Lade Inhalt...

Martin Luther, die 95 Thesen und der Kirchenschatz

Die Bedeutung des Kirchenschatzes für das frühe reformatorische Denken

Essay 2009 18 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Der Kirchenschatz, teilweise auch als Gnadenschatz

bezeichnet, ist ein theologisches Konstrukt des Mittelalters, reicht in seinem Kerngedanken aber bis in die Geschichte der Alten Kirchen zurück.[1] Es handelt sich allerdings nicht um einen materiellen Schatz, den man in Form von Gold und Silber in Schatzkammern aufbewahren könnte, sondern eben um einen theologischen. Dieser Kirchenschatz stellte die Basis des Ablasshandels des Mittelalters dar und entsprechend ist es wenig verwunderlich, dass nicht nur der Ablass selbst von Martin Luther in seinen 95 Thesen kritisiert wird, sondern er auch direkt Stellung zum Basisgedanken bezieht.[2] Umso verwunderlicher ist es jedoch, dass gerade dieser Basisgedanke in der neueren Forschung wenig beachtet wird. Der Kirchenschatz wird immer in den Publikationen mit ein bis zwei Sätzen abgehandelt, jedoch nicht weitergehend beschrieben. Dies soll im Folgenden aber getan werden. Zuerst gilt es aber noch einmal kurz aufzuzeigen, wie die historischen Bedingungen für die 95 Thesen Martin Luthers aussahen.

Man könnte hier fast meinen, dass Martin Luther allein aus reiner Wut darüber, dass die Menschen in Wittenberg mit Ablassbriefen zu ihm kamen und sie ohne reuige Gegenleistung im Beichtstuhl einlösen wollten, die 95 Thesen verfasst und veröffentlicht hat.[3] Dies alles dann auch noch an jenem Vorabend wo in der Allerheiligen-Kirche zu Allerheiligen der Portiunculaablass gewährt wurde.[4] Dabei ist alleine der Tag, ganz zu schweigen der Thesen-Anschlag selbst, in der Forschung umstritten.[5]

Zu klären ist an dieser Stelle jedoch viel mehr, warum Luther die Thesen verfasste und den Disput suchte. Grund war wohl in der Tat der Punkt, dass die Menschen Ablassbriefe kauften und damit später zu Luther zur Beichte kamen und eine Einlösung erwarteten.[6] Die Biografen sind sich hier einig, dass dies ein Auslöser gewesen sein kann. Folgt man aber der Argumentation Martin Brechts, hat sich Luther bereits einige Jahre zuvor schon mit dem Ablass beschäftigt und gegen diesen gepredigt.[7] Luther war hier der Meinung, dass der Ablass den Menschen das Fürchten lehre t dies allerdings nicht vor der Sünde selbst, sondern eben nur vor der zu erwartenden Strafe. Luther erkannte, dass die Strafe des Fegefeuers in den Menschen zu großer Angst führte und es alleine diese Angst war, die dafür sorgte dass der Ablasshandel cflorierte^.[8] In der Allerheiligen Kirche selbst predigte er daher bereits vor Veröffentlichung seiner Thesen gegen die dort angewandte Ablasspraxis.[9] Er machte sich hierüber hinaus jedoch noch weitere Gedanken und stieß zum Kern des Ablasshandels vor t dem Kirchenschatz. Bereits 1514 war er der Meinung, dass man nicht nur vom Kirchenschatz nehmen dürfe, sondern man auch etwas hinzufügen müsse.[10] Auch war er bereits vor Veröffentlichung der 95 Thesen der Meinung, dass der Papst nicht über alle Verdienste Jesu Christi und der Kirche verfügen könne und dass der Ablass keinem Menschen etwas bringen würde, höchstens dem Reuigen und eben der würde so auch ohne Ablass die Buße ableisten.[11] Jedoch erst mit der Veröffentlichung der 95 Thesen geht Martin Luther auf diese Thematik weiter ein und betrachtet auch das Kernstück, den Kirchenschatz genauer. Im Folgenden wird daher nun zu klären sein, worum es sich beim Kirchenschatz überhaupt handelt und warum er für Luther von so großer Bedeutung war.

