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Der Einfluss von Douglas Sirk auf das Werk von Rainer Werner Fassbinder. Ein Vergleich von „All That Heaven Allows“ und „Angst Essen Seele auf“

Seminararbeit 1996 22 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Begegnung Rainer Werner Fassbinders mit Douglas Sirk und seinen Filmen

III. Faszination Hollywood

IV. Der Stil der Sirkschen Hollywood-Melodramen und der Filme von Rainer Werner Fassbinder nach 1970

V. Fassbinders Begegnung mit All That Heaven Allows

VI. Die Entstehung von Angst essen Seele auf

VII. All That Heaven Allows und Angst essen Seele auf

VIII. Schluß

IX. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Blütezeit der amerikanischen Hollywood Melodramen waren die 40er und 50er Jahre. Die Filmkritik hat diese Filme mit seinen vorwiegend weiblichen Protagonistinnen und Zuschauern nie besonders ernst genommen. Abfällig wurden sie "tearjerker" oder "woman`s weepie" genannt. Erst als sich Ende der 60er Jahre die angelsächsische Filmkritik der französischen Autorentheorie und der strukturalistischen und neo-marxistischen Ästhetik öffnet, beginnt das Genre "Filmmelodram" für sie interessant zu werden. Einer der ersten Regisseure, die "wiederentdeckt" wurden, war Douglas Sirk. Er wurde zunächst als links-intellektueller Regisseur in Brecht-Tradition interpretiert, der trotz des Studio-Systems durch "Entfremdung" und subversivem Einsatz der Mise en scène in seinen Filmen Eisenhowers Amerika kritisiert.[1] Mit der Wiederentdeckung der Melodramen von Douglas Sirk interessierten sich die Kritiker auch für die Filme anderer Melodramen-Regisseure, wie Minnelli, Ray, Ophuls, Cukor and Kazan. Thomas Elsaesser war einer der ersten Theoretiker, der das Hollywood-Melodram in Bezug zur europäischen Tradition der melodramatischen Form setzte.[2] Mitte der 70er Jahre wurde das Melodrama vor allem unter psychoanalytischem und feministischen Gesichtspunkten (Bedeutung der weiblichen Protagonistinnen und Zuschauer für die Filmanalyse)[3] betrachtet.

Die Tendenzen der Filmkritik im französischen und angloamerikanischen Raum machten sich in Deutschland kaum bemerkbar. Hier war für die Wiederentdeckung und Neubewertung des amerikanischen Melodramas, und Douglas Sirk im besonderen, Rainer Werner Fassbinder sehr wichtig. Durch seine Äußerungen über Douglas Sirks Filme und seine Hommage an ihn in Essays und Interviews und den Einfluß von Sirks Filmen, der sich in seinem Werk widerspiegelte, wurde die Kritik und das Publikum verstärkt auf seine Melodramen aufmerksam.

Im folgenden möchte ich diese schicksalhafte Begegnung zwischen einem der erfolgreichsten Hollywood-Regisseure der 50er Jahre, Douglas Sirk[4] und dem bedeutenden deutschen Nachkriegsregisseur Rainer Werner Fassbinder genauer betrachten. Fassbinder selbst sagt in einem Interview von 1974: "Eigentlich ist der Sirk, seit ich Filme von ihm gesehen habe und versucht habe, darüber zu schreiben, in allem drin, was ich seither gemacht habe. Nicht Sirk selbst, sondern das, was ich dabei gelernt habe."[5]

Ich möchte in meiner Arbeit diesen Einfluß, den Douglas Sirk auf Fassbinder hatte, aufzeigen und anhand des Films All That Heaven Allows von Douglas Sirk aus dem Jahr 1955 und Fassbinders Remake Angst essen Seele auf aus dem Jahr 1973 versuchen, die Stile der beiden Regisseuren miteinander zu vergleichen.

