilität und somit auch Migration ist. Allerdings ist sicher, dass viele Staaten der Peripherie die internationale Migration und damit einhergehende Rimessen als vorteilhaft ansehen und sogar deshalb Migration fördern (Abschnitt 5.3.3 zeigt wie Staaten die Entsendung von einheimischen Arbeitskräften unterstützen, um die Ökonomie durch die Deviseneinnahmen in Form von Rimessen zu modernisieren).

So unternahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts südamerikanische Staaten wie Uruguay, Paraguay und Argentinien große Anstrengungen Arbeitskräfte anzuwerben, die zur ökonomischen Expansion benötigt wurden. Durch die Finanzierung der Überfahrten gelang es beispielsweise Argentinien zwischen 1900 und 1920 mehr als 8,5 Millionen ins Land zu „locken“, bei denen es sich hauptsächlich um Spanier und Italiener handelte, denen es auf Grund ethnischer Ressentiments zur selben Zeit erschwert wurde in die USA zu emigrieren.45

Arbeitsmigration wird häufig auch dann ermutigt, wenn auf dem heimischen Arbeitsmarkt ausreichend Arbeitskräfte vorhanden sind. Immigranten unterlaufen meist tarifliche Regelungen und ersetzen die einheimischen Arbeitskräfte dort, wo die Kosten der letzteren zu hoch sind. Dieser Kostenfaktor haftet den immigrierten Arbeitskräften allerdings nicht an, sondern ist auf ihre vergleichsweise politische Verletzlichkeit zurückzuführen, die erst durch die jeweilige Politik des Aufnahmelandes hergestellt wird. Portes und Walton behaupten, dass jene Verletzlichkeit bewusst herbeigeführt wird, um den Bedürfnissen der einheimischen Wirtschaft nach billigen Arbeitskräften gerecht zu werden. Belege dafür können darin gefunden werden, dass bei der anhaltenden illegalen Einwanderung nur die Immigranten kriminalisiert werden, jedoch nicht deren Arbeitgeber, die dadurch weiter angehalten sind die Lage der Immigranten auszunutzen. Deren prekäre Lage wird durch die Aussicht verschärft, dass ihnen die Deportation durch staatliche Behörden droht, die hinsichtlich ihrer Effizienz jedoch nicht in die Lage versetzt werden das „Problem“ zu handhaben, wodurch ihre Existenz lediglich zu der Drohkulisse beiträgt.46

Zusammenfassung der Thesen zur Arbeitsmigration

Die Weltsystemperspektive führt Portes und Walton zu der Formulierung von vier

Thesen, die in dieser Arbeit wieder aufgegriffen werden: 47

1. Arbeitsmigration setzt die Freisetzung von Lohnarbeit auf Grund der Durchsetzung kapitalistischer Institutionen voraus Es wird widersprochen, dass sich internationale Migration schlichterweise durch eine Abwägung von Vorteilen und Nachteilen aus dem Vergleich verschiedener, unabhängiger Staaten ergäbe. Als erstes müssen sich in der Peripherie die ökonomischen und politischen Institutionen des Zentrums durchgesetzt haben.
2. Die Kosten und Risiken des Migrationsprozesses werden von den Migranten selbst getragen Die dominierenden Klassen der Peripherie halten es für vorteilhaft, ihren Pool an Arbeitskräften dem Weltmarkt zu öffnen, wobei die Transportkosten und Gefahren einer Migration allein von den emigrierenden Arbeitskräften getragen werden.
3. Nationalstaatliche Immigrationspolitik dient der Entrechtung von Migranten Die Politik übernimmt vor dem Hintergrund internationaler Arbeitsmigration die Funktion, dass sie die Verwundbarkeit der Arbeitsmigranten sicherstellt, um sie als günstige Arbeitskräfte nutzen zu können
4. Auf der individuellen Ebene dient die Migration zur Erlangung ökonomischer Vorteile Die Migration ist auf der individuellen Ebene ein zur Erlangung von wirtschaftlichen Vorteilen dienender Prozess, der durch Migrationsnetzwerke begünstigt wird.