Der Kirchenschatz selbst ist wie bereits gesagt ein theologisches Konstrukt, welches bis in das 2. Jahrhundert zurück reicht bzw. dort seine Wurzeln hat. Nikolaus Paulus führt die erste Nennung des Kirchenschatzes auf ein Schreiben der Gemeinde Lyon an die Brüder in Asien von 177 n. Chr. zuruck, in dem bereits von der „uberflieRenden[12] Dennoch ist das, was man zur Zeit Martin Luthers unter dem Kirchenschatz verstand nicht das, was man bis etwa in 13. Jh. darunter verstanden hat. Um jedoch verstehen zu können, was der Kirchenschatz des Spätmittelalters ausmachte, ist die Entwicklung näher zu beleuchten. Kirchenschatz oder auch Gnadenschatz meint bis in das 13. Jh. hinein eine Art von Fürsprache bzw. stellv. Genugtuung für Sünder.[13] Grundidee im 2. und 3. Jahrhundert war dabei, dass z.B. Märtyrer eine überirdische Wirksamkeit zugeschrieben wurde und sie aufgrund ihrer Taten bei Gott Fürbitte einlegten, wenn ein Mitglied der Gemeinde eine Sünde begangen hatte. Dies rechtfertigte schließlich eine kürzere Bußzeit und Rekonziliation.[14] Nikolaus Paulus weist in seinem Werk über den Ablass im Mittelalter aber ausdrücklich darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt wohl noch kein Bewusstsein dafürherrschte, dass dies ein „Schopfen" aus dem Kirchenschatz sei. Er verweist zudem darauf, dass nicht allein die Fürsprache durch Märtyrer eine Verkürzung der Bußzeit bewirken konnte, sondern dass die Gemeinde selbst t und das schien im 2. und 3. Jh. noch wichtiger zu sein t durch ihre Fürbitte und durch gute Taten dem Sünder helfen konnte, seine zeitliche Schuld abzutragen. Paulus nennt aber auch den Umstand, dass diese Praxis nach dem 3. Jh. keine Anwendung mehr fand, sondern erst später wieder im Mittelalter aufgegriffen wird.[15] Stattdessen beginnen die Bußbücher, eingeführt durch irische Mönche ihren Siegeszug. Nun wird Buße durch einen festgeschriebenen Katalog an Leistungen möglich. Diese Praxis soll hier nicht näher erklärt werden, da sie für sich genommen bereits ein umfangreiches Thema darstellt, wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Bußleistungen nun auch von einem anderen bzw. für einen anderen übernommen werden konnten.[16] Dieser und der Umstand, dass Buße durch eine festgeschriebene Gegenleistung erbracht werden konnte, wird schließlich im Folgenden noch einmal wichtig werden, da diese beiden Punkte und das Ur-Prinzip des Kirchenschatzes im Mittelalter miteinander verknüpft wurden zur eigentlichen Idee des Kirchenschatzes und Ablasshandels. Die Grundidee die nämlich so nun entstand war die Folge: die Annahme des mystischen Leibes Christi. Der Gedanke dahinter war, dass alle Christen durch Liebe verbunden seien und einen mystischen Leib bilden, dessen Haupt Jesus Christus ist. Die Leiden Jesu Christi kommen dabei den Menschen zu Gute und erlösen ihn. Entsprechend sind auch die guten Taten der Glieder untereinander wirksam.[17]

Dieses Prinzip findet sich schließlich 1096 bei Aufruf Papst Urban II. zum Kreuzzug wieder. Der Erlass der Buße geht auf das Prinzip der alten Kirche zurück, nämlich dem Gebet der Gemeinde, greift aber auch das Grundprinzip des mystischen Leibes zurück: dadurch dass sie für die Kirche etwas Gutes tun, können sie im Gegenzug mit dem Gebet der ganzen Kirche rechnen. Nikolaus Paulus sagt hier ausdrücklich, dass hier immer noch das alte Prinzip der Fürsprache genutzt wird und noch kein Schöpfen aus dem Kirchenschatz stattfindet.[18] Dennoch war der Anfang gemacht und 1118 berief sich Gelasius II. in seiner Kreuzzugsbulle nicht mehr nur noch auf das Gebet, sondern nun auch auf die Verdienste der Heiligent dies allerdings immer noch in Form der Fürsprache.[19]

[...]


