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Mythos und Aktualität. Der Generationenkonflikt in Dorsts "Merlin"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG „DAS UMFÄNGLICHSTE THEATERSTÜCK DER NACHKREIGSZEIT“ ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON DORTSTS MERLIN

MERLIN UND DIE FANTASY-LITERATUR

DAS SCHEITERN VON UTOPIEN UND

DER GENERATIONENKONFLIKT

DER GENERATIONENKONFLIKT IM TEXT
a. Der Teufel und Merlin
b. König Artus und Mordred
c. Die jungen und die alten Ritter
d. Der Gral

FAZIT

BIBLIOGRAPHIE

EINLEITUNG „DAS UMFÄNGLICHSTE THEATERSTÜCK DER NACHKRIEGSZEIT“

Über ein Theaterstück zu schreiben erweist sich oft problematischer als sich mit einem Roman oder mit einem Werk zu beschäftigen, das nur für Leser geschrieben worden ist. Im Vergleich mit dieser Art Literatur zeigt das Drama einen weiteren Aspekt, der einige Schwierigkeiten in der kritischen Annäherung hervorruft: Das von dem Autor geschriebene Originalstück muss für jede Aufführung dem Theater, den Schauspielern, aber auch dem Geschmack des Regisseurs adaptiert werden. Dadurch entstehen viele verschiedene Versionen, die große Unterschiede enthalten und manchmal sogar wenig miteinander zu tun haben. Worauf sollte man sich beziehen? Auf dem Original des Autors? Oder sollte man lieber ein bestimmtes Regiebuch oder Einstudierung eines Regisseurs in acht nehmen? Oder sollte man direkt eine Aufführung kommentieren?[1]

Das kann allgemein für jedes Drama gesagt werden, aber mit Merlin oder Das wüste Land von Dorst wird das Problem noch größer. Das Stück ist ein gigantisches Werk, das mehr als dreihundert Seiten umfasst und in dem der Autor gleichzeitig viele Varianten von derselben Szene einführt (ein Beispiel ist die letzte Szene, von der uns Dorst drei verschiedene Versionen bietet: eine des Theaters, eine der Naturwissenschaft – die berühmteste mit dem erloschenen Zwergenplaneten – und eine des alten Märchens). Wenn man Merlin in voller Länge im Theater spielen wollte, würde es eine Spieldauer von mindestens fünfzehn Stunden ergeben. Ulrich Schreiber nennt es sogar „das umfänglichste Theaterstück der Nachkriegszeit“[2]. Mit so einer kolossalen Länge sind für jede Aufführung auf der Bühne radikale Kürzungen notwendig: Es reicht nicht, nur Sentenzen und Auftritte zu schneiden, sondern es müssen auch ganze Teile gestrichen werden, die in der ursprünglichen Version eine wichtige Rolle spielen.

Diese notwendigen Amputationen verdrehen die Geschichte, den Inhalt und die behandelten Themen und führen somit zu Regiebüchern, die eine Verarbeitung des Stoffes sind und in denen Dorsts Werk kaum zu erkennen ist. Der Text wird jedes Mal von dem jeweiligen Regisseur neu interpretiert, und damit zu oft auch reduziert und vereinfacht; mit den Kürzungen gehen unvermeidlich Themen und

Ideen verloren, die bei Dorst im Mittelpunkt stehen.

Nicht nur die Länge, sondern auch die Komplexität der Handlung erweist sich als eine Schwierigkeit für eine ausführliche Interpretation: Im Merlin kreuzen sich Geschichten, Figuren und Ereignisse, die aus verschiedenen Traditionen stammen und die in manchen Fällen nicht viel miteinander zu tun haben (zum Beispiel Parzival, dessen Geschichte sich parallel zur Haupthandlung entwickelt). Diese Komplexität führt zu einer Fülle von Szenen und Passagen, zu einem außergewöhnlichen Anspielungsreichtum und Überangebot von Spielanlässen, die eine Realisierung im Theater sehr schwierig machen. Kein Regisseur hat es bis jetzt geschafft, Merlin in seiner Ganzheit auf die Bühne zu bringen und es ist leicht zu schätzten, dass Dorsts Werk immer nur Teilrealisationen erfahren wird.[3]