Die Vorteile, die durch die ausländischen Arbeitskräfte erlangt werden, liegen auf der Hand. Sie bedeuten mehr Produktivität und Kosteneinsparungen in der Reproduktion. Zudem sind sie günstiger einzusetzen, schlechter organisiert, einfacher einzustellen und zu entlassen und hatten weniger ökonomische und soziale Erwartungen. Außerdem bedeuteten sie durch ethnische und nationale Teilung der Arbeit eine Streuung der Klassenstruktur.48

Unter Einbeziehung empirischer Fakten über die internationale Migration leisten die systemischen Theorien eine Erklärung darüber wie Migration heutzutage initiiert und aufrecht erhalten wird. Ihrer nach sind es die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Umstrukturierungen, welche die Expansion des Kapitalismus in vorkapitalistische Regionen begleiten und die Quelle der gegenwärtigen Migrationsströme darstellen.49

2.4.2 Netzwerke & transnationale Räume

Mit dem Ausklang der 1980er und Beginn der 1990er Jahre wurde die Rolle von Netzwerken von Migranten untersucht, die Verbindungen innerhalb des Ziellandes und zum Entsendeland aufrecht erhielten. Erkenntnis dieser Untersuchungen war, dass diese Migrationsnetzwerke eine bedeutende Rolle für das Andauern und die Erzeugung von Migration spielen würden.50

Douglas S. Massey und Felipe García España behaupten, dass der Anstieg der internationalen Migration seit den 1970er Jahren nicht allein ökonomisch erklärt werden kann, sondern verweisen in Bezug auf Untersuchungen mexikanischer Migranten in den USA auf einen sozialen Trend - der Erzeugung von Migrations-netzwerken. „Ein Migrationsnetzwerk ist ein Netz aus sozialen Bindungen, die potentielle Migranten in Entsendegemeinschaften mit Menschen und Institutionen in den Zielräumen verbinden" (übersetzt, d. Verf.).51

Der Aufbau und die Etablierung eines Migrationsnetzwerkes, das nicht nur auf familiäre Beziehungen, sondern auch zufällig entstandene Bekanntschaften einbeziehen kann, stellen somit den sozialen Aspekt der Migration dar. Der ökonomische Aspekt hingegen wird aus der aus dem Netzwerk resultierenden Reduzierung der Migrationskosten abgebildet. Jene Kosten beinhalten die Transportkosten, das Einkommen, das man während der Migration hätte verdienen können, und psychische Belastungen, denen man ausgesetzt ist, wenn man in ein fremdes Land emigriert. Die Migrationsnetzwerke sind also in der Lage, den Migranten eine schnelle Integration, einen zügigeren Zugang zu einem Arbeitsplatz und ein gewisses Sicherheitsgefühl zu bieten.52

Die Entdeckung der Migrationsnetzwerke und die Erkenntnisse aus ihnen haben allerdings nur einen deskriptiven Wert, denn zu neuen Aussagen zu den verschiedenen Ursachen der internationalen Migration führte sie nicht. Dennoch waren sie die Voraussetzung für einen neuen, wie folgt dargestellten, theoretischen Zugang zur Migration.

Wie gezeigt stellen heutige Immigranten Netzwerke, Tätigkeiten und Ideen her, welche ihre Herkunfts- mit ihrer Residenzgesellschaft zu verbinden vermögen. Anhand von voneinander unabhängigen Studien über die aus der Karibik stammenden Immigranten in den USA konnte beschrieben werden, wie Menschen zwischen mehreren Gesellschaften pendeln und gleichzeitig am gesellschaftlichen Leben beider Räume teilnehmen. Insofern ist Transnationalismus, als was dieses neue Phänomen bezeichnet wird, ein aktiver Prozess, bei dem multilokale Beziehungen aufgebaut und aufrechterhalten werden. Der Begriff „transnational“ betont hierbei die Erschließung sozialer Felder, die sich über räumliche, kulturelle und politische Grenzen hinwegsetzen.53