[1] vgl. Poschmann, Bernhard: Der Ablass im Lichte der Bussgeschichte, Bonn 1948, S. 83f. [im Folgenden zitiert als Poschmann: Ablass]

[2] entsprechend bei Wehr, Gerhard: Martin Luther. Mystische Erfahrung und christliche Freiheit im Widerspruch, Schaffhausen 1983, S. 98. [im Folgenden zitiert als Wehr: Marin Luther]

[3] vgl. v. Loewenich, Walter: Martin Luther. Der Mann und das Werk, München 1982, S. 107f. [im Folgenden zitiert als v. Loewenich: Martin Luther]

[4] ein auf die Fürbitte Franziskus von Assisi zurückgehender Ablass, der auch der Wittenberger Allerheiligen Kirche gewährt wurde, vgl. Brecht, Martin: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation 1483 ± 1521, Stuttgart 1981, S. 175f. [im Folgenden zitiert als Brecht: Martin Luther]

[5] Gerade Wehr und v. Loewenich vertreten hier teils sehr unterschiedliche Meinungen. Während Gerhard Wehr einen Thesenanschlag an der Tür und auch zum tradierten Datum stark bezweifelt, vertritt v. Loewenich die Meinung, dass es eine typische Bekanntmachung bzw. ein Ladung zu einem wissenschaftlichen Disput durch einen Professor war und die Kirchentür ganz selbstverständlich als schwarzes Brett der Universität angesehen wurde. Auch den Tag des Anschlages hält v. Loewenich für richtig, da Luther so auch auf gelehrte Besucher, die zu Allerheiligen in die Stadt kamen, hoffen durfte. Vgl. Wehr: Martin Luther, S. 91ff., als gegenteilig hierzu v. Loewenich: Martin Luther, S. 103f., als auch S. 110.

[6] Ein Kauf der Ablassbriefe in Wittenberg war nicht möglich. Friedrich der Weise untersagte einen Verkauf von Ablassbriefen in seinem Herrschaftsgebiet, was jedoch weniger theologische, sondern eher wirtschaftliche Gründe hatte. Die Wittenberger mussten hierzu also in das benachbarte Gebiet gehen und die Ablassbriefe dort kaufen, vgl. v. Loewenich: Martin Luther, S. 107f.

[7] Brecht: Martin Luther, S. 183.

[8] Brecht: Martin Luther, S. 174f.

[9] Brecht: Martin Luther, S. 183.

[10] Brecht: Martin Luther, S. 182.

[11] Brecht: Martin Luther, S. 185ff.

[12] Paulus: Nikolaus: Geschichte des Ablasses im Mittelalter. Vom Ursprung bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Bd. 2 (erschienen 1922), Darmstadt 2000, S. 141. [im Folgenden zitiert als N. Paulus: Geschichte des Ablasses] Generell muss sich in dieser Arbeit sehr stark auf das Werk Nikolaus Paulus bezogen werden, da dieses immer noch als detailiertes Standard-Werk zur Geschichte des Ablasses angesehen werden muss und neuere, eigenständige Forschungen fehlen, vielmehr Nikolaus Paulus immer wieder als Grundlage benutzt wird.

[13] Poschmann: Ablass, S. 83f.

[14] N. Paulus: Geschichte des Ablasses, S. 141 ± 143.

[15] N. Paulus: Geschichte des Ablasses, S. 142f.

[16] N. Paulus: Geschichte des Ablasses, S. 143 ± 145, als auch Poschmann: Ablass, S. 87f.

[17] N. Paulus: Geschichte des Ablasses, S. 145f.

[18] N. Paulus: Geschichte des Ablasses, S. 146f.

[19] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640490134
ISBN (Buch)
9783640489824
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139764
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
Martin Luther Kirchenschatz 95 Thesen frühes reformatorisches Denken Nikolaus Paulus Reformation Thesenanschlag Lutherjahr Lutherjahr 2017 Liam Hopewell

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Martin Luther, die 95 Thesen und der Kirchenschatz