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„Reeducation“ und „Reorientation“ in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Reeducation in Deutschland nach 1945
2.2. Die Begriffe „Reeducation“ und Reorientation
2.3. Links- und realpolitische Strömungen in den USA
2.4. Pläne und Akteure
2.5. Die Ziele und deren Umsetzung in der Bildungsarbeit

3.1. Franz L. Neumann
3.2. Umerziehung aus der Perspektive Franz L. Neumanns

4.Fazit und Perspektive

1. Einleitung

Das Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Deutschland häufig auch als die Stunde Null bezeichnet. Dahinter verbirgt sich nicht nur der vollständige Zusammenbruch der Infrastruktur, also die materielle Komponente, sonder auch das Einstürzen eines Ideologiegerüstes, welches nun neu erschaffen werden musste. Dabei war völlig klar, dass ohne eine Fundierung der demokratischen Grundsätze in der Gesellschaft durch Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen, die Demokratie auf lange Sicht an Legitimation verlieren würde. Besonders die neuen Generationen sollten dazu in einer Tradition erzogen werden, die die Demokratie als ihre zukünftige Staatsform akzeptieren. Dies betonte auch der Hohe Kommissar McCloy am 12. Dezember 1949, um die Schwerpunkte der künftigen Arbeit zu erläutern.[1] Sein vorrangiges Ziel war dabei, die Jugend für die Demokratie zu gewinnen. Dazu war es notwendig das gesamte Schulsystem zu reformieren, aber auch den Zugang zu Bildungseinrichtungen für alle Klassen zu ermöglichen. Besonders die USA hatten großes Interesse daran als Besatzungsmacht das Deutsche Volk mit Hilfe der Reeducation-Strategie zur demokratischen Staatsform zu bewegen, wobei dies auch unter dem Hintergrund des sich anbahnenden Kalten Krieges ganz pragmatisch gesehen werden muss.[2] Henry Kellermann bezeichnete die Reeducation als eine „eine Ergänzung der Politik mit nichtpolitischen Mitteln, den langen Hebel am Besatzungsapparat.“[3] Trotzdem ist die Ansicht zu kurz gegriffen, die Amerikaner hätten nur aus dem Dilemma der Ost-West-Blockbildung heraus die Einführung der Demokratie befürwortet.

Um die Umerziehung in Deutschland zu gewährleisten, war es notwendig den geeigneten ideologischen Unterbau zu erschaffen, auf dessen Fundament schlussendlich der sich politisch engagierende Bürger hervorkommen sollte. Unter den Begriffen der Reeducation und Reorientation wurden sobald Maßnahmen ergriffen die geneigt waren, das deutsche Volk in einer Art und Weise zu erziehen, die mit demokratischen Vorstellungen einher gingen.

Die vorliegende Arbeit versucht darzustellen was sich hinter den Begriffen der Reeducation und Reorientation verbirgt und schließt mit einem Vergleich eines der Gründungsväter der Politikwissenschaft in Deutschland Franz L. Neumann.

2.1. Reeducation in Deutschland nach 1945

Die Ziele und Vorhaben der Alliierten in Bezug auf die deutsche Umerziehung, waren getragen von den jeweiligen Nationen selbst. Ein Grundkonsens kann in der Aufgabe gesehen werden, Deutschland in einen friedlichen und demokratischen Staat umzuformen, indem keine militärische Drohkulisse mehr existent sein sollte. Darüber hinaus jedoch waren sich die Siegermächte nicht einig, was mit Deutschland geschehen sollte. Die Amerikaner hatten kurzzeitig die Idee Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln, Roosevelt, der durch dieses Vorhaben seinen Wahlkampf gefährdet sah, verwarf den Morgenthau-Plan[4] wieder. Eine andere Strömung der US-Administration unter Truman bestand in den Plänen der sogenannten Realpolitiker. Diese Strategie verfolgte nicht die Schwächung Deutschlands sondern dessen Stärkung, als Bollwerk gegen die Sowjetunion.[5] Die Franzosen unter Charles de Gaulles waren daran interessiert den Erbfeind beständig am Boden zu halten aber auch besonders viele Reparationsleistungen von Deutschland fordern zu dürfen, während die Briten, als Inselstaat, bereits Gedanken verfassten, Westdeutschland in ein Bündnis gegen den Kommunismus zu zwingen.

