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Nikotinkonsum im Jugendalter im Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz

Masterarbeit 2008 213 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Gliederung

Gliederung: Vorwort

1. Einleitung

2. Das Jugendalter

3. Jugendlicher Nikotinkonsum

4. Entstehung der Tabakabhängigkeit
4.1 Der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit
4.2 Tabakkonsum und Morbidität

5. Rauchprävalenzen in Deutschland und der Schweiz
5.1 Rauchprävalenz in Deutschland
5.1.1 Studien der BZgA
5.1.2 Sonstige Studien aktuelleren Datums
5.1.3 Studie im Auftrag der Deutschen Ange- stellten Krankenkasse (DAK)
5.2 Rauchprävalenz in der Schweiz
5.2.1 Swiss Multicenter Adolescent Survey on Health
5.2.2 Schweizerisches Tabakmonitoring
5.2.3 Studie von Ablin, Camenzind, Näpflin-Weekes und Junker (2001)
5.2.4 Studie von Gschwend, Steffen, Sey-Riek und Uchtenhagen (2000)
5.3 HBSC-Studie Deutschland-Schweiz im direkten Vergleich

6. Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland und der Schweiz
6.1 Generelle Maßnahmen in Deutschland
6.1.1 Nichtraucherschutz
6.1.2 Tabaksteuererhöhung
6.1.3 Warnhinweise auf Zigarettenschachteln
6.1.4 Wettbewerb „Rauchfrei 2006“
6.1.5 Maßnahmen gegen Zigarettenschmuggel
6.2 Generelle Maßnahmen in der Schweiz
6.2.1 Tabaksteuererhöhung
6.2.2 Maßnahmen auf kantonaler Ebene
6.2.3 Einführung von Warnhinweisen
6.2.4 Nichtraucherschutz in Zügen
6.3 Eine Besonderheit im schweizerischen System: Der Tabakpräventionsfonds (TPF)
6.4 Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen für Jugendliche im schulischen Rahmen
6.4.1 Der Schulwettbewerb „Be smart - Don’t start“ in Deutschland
6.4.2 Der Schulwettbewerb „Experiment NichtRauchen“ in der Schweiz

7. Vorstellung der durchgeführten Studie
7.1 Vorstellung der Hypothesen
7.2 Methode
7.3 Konzeption des Fragebogens
7.4 Auswertungsmethoden
7.5 Vorstellung des ausgewählten Schulen
7.6 Stichprobenbeschreibung

8. Darstellung der Ergebnisse und Hypothesenprüfung
8.1 Darstellung der Ergebnisse des länderbezogenen Vergleichs
8.1.1 Soziodemographische Daten
8.1.2 Auswertung der Daten in Bezug auf die Konsumgewohnheiten
8.1.3 Aussagen zum Rauchen und zum Rauchverhalten
8.1.4 Einstellungen gegenüber Rauchern und dem Rauchen
8.1.5 Teilnahme an Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen
8.2 Darstellung der Ergebnisse des geschlechtsbezogenen Vergleichs
8.2.1 Soziodemographische Daten
8.2.2 Auswertung der Daten in Bezug auf die Konsumgewohnheiten
8.2.3 Aussagen zum Rauchen und zum Rauchverhalten
8.2.4 Einstellungen gegenüber Rauchern und dem Rauchen
8.2.5 Teilnahme an Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen
8.3 Darstellung der Ergebnisse des schulform-
bezogenen Vergleichs
8.3.1 Soziodemographische Daten
8.3.2 Auswertung der Daten in Bezug auf die Konsum- gewohnheiten
8.3.3 Aussagen zum Rauchen und zum Rauch- verhalten
8.3.4 Einstellungen gegenüber Rauchern und dem Rauchen
8.3.5 Teilnahme an Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen

9. Diskussion
9.1 Hypothesenüberprüfung bezüglich des länderbezogenen Vergleichs
9.1.1 Hypothese 1: Rauchverhalten
9.1.2 Hypothese 2: Einstellungen zum Rauchen
9.1.3 Hypothese 3: Bewertung von Präventionsmaß- nahmen
9.2 Hypothesenüberprüfung bezüglich des geschlechtsbezogenen Vergleichs
9.2.1 Hypothese 4: Rauchverhalten
9.2.2 Hypothese 5: Einstellungen zum Rauchen
9.2.3 Hypothese 6: Bewertung von Präventionsmaß- nahmen
9.3 Hypothesenüberprüfung bezüglich des schulformbezogenen Vergleichs
9.3.1 Hypothese 7: Rauchverhalten
9.3.2 Hypothese 8: Einstellungen zum Rauchen
9.3.3 Hypothese 9: Bewertung von Präventionsmaß- nahmen

10. Zusammenfassung
10.1 Länderbezogener Vergleich
10.2 Geschlechtsbezogener Vergleich
10.3 Schulformbezogener Vergleich
10.4 Kritik an der Studie

11. Ausblick

12. Abstract

13. Literaturverzeichnis

14. Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb.1. Geschlechterverteilung, Vergleich Deutschland- Schweiz

Abb. 2. Bereich am Berufskolleg, Vergleich Deutschland- Schweiz

Abb. 3. Erreichter Schulabschluss, Vergleich Deutschland- Schweiz

Abb. 4. Aktuelles Rauchverhalten, Vergleich Deutschland- Schweiz

Abb. 5. Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten, Vergleich Deutschland- Schweiz

Abb. 6. Begleiterscheinungen des Rauchens, Vergleich Deutschland-Schweiz

Abb. 7. Wieder begonnen zu rauchen nach Entwöhnungsversuch?, Vergleich Deutschland - Schweiz

Abb. 8. Teilnahme an einer Präventionsmaßnahme, Vergleich Deutschland-Schweiz

Abb. 9. Annahme von Rauchentwöhnungskursen im schu- lischen Rahmen, Vergleich Deutschland-Schweiz

Abb. 10. Besuchter Bereich am Berufskolleg und Gymnasium, Vergleich Jungen-Mädchen

Abb. 11. Aktuelles Rauchverhalten, Vergleich Jungen-Mäd- chen

Abb. 12. Anzahl täglich gerauchter Zigaretten, Vergleich Jungen-Mädchen

Abb. 13. Begleiterscheinungen des Rauchens, Vergleich Jungen-Mädchen

Abb. 14. Wieder begonnen zu rauchen nach Entwöhnungs- versuch?, Vergleich Jungen-Mädchen

Abb. 15. Teilnahme an einer Präventionsmaßnahme, Vergleich Jungen-Mädchen

Abb.16. Annahme von Rauchentwöhnungskursen im schulischen Rahmen, Vergleich Jungen-Mädchen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 17. Geschlechterverteilung, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 18. Rauchverhalten, Vergleich Gymnasiale Ober- stufen

Abb. 19. Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 20. Begleiterscheinungen des Rauchens, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 21. Entwöhnungsversuche, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 22. Verhalten nach Entwöhnung, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 23. Teilnahme an einer Präventionsmaßnahme, Vergleich Gymnasiale Oberstufen

Abb. 24. Annahme von Rauchentwöhnungsangeboten im schulischen Rahmen, Vergleich Gymnasiale

Oberstufen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1. Vergleich Schüler an der Berufsschule und an der Mittelschule, SMASH-Studie, regelmäßig Rauchende

Tab. 2. Vergleich Schüler an der Berufsschule und an der Mittelschule, SMASH-Studie im Hinblick auf das Alter

Tab. 3. HBSC-Studie: Lebenszeitprävalenz Tabakkonsum, länderbezogener Vergleich, 11 bis 15 Jahre

Tab. 4. HBSC-Studie: Wöchentliches Rauchen, länderbezogener Vergleich, 11 bis 15 Jahre

Tab. 5. HBSC-Studie: Tägliches Rauchen, länderbe- zogener Vergleich, 11 bis 15 Jahre