Die Folgen von Merlins Komplexität und Länge sind eine große Lückenhaftigkeit und ein Mangel an Übereinstimmungen zwischen den verschiedenen Aufführungen und Einstudierungen. Wenn dies einerseits dazu führt, dass Dorsts Ideen nicht in ihrer Ganzheit dargestellt werden können, ermöglicht es jedoch andererseits den einzelnen Regisseuren eigene Interpretationen und damit immer wieder eine Aktualisierung ausgewählter Thematiken.

Genauso wie es unmöglich ist, Merlin in seiner Ganzheit auf der Bühne zu realisieren, so wäre es auch eine undurchführbare Aufgabe zu versuchen, dieses gigantische Werk mit seinen vielfältigen Aspekten zu analysieren. Ich habe deswegen entschieden, mich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren: den Generationskonflikt, ein Thema, das am Ende der siebziger Jahre, als das Stück geschrieben worden ist, sehr aktuell war und Dorst besonders am Herzen lag. Die Kritik der Zeit hat diese Aktualitätsbezüge meistens rezipiert, aber sie sind nicht immer von den Regisseuren beachtet worden. Im Vergleich mit anderen früheren Aufführungen hat Johannes Lepper in seiner Einstudierung für das Schauspielhaus Dresden die Wichtigkeit dieses Thema verstanden und es, trotz der nötigen Kürzungen, dementsprechend betont.

Ich fand es notwendig, diese Aspekte ausführlich zu behandeln, so dass meine Arbeit korrekt verstanden werden kann: Ich werde mich teilweise mit Dorsts Buchfassung[4] und teilweise mit Johannes Leppers Einstudierung[5] beschäftigen und außerdem werde ich versuchen, wo möglich, einen Vergleich zwischen den beiden Versionen anzustellen.

ÜBER DIE ENSTEHUNG VON DORSTS MERLIN

Es wäre hier nicht angebracht auf die Entstehung des Werkes detailliert einzugehen, aber ein Blick auf die Geschichte dieser Entstehung und auf die ersten Aufführungen kann nützlich sein, um das Stück in seinen Kontext einzufügen und damit auch die Ansprüche des Autors auf Aktualität zu verstehen.

Erster Anlass für Merlin oder Das wüste Land war das Festival „Theater der Nationen“ im Jahr 1979; Dorst hatte den Auftrag, ein Mords-Spektakel für diese Gelegenheit zu schreiben. Das Stück sollte in der Fischmarkthalle in Hamburg aufgeführt werden und die Vorstellung sollte die ganze Nacht dauern. Das Projekt gehörte zu einer Serie innovativer und alternativer Inszenierungen, die unter dem Namen „Hallentheater“ bekannt sind und zu der Zeit sehr beliebt waren.

Der Autor selbst verdeutlicht uns in einem Interview, wie umfangreich und kompliziert das Projekt war und wie hoch seine Ansprüche waren:

„Das war der einzige Punkt, der mich zögern ließ, diesen reizvollen Auftrag zu übernehmen: die Kürze der Zeit. Das ist ja fast so voluminös wie Faust I und II ! Ich lese, lese, lese Material – und jeden Tag kommt bei mir ein neues Bücherpacket an. Es fällt mir schwer, zu entscheiden, was ich vom Originalstoff in die Collage hineinnehme und was ich weglasse. Das wird sich auch bestimmt im Laufe des Schreibens noch mehrmals ändern. Das Ganze darf ruhig ein bisschen chaotisch werden. Und wild. Und verrückt.„[6].

