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Die Rezeption Neros in der Moderne anhand von Lion Feuchtwangers Roman „Der falsche Nero“

Seminararbeit 2009 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Personen
II.1 Kaiser Nero - Eine kurze Darstellung seines Lebens
II.2 Lion Feuchtwanger - Seine Vita

III. Das Werk „Der falsche Nero“
III.1 Eine kurze Inhaltsangabe
III.2 Die Intention Feuchtwangers in „Der falsche Nero“

IV. Die Rezeption des Nero in „Der falsche Nero“
IV.1 Äußerlichkeiten und Charaktereigenschaften des Kaisers
IV.2 Das Ansehen Neros im Osten

V. Schlussbemerkung

Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen:
Sekundärliteratur:

I. Einleitung

„In freudiger Begeisterung über die Schönheit des Feuerscheins (...) trug er [=Nero] in seinem üblichen Theaterkostüm eine Gesangsszene über die Eroberung Trojas vor.“[1] So beschreibt der Biograph Sueton eine Situation, die sich während des verheerenden Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. zugetragen haben soll.

Das Bild des singenden Kaisers Nero über den Dächern des brennenden Roms ist auch in der Moderne noch weit verbreitet. Der Grund dafür dürfte insbesondere in der Verfilmung des Romans „Quo Vadis“ von Henryk Sienkiewiczs liegen, der seit seiner Erstausstrahlung im Jahr 1954 als Klassiker gilt und sich der oben genannten Sichtweise bedient.[2] Dabei basiert die Vorstellung, Nero habe die Stadt nicht nur tatenlos zusehend niederbrennen lassen, sondern auch selbst den Befehl für den Brand gegeben, auf reinen Vermutungen.

Doch nicht nur der Zusammenhang Neros mit dem Brand Roms, sondern auch andere Überlieferungen aus seinem Leben, wie der Mord an seiner Mutter oder seine etwaige Beteiligung an der Christenverfolgung, bildeten in der Moderne immer wieder die Grundlage dafür, sich mit seiner Person zu beschäftigen.

Für Geschichtswissenschaftler stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit diese Auseinandersetzungen mit Nero, den historischen Tatsachen gerecht werden und in welcher Art sie das Bild Neros in der Moderne beeinflussen. Findet bei diesen Darstellungen des römischen Kaisers unter zur Hilfenahme der vorhandenen überlieferten Quellen eine ausreichende Reflexion statt? Oder wird den Rezipienten ein womöglich vollkommen falsches Bild vermittelt?

Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit liegt darin, diese Fragen im Hinblick auf ein einzelnes Werk zu beantworten. Als Grundlage dafür dient der Roman „Der falsche Nero“ von Lion Feuchtwanger. In diesem fiktiven Werk wird das Leben des Princeps nicht publikumswirksam nacherzählt, sondern es werden dessen charakterlichen Züge detailliert beschrieben, wodurch eine recht deutliche Einordnung des damaligen Nero-Bildes möglich wird.

Der Aufbau der Arbeit ist thematisch angelegt. Zu Beginn steht eine kurze Vorstellung der entscheidenden Personen Nero und Lion Feuchtwanger.

Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Roman „Der falsche Nero“ selbst. In den Unterpunkten des Kapitels wird eine kurze Inhaltsangabe gegeben und die Intention des Romans behandelt.

Schließlich wird im letzten Kapitel betrachtet, welches Bild der Roman von Nero entwirft, wobei hier insbesondere die äußerliche und charakterliche Beschreibung Neros und die Darstellung seines Ansehens im Osten berücksichtigt wurden. Letzteres ist notwendig, da „Der falsche Nero“ in den östlichen Provinzen des römischen Reiches spielt.

Als Voraussetzung für die Bearbeitung der oben formulierten Zielsetzung ist eine Kenntnis der einschlägigen historischen Quellen über Neros Leben unerlässlich. Insbesondere die Historiker Tacitus und Cassius Dio, sowie der oben bereits erwähnte Sueton[3] haben sich in ihren Werken damit auseinandergesetzt.

Zudem gibt es in der Forschung zahlreiche Sekundärliteratur zum Thema, so zum Beispiel von dem bereits zitierten Jürgen Malitz oder Miriam T. Griffin.[4]

Auch ein detailliertes Hintergrundwissen über Lion Feuchtwanger und sein Werk „Der falsche Nero“ ist im Hinblick auf eine sachgemäße Bearbeitung der Fragestellung notwendig. Verwendbar ist dafür insbesondere die Arbeit Hamid Onghas, der sich im letzten Kapitel seiner Studie explizit mit dem Roman „Der falsche Nero“ auseinandersetzt.[5] Auch Holger Zerrahn beschäftigt sich ausgiebig mit diesem Thema.[6] Die wichtigsten Werke zur Person Feuchtwangers stammen von Wilhelm von Sternburg[7] und Hans Wagener[8]. Selbstverständlich ist die Bearbeitung der zugrunde liegenden Thematik ohne eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit Feuchtwangers „Der falsche Nero“[9] unmöglich.