Hinzukam, dass sich die Kontroversen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion zunehmend verstärkte und ein Konsens nicht mehr möglich schien.

Da es insgesamt sehr vielschichtige Ansätze über die Zukunft der deutschen Bevölkerung und deren Systematik gab, wird dieser Aufsatz nur die amerikanischen Pläne behandeln, da diese auch im Hinblick auf den Vergleich mit den Gründungsvätern der Politikwissenschaft eine Rolle spielen.

2.2. Die Begriffe „Reeducation“ und Reorientation

Zunächst muss das Selbstverständnis, das von großen Teilen der Öffentlichkeit sowie den amerikanischen Politikern getragen wurde geklärt werden, die in dem Kampf gegen den Nationalsozialismus einen Kreuzzug des Guten gegen das Böse sahen.[6] Aus dieser Perspektive heraus wird auch klar, dass die Amerikaner ihre Aufgabe als eine Art säkulare Mission verstanden, die zugleich von einem enormen Sendungsbewusstsein bestimmt war. Der Begriff Reeducation selbst wurde am 28. Dezember 1942 das erste Mal offiziell verwendet,[7] sollte aber bald in den Sprachgebrauch der amerikanischen Publizisten einfließen. Hierbei ist anzumerken, dass es im Hinblick auf die anderen Besatzungszonen andere Begriffe waren die benutzt wurden, um die Umerziehung zu beschreiben.[8]

Die Verwendung des deutschen Begriffes der Umerziehung als pedant zu Reeducation, sieht Karl Ernst Bungenstab sehr kritisch, da er zu stark das Erziehungselement betont.[9] Die Bedeutung drängt also mehr auf den Willen zum Wandel und nicht nur einfache Umerziehung.

Da in der Psychotherapie der Begriff Reeducation auf eine Korrektur der Verhaltensmuster eingeht kamen auch aus dieser Richtung Beiträge und Forschungsansätze.

Als eine der ersten Arbeiten auf psychiatrischem Niveau kann die Arbeit von Richard M. Brickner gewertet werden. Sein Aufsatz zur Diagnose und Therapie einer paranoiden Tendenz, geht der Frage nach, wie das aggressivste Land der Erde in eine friedliche Nation zurückgeführt werden kann.[10] Zwar erregte erst später seine Monographie „Is Germany Incurable“ die Öffentlichkeit, jedoch, so stellt Uta Gerhardt fest, war es eben nötig die Reeducation auch unter einer psychiatrischen Etikette zu betrachten.[11] Um aber am Ziel der Reeducation festhalten zu wollen, war es nötig die Schalthebel der Macht und die Eliten im neuen Deutschland auszutauschen. Das es gerade in dieser Beziehung arge Probleme durch Personalmangel gab ist längst kein Geheimnis mehr. Das dieses Unterfangen trotz seiner Schwierigkeiten in die Tat umgesetzt wurde, beziffert Kellermann es als eine beispiellose wenn auch nicht unumstrittene Aktion der Besatzungsmacht.[12] Den offiziellen Anstoß zur Reeducation gab die Direktive 296/5 die am 21.August 1946 veröffentlicht wurde.

„The re-education of the German people ca be effective only as it is an integral part of a comprehensive program for their rehabilitation. The cultural and moral re-education of the nation must, therefore, be related to policies calculated to restore the stability of a peaceful German economy and to hold out the hope for the ultimate recovery of national unity and self-respect.“[13]

