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'Satiere': Die Funktion der Tiere in Jonathan Swift's 'Gulliver's Travels'

von Annika Wildersch (Autor)

Hausarbeit 2006 21 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Tiere in Gulliver’s Travels
2.1 Buch I: Tiere als Vieh und Nahrung
2.2 Buch II: Tiere als Rivalen und Vergleich für Gulliver
2.3 Buch III: Tiere in einer Welt der Wissenschaften
2.4 Buch IV: Tiere als utopische Idealwesen

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

1. Einführung

Gulliver’s Travels wurde erstmals 1726 unter dem Titel Travels into Several Remote Nations herausgegeben. Jonathan Swift hatte vermutlich schon sechs Jahre vorher begonnen, an dem Werk zu arbeiten. Dabei war er sehr darauf bedacht, nicht als Autor in Verdacht zu geraten. Grund dafür war einerseits Swifts Liebe zum Versteckspiel, andererseits die damals strengen Vorschriften und strafrechtlichen Verfolgungen von Satireverfassern. Und dass es sich bei Gulliver’s Travels um eine Satire handelt, daran lässt sich nicht zweifeln. Trotzdem wurde es ein rascher Erfolg. Die Erstauflage aus mehreren tausend Exemplaren war angeblich in einer Woche ausverkauft[1] und Anfang des darauf folgenden Jahres wurde es mit ersten Übersetzungen bereits als „europäisches Ereignis“[2] gefeiert. Gulliver’s Travels eignete sich für jede Altersgruppe; wie Alexander Pope sagte: „[It] was read [...] from the cabinet council to the nursery“[3] und die phantasiereiche Schilderung der Reisen lud in den letzten 280 Jahren oft zur piktorialen Darstellung ein. Heutzutage gehört Gulliver’s Travels immer noch zu den wichtigsten und meistzitierten Standardwerken der englischsprachigen Literatur.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Tiere in Gulliver’s Travels. Es soll herausgefunden werden, warum Tiere in bestimmten Teilen der Reisen, etwa in Brobdingnag und im Houyhnhnm-Land so oft Verwendung finden, und warum sie in anderen, so wie in Laputa und in den Ländern der dritten Reise nur am Rande vorkommen. Weitere Fragestellungen lauten: Welche Bedeutung hat es, dass genau diese Tierarten beschrieben werden? Und welche Funktion haben die Tiere als Mittel der Satire? Bei der Textanalyse wird chronologisch von Buch I bis Buch IV vorgegangen, wobei besonders Wert gelegt wird auf die themenbezüglich relevanteren Reisen in Buch II und IV.

2. Tiere in Gulliver’s Travels

2.1 Buch I: Tiere als Vieh und Nahrung

In Buch I spielen Tiere noch keine zentrale Rolle. Als Gulliver mit den Lilliputanern Bekanntschaft macht, vergleicht er sie nicht etwa mit Tieren, sondern bezeichnet die einzelnen Zwerge als „human creature not six inches high“[4], „the people“[5] oder „a person of quality“[6]. An diesen Bezeichnungen lässt sich erkennen, dass Gulliver nicht wegen der Winzigkeit der Lilliputaner an ihren rationalen Fähigkeiten zweifelt.

Tiere werden im Land der Lilliputaner eher beiläufig erwähnt. Sie kommen als gewöhnliches Vieh und als Nahrungsmittel vor. So berichtet Gulliver, dass er jeden Morgen „six beeves and forty sheep“ serviert bekommt. Dabei ist beachtlich, was für Unmengen von „shoulders, legs, and loins“ Gulliver vertilgen kann. Die Tiere werden aufgrund der hohen Anzahl, die Gulliver braucht, um satt zu werden, auf das rein Körperliche reduziert; sie werden wie eine Massenware gehandhabt. Dies hat natürlich mit ihrer Winzigkeit zu tun, die an die Größenverhältnisse in Lilliput angepasst ist.

Die winzigen Tiere werden in mehrere kleine Anekdoten eingefädelt. So berichtet Gulliver spielerisch davon, wie er aus Taschentüchern eine kleine Pferdearena baut, in der die Lilliputaner Übungen machen. Als Gulliver das Land verlässt, nimmt er einheimische Mini-Schafe und -Kühe mit an Bord, die ihm vor Captain John Biddle of Deptford als Beweismittel für seine verrückten Geschichten dienen. Eines seiner Mini-Schafe wird auf dem Schiff von körperlich überlegenen Ratten getötet und gefressen. Dies stellt eine unheimliche Referenz zu Buch II dar, wenn man bedenkt, dass Gulliver dort selbst nur knapp diesem Schicksal entgeht. Insgesamt lässt sich aber sagen, dass die phantasievollen Anekdoten mit den kleinen Tieren zur Belustigung der Leser beiträgt und unter anderem ein Grund ist, warum Buch I sich so gut für Kinder eignet.