Tab. 6. Alter bei Rauchbeginn, länderbezogener Vergleich

Tab. 7. Konsum der ersten Zigarette am Tag, länderbezo- gener Vergleich

Tab. 8. Aussagen zum Rauchen und zum Rauchverhalten, länderbezogener Vergleich

Tab. 9. Bevorzugte Rauchsituationen, länderbezogener Ver- gleich

Tab. 10. Bevorzugte Gefühlslagen, länderbezogener Ver- gleich

Tab. 11. Art der Begleiterscheinungen, länderbezogener Vergleich

Tab. 12. Anzahl der Entwöhnungsversuche, länderbezogener Vergleich

Tab. 13. Zeitraum der Abstinenz, länderbezogener Vergleich

Tab. 14. Einstellungen gegenüber Rauchern, länderbezogener Vergleich

Tab. 15. Hilfreich für Entscheidung, länderbezogener Vergleich

Tab. 16. Nationalität, geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 17. Alter bei Rauchbeginn, geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 18. Konsum der ersten Zigarette am Tag, Tabellenverzeichnis geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 19. Aussagen zum Rauchen und zum Rauchverhalten, geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 20. Bevorzugte Rauchsituationen, geschlechtsbezogener

Vergleich

Tab. 21. Bevorzugte Gefühlslagen, geschlechtsbezogener

Vergleich

Tab. 22. Art der Begleiterscheinungen, geschlechtsbezogener

Vergleich

Tab. 23. Anzahl der Entwöhnungsversuche,

geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 24. Zeitraum der Abstinenz, geschlechtsbezogener

Vergleich

Tab. 25. Einstellungen gegenüber Rauchern,

geschlechtsbezogener Vergleich

Tab. 26. Hilfreich für Entscheidung, geschlechtsbezogener

Vergleich

Tab. 27. Besuchte Jahrgangsstufe, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 28. Alter bei Rauchbeginn, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 29. Konsum der ersten Zigarette am Tag, schulform-

bezogener Vergleich

Tab. 30. Aussagen zum Rauchen und zum Rauchverhalten,

schulformbezogener Vergleich

Tab. 31. Bevorzugte Rauchsituationen, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 32. Bevorzugte Gefühlslagen, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 33. Art der Begleiterscheinungen, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 34. Anzahl der Entwöhnungsversuche, schulformbe-

zogener Vergleich

Tabellenverzeichnis

Tab. 35. Zeitraum der Abstinenz, schulformbezogener

Vergleich

Tab. 36. Einstellungen gegenüber Rauchern, schulform-

bezogener Vergleich

Tab. 37. Entschluss nach Teilnahme an einer

Präventionsmaßnahme, sich das Rauchen abzugewöhnen

Tab. 38. Prozentzahlen “Rauchendes soziales Umfeld”,

Gruppenvergleich

Tab. 39. Rauchende Familienangehörige, Gruppen-

vergleich

Tab. 40. Einstieg in den Zigarettenkonsum (16 bis 20 Jahre),

Gruppenvergleich

Tab. 41. Annahme von Rauchentwöhnungsangeboten im schulischen Rahmen, Gruppenvergleich

Tab. 42. Teilnahme an Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen, Gruppenvergleich

Tab. 43. Aktuelles Rauchverhalten, Gruppenvergleich

Tab. 44. Tägliches Rauchen, Gruppenvergleich

Tab. 45. Rauchentwöhnungserfahrung, Gruppenvergleich

Tab. 46. Abstinenz nach Rauchentwöhnung, Gruppenvergleich

Vorwort

„Da das Jugendalter in all seinen beschriebenen Phasen eine Zeit des Übergangs, der Fragilität der Befindlichkeiten und sozialen Lebensumstände mit der Tendenz zum Zustand der Unwirklichkeit ist, lässt sich leicht plausibel machen, dass diese Zeit hochemotional besetzt ist und deshalb so etwas wie eine strukturelle Disposition für Mittel vorhanden ist, die Unwirklichkeits- und Schwebezustände verlängern, verstärken oder kompensieren und das Ausleben der Gegenwart beflügeln“ (Böhnisch, 2002, S. 114).

Bereits zu Beginn meines Masterstudiengangs, welchen ich von März 2005 bis Februar 2007 an der Katholischen Fachhochschule in Köln absolvierte, wusste ich, dass ich mich in der Masterarbeit mit einem internationalen Vergleich auseinandersetzen wollte. Da ich zu diesem Zeitpunkt als Schulsozialarbeiterin an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen arbeitete, erschien es mir am sinnvollsten, eine Befragung unter Berufsschulschülern durchzuführen. Durch Herrn Körkel kam ich in Kontakt mit der christlichen Therapiegemeinschaft Neuhof in Emmenbrücke/ Schweiz. Deren damalige Leitung Herr Schelker und die damalige therapeutische und jetzige Einrichtungsleitung Herr Kreienbühl kamen meinem Anliegen äußerst freundlich und offen entgegen und vermittelten mir den Kontakt zur Berufsschule in Emmenbrücke, deren Schülerinnen und Schüler im Verlauf meiner Untersuchung befragt werden konnten.

Am meisten interessierte mich das Nikotinkonsumverhalten der Schülerinnen und Schüler, so dass sich das Themengebiet meiner Masterarbeit schnell eingrenzen ließ.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Herrn Körkel, Herrn Schelker und Herrn Kreienbühl bedanken, die mir die Möglichkeit eröffnet haben, meinen Traum eines internationalen Vergleiches wahr werden zu lassen. Weiterhin möchte ich meinen herzlichen Dank allen Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften gegenüber deutlich machen, die geduldig meine Fragebögen beantwortet, ihre Unterrichtsstunden mir zur Verfügung gestellt oder, wie die schweizerischen Kollegen, die Befragung selbst durchgeführt haben.

Mein Dank gilt weiterhin Herrn Oberstudiendirektor Reder, dem Leiter des Berufskollegs in Kleve, der mir gestattet hat, die Befragung an seiner Schule durchzuführen und dem stellvertretenden Schulleiter des Johanna-Sebus-Gymnasiums in Kleve, Herrn Urbach, der meinem Anliegen einer Befragung sehr großzügig entgegen kam.

Dankbar bin ich Frau Hoff und Frau Schaunig, die sich beide bereit erklärt haben, meine Arbeit zu betreuen und meine vielen Fragen geduldig beantworteten.

Und last but not least danke ich meinem Ehemann Jochen Kuthe, der mir in all der Zeit zur Seite gestanden und mich mit Rat und Tat unterstützt hat. Ihm widme ich diese Masterarbeit in Liebe und Dankbarkeit!

Fljót, im Januar 2008

1. Einleitung

Betrachtet man die Studienlage zum Nikotinkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland und in der Schweiz, findet man häufig Schüler an den Regelschulen im Focus. Studien zum Rauchverhalten an Berufskollegs/ Berufsbildenden Schulen liegen bislang kaum vor. Ausnahmen bilden die deutsche „Studie zur Förderung des Nichtrauchens“ der BZgA (2006 a), die unter anderem Daten von Schülern an berufsbildenden Schulen erhoben hat und der „Swiss Multicenter Survey on Health“ (SMASH) des Autorenteams um Narring (Narring, F., Tschumper, A., Inderwildi Bonivento, L., Jeannin, A., Addor, V., Bütikofer, A., Suris, J.C., Diserens, C., Alsaker, F. und Michaud, P.A., 2004), der Lehrlinge und Schüler nach Absolvierung der Regelschulpflicht bezüglich ihres Nikotinkonsumverhalten befragt. Die vorliegende Masterarbeit hat zum Ziel, das Rauchverhalten von deutschen und schweizerischen Schülern an berufsbildenden Schulen in einem direkten Vergleich miteinander ins Verhältnis zu setzen, um eventuell, je nach Ergebnislage einen Präventionsbedarf dieser Schüler festzustellen. Ungefähr 20 Millionen Menschen rauchen in der Bundesrepublik Deutschland (Batra, Buchkremer, 2004), von denen die Mehrzahl vor dem 20. Lebensjahr mit dem Rauchen begonnen hat (Lindinger, 2006). Von diesen konsumieren viele den Tabak abhängig: sie können den Tabakkonsum weder einstellen noch einschränken (Kröger, 2001). Im Hinblick auf die jugendlichen Raucher und junge Nikotin konsumierende Erwachsene, die im Mittelpunkt dieser Masterarbeit stehen, stellt die Shellstudie 2006 fest, dass 38,0 % der deutschen Jugendlichen täglich oder gelegentlich rauchen (Langness, Leven und Hurrelmann, 2006). Mit dem Lebensalter der Jugendlichen steigt auch die Regelmäßigkeit des Tabakkonsums an (BZgA, 2006 a; Bornhäuser, 2003). Bei den 12- bis 14-Jährigen rauchen 4 % regelmäßig, während es bei den 18- bis 21-Jährigen bereits ein Drittel sind (Langness et al., 2006). In absoluten Zahlen bedeutet dies nach Bornhäuser (2003), dass deutlich über eine Millionen der deutschen Wohnbevölkerung zwischen zwölf und 25 Jahren rauchen. Die Raucherquote bei Mädchen und Jungen ist zwischenzeitlich fast gleich hoch, allerdings besteht ein deutlicher Geschlechtsunterschied bei der Konsumintensität: der Anteil derjenigen Jugendlichen, die 20 oder mehr Zigaretten am Tag rauchen, ist bei den männlichen Jugendlichen beinahe doppelt so hoch wie bei den Mädchen. Knapp ein Fünftel der jugendlichen Raucher sind als starke Raucher (d.h. Konsum von 20 oder mehr Zigaretten pro Tag) zu bezeichnen (Bornhäuser, 2003).