II. Die Personen

II.1 Kaiser Nero - Eine kurze Darstellung seines Lebens

Nero wurde am 15. Dezember 37 n. Chr. in Antium, dem heutigen Anzio, in der Nähe vom Rom geboren[10] und hatte von seinen Eltern Agrippina und Cn. Domitius Ahenobarbus in väterlicher Tradition den Namen L. Domitius Ahenobarbus erhalten.[11] Bereits die Umstände seiner Geburt wurden später von Historiographen dazu genutzt den Eindruck zu vermitteln, Neros Ära hätte von Beginn an unter keinem guten Stern gestanden.[12] Sueton spricht zum Beispiel in diesem Zusammenhang von „(...) allen möglichen Unheilsprognosen“[13] und zitiert Neros Vater, der „auf die Glückwünsche seiner Freunde (...)“[14] geantwortet haben soll, „(...) ein Geschöpf von ihm und Agrippina könne nur ein Scheusal und eine Pest für den Staat sein.“[15]

Diese Befürchtungen waren, wenn man Suetons Ausführungen über Neros Ahnen Glauben schenkt, durchaus begründet. Der antike Historiograph merkt bereits zu Beginn seiner Kaiservita an, dass der fragwürdige Charakter des späteren römischen Kaisers seinen Ursprung durchweg in der Familie habe. So sei er was die Tugenden seiner Angehörigen angehe „(...) zwar ein entarteter Sproß (...)“[16] gewesen, wohingegen er deren Unarten aber „(...) sozusagen als Erbe der Familientradition (...)“[17] beständig fortgeführt habe. Als Beispiele zählt Sueton im weiteren Verlauf verschiedene moralische Vergehen auf, die von Vorfahren Neros begangen worden sein sollen. Darin attestiert er ihnen unter anderem Verschwendungssucht[18], Blutschande[19] und Feigheit[20]. Genau dieselben charakterlichen Verfehlungen wirft er in späteren Kapiteln der Vita auch dem Princeps vor.[21]

Anhand dieser anfänglichen Schilderung der verwandtschaftlichen Verhältnisse zeichnet Sueton bereits ein negatives Bild des Monarchen, bevor er sich überhaupt erst explizit mit dessen Person beschäftigt.

Die Vermittlung dieses Eindrucks führt er bei der Charakterisierung von Neros Jugend fort. So schildert er nicht nur das Gerücht, dass der Erzieher des späteren Herrschers, Annaeus Seneca, geträumt habe, „(...) er sei der Lehrer eines Caligula geworden (...)“[22], sondern unterstreicht dieses auch mit konkreten Beispielen. Nero habe demnach versucht, seinen Stiefbruder Britannicus bei dessen Vater zu diskreditieren und seine Tante Lepida vor ein Gericht stellen lassen, um sie zu ruinieren.[23] Außerdem gibt es zu diesem Zeitpunkt schon erste Anzeichen dafür, dass Nero gewisse künstlerische Vorlieben zu haben schien.[24] Mehr ist zu der Jugendzeit bei Sueton nicht überliefert, beziehungsweise geht sie nahtlos in die Regierungszeit über, da Nero bereits mit siebzehn Jahren zum römischen Kaiser wurde.

Die Zeit über die neronische Regierung unterteilt Sueton in seiner Kaiservita in zwei Abschnitte. Im ersten Teil beschreibt er Tätigkeiten des Kaisers, die „(...) zum Teil keinen Tadel, zum Teil sogar ausgesprochenes Lob (...)“ verdient hätten.[25] Dazu gehören zum Beispiel unter anderem Geldgeschenke an das Volk und die Prätorianer[26], die Stiftung von Thermen und einem Gymnasium[27] und weitergehende Schutzmaßnahmen gegen Testamentsfälscher.[28] Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass er dem Kaiser in diesem Abschnitt auch Maßnahmen als positiv anrechnet, die er nach dem Brand Roms angeordnet hat.[29] Schließlich klagt Sueton ihn in seiner Vita später unmissverständlich als Brandstifter an.[30]

Der Abschnitt über „(...) Neros Schandtaten und Verbrechen (...)“[31] beginnt mit des Kaisers Leidenschaft für Musik, insbesondere für das Kithara-Spiel und den Gesang.[32] An zahlreichen Beispielen demonstriert der Autor, mit welcher Intensität Nero seinen Vorlieben nachging und veranschaulicht auf diese Weise, wie der Monarch seine Herrschaft bereits früh zu vernachlässigen begann. So habe er während seiner Griechenlandreise[33] auf einen Brief des Freigelassenen Helius[34], in dem dieser ihn darauf hingewiesen hatte, „(...) daß die politischen Verhältnisse in Rom seine Anwesenheit erforderten“[35], geantwortet, es sei nicht dessen Aufgabe eine schnelle Rückkehr des Princeps zu wünschen, sondern „(...) den Wunsch auszusprechen, daß ich [Nero] eines Nero würdig zurückkehre.“[36] Würdig hieß in diesem Zusammenhang mit der größtmöglichen Anzahl von Preisen für seine künstlerischen Darbietungen.

[...]


