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Das Ästhetische bei Goethe

Kleine Analyse von Goethes Kunstkonzeption bezüglich des ästhetischen Erlebnisses und allfälliger Probleme dieser Theorie

Seminararbeit 2005 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kunst und Natur
2.1. Das ästhetische Erlebnis
2.2. Beispiel einer konkreten Anwendung: Torquato Tasso

3. Abschliessende Be merkungen und Fazit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Zeitlebens hat sich Johann Wolfgang von Goethe mit dem Thema der Asthetik auseinandergesetzt und im Laufe von Jahrzehnten eine einzigartige und futuristische Kunstkonzeption entwickelt, die in ihren Grundzilgen zwar mehrheitlich gleich bleibend war, sich aber dynamisch den Veranderungen und Erkenntnissen in Goethes Leben angepasst hat. Ich werde versuchen in dieser Arbeit eben diese Grundzilge aufzuzeigen und in einem konkreten Anwendungsbeispiel ,Torquato Tasso' zu verdeutlichen. In beinahe allen seinen Werken finden sich diverse Elemente der Asthetik, insbesondere aber in seinen asthetischen Schriften. Diese asthetischen Schriften bilden in ihrer Gesamtheit eine grundsatzliche Revision der Wahrnehmungsstrukturen der Aufklarung und der Schwarmerei der Romantik, mit dem Ziel einer Restitution der sinnlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit nach dem Vorbild der Klassik. Aufgrund dieser extrem kontroversen und provokativen Sichtweise baute sich Goethe zum Selbstschutz eine Festung, oder anders gesagt, er baute sich selbst zur Festung aus. Denn die Wahrnehmungsverordnungen von normativ-idealistischem Denken waren fur ihn eine Krankheit, und nur die Klassik das Gesunde. Als Beurteilungsinstanz wird dem aufklarerisch-romantischen Regelsystem eine relativ einfach strukturierte Gefuhlsasthetik entgegengesetzt, die in einer genialischen und prozesshaften Naturvorstellung grundet. Die Genies sind menschliche Mittlerwesen zwischen der gottlichen und der irdischen Welt, die anderen Menschen eine Ahnung vom Libergeordneten Prinzip geben konnen. Ausser dem hier Gesagten, werde ich in dieser Arbeit allerdings nicht weiter auf den Begriff des „Genies" im Sinne Goethes und der damit zusammenhangenden Problematik der „Intention des Kiinstlers (Genies)" und des „kiinstlerischen Sehens" eingehen. Ich werde diese Werte in dieser Arbeit als korrekt und implikationslos annehmen und meinen Fokus hauptsachlich auf den rezeptiven Teil Goethes Asthetiktheorie richten, d.i. das wahrnehmende Subjekt mit dem korrespondierenden Kunstobjekt.

Die Liebe zur Natur scheint die grosste Leidenschaft in Goethes Leben zu sein und beschreibt den zentralen Hintergrund seiner gesamten Denk- und Lebensweise, und so lebte er mit ihr im Einklang, als Forscher wie als Dichter, und richtete alles auf die Harmonie und den Einklang von Natur und Kosmos, um Gegensätze miteinander zu versöhnen: „Das Ganze ist eine riesige Einheit, ein sich selbst tragendes [...] Konstrukt" (Hildebrand 1999: 16). Goethe, der Naturwissenschaftler, entwickelte sogar den unerhörten Ansatz, die Welt ganz aus sich selbst heraus zu erklären, aus eigenem Erleben, aus eigenem Selbstbewusstsein das ganze Leben als eine einzige Behauptung zu betrachten. Aus diesem Weltbild folgt, dass der Mensch nun endgültig die Grenzen seiner metaphysisch-transzendentalen Geborgenheit sprengt, das Prinzip des Göttlichen als eigene schöpferische Potentialität übernimmt und als Leistung seiner innersten Natur, seiner geistigen wie gefühlsmässigen Möglichkeiten anerkennt. Im Rausche solch totaler metaphysischer Emanzipation kommt Goethe zum Schluss, dass es keine absolute Wahrheit gibt, die erkannt oder erreicht, sondern nur gedacht werden kann. Da es also keine objektive Wahrheit in der Welt gibt, kann es folglich auch keine objektive Schönheit in der Natur geben. Schönheit kann einzig und allein mit dem Herzen empfunden werden. Ich werde dieses grundlegende und basale Verhältnis von Natur und Kunst in Abschnitt 2 genauer erörtern. Unter Punkt 2.1, das ästhetische Erlebnis, werde ich dann meinen Lösungsansatz unterbreiten, wie nach Goethe innerhalb dieses Spannungsverhältnisses das ästhetisch Höchste hervorgebracht und erlebt werden kann.