Es besteht darüber hinaus ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Tabakkonsum Jugendlicher und deren Sozialstatus: je niedriger die soziale Schichtung ist, der die Jugendlichen angehören, desto häufiger rauchen sie. Dieser Zusammenhang wird mit zunehmendem Alter deutlicher (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2007; Langness et al., 2006; Robert-Koch-Institut, 2006). Das bedeutet, dass insbesondere die Angehörigen der sozial unteren Schichten besonders viel rauchen, während die Anteile der Rauchenden in sozial besser gestellten Gruppen eher rückläufig sind (Hannöver, Thyrian und John, 2004). Schmidt (2001) führt aus, dass sozial benachteiligte Menschen bis zu fünf Mal häufiger als Personen mit günstigen sozialen Rahmenbedingungen rauchen. Dieses bestätigt auch Haustein (2005), der anmerkt, dass Menschen aus sozial schwachen Schichten vermehrt zu legalen und illegalen Drogen, insbesondere Alkohol und Tabak greifen, intensiver rauchen und dieses auch seltener wieder aufgeben - dabei kann es vorkommen, dass sie bis zu 20 % ihres Einkommens für Tabakwaren ausgeben. Ein Merkmal, welches sich auch an den Schulformen festmachen lässt: an Hauptschulen beträgt der Anteil der regelmäßigen Raucherinnen und Raucher in der Altersgruppe zwischen 12 bis 19 Jahre 23 % und ist damit doppelt so hoch wie an Gymnasien mit 11% (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2007). Für die Altersgruppe der Jugendlichen lässt sich für kein Land in Europa eine höhere Rauchprävalenz als in Deutschland verzeichnen (Keil, 2005; Lampert, Burger, 2005). Lindinger (2006) kommt zu dem Ergebnis, dass inzwischen ein deutlicher Rückgang bei den Rauchern festzustellen ist und führt an, dass die Maßnahmen zur Förderung des Nichtrauchens bei Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren durchgeführt würden, nun erste Erfolge bringen würden. Bestätigt wird dieser Trend durch die Ergebnisse der Repräsentativbefragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Rauchverhalten Jugendlicher (BZgA, 2004, 2006 a), die im späteren Verlauf der Arbeit noch detailliert dargestellt werden.

In der Schweiz rauchen nach aktuellen Daten circa 30 % der Wohnbevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren. Bei den Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren ist ein Konsumrückgang in den Jahren von 2001 bis 2005 zu verzeichnen, während in demselben Zeitraum in der Gruppe der jungen Erwachsenen die Anzahl der Raucher anstieg. Im Durchschnitt rauchen in der Altersgruppe der 15- bis 24- Jährigen die Konsumenten täglich zehn Zigaretten. Des weiteren ist zu beobachten, dass weniger Jugendliche und junge Erwachsene das Rauchen wieder eingestellt haben, nachdem sie es begannen (Gmel, Annaheim, 2006). Im Jahr 2006 raucht in der Schweiz mehr als jeder zehnte 15-Jährige, was in absoluten Zahlen circa 10.000 Jugendliche sind (Schmid, Delagrande, Kuntsche, Kuendig und Annaheim, 2007). Ähnlich wie in Deutschland scheint der Tabakkonsum in der schweizerischen Wohnbevölkerung im Alter zwischen 14 und 65 Jahren ebenfalls mit der Schulbildung im Zusammenhang zu stehen: Personen mit niedrigerer Schulbildung rauchen gemäß der Zusammenfassung des Forschungsberichtes zum Tabakkonsum der Schweizer Wohnbevölkerung in den Jahren 2001 bis 2005 etwas häufiger als Personen mit mittlerer oder höherer Schulbildung. Weiterhin rauchen Personen mit niedrigerer Schulbildung in der Schweiz öfter täglich: im Jahr 2005 rauchten 28 % der Personen mit niedrigerer Schulbildung jeden Tag, während es bei den Absolventen mittlerer Schulen 24 % und bei den Absolventen höherer Schulen 19 % waren, die täglich Zigaretten konsumierten. Bei einer Untersuchung des Tabakkonsums von 16- bis 19-Jährigen im Jahr 2004/ 2005 im Zusammenhang mit ihrer Schulbildung rauchten 36 % der weiblichen und männlichen Lehrlinge und 22 % der Absolventen von Gymnasien (Keller, Krebs, Hornung, 2006 a, 2006 b). Im Jahr 2005 wurden in der Schweiz nahezu 12,7 Milliarden Zigaretten verkauft, was umgerechnet 638 Millionen Zigarettenpackungen entspricht. Diese Zahlen zeigen, dass im Durchschnitt die schweizerischen Raucher 323 Zigarettenpakete pro Jahr verbraucht haben. Im Jahr 2005 rauchten 25 % der Bevölkerung zwischen 14 und 19 Jahren (Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention, 2006). Mehr als 8.000 Personen versterben jährlich vorzeitig an der Folgen des Tabakkonsums. Direkte, durch den Tabakkonsum verursachte Kosten belaufen sich auf circa 5 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr (Bundesamt für Gesundheit (BAG), 2005).

In der vorliegenden Arbeit soll nun der Frage nachgegangen werden, ob und in welcher Form sich das Rauchverhalten deutscher und schweizerischer Berufsschulschüler unterscheidet. Ziel ist dabei die Erfassung des Konsumverhaltens und die Aufdeckung eines eventuellen Bedarfs an Unterstützung bei der Nikotinentwöhnung im schulischen Rahmen. Berücksichtigt werden dabei unter anderen die Einstellungen zum Rauchen, die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen gegen das Rauchen und die Beurteilung dieser Maßnahmen durch die Schülerinnen und Schüler. Weiterhin wird ein geschlechtsbezogener Vergleich an den deutschen Schulen und ein schulformbezogener Vergleich zwischen einem Gymnasium und einem Berufskolleg zu den oben genannten Punkten durchgeführt, um die Ergebnisse des länderbezogenen Vergleichs relativieren und bei Bedarf aus einem erweiterten Blickwinkel interpretieren zu können.

Zunächst wird in Kapitel 2 der Focus auf Besonderheiten des Jugendalters gelegt, um deutlich zu machen, weshalb gerade in dieser Zeit eine besondere Affinität zu legalen und illegalen Drogen vorherrschen kann. Im dritten Kapitel wird der Stand der Forschung hinsichtlich des Nikotinkonsumverhaltens Jugendlicher beschrieben, bevor im vierten Kapitel kurz auf die Entstehung der Tabakabhängigkeit eingegangen wird. Dies hat den Hintergrund, zu verdeutlichen, weshalb Jugendliche Nikotin konsumieren und wie dieses im Organismus wirkt. Weiterhin werden in diesem Kapitel die Folgeschäden des Nikotinkonsums beschrieben. Kapitel 5 umfasst die Darstellung der Rauchprävalenzen in Deutschland und der Schweiz, indem unterschiedliche Studien vorgestellt, bevor im sechsten Kapitel länderbezogene Präventionsmaßnahmen beschrieben werden. Kapitel 7 beinhaltet die Vorstellung der Hypothesen, die Beschreibung der Methode und der Stichprobe, während im achten Kapitel die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt werden. Das 9. Kapitel umfasst die Überprüfung der aufgestellten Hypothesen, während sich im zehnten Kapitel die Diskussion anschließt. Das Kapitel 11 gewährt einen Ausblick im Hinblick auf einen möglichen zukünftigen Umgang mit Nikotin konsumierenden Schülern an berufsbildenden Schulen.