Die erste Version, die wir von diesem Werk besitzen, ist ein Typoskript mit dem Datum 20.8.1978, das dreiundzwanzig Seiten und achtzig Szenen umfasst. Der Termin für die Fertigstellung des Vorhabens war für den 26. April 1979 festgelegt worden; schon bald stellte sich heraus, dass die Zeit zu gering war, um das anspruchsvolle Projekt zu realisieren. Da keine Verschiebungen zugelassen wurden und inzwischen auch Finanzierungsprobleme hinzu kamen, scheiterte der Aufführungsplan schon Anfang 1979. Das Merlin- Projekt ging aber weiter: Dorst plante eine Buchausgabe, deren Vorabdrucke im April 1979 begannen. In dieser provisorischen Version fehlten einige Elemente (unter anderem das Gespräch Merlins mit dem Schatten des Teufels und der Bericht vom Ende des Planeten Erde, ganz zum Schluss), aber es zeigte sich schon die Struktur des uns bekannten Merlins.

Ende April 1979 äußerte sich Dorst in einem Gespräch mit Peter von Becker zum ersten Mal über die Entstehung und Entwicklung des Stückes. Angesichts der Suche nach Gegenwartsbezügen in dem Werk sind einige Behauptungen des Autors von großem Interesse: er bestätigte, Merlin sei kein Märchen, kein einfaches Ritterspektakel, sondern die Geschichte habe Parallelen zur Aktualität:

„... Assoziationen zu heutigen Ereignissen und historischen Figuren müssten sich aus den Geschichten selbst erstellen"[7].

Das Buch erschien im April 1981. Das Theaterstück wurde zum ersten Mal am 24. Oktober 1981 im Düsseldorfer Schauspielhaus aufgeführt. Weitere wichtige Aufführungen fanden am 31. Januar 1982 in München und am 16. Dezember 1982 in Zürich statt. Es ist wichtig hervorzuheben, dass den Inszenierungen in Zürich und München von Kritikerseite vorgeworfen wurde, die Gegenwartsbezüge, die in Dorsts Merlin eine wichtige Rolle spielen, vernachlässigt zu haben. Die Regisseure Dorn (München) und Gratzer (Zürich) konzentrierten sich auf das Mittelalter-Spektakel, auf die Geschichte von Artus, Merlin und den Rittern, ohne zu verstehen, dass Dorsts Themen eigentlich sehr aktuell waren. Besonders die Züricher Einstudierung wird von der Kritik als eine Reduzierung des Stückes zu einer Nacherzählung der Artus-Sage, zu einem Ritter-Spektakel empfunden. Schon im Titel verliert das Werk die ursprünglichen Bezüge zur Aktualität: Der Originaltitel wird von Merlin oder Das wüste Land in Merlin oder der Traum von König Artus´ Tafelrunde umgewandelt . Damit wird eines der wichtigen Aktualitätselemente, die Anspielung auf T.S. Eliots Gedicht The waste land, abgeschafft. Doch gerade durch diese Aktualitätsbezüge, die in viele Aufführungen und Einstudierungen verloren gegangen sind, unterscheidet sich Dorsts Merlin von einer Serie von Werken, die als Fantasy-Literatur bezeichnet werden können, und die in Deutschland in den siebziger Jahren großen Erfolg gehabt haben.

[...]


[1] Ulrich Schreiber, Der dritte Weg: jenseits von Gott und Teufel, in: Frankfurt Rundschau, 29.10.1981.

[2] Ebd.

[3] Ich beziehe mich hier auf: Rüdiger Krohn, Tankred Dorst: Merlin oder Das wüste Land. Dramatische Parabel über das notwendige Scheitern der Utopie, 1987.

[4] Tankred Dorst, Merlin oder Das wüste Land, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1981.

[5] Tankred Dorst, Merlin oder Das wüste Land, Regie: Johannes Lepper, Soufflierbuch des Staatsschauspiel Dresden, Dresden 2001.

[6] Süddeutsche zeitung, 12.8.1978. Zitiert aus: Günther Erken, Tankred Dorst, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1989, Seite 172.

[7] Dorst im Gespräch mit Peter von Becker, Theater heute, April 1979. Zitiert aus: Günther Erken, Tankred Dorst, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1989, Seite 174.

Details

Seiten
18
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638194419
ISBN (Buch)
9783640865369
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13917
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Germanistik - Neuere deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Mythos Aktualität Generationenkonflikt Dorsts Merlin

Autor

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