Fasst man den Rahmen letztendlich genau und versucht anhand der Direktiven eine Ordnung vorzunehmen, endet die Reeducationpolitik mit der JCS-Direktive 1779, deren neuer Kurs nun die kulturelle Re-Orientierung war.[14] Der kurz gefasste Unterschied zwischen Reeducation und Reorientation lag im Wesentlichen in der Perspektive. Da die harte amerikanische Propaganda nicht die gezielte Wirkung zeigte, entschlossen sich die USA nicht mehr die Verbrechen der Deutschen zu thematisieren, sondern eher auf die positivistischen Errungenschaften der Demokratie einzugehen, um damit die Zweifler zu überzeugen. An vorderster Front stand demnach die Demokratisierung der Deutschen durch die Reorientation als Mittel zum Zweck. Das ehemalige Ziel der Reeducation, Aufklärung durch Abschreckung, wurde damit zugunsten der Vermittlung von positiven Inhalten verschoben. Die Hauptbotschaft von vielen amerikanischen Filmen war dabei auf die Notwendigkeit einer Demokratie gerichtet, was über das Medium Kino vermittelt wurde. Der Begriff der Reorientation ist oft auch als Amerikanisierung bezeichnet wurden und erklärt die Faszination der jungen Generation über den neuen Lebensstil der Amerikaner mit seinen materiellen Möglichkeiten und individuellen Freiheiten.[15]

Mit anlaufender Wirtschaftshilfe und der zunehmenden Hoffnung der Deutschen im neu entstehenden Europa eine rehabilitierte Rolle spielen zu dürfen, kam es zu Zweifeln an der Echtheit der deutschen Umorientierungserfolge. Die Frage wurde gestellt, inwieweit das deutsche Volk schon reif sei für eine Demokratisierung? Die verinnerlichten Werte einer autoritären Demokratie, wären wiederum nur Anpassungsleistung des deutschen Volkes gewesen, nicht aber mit den dem Ziel der Demokratie vereinbar gewesen.

2.3. Links- und realpolitische Strömungen in den USA

Einen großen Stellenwert nehmen in dieser Betrachtung die Standpunkte der Präsidenten ein, deren Pläne wie oben schon erwähnt in entgegengesetzte Richtungen gingen. Franklin D. Roosevelt kannte Deutschland, er war vertraut mit der Sprache und hatte als Kind häufig am Volksschulunterricht in Deutschland teilgenommen. Das führte früh zu einer Abneigung gegenüber dem wilhelminischen geprägten Deutschland mit seiner Arroganz und seinem Militarismus.[16] Die Machtübernahme durch Hitler und die antidemokratischen Tendenzen sowie der Antisemitismus bestätigen in dieser Weise seine Vorstellungen und schufen in ihm die Meinung, dass Deutschland eine „grässliche Nation“ sei.[17] Das sich Roosevelt allerdings von seinen Emotionen leiten ließ und als Deutschenhasser zu verstehen ist kann nicht bestätigt werden, gleichwohl die Situation schon dafür sprechen würde. Aus dieser Sicht ist es auch nicht verwunderlich, dass Roosevelt zu den Sympathisanten der Linken Denkschule gerechnet wurde, deren Protagonist Henry Morgenthau war. Die institutionelle Planung wurde ab September 1944 von drei Behörden geleitet, dem Kriegsministerium, dem Außenministerium und dem Finanzministerium. Henry Morgenthau, der seit 1933 Staatssekretär im Finanzministerium war konnte zunächst seine Standpunkte durchsetzen, was konkret hieß, dass das Finanzministerium eine führende Rolle in der Deutschlandplanung übernahm.[18] Roosevelt war nun im Stande das Finanzministerium als Sprecher eines liberalen Antigermanismus zu benutzen, vor allem mit der These, dass es den neuen Geist der Vereinten Nationen repräsentiere, während dem Außenministerium lediglich das veraltete amerikanische Nationalinteresse vertrete.[19]

Im Vordergrund dieser Strömung sollte die Einsicht in die Kollektivschuld stehen, sowie die Erkenntnis, dass das eigene Elend selbst verschuldet sei. Unter diesem Aspekt sollte es gelingen den Deutschen eine neue Moral beizubringen, ihnen zu lehren das sie keine Herrenrasse seien, das Krieg oder Kriegsregeln verachtenswert ist sowie das es keinen blinden Gehorsam geben muss.[20]

Die Mittel waren die Zerschlagung Preußens und des Kapitals, tiefgreifend politische Säuberungen und radikale Zwangsreeducation.[21]

[...]