[1] Suet. Nero 38, 2.

[2] Jürgen Malitz, Nero, München 1999, S. 117.

[3] Bei der vorliegenden Arbeit wurde zu großen Teilen mit seiner Darstellung gearbeitet, da sie die ausführlichste ist. Siehe dazu Kapitel II.1 Kaiser Nero - Eine kruze Darstellung seines Lebens.

[4] Miriam T. Griffin, Nero. The End of a Dynasty, London 1984.

[5] Hamid Ongha, Geschichtsphilosophie und Theorie des historischen Romans bei Lion Feuchtwanger, Frankfurt a. M. u.a. 1982.

[6] Holger Zerrahn, Exilerfahrung und Faschismusbild in Lion Feuchtwangers Romanwerk zwischen 1933 und 1945, Bern u.a 1984.

[7] Wilhelm von Sternburg (Hrsg.), Lion Feuchtwanger. Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt a. M. 1989.

[8] Hans Wagener, Lion Feuchtwanger, Berlin 1996.

[9] In der vorliegenden Arbeit wurde folgende Ausgabe benutzt: Lion Feuchtwanger, Der falsche Nero, 3. Auflage, Berlin 2008.

[10] Vgl. Suet. Nero 6, 1.

[11] Vgl. Malitz, Nero, S. 7.

[12] Auch wenn zum Zeitpunkt der Geburt noch in keiner Weise von einer späteren Herrschaft Neros ausgegangen werden konnte.

[13] Vgl. Suet. Nero 6, 2.

[14] Vgl. Suet. Nero 6, 2.

[15] Vgl. Suet. Nero 6, 2.

[16] Vgl. Suet. Nero 1, 2.

[17] Vgl. Suet. Nero 1, 2.

[18] Vgl. Suet. Nero 4, 1.

[19] Vgl. Suet. Nero 5, 2.

[20] Vgl. Sue. Nero 2, 3.

[21] Bezüglich der Verschwendungssucht vgl. Suet. Nero 30, 1 - 32, 4. Blutschande vgl. Suet. Nero 28, 2. Feigheit vgl. Suet. Nero 49, 2-3.

[22] Vgl. Suet. Nero 7, 1. Caligula herrschte in den Jahren 37-41 v. Chr. als römischer Kaiser, wobei seine kurze Regierungszeit als willkürlich und äußerst brutal dargestellt wird. So fallen in diese Zeit unter anderem zahlreiche durch ihn angeordnete Hinrichtungen von Mitgliedern des Senats.

[23] Vgl. Suet. Nero 7, 1. Nero hatte nach dem Tod seines Vaters und der Verbannung seiner Mutter für kurze Zeit bei dieser Tante gelebtt, was Suetons Vorwurf noch etwas mehr Gewicht verleiht.

[24] Vgl. Suet. Nero 7, 1. Das Wirken als Schauspieler oder Musiker, wie Nero es später ausübte, war in den aristokratischen Kreisen verpönt. In der angegebenen Textstelle scheint aber weniger die Teilnahme an diesem „Troja-Spiel“ selbst, sondern mehr die Umschreibung Suetons interessant. Das Jugendliche an solchen Aufführungen teilnahmen, war nichts ungewöhnliches. Vgl. Malitz, Nero, S. 11. Doch die Adjektive, die Sueton in diesem Zusammenhang verwendet, mit „höchster“ Ausdauer und vom Beifall „umrauscht“, suggerieren bereits hier eine intensive Bindung des Monarchen zum Theater.

[25] Vgl. Suet. Nero 19, 3.

[26] Vgl. Suet. Nero 10, 1. Diese Prämie, das so genannte „Donativum“, war allerdings zu dieser Zeit nichts außergewöhnliches.

[27] Vgl. Suet. Nero 3, 1. Gymnasien waren auch damals schon Orte der geistigen und körperlichen Ertüchtigung, aber natürlich keine weiterführenden Schulen im heutigen Sinne.

[28] Vgl. Suet. Nero 17, 1.

[29] Darunter fallen zum Beispiel vom Kaiser aus eigener Tasche finanzierte Umbaumaßnahmen an den Häusern in der römischen Innenstadt, die fortan die Brandbekämpfung vereinfachen sollten und die Verfolgung und Bestrafung der Christen. Vgl. Suet. Nero 16, 1-2.

[30] Vgl. Suet. Nero 38, 1.

[31] Vgl. Suet. Nero 19, 3.

[32] Vgl. Suet. Nero 20, 1.

[33] Die Griechenlandreise des Kaisers wird in Kapitel IV.2 Das Ansehen Neros im Osten ausführlich behandelt.

[34] Helius war für die Zeit von Neros Abwesenheit mit der politischen Verwaltung des römischen Imperiums beauftragt worden. Vgl. Malitz, Nero, S. 93.

[35] Vgl. Suet. Nero 23, 1.

[36] Vgl. Suet. Nero 23, 1.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640485758
ISBN (Buch)
9783640486113
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v138990
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Geschichtswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Rezeption Neros Moderne Lion Feuchtwangers Roman Nero“

Autor

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