„Das Wort ‚transnational‘ bringt die Flüssigkeit der Bewegungen (fluidity) von Ideen, Waren, Kapital und Personen über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg zum Ausdruck.“54 Jedoch wird kritisiert, dass im Diskurs über den Trans-nationalismusbegriff jener zu ungenau definiert sei, weil unklar bliebe, „... wer in welcher Intensität in transnationalen Praktiken involviert und auf welcher Abstraktionsebene der Begriff angesiedelt [sei].“55

Transnationalismus ist in der Migrationsforschung eine relativ junge Perspektive, welche aus den Studien über Migrationsnetzwerke weiterentwickelt wurde. Diesem Ansatz nach wird internationale Migration nicht nur als ein Resultat der Globalisierung angesehen, falls letzteres gemeinhin als ein Prozess der Überwindung von nationalstaatlichen Grenzen und einer zunehmend globalen Vernetzung verschiedener Gesellschaftsbereiche charakterisiert wird. Im Gegenteil gilt die internationale Migration dann sogar als Triebfeder der Globalisierung, eben weil sie „traditionelle Raumvorstellungen, Identitäten und Staatsbürgerschaftskonzepte in Frage stellt.“56

Im Transnationalismuskonzept werden Migranten als Repräsentanten einer sich zunehmend globalisierten Welt verstanden, deren Motive zur Migration allerdings vernachlässigt werden, so dass beispielsweise nicht zwischen Arbeitsmigranten und politischen Flüchtlingen unterschieden wird, sondern lediglich ihre hergestellten und aufrechterhaltenen Beziehungen untersucht werden.57

Die historische Migrationsforschung zeigt zwar auf, dass es sich bei Transnationalismus um kein völlig neues Phänomen handelt, jedoch kann auch hier auf eine zunehmende Qualität dieser Migrationserscheinung hingewiesen werden, die auf Kommunikation und schnellere wie auch günstigere weltweite Mobilität zurückgeführt werden kann (Dies ist der Anknüpfpunkt für die im Abschnitt 4.3 formulierte These, dass die Migration eine Triebfeder der Globalisierung sei). Jedoch können „[die] neuen Kommunikationsmöglichkeiten und technologischen Innovationen ... nicht erklären, warum Immigranten so viel Zeit, Energie und Ressourcen zur Aufrechterhaltung der Beziehung zum Herkunftsland investieren“.58 Genauso wenig fehlte es vor der Einführung des Transnationalismuskonzepts an Forschungsliteratur, welche die an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit sozial aktiven Menschen thematisieren. Neu war allerdings die Entwicklung eines Konzepts eben dieser Zwischenverbindungen bzw. Netzwerke die von den Migranten unterhalten werden.59

Weil die Theorie des Transnationalismus aufgrund der übernationalstaatlichen Beziehungen eine globale Perspektive verlangt, lehnt sich diese Theorie an die des Weltsystems an, welche die globalen Zusammenhänge mithilfe der Begriffe Zentrum und Peripherie zu erklären versucht. Obwohl die auf den Kapitalismus fixierte Sichtweise der Weltsystemtheorie den Fokus auf die Arbeitsmigration richtet, wird beim Transnationalismus allerdings unterstrichen, dass Migranten neben Arbeits-kräften vor allem auch soziale und poltische Akteure sind.60

Glick Schiller et al. führen mit der Restrukturierung des Weltkapitals, Rassismus und nationale Bemühungen um „Nation Building“ drei sich miteinander verbindende Kräfte an, welche gegenwärtige Immigranten dazu antreiben, sich in Zentren des Weltkapitalismus niederzulassen, sich jedoch entscheiden transnationale Leben zu führen.

Erstens hatte demnach der globale ökonomische Strukturwandel seit Anfang der 1970er Jahre zu schlechteren sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in der sogenannten Dritten Welt (Peripherie) geführt, resultierend aus Überschuldung, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, worauf seitdem die Menschen in der Peripherie motiviert sind ins Zentrum zu emigrieren.