2. Das Jugendalter

Als Jugend wird im europäischen Kulturraum die Lebens- und Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter bezeichnet (Engel & Hurrelmann, 1998; Raithel, 2004). Nach Oerter und Dreher (2002) befindet sich ein Kind ab dem 12. Lebensjahr in dieser Entwicklungsphase: die Zeit zwischen elf und 14 Jahren bezeichnen sie als frühe, zwischen 15 und 17 Jahren als mittlere und die zwischen 18 und 21 Jahren als späte Jugend. Gekennzeichnet ist diese Zeit durch Veränderungen des Hormonhaushaltes, des Körperbaus und weiterhin durch ein größeres Selbständigkeits- und Autonomiestreben der jungen Menschen (Hurrelmann & Bründel, 1997). Hurrelmann (2004) bezeichnet den Eintritt in die Geschlechtsreife, die Pubertät, als wichtigsten Gesichtspunkt in entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischer Sicht. Durch die Geschlechtsreife der Jugendlichen wird eine neue Verarbeitungsform von körperlichen, psychischen und Umweltanforderungen notwendig. Hinzu kommt ein plötzlich eintretendes Ungleichgewicht zwischen der körperlichen Entwicklung und der psychischen Dynamik der Persönlichkeit. Der gesamte Körper ist in die anatomischen, physiologischen und hormonellen Veränderungen involviert, was sich massiv auf die seelische und soziale Ebene auswirkt. Zusätzlich haben die jungen Menschen während der Adoleszenz unterschiedliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, durch die sie auf den Erwachsenenstatus vorbereitet werden sollen (Engel & Hurrelmann, 1998). Zu diesen zählt Hurrelmann (2004) :

1. Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz mit dem Ziel eine berufliche Erwerbstätigkeit im frühen Erwachsenenalter aufnehmen zu können, um die eigene ökonomische Basis zu sichern;
2. Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit. Dazu gehört, dass der Jugendliche sein verändertes körperliches Erscheinungsbild akzeptiert, soziale Bindungen zu gegen- und gleichgeschlechtlichen Gleichaltrigen und Partnerbeziehungen aufbaut, in der Regel mit dem Ziel, eine eigene Familie zu gründen;
3. Entwicklung selbständiger Handlungsmuster zur Nutzung des Konsumwarenmarktes, einschließlich der Medien, um den Umgang mit Geld zu erlernen und die Fähigkeit zu erwerben, Freizeitangebote kontrolliert und bedürfnisorientiert zu nutzen mit dem übergeordneten Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln;
4. Entwicklung eines Werte- und Normsystems und eines ethischen und politischen Bewusstseins, die mit dem eigenen Verhalten und Handeln übereinstimmen sollten (Hurrelmann, 2004).

Der junge Mensch tritt aus der Jugendphase in dem Moment in das Erwachsenenstadium über, sobald er in allen relevanten Handlungsbereichen einen sehr hohen Grad an Autonomie erreicht hat (Hurrelmann, 2004). Als erwachsen gilt demzufolge, wer sowohl ökonomisch als auch biologisch die bestehende Gesellschaft weiterführen kann. Durch das Bewältigen der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, erwerben die jungen Menschen psychische und soziale Kompetenzen in unterschiedlichen Handlungsbereichen, die die Basis für die Individuation darstellen und als Voraussetzung für eine gelungene Integration in die Gesellschaft angesehen werden. Die Abgrenzung zwischen der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter erfolgt nicht numerisch über Lebensaltersklassen, sondern anhand der Übernahme von Funktionsbereichen, wie zum Beispiel der Berufsaufnahme oder der Familiengründung (Örter & Dreher, 2002; Raithel, 2004). Dabei zergliedert sich der Übergang in den Erwachsenenstatus in eine Abfolge einzelner Statuspassagen, die nicht immer aufeinander abgestimmt sind, was zur Folge haben kann, dass die Anforderungen an die zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben teilweise in Spannung oder in Widerspruch zueinander stehen. In der heutigen Zeit tritt die Situation immer häufiger auf, dass Entwicklungsaufgaben durch den Jugendlichen/ jungen Erwachsenen nicht vollständig abgeschlossen werden, da beispielsweise eine Berufstätigkeit, aufgrund fehlender Arbeitsplätze, nicht aufgenommen werden kann (Hurrelmann, 2004). Gelingt es dem Jugendlichen nicht, die rasch auftretenden und sich verändernden physischen, emotionalen, kognitiven und motivationalen Faktoren gleichzeitig mit den Anforderungen der Gesellschaft in Form von soziokultureller Anpassungs- und sozioökonomischer Qualifizierungsleistung in Einklang zu bringen, können sich Probleme bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben ergeben, was sich erschwerend auf den weiteren Verlauf der Persönlichkeits- und Gesundheitsentwicklung niederschlägt (Böhnisch, 2002; Hurrelmann, 2004; Seifert, 1998). Probleme können sich auch gerade durch den Umstand ergeben, dass „das gesellschaftliche Arrangement von Jugend nicht mehr funktioniert, weil viele Jugendliche nicht mehr die Sicherheit haben, dass sie später auch entsprechend ihren Ausbildungen und Qualifikationen in Ausbildung und Beruf übernommen werden“ (Böhnisch, 2002, S.108). Jugendliche durchleben weiterhin eine entscheidende Phase der Ich-Bildung: sie verfügen noch nicht über eine gefestigte Persönlichkeitsstruktur und müssen einerseits sich selbst, andererseits ihren Platz als ein anerkanntes Mitglied in der Gesellschaft finden. Erschwert wird diese Phase durch den relativ uneindeutigen und unsicheren Status der Jugend bezüglich Beginn, Ende und gesellschaftlicher Teilhabe und dem Paradoxon, dass von den Jugendlichen verlangt wird, klare Positionen zu beziehen, eindeutig zu sein und zukunftstragende Entscheidungen zu fällen, wobei ihnen gesamtgesellschaftlich Perspektiven und Eindeutigkeiten fehlen, bzw. nicht geboten werden können (Seifert, 1998). In dieser Zeit, die durch eigene und gesellschaftliche Unsicherheiten geprägt ist, treten die Jugendlichen häufig aus dem Verbundssystem der Familie heraus und schließen sich mit Gleichaltrigen zusammen. Das Besondere daran ist, dass sich die Gleichaltrigen bezüglich ihrer Kompetenzen ebenfalls noch in der Entwicklung befinden und „die eigenen, noch unvollständigen und Das Jugendalter unfertigen Kompetenzen [...] keinen kompetenten Ausgleich [finden]“ (Seifert, 1998, S.19). Somit ist der soziale Übergang im Jugendalter geprägt durch ein Kompetenzdefizit: die Jugendlichen müssen sich Kompetenzen aneignen, während sie sich zeitgleich von ihren Eltern lösen und somit deren Kompetenzen verlieren. Ausgeglichen wird der Ablöseprozess von den Eltern durch den parallel stattfindenden Bedeutungsgewinn der Gleichaltrigen (Seifert, 1998).