II. Die Begegnung Rainer Werner Fassbinders mit Douglas Sirk und seinen Filmen

Rainer Werner Fassbinder, der 1945 geboren wurde, war bereits als kleines Kind vom Kino fasziniert. Seit seinem fünften Lebensjahr schaute er sich in den Münchner Kinos alles an, was er zu sehen bekam, und das waren im Nachkriegsdeutschland vor allem amerikanische Hollywoodfilme. Besonders gerne sah er Western und Gangsterfilme. Diese Genres hinterließen in Fassbinders Filmen, vor allem bei seinen Figuren, deutliche Spuren. Die Regisseure, die sein frühes Schaffen zunächst sehr prägten, waren Raoul Walsh[6], Jean-Pierre Melville, Claude Chabrol[7], J.-L. Godard[8], Eric Rohmer[9] und Jean-Marie Straub[10]. Nach einer erfolglosen Bewerbung an der Berliner Filmhochschule drehte er 1966/67 seine ersten beiden Kurzfilme Der Stadtstreicher und Das kleine Chaos. 1967 wendete er sich mehr dem Theater zu und ging an das Action-Theater in München, wo er ein Jahr später das antitheater gründete. 1969 drehte Fassbinder mit dem Ensemble des antitheaters seinen ersten Spielfilm: Liebe ist kälter als der Tod. Darauf folgten noch acht weitere Filme bis zur Begegnung mit Douglas Sirk.

Das Jahr 1970 war ein entscheidender Wendepunkt in Fassbinders Schaffen, als er Ende des Jahres im Filmmuseum München die ersten Melodramen von Douglas Sirk kennenlernte. Anläßlich einer Retrospektive wurden sechs Filme gezeigt: All That Heaven Allows, Written on the Wind, Interlude, The Tarnished Angels, A Time to Love and a Time to Die und Imitation of Life.

"Ich habe sechs Filme von Douglas Sirk gesehen. Es waren die schönsten der Welt dabei."[11] schreibt Fassbinder begeistert in einem für die Wiederentdeckung von Sirks Melodramen wichtigen Artikel über die Filme. Der Eindruck auf ihn war so groß, daß er sofort Douglas Sirk in Lugano in der Schweiz besuchte und ihn bat, ein Drehbuch von ihm zu lesen: "Er war halt ganz anders, als ich mir bis dahin einen Hollywood-Regisseur vorgestellt hatte, er war so, wie ich es gewünscht habe. Ich wollte gerne, daß jemand, der Hollywood-Filme macht, nicht unbedingt nur Micky-Maus-Hefte liest und Kaugummi kaut, sondern daß man mit dem auch über Arnold Bronnen und Brecht sprechen kann. Sirk hat es geschafft, die Bedürfnisse des Systems zu erfüllen und trotzdem persönliche Filme zu machen. Nachdem ich zehn Filme gemacht hatte, die sehr persönlich waren, kam der Punkt, wo wir gesagt haben, wir müssen eine Möglichkeit finden, Filme fürs Publikum zu machen - und da kam für mich die Begegnung mit den Filmen und dem Douglas Sirk persönlich. Das war unheimlich wichtig für mich."[12]

Seit dieser Begegnung zeichnete sich in Fassbinders Werk immer deutlicher eine Veränderung ab, die sich als erstes in seinem Film Der Händler der Vierjahreszeiten von 1971 bemerkbar machte. Nachdem Douglas Sirk 1973 einen Lehrauftrag an der Münchner Filmhochschule erhielt, vertiefte sich die Freundschaft zwischen ihm und Fassbinder. 1978 drehten die beiden mit Münchner Filmstudenten den Kurzfilm Bourbon Street Blues.

III. Faszination Hollywood

Rainer Werner Fassbinder war schon in seiner Kindheit von der schillernden Welt der Hollywoodfilme fasziniert, zunächst jedoch von den Western und Gangsterfilmen mit ihren mehr oder weniger glorreichen männlichen Helden. Die Figuren in Fassbinders Filmen scheinen diese Helden oft zu imitieren. Auf das amerikanische Filmmelodram kam er aber erst durch Douglas Sirk. Fassbinder strebte nun an, solche "perfekten" Filme zu machen wie er.

