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Die "böse Frau" in der Dichtung des 13. Jahrhunderts

Daz buoch von dem übeln wîbe

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Darstellung der >bosen Frau< in der Dichtung des Mittelalters

2 Die >bose Frau< in der Dichtung des 13. Jahrhunderts: Daz buoch von Clem ubeln wibe
2.1 Die Uberlieferung
2.2 Zum Inhalt des Schwanks
2.2.1 Das Verhaltnis zwischen Maim und Frau 8
2.2.2 Schmeicheleien und Drohungen als >Kampfmittel< der >bosen Frau<
2.2.3 Die Prtigelszenen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

Einleitung

In den letzten beiden Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts und im ersten Viertel des 13. Jahr-hunderts entstanden wohl die bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlicher Dichtung: die Werke Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach und Gottfrieds von StraBburg, das Nibelungenlied, die Lyrik Heinrichs von Morungen und Walthers von der Vogelweide. Die grol3en Versromane sind gepragt von der Artuswelt, von der >aventiure< als idealem Tun und von ritterlicher Ehre und haben fur die negierend darstellende Satire keinen Platz.1 Dieser Literatur tritt mit der Figur des >tibelen wibes< seit dem friihen 13. Jahrhundert eine neue kleinepische Form entgegen.

Die Darstellung der aufsassigen, herrschstichtigen Frau wirft die Frage nach den Fahigkeiten und Eigenschaften auf, fiber die ein Mann verfugen muss, tun seine eberlegenheit und damit auch seine Geschlechtsidentitat zu behaupten.2 Aufgegriffen wird dieses Motiv in dem Schwank Daz buoch von dem iibeln wibe. Das Verfehlte der Beziehung wird durch die sich wiederholende Aggression der Frau gegen ihren Mann markiert. Durch Analogien und Kontraste wird die satirische Intention der Dichtung deutlich. Der Ehemann glaubt, es sei schlimmer mit einer >bosen Frau< verheiratet zu sein, als den Tod eines Martyrers zu sterben. Als literarischer Kontrast zu dieser Beziehung, welche hauptsachlich auf Prtigeleien basiert, werden Erec und Enite, Aeneas und Dido, Tristan und Isolde genannt. Ironisch wird diese Ehe auch als >ordenunge< angesprochen.3

Aufgabe dieser Hausarbeit wird es sein, die mittelalterliche Auffassung eines >tibelen vvibes< naher zu beleuchten um anschlieBend ausfuhrlich auf das Werk Daz buoch von dem ubeln wibe einzugehen. Neben der Uberlieferung des Textes soil vor allem der Inhalt des Schwanks betrachtet werden, um dabei die Szenen zwischen Ehemann und Ehefrau zu bewerten und diese mit weiteren Darstellungen der >ilbel-wip<-Dichtung des 13.Jahrhunderts zu vergleichen.

1 Die Darstellung der >bosen Frau< in der Dichtung des Mittelalters

Bereits im Neuen Testament wird auf die untergeordnete Rolle der Frau als »Grundbedingung christlicher Ehegemeinschaft« verwiesen. Vor allem ist es Paulus, der den Frauen immer wieder das gottliche Gebot der Unterwurfigkeit predigt. Zwar sollen Mann und Frau einander lieb und wert halten, aber nie ihres verschiedenen Ranges vergessen:4

»Die Weiber seien untertan ihren Mannem als dem Herrn.« (Eph. 5,22) ja ein jeglicher habe lieb sein Weib als sich selbst; das Weib aber ffirchte den Mann.« (Eph. 5,33)5

»Einem Weibe aber gestatte ich nicht, daB sie lehre, auch nicht, daB sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei.« (1.Tim. 2,12) »Denn Adam ist am ersten gemacht, darnach Eva.« (1.Tim. 2,13)6

Es ilberrascht nicht, dass Bibelzitate wie diese auch in der mittelalterlichen Literatur enormen Anklang fanden. Folglich verstoBt eine Frau, die ihrem Gatten nicht gehorsam ist, gegen die von Gott befohlene Ordnung und macht sich damit schwerer Stinde schuldig. Daher sind die Strafen, welche auf sie im Jenseits warten, nicht gering. Laut Brietzmann ist die Neigung zum Ungehorsam seit Evas Zeiten tief im weiblichen Wesen eingewurzelt. Die Frauen gehorchen nicht, sondern trachten danach zu befehlen.

Auf die Frage wie es zu diesem Widerspruch zwischen »Gottgebot und Weibesnatur« kommt, lautet die einstimmige Antwort der >fibel-wip<-Dichter, es sei das Werk des Teufels, der dem gottlichen Wollen entgegenarbeitet. Er stiftet die Frauen zum Ungehorsam an, indem er in sie hineinfahrt, sie besessen macht, oder ihnen andauemd mit bosen Einflasterungen im Ohr sitzt. Es existiert eine Reihe von Texten, in denen die Zahmung einer >bosen Frau< mehr oder weniger einer Teufelsaustreibung nahe kommt.7

Die Ansichten fiber das Schicksal, das den Gatten solch eines >Weibes< nach dem Tod erwartet sind geteilt. Eine der Theorien spricht von der absoluten Entsundigung des Mannes durch die taglich erlittene Ehenot. Bereits der Dichter von Daz buoch von dem fibeln wthe weist darauf hin, dass das Martyrium seines >Helden< das der groBen christlichen Martyrer weit hinter sich lasse. Diese mussten zwar den schmerzlichsten Tod durch Folter wie Sieden, Rosten und Radern erdulden, aber sie hatten doch die trostende Gewissheit, dass ihr Leid ein baldiges Ende nehmen wtirde, er hingegen wtirde seine Qualen jeden Morgen von neuem erleben (V.173-198).8 Heinrich der Teichner' bezeichnet denjenigen als vollkommenen Tor, der eine >base Frau< hat und dennoch irgendeines Vergehens halber BuBe tun will:

»lat in halt ein morder sin, hat erz gedulteclich viir guot, daz daz tibel wip im tuot, er wirt heilic als ein man, der keins tibel nie began.«10

Allerdings ist Heinrich der Teichner auch der einzige der Dichter alterer Zeit, welcher den Gatten fiir schuldlos halt. Andere verdammen den unfahigen Ehemann und Lassen ihn das Los seiner Frau teilen, denn es gilt das strenge Pflichtgebot fur den christlichen Hausherrn, die Frau zur Unterwtirfigkeit zu zwingen. Beweist sie sich als nicht >bezahmbar<, dann soli ein braver Mann nicht bei ihr bleiben und sich beugen, sondern sich von ihr trennen. Ein Beispiel eines energielosen Eheherren liefert wieder die Bibel, schliel3lich war es Adam, der nicht nur den lockenden Verfiihrungsworten der Schlange sofort nachkam, sondern auch selbst ohne jede Einwendungen in den Apfel hiss als Eva es so wollte, woraus der Stricker" schlieSt:'

»daz Adam sin wip me vorhte
dan got, [...I«"

Genau wie Adam, so muss jeder, sei er noch so tuehtig, in die Hone hinunter, wenn er die >tibele< seiner Frau nicht bezwungen hat. So klagt der Stricker dann auch, dass es um das Los der >bosen Frauen< nicht schade sei, aber die guten Manner seien tief zu bedauern. Abgesehen davon habe der Gatte bei all dem taglichen Arger kaum Zeit und MuBe, urn fiir sein Seelenheil zu sorgen, wie der unbekannte Dichter von Daz buoch von dem Ubeln vvibe zu berichten weiB:"

»des sinen iibelen wibes
gefreut er sich niht halben tac,
und dar zuo der sole slat:
der vergizzet er vor zorne,
des ist si diu verlorne.«15

Dies ist der religiose Hintergrund, vor welchem die >tibel-wip<-Geschichten spielen. Daraus kann man laut Brietzmann schlieBen, dass nicht Mann und Frau die eigentlichen Hauptfiguren der »Ehehandel« sind, sondern Gott und Teufel, nicht >Mannesherrschaft< oder >Frauen-regiment< sind die Endstadien des Hauskampfes, sondern Himmel und H011e, ewige Seligkeit oder Verdammnis. Deshalb soil der junge Mann achtsam sein, wenn er auf Brautschau geht. Aus diesem Grund warnen einige Dichter in ihren Werken vor den Frauen, indem sie ihre >Verworfenheit< moglichst eindringlich schildern und etwaige Illusionen der jungen Manner im Keim zu ersticken versuchen. So heiBt es, die Frauen seien listig und verschlagen, bereits die starksten und kundigsten Manner mussten ihren Ktinsten erliegen, wie zum Beispiel Adam, Samson, David und Salomon. Aber entbehren mOchte man sie auch nicht, Empfehlungen fur die Ehelosigkeit sind bei den mittelalterlichen Dichtern vorerst nicht zu finden. Fiir sie ist es selbstverstandlich, dass ein Mann heiraten muss, allerdings soil er seine Wahl mit Vorbehalt treffen und nicht mit der ersten besten zufrieden sein. Genau wie dieser so existiert eine enorme Anzahl allgemeiner Ratschlage.

Hat der Mann sich dann endlich far eine Frau entschieden, so droht ihm, den Dichtern zufolge, eine neue Gefahr in Form der Flitterwochen. Der junge Ehemann wird seiner Frau gegentiber nachsichtig sein, und ihr womoglich jeden Wunsch von den Augen ablesen, urn sein junges Ehegliick nicht zu trilben und alley gutheiBen, was sie anordnet. Hat sie nun einige Zeit unbeschrankt im IIaus walten durfen, findet sie zu groBen Gefallen am Hausregiment, urn es dem Gatten ohne weiteres auszuliefern. Deshalb warnen die Dichter den Gatten vor blinder Verliebtheit und ermahnen die Gattinnen zu pflichtgemdf3em Gehorsam und predigen dem Ehemann eindringlich das »Evangelium der >meisterschaft«<16

[...]


1 Arntzen, Helmut, 1989, S.34

2 Gaebel, Ulrike / Kartschoke, Erika (Iirsgg.), 2001, S.9

3 Arntzen, Helmut, 1989, S.58

4 Brietzmann, Franz, 1912, 5.120

5 Der Brie' des Paulus an die Epheser, S. 226f.

6 Der erste Brief des Paulus an Thnotheus, 5.241

7 Brietzmann, Franz, 1912, S.121f.

8 Brietzmann, Franz, 1912, S. 122

9 Heinrich der Teichner war ein mittelhochdeutscher Spruchdichter und lebte von 13

10 bis. ca. 1372/1378 1° Karajan: Ober Heinrich den Teichner. Nr. 173 In: Brietzmann, Franz, 1912, S. 123

11 Der Stricker war ein mittelhochdeutscher Dichter, welcher in der erstenlfte des 13.Jhs. lebte

12 Brietzmann, Franz, 1912, S. 123

13 Der Stricker, 1912, Vers 177-178

14 Brietzmann, Franz, 1912, S. 1231.

15 Ebbinghaus, Ernst (Hrsg.), 1968, Vers 100-104

16 Brietzmann, Franz, 1912, S. 124ff.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640484706
ISBN (Buch)
9783640484898
Dateigröße
10.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138853
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
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