Hurrelmann, Albert, Quenzel und Langness (2006) beschreiben, dass sich die Jugendphase heutzutage zeitlich ausdehnt. Sie beginnt in der heutigen Zeit immer früher, da sich das Datum der Geschlechtsreife im Lebenslauf deutlich nach vorne verlagert hat, zeitgleich verzögert sich das Ende der Jugendzeit dadurch, dass der Übergang in das Erwachsenenleben durch die Aufnahme einer Berufstätigkeit und die Gründung einer eigenen Familie zeitlich aufgeschoben wird. Bis zu den 1950er Jahren existierte die Jugend in einer kurzen Phase des Lebenslaufes zwischen der eingetretenen Geschlechtsreife und dem Eintritt in das Berufsleben, bzw. dem Gründen einer eigenen Familie, was nur kurze Zeit (maximal fünf Jahre) nach dem Eintritt der Geschlechtsreife erfolgte (Hurrelmann et al., 2006). Im Unterschied dazu ist die Eingliederung in das Berufsleben heutzutage mit einer wesentlichen Verlängerung der Ausbildungszeit verbunden, so dass sich dadurch bedingt die Abhängigkeit von den Eltern und die daraus resultierende Unselbständigkeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen übergebühr teilweise bis zum 30. Lebensjahr ausdehnen kann (Böhnisch, 2002; Raithel, 2004). Außerdem stellen sich den jungen Erwachsenen, selbst bei erfolgreicher Absolvierung einer Ausbildung neue Widrigkeiten, indem sie keine Arbeitsstelle finden, arbeitslos werden und auf diese Weise weiterhin von den Zuwendungen, bzw. der Unterstützung ihrer Eltern abhängig bleiben können. Der traditionelle Beendigungsmodus des Jugendalters durch die Aufnahme einer Berufstätigkeit und der damit erfolgenden Einmündung in den Arbeitsmarkt weicht in heutigen Zeiten durch die angespannte Arbeitsmarktsituation auf, was zur Folge hat, dass sich Das Jugendalter der Ablöseprozess aus den elterlichen Abhängigkeiten sowohl in räumlicher, materieller, emotionaler Hinsicht und die Übernahme neuer Pflichten und Verantwortungsbereiche, nicht mehr in der Jugend und dem jungen Erwachsenenalter in gewohnter Manier vollziehen kann. Heutzutage verläuft die Jugend individueller, die Standardchronologie von Übergangsereignissen ist aufgehoben und auch die Abfolge der Entwicklungsaufgaben ist entstrukturiert, so dass sich die jugendlichen Lebensstile sehr vielfältig darstellen können (Raithel, 2004).

Als kennzeichnend für die jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren beschreibt Böhnisch (2002), dass sie dem Jugendalter entwachsen sind, aber weiterhin unter jugendkulturell ähnlichen Bedingungen leben. Dies wird unter anderem dadurch bedingt, dass es ihnen oftmals durch Arbeitslosigkeit etc. an finanziellen Mitteln mangelt, um sich am Erwachsenenkonsum zu beteiligen und sie daher auf jugendkulturell vergleichbaren Gelegenheitsstrukturen angewiesen bleiben (Böhnisch, 2002). Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dieser Sachverhalt für die durchgeführte Studie. Deutlich wird dieses Dilemma nämlich gerade am Berufskolleg, an welchem die jungen Menschen oftmals mehrere Bildungsgänge in aufeinander folgenden Jahren in den unterschiedlichen Abteilungen der Schule besuchen, da ihnen der Weg in den ersten Arbeitsmarkt durch einen fehlenden Ausbildungsplatz und teilweise mangelnde schulische Qualifikation verwehrt ist. Ein Ziel dabei ist der Versuch, einen höherwertigen Schulabschluss zu erlangen, um attraktiver für potentielle Arbeitgeber zu erscheinen, andererseits spielt eine mindestens ebenso große Rolle, „nicht auf der Strasse zu stehen“ und etwas vorweisen zu können (im Sinne von „Ich mache Schule weiter“, was oftmals die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit ist). So sind zumindest die Teilnehmer des Berufskolleg in Kleve, die sich nicht in einer betrieblichen Ausbildung befinden und in diesem Rahmen die Berufsschule besuchen, in der Situation gefangen, dass sie einerseits der Schulzeit entwachsen sind, eigenes Geld verdienen Das Jugendalter und eine Berufstätigkeit ausüben möchten, auf der anderen Seite aber ein „Bildungsganghopping“ absolvieren (müssen), um sich sozial anerkannt zu verhalten („Ich bin aktiv, gehe zur Schule und leiste etwas für meinen Lebensunterhalt!“), weiterhin Kindergeld zu beziehen und über die Familienversicherung krankenversichert zu bleiben. Eine Situation, die es ihnen unmöglicht macht, die erstrebte Unabhängigkeit vom Elternhaus zu erlangen. Zeitgleich steigt der gesellschaftliche und innerpersonale Druck, eine Ausbildungsstelle zu finden, um zum einen am gesellschaftlichen Konsum (endlich) teilnehmen zu können und Produktivität, die sich in Form einer Ausbildungsvergütung oder später eines Gehaltes, zu beweisen. In dieser Situation erscheint es nachvollziehbar, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu psychotropen Substanzen greifen können, um den inneren und äußeren Druck zu mildern, wenn ihnen keine anderen Bewältigungsmechanismen (mehr) zur Verfügung stehen. Einerseits können sie durch den bislang legalen Zigarettenkonsum zumindest in einem Bereich erwachsen erscheinen, zum anderen könnten sie die stimulierende Wirkung des Nikotins zielgerichtet einsetzen. Auf diese Aspekte wird im weiteren Verlauf der Arbeit unter Kapitel 3 und 4 weiter eingegangen werden. Klein (2002 a) beschreibt, dass die Kinder und Jugendlichen in modernen Gesellschaften in einem besonderen Spannungsverhältnis leben: einerseits reifen sie schneller und früher, andererseits bleiben sie länger abhängig von ihren Eltern, da sich die Schul- und Ausbildungszeiten verlängern, wie bereits weiter oben beschrieben. Die Phase des Einstiegs in den Konsum psychotroper Substanzen ist eine Entwicklungsaufgabe, die sich derzeit in der späten Kindheit abspielt und sich entscheidend entweder auf den Erwerb kontrollierter Konsumgewohnheiten oder aber unkontrollierter, süchtiger Verhaltensmuster auswirkt. Heutzutage müssen Kinder lernen, kontrolliert im Sinne einer Verhaltenskompetenz mit Suchtmitteln umzugehen. Außerdem werden sie mit der Entwicklungsaufgabe des Erwerbs von Kompetenzen zur Selbstregulation ihrer Gefühle und Affekte mit Substanzen konfrontiert, dies bedeutet die Fähigkeit, „Substanzen so einzunehmen, dass sie dem Individuum in seinem Verhaltensrepertoire nützlich sind (z.B. bei Stressbewältigung, Interaktionserfahrungen, Partnersuchverhalten und Sexualität), und ohne, dass sie ihm schaden oder gar eine Abhängigkeit erzeugen“ (Klein, 2002 a, S. 13). Der Umgang mit psychotropen Substanzen ist zu einem pädagogischen Lern- und Erfahrungsfeld gewachsen (Klein, 2002 a).

3. Jugendlicher Nikotinkonsum:

ist die Zeit, in welchem zum ersten Mal der Konsum von Suchtmitteln an Bedeutung gewinnt. Suchtmittel gehören zum Bestandteil alltäglicher Verhaltensmuster der Jugendlichen. Sie können zur Bewältigung unterschiedlichster Situationen genutzt werden und durch die Erfahrungen, die viele Jugendliche in ihrer Familie bezüglich des Umgangs mit legalen Suchtmitteln machen, identifizieren sie den Konsum derselbigen als angemessene Strategie mit Belastungen und/ oder Problemen umzugehen (Seifert, 1998). In unserer Kultur verläuft die Konsumsozialisation in aller Regel über Tabak und Alkohol (Leppin, Hurrelmann und Petermann, 2000). Hurrelmann (1998) stellt fest, dass der Prozess der Persönlichkeitsbildung, die Auseinandersetzung mit inneren Bedürfnissen und äußeren Anforderungen, wie er in der Adoleszenz stattfindet, im westeuropäischen Kulturkreis schon seit alters her mit dem Gebrauch von Drogen einhergeht.