Zweitens trägt die strukturelle Unterscheidung in den Aufnahmeländern zwischen den einheimischen und immigrierten Arbeitskräften zusätzlich zur wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit der Immigranten bei. Drittens führen Rassismus im Aufnahmeland und politische Bemühungen der Herkunftsländer, die Bindungen zu ihren emigrierten Staatsbürgern aufrecht zu erhalten, zum Entstehen transnationaler Räume oder „transnationaler Nationen“ wie Mexiko (Mexiko bezeichnet sich in diesem Zusammenhang als „deterritorialisierter Staat“).61

Für transnationale Migranten ist charakteristisch, dass sie einer transnationalen Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Ethnie angehören, dasselbe Herkunftsland ihr eigenen nennen und wirtschaftliche, politische und soziale Netzwerke unterhalten, die nationalstaatliche Grenzen ignorieren.62

Für Glick Schiller et al. boten vor allem die USA und historisch verbundene angrenzende Länder ein weites Feld für die Studien zum Transnationalismus. Als Beispiele für transnationale Räume können (in Verbindung mit den USA) die Philippinen und die Karibikstaaten wie St. Vincent, Grenada und Haiti angeführt werden.63 Allerdings wurden in der jüngsten Zeit weitere Studien vorgelegt, die den Horizont des Transnationalismuskonzepts auf Osteuropa, Afrika und den Mittleren Osten ausgeweitet haben.64

Viele Beiträge zu dem Transnationalismuskonzept sind auf der Basis detaillierter empirischer Arbeit entstanden, die das alltägliche Leben der Migranten untersuchte. Der Kritik zum Trotz, dass das Transnationalismuskonzept nichts völlig Neues beschreiben würde, kann diese Perspektive neue Einblicke in vergangene und gegenwärtige internationale Migration geben. So richtet die transnationale Perspektive unsere Aufmerksamkeit auf eben transnationale Prozesse, die in ihrer Erscheinung zwar nicht völlig neu sind, aber von der Migrationsforschung lange Zeit ignoriert wurden.65

2.4.3 Global City-Konzept

World Cities und Global Cities fungieren im Weltwirtschaftssystem als Zentralen zur Produktions- und Organisationskontrolle. Beide Begriffe unterscheiden sich insofern, dass der World City Begriff nach John Friedmann (1986) im wissenschaftlichen Diskurs älter und originaler ist und innerhalb des hierarchischen Weltsystems in Form von Finanz- und Verwaltungszentren auf die Funktion der Kontrolle und Verwaltung beschränkt bleibt. Das Global City Konzept als Weiterentwicklung der Weltstadthypothese fasst die City zusätzlich als einen bedeutenden Produktions-standort für Dienstleistungen und Innovation bzw. Wissen auf. In diesen Global Cities wird durch die Prozesse, die mittelbar auf die Globalisierung zurückzuführen sind, ein Bedarf nach marginalisierten Arbeitskräften generiert, der wiederum die Immigration von billigen Arbeitskräften notwendig macht.66

Somit wird das Global City Konzept vor allem im Abschnitt 4.2 einen wichtigen Beitrag zur Erklärung leisten, wie die Globalisierung in den Großstädten, die zweifelsfrei Hauptzielorte der Migration sind, einen Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften erzeugt.

Die Globalisierungsprozesse und die nur damit verbundenen Migrations-erscheinungen sind allerdings empirisch nur sehr schwer zu erfassen. An dieser Schwachstelle soll das Global City Konzept ansetzen, das es vermag die Global City als einen Ort der Verdichtung und Pointierung der verschiedenen globalen Dynamiken darzustellen. Angesichts dieser Entwicklungen ragen vor allem Global Cities der Semi-Peripherie wie Singapur heraus, deren Entwicklungsgrundlage die Zuwanderung von Migranten war und vor dem Hintergrund eines durch die Globalisierung bedingten wirtschaftlichen Aufschwungs die Zuwanderung marginalisierter Arbeitskräfte, insbesondere Frauen, noch ist.67