2.2 Buch II: Tiere als Rivalen und Vergleich zu Gullliver

In Buch II wird Gullivers Reise nach Brobdingnag beschrieben: ein Land mit

umgekehrten Größenverhältnissen zu Lilliput und damit das Gegenstück zu Buch I. Im Gegensatz zu Gullivers recht respektvoller Annäherung an die Lilliputaner gehen die Riesen in Brobdingnag jedoch ganz anders mit Gulliver um. Als der Riesen-Bauer Gulliver im Feld entdeckt, sieht er in unserem Helden „a small dangerous animal“[7] und „a little creature“[8]. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Gulliver ständig mit Kleintieren verglichen. Gulliver beschreibt zum Beispiel, dass der Riesen-Bauer ihn so vorsichtig auf der Hand hält „[...] as I myself have sometimes done with a weasel in England“[9]. Und die Bäuerin schreit bei seinem Anblick „[...] as women in England do at the sight of a toad or a spider“[10]. Von Kindern fühlt er sich wie ein Spatz, ein Kaninchen, eine junge Katze und ein Welpe behandelt[11]. Desweiteren wird Gulliver mit Kanarienvögeln[12], Fröschen[13] und einem splacknuck[14] – einem kleinen einheimischen Tier – verglichen. Gulliver wird außerdem gestreichelt[15] und an der Leine gehalten[16] wie ein Haustier und im Königshaus lebt er in einer käfigartigen Box. Als Sensation und Vorzeigeobjekt auf Märkten degradiert, wird Gulliver vollends auf eine minderwertige Kreatur heruntergestuft. Die neunjährige Bauerntochter Glumdalclitch ist die Person, die Gulliver am nächsten steht, doch selbst diese Beziehung ist vergleichbar mit der eines Kindes zu einem lieben Tier. Als der Bauer Gulliver immer öfter auf Jahrmärkten präsentiert, beschwert sie sich zum Beispiel: „She said, her papa and mamma had promised that Grildrig should be hers, but now she found they meant to serve her as they did last year, when they pretended to give her a lamb, and yet, as soon as it was fat, sold it to a butcher.” Gulliver ist in seiner Position keine ernstzunehmende Person mehr. Im Königshause werden seine rationalen Fähigkeiten, zum Beispiel das Erlernen der Sprache, zwar erkannt, jedoch reichen sie nicht aus, um ihn als gleichwertig anzusehen: „The Queen was surprised at so much wit and good sense in so diminutive an animal“[17].

Gulliver fühlt sich nicht wohl in seiner Rolle. Er erzählt dem König von Gesetzen, Regierung, Religion und Bräuchen in seiner Heimat England und gibt sich alle Mühe, in seinen Augen etwas Größeres darzustellen. Sein Ziel wird jedoch völlig verfehlt, denn je mehr er sich selber und seine vermeintliche Hochkultur rühmt, desto weniger Respekt wird ihm gezollt. Die Berichte über die englische Politik macht der Philosophen-König lächerlich: „[...] stroking me gently [...], after an hearty fit of laughing, [he] asked me whether I were a Whig or a Tory”[18] und er wertet Gulliver weiter ab: „ […] he observed how contemptible a thing was human grandeur, which could be mimicked by such diminutive insects as I”[19]. Gulliver fährt jedoch fort und erzählt ihm stolz von seinem glorreichen Heimatland. Nach stundenlangen Audienzen und zahlreichem Nachhaken macht der Philosophen-König sich ein wohlüberlegtes Urteil über Gulliver und seinesgleichen: „I cannot but conclude the bulk of your natives to be the most pernicious race of little odious vermin that nature ever suffered to crawl upon the surface of the earth“[20]. Als wäre das nicht genug, reitet Gulliver sich noch weiter hinein mit verherrlichenden Berichten über das Schießpulver, was den König noch mehr empört: „He was amazed how so impotent and grovelling an insect as I [...] could entertain such inhuman ideas [...]“[21]. Anstatt aufzusteigen, wird Gulliver von den Riesen immer weiter zu noch kleineren und – im Falle von Ungeziefer – abstoßenderen Tierarten herabgestuft. Dadurch, dass Gulliver nicht von seinem Stolz ablassen kann und glaubt, etwas Besseres zu sein als er ist, wird er zum Opfer der Satire. Gleichzeitig wird die menschliche Natur als wesentlich animalisch dargestellt. Die Erkenntnisse der Riesen haben für Gulliver jedoch keine schwerwiegenden Konsequenzen. Auf der Heimreise heißt es zwar über die Schiffsmänner „I thought they were the most little contemptible creatures I had ever beheld“[22], und zu Hause muss er sich erst an die neuen Größenverhältnisse gewöhnen. Seine Anpassungsschwierigkeiten werden allerdings mit der „great power of habit and prejudice“[23] gerechtfertigt und haben nichts mit dem Wertesystem an sich zu tun. Sie sind keinesfalls mit Gullivers Benehmen nach der vierten Reise in Relation zu setzen.

[...]


[1] Hermann J. Real und Heinz J. Vienken, Jonathan Swift: „Gulliver’s Travels“ (München: Wilhelm Fink, 1984), [p.] 24

[2] Hermann J. Real und Heinz J. Vienken, Jonathan Swift: “Gulliver’s Travels”, 25

[3] The Oxford Companion to English Literature, hrsg. von Margaret Drabble (Great Britain: Oxford University, 2000), [p.] 439

[4] Jonathan Swift, Gulliver’s Travels (London: Penguin, 1994), [p.] 12 (fortan als Gulliver’s Travels bezeichnet)

[5] Gulliver’s Travels, 13

[6] Gulliver’s Travels, 14

[7] Gulliver’s Travels, 88

[8] Gulliver’s Travels, 89

[9] Gulliver’s Travels, 88

[10] Gulliver’s Travels, 90

[11] Gulliver’s Travels, 92

[12] Gulliver’s Travels, 148

[13] Ibid.

[14] Gulliver’s Travels, 98

[15] Gulliver’s Travels, 92

[16] Gulliver’s Travels, 102

[17] Gulliver’s Travels, 105

[18] Gulliver’s Travels, 110

[19] Ibid.

[20] Gulliver’s Travels, 140

[21] Gulliver’s Travels, 143

[22] Gulliver’s Travels, 158

[23] Gulliver’s Travels, 161

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640483204
ISBN (Buch)
9783640483402
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138833
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Anglistik
Note
2,0
Schlagworte
Satiere Funktion Tiere Jonathan Swift Gulliver Travels

Autor

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