In einem Interview von 1971 distanziert er sich vom Film als "Kunst"-gattung, zu der seine Filme von der Kritik gezählt wurden: "Der amerikanische Film ist der einzige, den ich wirklich ernst nehmen kann, weil er sein Publikum erreicht. ... weil er eben nicht versucht hat, Kunst zu sein. Der amerikanische Film ist spannend und unterhält sein Publikum. Die Erzählweise ist nicht so kompliziert oder künstlich - künstlich ist sie natürlich, aber nicht künstlerisch. Ich mag Kunst nicht. ... der Unterschied besteht darin, daß ein Europäer nicht so naiv ist wie ein Hollywood-Regisseur. Wir müssen uns immer überlegen, was wir machen, warum wir das machen und wie wir das machen, aber ich bin sicher, daß es mir eines Tages gelingen wird, naive Geschichten zu erzählen."[13] Problematisch findet Fassbinder aber nicht nur die Tendenz der deutschen Filmemacher nach dem Zweiten Weltkrieg, sich mit einem künstlerischen Anspruch historisch abzusichern, sondern immer mehr auch die Entwicklung innerhalb der deutschen Filmindustrie. Trotzdem er sich keinem großen Studio unterordnen muß, steht er immer mehr unter dem Druck der Förderungsanstalten, der Verleiher und Fernsehanstalten. 1977, als Fassbinder ernsthaft überlegt nach Hollywood zu gehen, äußert er über seine Situation in Deutschland: "Wenn die Situation noch schlimmer wird, möchte ich lieber in Mexiko Straßenkehrer sein als in Deutschland Filmemacher. Mir sind Zensuren, die auf dem Papier stehen. lieber als die eingebildete Freiheit, wo ich Zensur selber mitliefere."[14] Unter Studiobedingungen verspricht er sich bessere Möglichkeiten: "Ich meine, daß ich in Hollywood mehr Freiheiten habe, weil die ganz eindeutig kommerziell interessiert sind. Douglas Sirk liegt mir schon seit vier Jahren damit in den Ohren, daß ich unbedingt nach Amerika gehen muß. Er sagt, in dem Moment, wo sie an dir verdienen wollen, geben sie dir die Möglichkeit, daß sie an dir verdienen könnenIch sage nur, lieber auf diese Art und Weise unfrei sein, als hier mir einbilden müssen, ich wäre frei. Wenn ich hier weiterarbeiten wollte, müßte ich mich letztlich auf Dinge einlassen, auf die ich mich in Amerika auf keinen Fall einlassen würde."[15]

Sirk selbst beschreibt Jon Halliday seine Produktionsbedingungen in Hollywood so: "Of course, I had to go by the rules, avoid experiments, stick to family fare, have 'happy endings', and so on. Universal didn`t interfere with either my camerawork or my cutting - which meant a lot to me."[16] Freiheit in Kamera und Schnitt hätten Fassbinder sicher nicht ausgereicht. Während Douglas Sirk auch die Crew und die Besetzung relativ frei bestimmen konnte und er oft mit dem gleichen Team arbeitete[17], wurden ihm meistens die Drehbücher vom Studio fertig vorgelegt. Fassbinder hat dagegen die Drehbücher zu seinen Filmen größtenteils selber geschrieben.

Obwohl die "paradisischen" Produktionsmittelverhältnisse verlockend waren, ging Fassbinder schließlich doch nicht nach Hollywood. Letztlich umgestimmt wurde er durch den Hinweis Sirks, daß er dort doch nicht hinpasse, da er für Amerika zu romantisch sei und dort untergehen würde.[18]

[...]


[1] Vgl.: Willemen, Paul: Distanciation and Douglas Sirk. In: Laura Mulvey und Jon Halliday: Douglas Sirk. Edinburgh, 1972, S. 23-29.

[2] Elsaesser, Thomas: Tales of Sound and Fury. In: Gladhill, Christine (Hg.): Home is Where the Heart Is. Studies in Melodrama and the Woman`s Film. London; 1987, S. 43-69.