[1] Vgl. Hermann-Jopsef Rupieper: Die Wurzeln der Westdeutschen Nachkriegsdemokratie. Der Amerikanische Beitrag 1945-1952, Opladen 1993, S. 110.

[2] Vgl. Birgit Braun: Umerziehung in der amerikanischen Besatzungszone. Die Schul-und Bildungspolitik in Württemberg-Baden von 1945 bis 1949, Münster 2004, S. 16.

[3] Henry Kellermann: Von Reeducation zur Reorienation. Das amerikanische Reorientierungsprogramm im Nachkriegsdeutschland. In; Manfred Heinemann (Hrsg.) Umerziehung und Wiederaufbau. Die Bildungspolitik in Deutschland und Österreich, Stuttgart 1981, S. 87.

[4] Vgl.Wolfgang Lautemann und Manfred Schlenke: Geschichte in Quellen. Die Welt seit 1945, München 1980, S. 66-68.

[5] Vgl. Jutta-B. Lange-Quassowski: Neuordnung oder Restauration. Das Demokratiekonzept der amerikanischen Besatzungsmacht und die politische Sozialisation der Westdeutschen: Wirtschaftsordnung – Schulstruktur -Politische Bildung, Opladen 1979, S. 109. Diese Strömung der Politik äußerte sich in der am 12. März 1947 verkündeten Truman-Doktrin. Sie stand damit am Anfang der „Containment-Politik“.

[6] Vgl. Braun, S. 16.

[7] Von Vizepräsident Henry Wallace anläßlich des Jahrestages der Geburt von Woodrow Wilson.

[8] Die Briten verwendeten häufig den Begriff „Reconstruktion“, die Franzosen „mission civilisatrice“ und die Sowjets den Terminus der „antifaschistisch-demokratische Umgestaltung“.

[9] Vgl. Karl-Ernst Bungenstab: Umerziehung zur Demokratie? Reeducationpolitik im Bildungswesen der US-Zone 1945-49, Düsseldorf 1970, S.19.

[10] Vgl. Richard M. Brickner: The German Cultural Paranoid Trend, in: American Journal of Orthopsychiatry 12 (1942), S. 611-632.

[11] Vgl. Uta Gerhardt: Re-education als Demokratisierung der Gesellschaft Deutschlands durch das

amerikanische Besatzungsregime, in: Leviathan, H. 3 (1999), S. 365.

[12] Vgl. Henry J. Kellermann: Reeducation, in: Manfred Heinemann (Hrsg.) Umerziehung und Wiederaufbau. Die Bildungspolitik in Deutschland und Österreich, Stuttgart 1981, S. 86.

[13] State-War-Navy Coordinating Committee Directive (SWNCC 269/5). In Germany 1947-1949, S. 542.

[14] Vgl. Gerhardt, S. 356.

[15] Vgl. Claus-Dieter Krohn: Ein intellektueller Marshallplan? Die Hilfe der Rockefeller Foundation beim Wiederaufbau der Wissenschaften in Deutschland nach 1945, in: Hans Braun / Uta Gerhardt / Everhard Holtmann (Hrsg.): Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945, Baden-Baden 2007, S. 227.

[16] Vgl. Henke, S. 69.

[17] Zit. nach: John L. Snell: Wartime origins of the east-west dilemma over Germany, New Orleans 1959, S. 31.

[18] Vgl. Caspar von Schrenk-Notzing: Charakterwäsche. Die Politik der amerikanischen Umerziehung in Deutschland, Berlin 1996, S. 66f.

[19] Vgl. Caspar von Schrenk-Notzing, S. 67.

[20] Vgl. Jutta-B. Lange-Quassowski, S. 108.

[21] Vgl. Henke, S. 70f.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640494408
ISBN (Buch)
9783640494477
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139471
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Politikwissenschaft
Note
2+
Schlagworte
Reeducation Reeorientation USA

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