Seifert (1998) geht davon aus, dass der Konsum von Substanzen vor allen Dingen der Befriedigung alters- und entwicklungsspezifischer Bedürfnisse der Jugendlichen dient und der Gebrauch psychoaktiver Suchtmittel für jeden einzelnen Konsumenten subjektiven Sinn hat. Oftmals nutzen Jugendliche in diesem Zusammenhang Mittel zur Manipulation ihrer Befindlichkeit, um altersbedingt anfallende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Insbesondere Tabak- und Alkoholkonsum unterstützen die Loslösung vom Elternhaus und den Aufbau von Freundschaften, bzw. partnerschaftlichen Beziehungen (Langness et al., 2006). Hinzu kommt, dass die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen durch Belastungen und Überforderungen, zum Beispiel durch Konflikte mit den Eltern, Leistungsdruck in der Schule, mögliches Versagen im schulischen Bereich, Außenseiterposition etc., starken Spannungen unterworfen ist. Dieser Spannungszustand kann das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen sehr belasten und dazu führen, dass sie nach Möglichkeiten zur Reduktion der Anspannung oder des Stresses suchen und in diesem Zusammenhang psychoaktive Substanzen ausprobieren. Insofern kann im Jugendalter der Gebrauch psychoaktiver Substanzen als eine Form der Belastungsbewältigung gewählt werden (Hurrelmann & Bründel, 1997). Gerade der Zigarettenkonsum im Jugendalter weist zentrale psychische und soziale Funktionen auf. In diesem Zusammenhang nutzt der Konsument die Eigenschaften der psychoaktiven Substanzen, in diesem Fall des Nikotins, auf das zentrale Nervensystem zu wirken, instrumentell (Hurrelmann & Leppin, 2002). Auf die psychotropen Wirkungen des Nikotins und dessen Wirkung wird im weiteren Verlauf der Arbeit im Kapitel 4 „Entstehung der Tabakabhängigkeit“ noch genauer eingegangen. Der Umschlag vom Ge- zum Missbrauch ist dann gegeben, sobald der jugendliche Konsument seine alltäglichen Entwicklungsaufgaben nicht mehr ohne Unterstützung durch die Substanz bewältigen kann (Hurrelmann & Leppin, 2002). Böhnisch (2002) bestätigt diese Auffassung, indem er festhält, „dass sich die Bedeutung des Drogengebrauchs für Jugendliche aus dem mittleren Jugendalter nicht mehr nur darauf beschränkt, Stimulans für jugendkulturelles Experimentieren zu sein, sondern dass Drogen immer mehr zum problematischen psychosozialen Bewältigungsmittel werden“ (Böhnisch, 2002, S.115). Jede Droge hat bei der Bewältigung anstehender Entwicklungsaufgaben eine ganz spezifische Bedeutung und zeitgleich einen ganz bestimmten Stellenwert im sozialen Umfeld des Konsumenten (Hurrelmann & Leppin, 2002). Zu einem großen Teil sind Formen der Lebensführung, Entwicklungsprobleme oder aber gesundheitliche Beeinträchtigungen in der Jugendzeit auf eine misslingende Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den Entwicklungsaufgaben ihres Lebensalltages zurückzuführen. Solche Verhaltensweisen, wie beispielsweise Substanzkonsum, können als Symptome der Überforderung interpretiert werden (Engel & Hurrelmann, 1998; Hurrelmann, 2004). Es ist für Jugendliche äußerst schwierig durch die Verlängerung der Ausbildungszeiten, die Veränderung der Familienformen und der Schwierigkeit, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden, eine soziale Verortung auf der Entwicklung zum Erwachsenen zu finden (Engel & Hurrelmann, 1998). Hurrelmann (2004) benennt den Konsum legaler und illegaler psychoaktiver Substanzen als die verbreitetste Form der ausweichenden Problemverarbeitung. Der Einstieg Jugendlicher in den Tabakkonsum kann ein Versuch sein, sich den täglichen Lebensanforderungen zu stellen, zeitgleich Lebensfreude zu empfinden und eine Form zu finden, die altersspezifischen Entwicklungsaufgaben zu meistern: „Jugendliche, die auf Problemkonstellationen in den Entwicklungsaufgaben ausweichend reagieren, wählen den Weg der Manipulation ihrer psychosomatischen Befindlichkeit, um sich dem belastenden Druck zu entziehen“ (Hurrelmann, 2004, S. 169). Seifert (1998) verweist darauf, dass das Jugendalter und der praktizierte Umgang mit Suchtmitteln in dieser Zeit, Auskunft darüber gibt, inwieweit die Integration der Jugendlichen in die Gesellschaft funktioniert. Der Substanzgebrauch entwickelt sich dann problematisch, wenn der Drang danach so groß wird, dass der Jugendliche durch den Konsum seine körperlichen und/ oder psychischen Grenzen erreicht und sich der Suchtmittelkonsum als ein dauerhaftes Verhalten etabliert, welches der Jugendliche zur Bewältigung alltäglicher Lebensanforderungen einsetzt. Solange der Konsument durch das Suchtmittel den gewünschten Effekt erzielt, berücksichtigt er die psychischen und physischen Folgen des Konsums nicht. Weiterhin verweist Seifert (1998) auf dem Umstand, dass der Erstkonsum von Substanzen fast ausschließlich mit anderen Gleichaltrigen oder im Freundeskreis stattfindet: „Weil die Gleichaltrigen im sozialen Übergang ganz markante Bezugspunkte für den einzelnen Jugendlichen sind, wird dem Erlebnis in und mit der Gruppe eine ganz wesentliche Bedeutung beigemessen, und zwar deshalb, weil in der Gruppe die für Jugendliche ganz besonderen Aspekte wie Vertrauen, soziale Anerkennung, Lebensgefühl im Miteinander erfahren werden“ (Seifert, 1998, S. 33). Der Tabakkonsum im Jugendalter kann unterschiedliche Funktionen inne haben, so kann er: „

- der demonstrativen Vorwegnahme des Erwachsenenverhaltens dienen;
- eine bewusste Verletzung vor elterlichen Kontrollvorstellungen zum Ausdruck bringen;
- Ausdrucksmittel für sozialen Protest sein;
- ein „Instrument“ bei der Suche nach grenzüberschreitenden, bewusstseinserweiternden Erfahrungen sein;
- eine Zugangsmöglichkeit zu Freundesgruppen öffnen;
- die Teilhabe an subkulturellen Lebensstilen symbolisieren;
- ein Mittel der Lösung von frustrierendem Leistungsversagen sein;
- eine Notfallreaktion auf heftige psychische und soziale Entwicklungsstörungen sein“ (Hurrelmann, 2004, S. 171).

Als Faktoren, die vor dem Rauchbeginn schützen, gelten vor allem personale und interpersonelle, z. B. gutes Verhältnis zu den Eltern. Auch scheint ein klares und eindeutiges Bekenntnis der Eltern zum Nichtrauchen schützend zu wirken: die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Kinder in den kommenden Jahren mit dem Rauchen beginnen werden, ist weniger als halb so groß, wenn beide Elternteile das Rauchen ablehnen (Bornhäuser, 2003).

Auf der Suche nach der eigenen Identität grenzt sich der junge Heranwachsende ganz explizit gegen die Erwartungen der Erwachsenen ab und imitiert zeitgleich Verhaltensweisen, die er als erwachsenes Verhalten erlebt (Hurrelmann, 1998). Hess (1989) beschreibt, dass der Akt des Rauchens zeitgleich Anpassung und Abgrenzung ermöglicht, indem er einerseits Konformität mit der Welt der Erwachsenen herstellt, andererseits aber der junge Raucher mit seinem Verhalten gegen die Normen und die Autorität der Erwachsenen revoltiert. Durch den legalen Tabak- und Alkoholkonsum wird diese Doppelfunktion beinahe perfekt erfüllt (Leppin, Hurrelmann und Petermann, 2000). In diesem Zusammenhang kann der Tabakkonsum zu einem risikobehafteten Hilfsmittel in der Sozialisation und dem Heranwachsen der Jugendlichen werden (Hurrelmann, 1998). Außerdem wird durch die Zigarette die Interaktion in sozialen Situationen leichter strukturiert: somit verschafft das Anbieten einer Zigarette Kontakte, das gemeinsame Rauchen verbindet und bietet Anlass, miteinander ins Gespräch zu kommen. Andererseits wirkt die Zigarette wie ein Schutz, indem sie die eigene Unsicherheit oder Erregung verbirgt. Weiterhin dient die Zigarette der Selbstdarstellung, sie stimuliert sowohl psychologisch durch Potenzierung der Ich-Stärke als auch physiologisch durch die direkte Wirkung des Nikotins, der zerebralen Erregung, außerdem beruhigt sie und stellt letztendlich auch ein Genussmittel dar (Hess, 1989; Seifert 1998). Als frühen Einstieg bezeichnen Klein und Römer (2003) den Beginn des Tabakkonsums bis zu einem Alter von 14 Jahren. Sie stellen fest, dass insbesondere bei Kindern niedriger sozialer Schichten eine erhöhte Prävalenz für Tabakmissbrauch und Tabakabhängigkeit vorliegt. Die Initialsituation zum Konsum psychotroper Substanzen in unserer Gesellschaft befindet sich in der späten Kindheit und frühen Jugend. Die von Klein und Römer (2003) durchgeführte Studie befasst sich mit der Einstiegsphase in diesen Konsum. Der Umgang mit diesen Substanzen wird entwicklungspsychologisch, wenn er denn sozial integriert und unproblematisch vonstatten geht, als eine Entwicklungsaufgabe des Jugendalters angesehen, da sich diese Aufgabe zwischenzeitlich allen Kindern und Jugendlichen im Laufe des Lebens stellt. Der Einstieg des Konsums psychoaktiver Substanzen ist eine entscheidende Phase in der Entwicklung von Kindheit und Jugend. In der modernen Gesellschaft leben die Kinder und Jugendlichen in einem besonderen Spannungsverhältnis: einerseits reifen sie schneller und beginnen früher damit, das Verhalten Erwachsener nachzuahmen, andererseits dauern die Schul- und Ausbildungszeiten länger, so dass sich die Jugendlichen länger in einem Abhängigkeitsverhältnis von ihren Eltern befinden, wie bereits im Kapitel „Das Jugendalter“ beschrieben wurde. Eine Lösung dieser ambivalenten Situation erscheint schwierig bis unmöglich, so dass manche Jugendlichen darauf mit einem problematischen Substanzkonsum als Lösungsversuch reagieren, wenn ihnen andere Bewältigungsstrategien nicht zur Verfügung stehen (Klein & Römer, 2003). Lindinger (2005) verweist auf die Möglichkeit, sich durch den Konsum von Tabakprodukten, unauffällig dosiert und ohne erkennbare Ausfallerscheinungen, angenehme Effekte zu ermöglichen. Er beschreibt den Akt des Rauchens als Trost spendend, aber auch lustvoll und deklariert ihn als ein soziales Ritual. Erfahrene und geübte Tabakkonsumenten können, aufgrund des bivalenten Wirkungsspektrums des Nikotins erwünschte Effekte, wie beispielsweise Entspannung oder Anregung, durch ihr Konsumverhalten leicht erzielen (Lindinger, 2005).