Im Abschnitt 2.2 werde ich das Stück Torquato Tasso auf Parallelen zu Goethes Asthetikkonzeption untersuchen. Ich hege allerdings nicht den Anspruch, dieses Drama nachzuerzählen, zu interpretieren oder gar Goethes gesamte Konzeption anhand dieses einen Werkes aufzeigen zu können, sondern ich möchte lediglich auf einige konkrete Anwendungsvarianten ästhetischer Elemente hinweisen, die sich in den unterschiedlichen Werken zu unterschiedlichen Lebenszeiten immer wieder änderten oder auch gleich blieben. Ich werde aufzeigen, dass Goethe mit Tassos Welt (Arkadien) eine mehr oder minder ideale Basis für die ästhetische Tätigkeit beschreibt und die Protagonisten unter anderem dazu verwendet, die produktive sowie die rezeptive Seite seiner Asthetik zu reflektieren. Ich gehe davon aus, dass Goethe die Personen dieses Stücks archetypisch verwendet als Stellvertreter für ganze Bevölkerungsschichten oder Weltansichten. Diese Interpretationsansätze seiner Asthetik in Bezug auf das Werk ,Torquato Tasso' sind natürlich zeitlich bedingt zu verstehen, da Goethe, wie bereits erwähnt, bis zu seinem Lebensende immer wieder seine Ansichten modifiziert und angepasst hat.

2. Kunst und Natur

Goethes Kunstanschauung gründet tief im Naturwesen und sein Begriff des ästhetischen Erlebens setzt deshalb ein klares Verständnis der Beziehung von Kunst und Natur voraus. Die Herausbildung seiner Kunstkonzeption wurde vorwiegend durch Sehen, Studium und Erfahrung bestimmt. Sowohl die Entstehung als auch die Wahrnehmung der Kunst ist für ihn einerseits an örtliche Gegebenheiten und natürliche Anlagen gebunden, andererseits hält er ein Anderssehen nicht nur für möglich sondern auch wünschenswert. Der Vorsatz, so zu sehen, wie kein anderer sieht, stiess zwar auf vehementen Widerspruch, wurde für Goethe aber zu einem zentralen Element seiner ästhetischen Tätigkeit. Auf dieser Basis kommt in seinen ästhetischen Schriften immer wieder symbolisch das Verhältnis von Selbstsein und der Welt zum Vorschein, d.h. subjektives versus objektives betrachten und erfahren. In Bezug auf die Kunst bedeutet das nun, dass Kunstwerke Gefühle und Stimmungen erwecken, welche die Natur auch erweckt oder zumindest erwecken könnte. Kunst und Natur sind für Goethe insoweit identisch, als der Künstler zur Natur gehört, als sich die Gesetze des Schaffens an Naturphänomenen studieren lassen und für den Künstler eine genaue Kenntnis der Natur unabdingbar ist. Nur so kann von der Kunst als einer zweiten Natur gesprochen werden, ohne dass die Kunst dadurch zur Naturnachahmung wird:

„Der Künstler hat zur Natur ein zwiefaches Verhältnis: er ist ihr Herr und ihr Sklave zugleich. Er ist ihr Sklave, insofern er mit irdischen Mitteln wirken muss, um verstanden zu werden; ihr Herr aber, insofern er diese irdischen Mittel seinen höheren Intensionen unterwirft und ihnen dienstbar macht."[1]