[3] Vgl.: Mulvey, Laura: Fassbinder and Sirk. Spare Rib, September 1974. Nachdr. in: Visual and Other Pleasures. Bloomington, Indianapolis: 1989, S. 45-48.

[4] Douglas Sirk wurde im Jahr 1900 als Detlef Sierck in Hamburg geboren.

[5] Pflaum, Günther: Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein. Film-Korrespondenz, Februar 1974. Nachdr. in: Frankfurter Rundschau, 9.3.1974.

[6] Fassbinders Lieblingsfilm von Roul Walsh war der Gangsterfilm White Heat.

[7] "An Chabrols kühl kalkulierten Geschichten, die den Verfall der bürgerlichen Moral und Gesellschaftsordnung zeigen, interessierte Fassbinder die Analyse von Gefühlen, die letztlich Veränderungen bewirkte." Töteberg, Michael (Hg.): Rainer Werner Fassbinder. Die Kinofilme 1. München, 1987, S.12.

[8] Vivre sa vie hat Fassbinder 27 Mal gesehen. Siehe: Wiegand, Wilfried: Interview 1. In: Peter W. Jansen und Wolfram Schütte (Hg.): Rainer Werner Fassbinder. Frankfurt a. M., 1992, S. 75.

[9] Fassbinders Lieblingsfilm von Rohmer war Im Zeichen des Löwen.

[10] "Die Überempfindlichkeit für lange Einstellungen, die den konventionellen Sehgewohnheiten zuwider laufen, hat er zweifellos von Straub gelernt." Töteberg, Michael (Hg.): Rainer Werner Fassbinder. Die Kinofilme 1. München, 1987, S.12.

[11] Fassbinder, Rainer Werner: Imitation of Life. Über Douglas Sirk. Fernsehen und Film, Heft 2, 1971. Nachdr. in: Michael Töteberg (Hg.): Rainer Werner Fassbinder. Filme befreien den Kopf. Essays und Arbeitsnotizen. Frankfurt a. M., 1986, S.24.

[12] Burkel, Ernst: Reagieren auf das, was man macht. Süddeutsche Zeitung. 8.3.1979.

[13] Thomsen, Christian Braad: Gespräche mit Rainer Werner Fassbinder. In: Rainer Werner Fassbinder Foundation (Hg.): Rainer Werner Fassbinder Werkschau 28.5.-19.7.1992. (Ort ?), 1992, S. 32.

[14] Limmer, Wolfgang und Hellmuth Karasek: Lieber Straßenkehrer in Mexiko sein als in Deutschland Filmemacher. In: Der Spiegel, 11.7.1977. Nachdr. in: Michael Töteberg: Rainer Werner Fassbinder. Die Anarchie der Phantasie. Frankfurt a. M., 1986, S. 97.

[15] Limmer, Wolfgang und Hellmuth Karasek: Lieber Straßenkehrer in Mexiko sein als in Deutschland Filmemacher. In: Der Spiegel, 11.7.1977. Nachdr. in: Michael Töteberg: Rainer Werner Fassbinder. Die Anarchie der Phantasie. Frankfurt a. M., 1986, S. 96.

[16] Halliday, Jon: Sirk on Sirk. Interviews with Jon Halliday. New York, 1972, S. 86.

[17] "There is a pattern of remarkable consistency in the credits of Sirk`s 'production unit' at Universal. For Magnificent Obsession, All that Heaven Allows, Written on the Wind, and Imitation of Life, Sirk used the same cinematographer (Russel Metty), musical director (Frank Skinner), set designer (Russel A. Gausman), art director (Alexander Golitzen), and costume designer (Bill Thomas)." Schatz, Thomas: Hollywood Genres: Formulas, Filmmaking, and the Radiosystem. Philadelphia, 1981, S. 247.

[18] Vgl.: Läufer, Elisabeth: Skeptiker des Lichts. Frankfurt, 1987, S. 216.

Details

Seiten
22
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638194907
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13972
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Einfluß Douglas Sirk Filmmelodramen Werk Rainer Werner Fassbinder Untersucht Filmbeispielen That Heaven Allows Angst Essen Seele Filmmelodram

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