4. Entstehung der Tabakabhängigkeit:

Im ICD-10 ist die Tabakabhängigkeit als Krankheit verschlüsselt mit der Ziffer 17.2 (Kröger, 2001). Sie liegt vor, wenn mindestens drei der folgenden sechs Kriterien erfüllt sind: „

1. Ein anhaltend starker Wunsch oder eine Art Zwang zu rauchen.
2. Eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Tabakkonsums.
3. Das Auftreten von körperlichen Entzugssymptomen bei Tabakabstinenz oder Reduktion der täglich gerauchten Zigaretten oder fortgesetztes Rauchen, um das Auftreten von Entzugssymptomen zu vermeiden.
4. Eine Toleranz gegenüber den physiologischen Auswirkungen des Rauchens - im Laufe der Raucherkarriere hat eine Erhöhung der Zahl der täglich gerauchten Zigaretten stattgefunden.
5. Eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Tätigkeiten zugunsten des Rauchens.
6. Fortgesetztes Rauchen trotz des Nachweises eindeutig gesundheitsschädigender Folgen.“

(Dilling et al, 1991 zitiert nach Kröger, 2001).

Die Hauptinhaltsstoffe des Tabaks sind Eiweiß, Kohlenhydrate (in Form von Stärke und Zucker), Pektin, Harz, Zellulose, Nikotin und mehrere organische Säuren und Salze (Hengartner, 1999). Das im Tabak enthaltene Nikotin ist ein pflanzliches Alkaloid und ein potentes Gift. Die medizinische Raucherforschung steht auf dem Standpunkt, dass der entscheidende Grund für den Tabakkonsum das Nikotin ist. Seine physiologischen Wirkungen können sowohl erregende als auch lähmende auf das vegetative Nervensystem sein, weiterhin kann Nikotin zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und Gefäßkonzentration führen. Es kann entspannend auf den Magen- Darm-Trakt wirken, in dem es die Verdauungsbewegung stimuliert. Durch das Nikotin kann die Atmung angeregt und die Konzentration und Gedächtnisleistung (durch die Stimulation der Synapsen aufgrund von Noradrenalinausschüttung) gesteigert werden (Hengartner, 1999). Weiterhin bewirkt es eine Zunahme des Blutdrucks und der Muskelentspannung, die Durchblutung und das Hungergefühl nehmen dabei ab. Das Nikotin erreicht das Gehirn binnen zehn Sekunden, so dass die Wirkung fast unmittelbar spürbar wird. Außerdem kann die gewünschte Nikotindosis durch die Art des Rauchens (z. B. Inhalationstiefe etc.) exakt kontrolliert werden. Das Nikotin wirkt anregend und beruhigend zugleich, allerdings sind die Wirkungen des Rauchens abhängig von der Stimmungslage des Konsumenten: ist dieser niedergeschlagen, so wirkt das Nikotin stimulierend, bei Erregung wirkt es beruhigend (Schmidbauer & vom Scheidt, 2004). Auf psychischer Ebene erfolgt eine Steigerung der Aufmerksamkeit, der psychomotorischen Leistung und der Stresstoleranz, zeitgleich nehmen Aggressivität, Nervosität und Angst ab (Kröger, 2001). Nikotin besitzt ein hohes Abhängigkeitspotential: „Die Verstärkung durch Inhalation, die Überflutung des Gehirns mit Nikotin bei jedem inhalierten Zug, lässt sich in ihrer Unmittelbarkeit nur mit der Injektion von Opiaten vergleichen“ (Hess, 1989, S. 150). Darüber hinaus haben auch die eher nebensächlichen Effekte und dabei insbesondere die oralen eine große Bedeutung für den Konsumenten während des Tabakgenusses: als erstes passiert der Tabakrauch die sensorischen Nerven des Mundes, des Rachens, und der Nase, bevor das Nikotin das Gehirn erreicht. Die Reizung dieser Schleimhäute durch das Nikotin und weitere Schleimhaut reizende Bestandteile des Tabakrauches scheinen neben Geschmack und Geruch des Tabaks eine wesentliche Rolle für den Raucher zu spielen und für ein befriedigendes Raucherlebnis genauso wichtig wie die zentralnervöse Wirkung des Nikotins zu sein (Opitz, 2000). Die Entstehung der Tabakabhängigkeit ist ein Vorgang, der sich aus vielen unterschiedlichen Faktoren zusammensetzt: Es spielen zum Beispiel genetische, personale, soziodemographische und soziokulturelle Faktoren eine Rolle. Der Einstieg in den Probierkonsum hängt deutlicher mit umweltbedingten, soziodemographischen und soziokulturellen Faktoren zusammen, während der Übergang vom experimentellen zu gewohnheitsmäßigen Konsum stärker mit personalen und genetischen Gesichtspunkten korreliert (Bornhäuser, 2003). Zu den personalen Risikofaktoren zählt Bornhäuser (2003) unter anderem ein geringes Selbstwertgefühl, geringe wahrgenommene Selbstwirksamkeit, Anfälligkeiten gegenüber dem Einfluss Gleichaltriger, Stress, Probleme im schulischen Bereich, Neugier, Rebellion, aber auch psychische Faktoren, wie Depression, Angst, Missbrauch anderer psychoaktiver Substanzen und Unwissenheit über tabakassoziierte Risiken. Zu den umweltbedingten Risikofaktoren zählen rauchende Elternteile, Geschwister und/ oder Peers: „Die Auffälligkeitsprofile rauchender und nicht rauchender Jugendlicher stützen die Annahme, dass habituelles Rauchen in starkem Umfang von der Zugehörigkeit zu Gruppen Gleichaltriger bestimmt wird“ (Prüß et al., 2004, S. 316). Opitz (2000) merkt an, dass zu Beginn der Raucherkarriere vorwiegend soziologische und psychologische Faktoren eine Rolle spielen, die im weiteren Verlauf durch pharmakologische Faktoren ersetzt werden. Er verweist darauf, dass 30 bis 50 % aller Jugendlichen, die mit Tabak experimentieren, lebenslange, regelmäßige Raucher werden. Nach neuesten Erkenntnissen führt das frühe Einstiegsalter in den Tabakkonsum durch das Rauchen zu dauerhaften Strukturveränderungen im Gehirn. Je früher im Leben das Kind/ der Jugendliche mit dem Rauchen beginnt, desto stärker sind die Veränderungen im Gehirn, die einen späteren Rauchstopp erschweren (Robert-Koch-Institut, 2006). Das Kind oder der Jugendliche versucht, sich durch sein Verhalten einen Eintritt in die Welt der Erwachsenen zu verschaffen. Dazu bietet das Zigarettenrauchen den Vorteil, dass es den Kindern verboten ist und dadurch eine eindeutige Zuordnung zur Erwachsenenwelt erhält, andererseits kann es als Konsumritual leichter als andere erwachsene Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Auto fahren, nachgeahmt werden (Hess, 1989). Weiterhin kostet es relativ wenig, die notwendigen Requisiten sind überall zu erwerben und auffällige Verhaltensweisen, wie beispielsweise nach Alkoholkonsum, sind beim Rauchen nicht zu befürchten (Hess, Kolte und Schmidt- Semisch, 2004). Stumpfe (2001) schließt aus seiner Befragung, dass Kinder und Jugendliche aus psychosozialen Beweggründen das Rauchen beginnen. Das Rauchen der ersten Zigarette wird selten als Genuss empfunden, aber die Überwindung des Hustenreizes bei einem Lungenzug und der Folgen der Nikotinzufuhr wirken bei den Kindern und Jugendlichen als Mutprobe, deren Bestehen zusätzliche Befriedigung verschafft (Hess, 1989; Hess et al., 2004). Der erste Rauchversuch ist in der Regel mit einer leichten Nikotinvergiftung verbunden (Opitz, 2000). Die Vergiftungserscheinungen können sich in Schwindelanfällen, Schweißausbrüchen, Übelkeit, Durchfall und durch die Reizung des zentralen Nervensystems in Tremor und Krämpfen äußern (Hess et al., 2004). Die große Anzahl der sozialen und psychischen Gewinne, wie zum Beispiel die Anerkennung durch den Freundeskreis sorgen allerdings dafür, dass sich die Konsumgewohnheiten, trotz der genannten Begleiterscheinungen des anfänglichen Tabakkonsums, verfestigen und fortgeführt werden (Batra & Buchkremer, 1999; Hess, 1989): „Es ist nicht die Wirkung der Droge, sondern die mit ihrem Konsum verbundene Gestik und deren soziale Bedeutung, die das Kind oder den Jugendlichen wiederholt zur Zigarette greifen lässt“ (Hess et al., 2004, S. 81). Stumpfe (2001) geht von einer groben Drittelregelung aus, was die Weiterführung des Tabakkonsums nach der ersten Zigarette betrifft: ein Drittel raucht von der ersten Zigarette an durchgehend weiter, ein Drittel unterbricht nach der ersten Zigarette den Konsum und beginnt nach einigen Jahren wieder zu rauchen und ein Drittel raucht nach der ersten Zigarette nicht weiter. Hurrelmann (1998) stellt fest, dass nur wenige Jugendliche nach ihrem 20. Lebensjahr zu rauchen beginnen. Der Einstieg in den Tabakkonsum geschieht zwischen dem 10. und dem 20. Lebensjahr, der Zeitspanne, in welcher sich auch die Abhängigkeit entwickelt (Hurrelmann, 1998). Mit zunehmender Gewöhnung des Körpers an die Nikotinzufuhr werden auch die positiven und psychotropen Effekte des Nikotins spürbar, was neben den sozialen und psychischen Verstärkern zu einer Habitualisierung der Konsumgewohnheiten führt (Batra & Buchkremer, 1999). Hurrelmann (2002) betont in diesem Zusammenhang, dass sowohl legale als auch illegale Substanzen dem Konsumenten bei der Herstellung seiner Gesundheitsbalance helfen: „Subjektiv möchte jeder Konsument mit der Droge seine gesundheitliche Befindlichkeit verbessern“ (Hurrelmann, 2002, S. 161). Hinzu kommt, dass Jugendliche die Folgen des Tabakkonsums nicht vollständig realisieren und erfassen, indem sie das Abhängigkeitspotential des Nikotins unterschätzen, aber auch, von der Annahme ausgehen, dass der Rauchstopp einfach zu bewältigen sein wird (Bornhäuser, 2003). Zwar spüren Kinder und Jugendliche während des Tabakkonsums dessen Sofortwirkungen, wie beispielsweise gereizte Augen, trockene Mund- und Nasenschleimhaut etc., aber sie unterschätzen die langfristigen Folgen des Rauchens, die umso schwerwiegender sind, da sich der Körper, der gesamte Organismus und die Organe noch im Wachstum befinden (Robert-Koch-Institut, 2006).