Goethe sieht eine klare Wechselseitigkeit der Beziehungen zwischen Natur und Kunst. So wie uns die Natur zum Verständnis der Kunst dienlich ist, so kann ihrerseits auch die Kunst bei der Erklärung der Natur hilfreich sein. Was Goethe hier am meisten interessiert sind die Obergänge, die Grenzen der Kunst zur Wissenschaft, der Natur zur Kunst oder der Sinne zum Verstand, der Endlichkeit zur Ewigkeit. Ich werde auf diese zentrale Thematik des Ubergangs erst in Abschnitt 2.1 genauer eingehen. Kunst und Natur stehen also bei Goethe in einem notwendigen und produktiven Differenzverhältnis zueinander mit einem jeweils eigenen Wahrheitswert, d.h. es gibt eine Unterscheidung zwischen einer Natur- und einer Kunstwahrheit. Für Goethe steht die Kunst mit der Natur auf der einen Seite in beinahe kämpferischer Auseinandersetzung, da sie zwar in der Natur gründet aber auch über diese hinaus geht und somit die wirkenden Naturkräfte aufhebt, was die Kunst zu einer sinnlich gesteigerten und von der Natur losgelösten Erfahrung macht. Für das Erleben von wahrer Kunst stellt Goethe allerdings noch die Bedingungen auf, dass diese sinnliche Erfahrung auf einer Einheit von Genuss und Erkenntnis basieren müsse. Auf der anderen Seite hingegen ist im wahren Kunstwerk nicht das Andere zu sehen, nicht eine andere Realität, sondern eben diese Natur und Wirklichkeit. Für Goethe bedeutet das, dass die Welt des Künstlers (Genies) keine andere sein soll als die Welt aller Menschen, jedoch insofern verschieden von deren Wirklichkeit, als sie befreit ist von sämtlichen Konventionen, die den Menschen binden und blind machen gegenüber der wahren Betrachtung der Dinge. Gerade diese Schwellensituation ist das wichtigste Moment in Goethes Asthetikkonzeption: Das höchste Ziel der Kunst ist die Schönheit! „Aber was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht. Dämmerung: eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit (Brief an Frederike Oeser, 13.02.1769)." Man kann sich den Vorgang des künstlerischen Schaffens in etwa so vorstellen: Indem der Künstler irgendeinen Gegenstand der Natur ergreift, gehört dieser schon nicht mehr der Natur an, ja man kann sogar sagen, dass ihn der Künstler in diesem Augenblick erschaffe, indem er ihm das Bedeutende, Einzigartige und Interessante abgewinnt, oder vielmehr erst den höheren Wert hineinlegt. Die wahre Kunst oder das ästhetisch Schöne unterliegt keinen Regeln mehr und lässt sich nicht durch den Verstand aufschlüsseln, sondern hat sich den Naturgesetzen entzogen und kann nur durch unbefangenes Beschauen mit dem Herz erfühlt werden: Die Natur ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen. Dieses Beschauen des Asthetischen ist ein produktiver Interpretationsvorgang eines rein subjektiven Empfindens, da nach Goethe die Empfindung oder das Herz unteilbar und indeterministisch ist. Anhand dieser individuellen Beurteilungsinstanz des Asthetischen fällt also jede Möglichkeit einer objektiven Schönheit in der Natur weg:

„Die Natur des Schönen besteht ja eben darin, dass sein inneres Wesen ausser den Grenzen der Denkkraft (Verstand), in seiner Entstehung, in seinem eigenen Werden liegt. Eben darum, weil die Denkkraft beim Schönen nicht mehr fragen kann, warum es schön sei, ist es schön. Denn es mangelt ja der Denkkraft völlig an einem Vergleichungspunkte, wonach sie das Schöne beurteilen und betrachten könnte. Das Schöne kann daher nicht erkannt, es muss hervorgebracht oder empfunden werden."[2]

Das Schöne konstituiert sich also in der Vorstellung harmonischer Totalität des dargestellten Objekts durch das anschauende Subjekt. Es kommt aus dem Inneren, jenseits aller äusseren Einwirkungen von Natur, Moral oder Materie und ist unabhängig von Zeit und Ort, d.h. dass das wahre Kunstwerk aus dem (historischen) Kontext gelöst betrachtet werden muss. Goethe bestimmte also den Kunstcharakter des Werkes dadurch, dass es sich im Blick des Betrachters als lebendiges und bewegtes Bild menschlicher Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit vergegenwärtigt und die Möglichkeit der Erfahrung der Wirklichkeit des Schönen von einengenden Verhältnissen gelöst ist. Die Kunst als solche und damit die gegenstandsgebundene Erfindung des Künstlers waren für Goethe also autonom zu denken, d.h. die Kunstmittel hatten ihr zu dienen, aber nicht selbst Autonomieanspruch zu stellen. Uber die Gegenstände konnte der Künstler frei verfügen, ihre Materialisierung, damit blieb Goethe ganz in klassisch-idealistischen Bahnen, blieb nicht nur zweitrangig, sondern auf Darstellungskonzeptionen verpflichtet, die zwar durch Naturerkenntnis modifiziert sein mochten, nicht jedoch selbst die Rolle primärer Sinnstiftung übernehmen durften.

[...]


[1] J. W. Goethe, Gespräche mit Eckermann, Bd. III, S. 109

[2] J. W. Goethe (1788), Italienische Reise, 29.310-312

Details

Seiten
16
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640484393
ISBN (Buch)
9783640484546
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139698
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
Schlagworte
Goethe Ästhetik Erlebnis Natur Kunst

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