2.4.4 Zusammenfassung der globalen Perspektive

Die in diesem Kapitel zuvor beschriebene globale Perspektive ist eine Theorienkomposition aus der Weltsystemtheorie, den Untersuchungen zu Migrationsnetzwerken und transnationalen Räumen sowie aus dem Global City Konzept. Die Gemeinsamkeit all dieser Theorien ist der globale Zugang und die Sprache, die sie verwenden. Dies macht diese Theorien miteinander reibungslos kompatibel, auch wenn man z.B. von keinem Vertreter der Transnationalismus-studien oder sogar den Systemanalytikern Portes und Walton sagen kann, dass sie auch gleichzeitig Anhänger der Weltsystemtheorie seien.

Die Untersuchungen zu Migrationsnetzwerken und den transnationalen Räumen sind für die globale Perspektive notwendig, weil sie die innerhalb des Weltsystems entstehenden Migrationsströme unterstützen, dadurch transnationale Räume entstehen und so die Globalisierung durch eine kulturelle Dimension erweitert.

Nichtsdestotrotz wird aber die Grundlage zu einer globalen Perspektive von der makrosoziologischen Weltsystemtheorie gebildet, ohne die sich der Zusammenhang zwischen der Globalisierung und der internationalen Migration (die beide auf der globalen Ebene stattfinden!) nicht erschließen lässt.

Im Gegensatz dazu können mikrosoziologische Ansätze nur über das Eintreten der Migration selbst aufklären, jedoch nicht wenn es um das Ausmaß des Migrationsaufkommens geht. Das heißt, dass die dem Gesamtaufkommen unterliegenden Faktoren, welche Höhe, Richtung und Muster der Migration bestimmen, ungeklärt bleiben.68

Nur mit diesem Verbund an Theorien auf einer globalen Ebene lässt sich der These, dass die internationale Migration Folge und Ursache der Globalisierung sei, nähern.

3 Die Globalisierung

Kapitel 3 befasst sich mit der Globalisierung und ihren ökonomischen Ursachen, welche die Migrationsbewegungen beeinflussen. Seit den 1970er Jahren ist nämlich ein global ausgerichteter, ökonomischer Strukturwandel zu beobachten, der sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft als Globalisierung bezeichnet wird. Die Charakteristika dieses Wandels werden durch den zunehmenden Welthandel, den neuen Kommunikationstechnologien, die Durchsetzung neuer Transportmittel, begleitet von einem rapiden Senken der Transportkosten, und der hohen Mobilität des Kapitals ausgemacht. Jene Entwicklungen gehen Hand in Hand mit dem beträchtlichen Anstieg der unabhängigen, internationalen Arbeitsmigration, welche die vorherrschende Form der internationalen Migration geworden ist. Dies führt zu einer weiteren, in dieser Arbeit vertretenen These, dass die Entwicklungen des globalen ökonomischen Strukturwandels die Migration zumindest erleichtern und beschleunigen.

Seit 1945 stieg die Anzahl der internationalen MigrantInnen stetig an, so dass bereits 2003 mehr als 175 Millionen Menschen grenzüberschreitend migriert sind. Bei dieser Entwicklung ist nicht zu übersehen, dass sie größtenteils von Arbeitsmigranten bestimmt ist. In Westeuropa erhöhte sich die Zahl der Immigranten von 3,1 auf 11,2 Millionen. In der arabischen Golfregion wanderten seit 1973 etwa 9 Millionen Arbeitsmigranten ein und im asiatischen Raum sind es etwa 7 Millionen, die im Ausland ihrer Erwerbsarbeit nachgehen. In Nordamerika- und Südamerika ist der gleiche Trend erkennbar. Im Rahmen eines Rekrutierungsverfahrens migrierten beispielsweise etwa 5 Millionen mexikanische Arbeiter in die USA ein. Die darauffolgende illegale Migration hält diese Migrationsbewegung aufrecht. Auch Afrika bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Wenn auch die Quantität nur geschätzt werden kann und unterhalb der Sahara bei ca. 8,5 Millionen liegt, kann auf Grund des explosionsartigen Bevölkerungswachstums des Kontinents angenommen werden, dass die wahre Anzahl bei weitem höher liegt.69

[...]


1 Vgl. Borjas (1988: 22-27).

2 Vgl. Borjas (1988: 19).

3 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 332-333).

4 Borjas (1988: 19).

5 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333).

6 Vgl. Han (2006: 195-209).

7 Vgl. Stark (1991: 3-4).

8 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 333-334).

9 Vgl. Stark (1991: 25).

10 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

11 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

12 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334).

13 Vgl. Piore (1979: 19).

14 Han (2006: 186).

15 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 335).

16 Vgl. Piore (1979: 55-56).

17 Kraler und Parnreiter (2005: 335).

18 Vgl. Cohen (1999: 175).

19 Piore (1979: 54).

20 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 334-336).

21 Kraler und Parnreiter (2005: 336).

22 Vgl. Boris (2005); Kraler und Parnreiter (2005: 336); Wallerstein (1998, 2004a, 2004b, 2005).

23 Novy et al. (1999: 12).

24 Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 337).

25 Vgl. Portes und Walton (1981: 64-65).

26 Vgl. Cohen (1999: 1-7); Wallerstein (2004b).

27 Vgl. Cohen (1999: 1-7); Wallerstein (1998, 2004a).

28 Vgl. Cohen (1999: 1-7).

29 Vgl. Cohen (1999: 25-26); Wallerstein (2005).

30 Vgl. Cohen (1999: 16-25).

31 Vgl. Lenin (1989).

32 Vgl. Portes und Walton (1981: 4-7).

33 Vgl. Portes und Walton (1981: 11).

34 Vgl. Portes und Walton (1981: 27-29).

35 Vgl. Portes und Walton (1981: 13).

36 Vgl. Cohen (1999: 31).

37 Vgl. Cohen (1999: 69-71).

38 Anmerkung: Eine Begrenztheit, die Martin Albrow (2007) als Bedingung für das „Globale Zeitalter“ aufgreift.

39 Vgl. Portes und Walton (1981: 22-23).

40 Vgl. Cohen (1999: 29).

41 Vgl. Portes und Walton (1981: 14-15).

42 Vgl. Portes und Walton (1981: 11-12).

43 Vgl. Cohen (1999); Portes und Walton (1981); Potts (1988).

44 Vgl. Portes und Walton (1981: 31-36); Sassen (1988: 37-39).

45 Vgl. Portes und Walton (1981: 42-47).

46 Vgl. Portes und Walton (1981: 49-57).

47 Vgl. Portes und Walton (1981: 30).

48 Vgl. Cohen (1999: 123).

49 Vgl. Massey (1999: 304).

50Vgl. Kraler und Parnreiter (2005: 339-340).

51 Massey und García España (1987: 733).

52 Vgl. Massey und García España (1987: 733-736).

53 Vgl. Han (2006: 152-153).

54 Han (2006: 157).

55 Kraler und Parnreiter (2005: 341).

56 Kraler und Parnreiter (2005: 340-341).

57 Vgl. Al-Ali und Koser (2002: 3).

58 Han (2006: 155).

59 Vgl. Han (2006: 155-157).

60 Vgl. Han (2006: 154).

61 Vgl. Glick Schiller et al. (1997: 121-124).

62 Vgl. Al-Ali und Koser (2002: 10).

64 Vgl. Al-Ali und Koser (2002)

63 Vgl. Han (2006: 160-173).

65 Vgl. Al-Ali und Koser (2002: 1-14).

66 Vgl. Jordan (1997: 14-18)

67 Vgl. Jordan (1997: 2).

68 Vgl. Cohen (1999: 36).

69 Vgl. Han (2005: 85, 88, 90, 93, 95-96).

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Titel: Globalisierung und Migration - Der Zusammenhang zwischen Globalisierung und internationaler Migration