Beim Rauchen entwickelt sich eine starke Ritualisierung: so wird beispielsweise bei einem Konsumvolumen von 20 Zigaretten am Tag, die mit zehn Zügen geraucht werden, der Akt des Rauchens über 70.000 Mal pro Jahr ausgeführt, der dabei mit anderen Vorgängen assoziiert wird, z.B. Zigarette beim Kaffee, beim Telefonieren oder nach dem Essen. Derartige Konditionierungen entstehen bei jedem Raucher im Laufe der Zeit in großer Zahl (Hess, 1989; Kröger, 2001). Lernpsychologisch wird das Rauchverhalten dadurch verstärkt, dass die Belohnung unmittelbar auf das Verhalten (= Zigarettenkonsum) erfolgt und negative Konsequenzen erst nach längerer Zeit und nur mit statistischer Wahrscheinlichkeit eintreten, so dass sie das Positive des Zigaretterauchens nicht aufwiegen können (Batra & Buchkremer, 2004; Hess, 1989; Hess et al., 2004).

Bei der Entwicklung der psychischen Abhängigkeit spielen unterschiedliche Lernprozesse eine Rolle: Rauchende Erwachsene, Vorbilder und Freunde gelten als Modelle des sozialen Lernens, während sich klassische Konditionierungsprozesse in großer Anzahl während des Konsumverlaufes ergeben, indem sich angenehme, positive Konsequenzen des Tabakkonsums an bestimmte Tätigkeiten, Situationen, Stimmungslagen oder Schlüsselreize koppeln. Auf der Verstärkerebene zählen zu den positiven Verstärkern die psychotropen Effekte des Nikotins, die Stimmungsverbesserung, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, Konzentrationssteigerung, Entlastung durch vermehrte Raucherpausen. Negativ verstärkend wirken auf den Tabakkonsum die Vermeidung der Entzugssymptomatik, Spannungsreduktion etc. (Batra & Buchkremer, 2004). Als Entzugssymptome können depressive Stimmung, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Angstgefühle, Konzentrationsschwierigkeiten, Ruhelosigkeit, verminderte Herzfrequenz und/ oder gesteigerter Appetit/ Gewichtszunahme auftreten (Opitz, 2000).

4.1 Der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit (FTNA)

Der Fagerström-Test ist das international anerkannteste und geläufigste Messinstrument zur Erhebung der Nikotinabhängigkeit. Er erfasst neben dem Konsumvolumen (gemessen an der Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten) noch weitere Variablen des Rauchverhaltens, die eine körperliche oder psychische Abhängigkeit dokumentieren (beispielsweise das morgendliche Rauchen zur Verminderung, bzw. Vermeidung von Entzugserscheinungen oder den Rauchverzicht in bestimmten Situationen). Er besteht aus sechs Items: Erfassung der Zeit, die zwischen Aufwachen und erster Zigaretten vergeht, Erhebung der Schwierigkeit des Rauchverzichtes an Orten, an denen nicht geraucht werden darf, Frage, auf welche Zigarette der Raucher nicht verzichten würde, Erfassung des täglichen Zigarettenvolumens, Erhebung der über den Tag verteilten Konsummenge (morgens mehr als während des restlichen Tages) und Erfragung des Rauchverhaltens bei Krankheit. Das Testergebnis steht in einem Zusammenhang mit den zu erwartenden Entzugssymptomen und der Abstinenzaussicht (Batra & Buchkremer, 2004).

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Details

Seiten
213
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640472796
ISBN (Buch)
9783640472444
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139408
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Schlagworte
Nikotinkonsum Jugendalter Vergleich Deutschland Schweiz

Autor

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Titel: Nikotinkonsum im Jugendalter im Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz