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Die Angst und ihre Verarbeitung beim Sporttauchen

Examensarbeit 1997 116 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fühlen im Handlungsfeld Sporttauchen
1.2 Exkurs zum Sporttauchen

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Angst, Emotion und Streß: Eine Begriffsbestimmung
2.1.1 Angst
2.1.2 Emotion
2.1.3 Streß
2.2 Allgemeine Theorie der Angst
2.3 Die Theorie zur Angstverarbeitung
2.4 Angstpotentiale beim Sporttauchen
2.4.1 Angstauslöser durch Reizüberflutung
2.4.2 Persönlichkeitsbedingte Angstauslöser
2.4.3 Angstauslösende Bedingungen
2.5 Panik beim Sporttauchen
2.6 Das Erkennen aufkommender Angst
2.7 Gefährliche Persönlichkeitseigenschaften
2.7.1 Risikobereitschaft
2.7.2 Leistungsmotivation
2.7.3 Der Unfällertyp und gestörtes Selbstbewußtsein
2.8 Angstprävention beim Sporttauchen
2.9 Hat Angst eine Geschlechtsspezifik?
2.10 Überblick und Fragestellungen der Studie

3 Methode
3.1 Versuchspersonen
3.2 Versuchsdurchführung
3.3 Subjektive Selbsteinschätzung der Erregung
3.4 IPC-Fragebogen zu Kontrollüberzeugungen („locus of control“)
3.5 Coping
3.6 Selbstkonstruierte Aussagen
3.7 Hypothesen

4 Ergebnisanalyse
4.1 Subjektive Skalierung
4.2 IPC
4.3 Coping
4.4 Korrelationsstudien

5 Auswertung
5.1 Subjektive Einschätzung der physiologischen Erregung
5.2 IPC
5.3 Coping
5.4 Korrelationsstudien

6 Zusammenfassung

7 Anhang
7.1 Fragebogen
7.1.1 Graphische Ratingskalen
7.1.2 IPC - Fragebogen zu Kontrollüberzeugungen („Locus of control“)
7.1.2.1 Selbstkonstruierte IPC-Aussagen
7.1.3 Ways of coping
7.1.3.1 Selbst konstruierte Copingfragen
7.2 Coping 1-Skala
7.3 Coping 2-Skala
7.4 Korrelationen eigener und standardisierter Aussagen
7.5 Datenbasis

8 Literatur

9 Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Tauchen ist in Deutschland eine der Sportarten, die mit rasant steigenden Mitgliederzahlen in Vereinen und der immer einfacher zu handhabenden Technik immer populärer wird. Tauchklubs schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden, und so wundert es nicht, daß sich in immer größeren Scharen mehr und mehr Taucher an unseren Seen versammeln. Es ist heute keine Seltenheit mehr, daß sich immer mehr Menschen am Wochenende an größeren Seen einfinden, um zu tauchen. Tauchreisen ans Mittelmeer, das Rote Meer oder in die Karibik erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Unter der Wasseroberfläche warten Abenteuer wie Wracks, Grotten oder Höhlen, die Taucher in ihren Bann ziehen. Es ist der Reiz, etwas Neues und Ungewohntes zu erleben, an Plätze vorzudringen, wo vorher kaum ein anderer war sowie sich beim Anblick der farbenprächtigen Fauna und Flora zu entspannen, der die Menschen zum Tauchen bewegt.

Tauchgänge, die bis zu einer Tiefe von ca. 15 Metern gehen, bringen kaum Gefahren für den Taucher mit sich. Wenn an seiner Ausrüstung ein Fehler aufgetreten ist, hat er hier zu jeder Zeit die Möglichkeit, sofort an die Wasseroberfläche zurückzukehren, ohne einen körperlichen Schaden davonzutragen. Auch ist in dieser Tiefe, durch den hohen Anteil an Spektralfarben im Licht, das Tauchen am farbenprächtigsten. Mit zunehmender Tiefe filtert das Wasser mehr und mehr Farben aus, so daß ab der Tiefe von ca. 30 Metern nur noch die Farben Blau und Grün vorherrschen und es allgemein immer dunkler wird. Warum also tauchen die Menschen zur „Le Togo“, einem zerfallenem Dampferwrack in ca. 50 Meter Tiefe, zu Höhlen, wo man sehr genau den Luftvorrat kalkulieren muß und in Tiefen, wo beim anschließenden Auftauchen genau auf Pausen in genau festgelegten Tauchtiefen geachtet werden muß, damit man keine gesundheitlichen Folgen davonträgt?

Mit der immer einfacheren Technik und den immer komplexer werdenden anderen Hilfsmitteln, wie der Tauchcomputer1eines ist, wagt man sich in immer größere Tiefen.

Hier stellt sich die Frage, ob die Abhängigkeit von so vielen Hilfsmitteln unter Umständen nicht auch angstauslösend sein kann. Bringt das Tauchen mit immer komplexerer Technik und einer immer größer werdenden Abhängigkeit von ihr nicht auch Angst vor den damit verbundenen Gefahren mit sich?

Ist es gerade die Angst oder der „Kick“ der Tiefe, der die Taucher zum Tauchen treibt? Ist Angst überhaupt an äußere Umstände gebunden oder kann Angst selbst bei ganz normalen Tauchgängen eine Rolle spielen?

Was können auslösende Momente sein und wie kann ich ihnen als Taucher begegnen. Habe ich überhaupt eine Chance, meine Angst zu beeinflussen - und wenn ja - wie? Bin ich als sehr erfahrener Taucher gefeit vor der Angst beim Tauchen? Diese Fragen möchte ich anhand einer eigenen empirischen Untersuchung und eines Literaturstudiums zum Thema innerhalb dieser Arbeit zu beantworten versuchen.

Die Anregung zu der vorliegenden Arbeit ist auf eigene Erfahrungen beim Sporttauchen und dem daraus entstandenen Interesse an den kognitiven psychologischen Vorgängen bei dieser Sportart zurückzuführen.

Intention der vorliegenden Untersuchung ist es, mit Hilfe von standardisierten Angstfragebögen (IPC-Locus of Control, Ways of Coping) zu zeigen, ob ein geschlechtsspezifischer und/oder ein vom Erfahrenheitsgrad abhängiger Unterschied bei der Angst und ihrer Bewältigung bei Sporttauchern besteht.

Es sollen hier anhand einer größeren Stichprobe Untersuchungen zur Psychologie der Angst bei Sporttauchern vorgenommen werden.

1.1 Fühlen im Handlungsfeld Sporttauchen

„Alles ist aus Wasser geboren, alles wird durch Wasser erhalten“. (Goethe)

Das Wasser übt einen sehr starken Reiz auf unsere Sinne aus. In ihm haben wir Bewegungsmöglichkeiten und Empfindungen, die wir an Land wohl schwer wiederfinden können.

Was sind das für Wahrnehmungen und Gefühle, was können wir im Wasser erfahren und spüren?

- Gleichgewicht und Wassergefühl: „Wasser hat keine Balken“: Das erste Abtauchen endet wohl bei den meisten Anfängern nicht nach dem Vorbild des Tauchlehrers. So soll die Lage des Tauchers im Wasser der eines Fallschirmspringers kurz nach dem Absprung ähneln. Das heißt also, während des Abtauchens soll der Taucher immer Blickkontakt zum Grund und eine stabile Bauchlage im Wasser haben. Dies auch so durchzuführen scheint leicht, nur kommen dabei eine Vielzahl an unbekannten Einflußgrößen für den Anfänger zum tragen. Zum ersten Mal taucht man mit einem Neopren- Taucheranzug ab, dessen spezifischer Auftrieb ungewohnt ist. Um diesem Auftrieb entgegenzuwirken, hat man einen Bleigurt angelegt, der im Zusammenspiel mit dem Auftrieb des Anzuges den Körperschwerpunkt verlagert. Hinzu kommt, daß man eine schwere Druckluftflasche auf dem Rücken und zur Erleichterung der Fortbewegung im Wasser Flossen an den Füßen trägt. Auch die „Schwimmblase“ des Tauchers, das Jacket, will einem anfangs gar nicht richtig helfen. So wird man durch den Bleigurt an ungewohnter Stelle nach unten gezogen und die Flossen, mit ihrer großen Fläche, wirken dem Abtrieb ungewohnt entgegen. Zum allgemeinen Mißlingen trägt die Druckluftflasche auf dem Rücken bei, sie zieht einen, so scheint es, unvermeidlich nach hinten. Ausgleichende Bewegungen mit Armen und Beinen bringen nicht den gewünschten Erfolg. Man findet keinen Halt im Wasser, eine Bauchlage im Wasser will und will sich nicht einstellen, der Körper ist sich selbst im Wege. Hier wird klar, daß der Körper mit seinem Reiz-Reaktionsschema an eine bestimmte Umgebung gewöhnt ist. So endet das erste Abtauchen mit dem Gesäß zuerst auf dem Grund, anstatt in ca. einem Meter Abstand vor dem

Grund, mit verschränkten Armen und in Bauchlage dem Treiben der Fische zuzuschauen. An ein effektives Tarieren mit dem Jacket ist meist gar nicht zu denken, obwohl es das wichtigste Hilfsmittel für eine stabile Wasserlage für den Taucher darstellt. Nach und nach lernt man, wo die „Balken“ im Wasser sind und wie man sich effektiv, geschickt und sicher im Wasser fortbewegen kann. Man erfährt genau das, was einem als Kind beim Erlernen des Laufens oder Radfahrens geschehen ist. In diesem Alter lernt man auf eine Reihe neuer Reize, wie der Lageveränderungen des Körperschwerpunktes, mit der richtigen Körperreaktion zu antworten.

- Atmung: Die Atmung steht im Zentrum unseres Empfindens und das erst recht beim Tauchen. Eine selbstverständliche Funktion unseres Körpers tritt hier auf einmal in den Vordergrund. Normalerweise achtet kein Mensch sonderlich auf seine Atmung. Unter Wasser bemerken wir, daß wir atmen müssen, wir atmen bewußter, denn unser Geist und unser Körper wissen, daß sie sich außerhalb ihres gewohnten Territoriums befinden. Die Atemgeräusche des Atemreglers weisen uns ungewohnt deutlich auf die Atmung und deren Frequenz hin. Auch der Widerstand des Atemreglers, der bei der Ein- und Ausatmung auftritt, ist ein neues Gefühl, das es zu erfahren gilt. Erstmals müssen wir lernen, unsere Atmung ungewohnten Bedingungen unterzuordnen. So läßt uns tiefes Einatmen aufsteigen und starkes Ausatmen unter Wasser absinken. Neben dem Jacket wird so mit der Atmung beim Tauchen die gewünschte Tiefe tarriert. Ruhiges und entspanntes Aus- und Einatmen läßt uns Luft sparen, die wir in anderen Situationen, wie bei Gegenströmungen gut gebrauchen können. Es läßt uns Entspannung spüren und hilft uns, Verspannungen der Muskulatur zu lösen.

- Frieren: Tauchen kann man in den unterschiedlichsten Gewässern. Tauchgebiete vom „Baggersee“ über das Mittelmeer bis zum zugefrorenen Gebirgssee sind Normalität. Um in jedem Gewässer der Wassertemperatur angepaßt tauchen zu können, gibt es den Trockentauchanzug für die kalten, den halbtrockenen Tauchanzug für etwas wärmere bis hin zum nur 3 Millimeter starken Tauchanzug für tropische Gewässer. Trotz der wärmeisolierenden Anzüge ist warmes, kühles oder kaltes Wasser auf die höchst unterschiedlichste Art und Weise zu empfinden. So kann man sich in kaltem Wasser erfrischt

fühlen oder man fröstelt sowie einerseits vom Wasser gewärmt und andererseits von ihm durchgekühlt werden. Ein Taucher erfährt über die Wassertemperatur Entspannung oder Aufregung, er kann sich erschrecken oder sich an den großen oder kleinen Temperaturunterschieden des Wassers erfreuen.

- Anstrengung: Nachdem das koordinierte Bewegen im Wasser keine Probleme mehr bereitet, lernt man nach und nach sich mit dem Wasser zu bewegen sowie mit dem richtigen Maß an Kraft seinem Widerstand auszuweichen. Eine plötzlich auftauchende Strömung kann den Taucher jedoch jede Bewegung spüren lassen, sie kann ihn fordern und oft erfährt er dann seinen Körper als

„unbeweglich“ und „sperrig“. Jede Bewegung strengt hier an und man verspürt rasch schwere Arme und Beine. Schnell hat man das Gefühl, nicht vorwärts zu kommen und der Geschwindigkeit des Wassers erlegen zu sein.

(vgl. UNGER, 1992)

1.2 Exkurs zum Sporttauchen

Wer an Tauchkursen teilnehmen möchte, findet eine große Auswahl unterschiedlicher Verbände, in denen er die faszinierende Sportart erlernen kann. Die Ausbildung vom Anfänger bis hin zum Tauchlehrer baut in Form sogenannter Brevetstufen aufeinander auf. Für den Grundschein absolviert der Anfänger eine Ausbildung in den Fachgebieten Schnorcheln, Gerätetauchen und Verhalten in besonderen Notfällen sowie in der Physik des sich mit der Tauchtiefe ändernden Druckes und der damit verbundenen Auswirkungen auf den Körper. Neben der Theorieausbildung gehören sechs Freiwassertauchgänge zur Ausbildung. Inhalte dieser Tauchgänge sind Übungen wie das Ab- und Aufsetzen der Tauchmaske unter Wasser, das Ab- und Anlegen des Tauchgerätes und das Bergen und Retten von verunglückten Tauchern. Auch das Üben verschiedener Notaufstiege und der Wechselatmung1 gehören zur Grundausbildung.

Die Grundausbildung wird mit einer theoretischen Prüfung und einem Prüfungstauchgang abgeschlossen.

Besonders interessant sind die „Spezialbrevets“, in denen Taucher besondere Tauchfertigkeiten vertiefen können. So kann man sich u.a. im Strömungstauchen, Tieftauchen, Trockentauchen, Bergseetauchen, Höhlentauchen, Wracktauchen und Eistauchen weiterbilden. Es werden Ergänzungskurse zu Themen wie Umwelt, Rettung und Tauchsicherheit angeboten.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Angst, Emotion und Streß: Eine Begriffsbestimmung

2.1.1 Angst

Angst bezeichnet heute ein relativ weites Erscheinungsfeld, in dem ebenso Furcht vor einem bestimmten Problem und begründete sowie unbegründete Alltagsängste wie die Existenz-, Lebens- und Weltangst enthalten sind, zu dem aber auch chronische Ängste, wie Phobien, Neurosen und Psychosen gezählt werden.

Bisher ist es aber noch nicht gelungen, eine auch nur annähernd einheitliche Theorie der Angst zu entwickeln. Verschiedenste theoretische Ansätze und empirische Sichtweisen zum Themenbereich stehen sich gegenüber.

Psychologische Untersuchungen der Angst lassen sich in folgende drei Richtungen untergliedern:

klinisch-psychologische , angewandte Perspektive, mit deren wichtigstem Vertreter, der Psychoanalyse Freuds,

allgemeinpsychologisch-experimentelle Forschungsbemühungen, zu denen die behavioristischen, lerntheoretisch orientierten und kognitiven Theorien der Angst gehören und

differenzialpsychologische Ansätze, die sich vor allem mit der Beschreibung und Messung von interindividuellen Unterschieden in der Angstneigung beschäftigen.

FREUD befaßte sich in seiner ersten Angsttheorie („Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als Angstneurose abzutrennen“, 1895) mit Angstneurosen und Angstphobien. Er erklärte darin Angst als die Umsetzung oder Verwandlung unterdrückter, unabgeführter Triebenergien der Libido.

Eine Begriffsbestimmung der Angst versucht KRONE (1975) mit folgender Definition zu geben: „... ein (emotionaler) Zustand des Organismus, bestimmt durch einen als betont unangenehm erlebten Erregungsanstieg angesichts der

Wahrnehmung einer komplexen und mehrdeutigen Gefahrensituation, in der eine adäquate Reaktion des Individuums nicht möglich erscheint“ (S. 11). Er bezeichnet Angst, Furcht oder Schreck als akute, d.h. sich zeitlich relativ kurz erstreckende Zustände des Organismus. Ängstlichkeit und Furchtsamkeit beziehen sich dagegen auf Eigenschaften eines Individuums, also auf Sachverhalte mit einem längeren zeitlichen Erstreckungsgrad (HERRMANN, 1973).

SPIELBERGER und LAZARUS, CATTELL und SCHREIER fassen diese Gesichtspunkte zusammen und teilen Angst ein in Angst als Zustandsangst und Angst als Eigenschaft. Angst als vorübergehender emotionaler Zustand variiert in der Intensität über Zeit und Situationen. Angst als Eigenschaft oder Ängstlichkeit bezieht sich demgegenüber auf relativ stabile interindividuelle Differenzen in der Neigung, Situationen als bedrohlich zu bewerten und hierauf mit einem Anstieg der Zustandsangst zu reagieren. Hochängstliche tendieren dazu, mehr Situationen als bedrohlich anzusehen und dementsprechend mit einer höheren Zustandsangst zu reagieren als Niedrigängstliche.

LAZARUS und AVERILL (1972) sowie EPSTEIN (1972) bestimmen die Angst als ungerichtete Aktivierung nach der Wahrnehmung von Gefahr bzw., als Einschätzung von Bedrohung zu erkennen. Furcht tritt dagegen auf, wenn die Ursache der Gefahr erkannt wurde und entsprechende Bewältigungsreaktionen (meist Flucht) eingeleitet werden können (EPSTEIN, 1967).

Wie im folgendem noch gezeigt wird, treten bei Menschen, die häufig intensive Angst verspüren, Vermeidungsreaktionen auf. Diese Mechanismen zur Vermeidung von Angst nennt FREUD (1946) Angstabwehr.

2.1.2 Emotion

Angst, Furcht und Schreck lassen sich als Emotionen, d.h. als komplexe, qualitativ unterschiedliche Zustände des Organismus zusammenfassen, die subjektive, physiologische und verhaltensmäßig-motorische Komponenten aufweisen (KRONE, 1975).

SCHACHTER weist darauf hin, daß die subjektive Komponente der Emotion immer auch sozial determiniert ist, d.h. die Wahrnehmung und Kognizierung eines bestimmten Erregungszustandes im Organismus hängt nicht nur von der Eigenart des jeweiligen Erregungsmusters ab, sondern auch vom sozialen Kontext, in dem dieses Erregungsmuster auftritt. Ausgehend von der JAMES-LANGE-Theorie der Emotion (JAMES, 1890), die besagt, daß die psychologischen Veränderungen unmittelbar auf die auslösenden Stimuli folgen, und daß die Wahrnehmung dieser Veränderungen die Emotion darstellt, widerspricht SCHACHTER der Meinung JAMES', daß für verschiedene Emotionen unterscheidbare körperliche Reaktionen vorhanden sind. Vielmehr stellt er heraus, daß eine Differenzierung von Emotionen aufgrund organischer Muster nicht möglich ist, und daß die Qualität des aktuellen Gefühls kognitive Faktoren bestimmen.

EWERT (1965) schlägt für die Analyse emotionaler Erlebnisse die Unterscheidung von Stimmung, Erlebnistönung und Gefühl vor. Dabei sollen Erlebnistönungen Bewertungsreaktionen eines Wahrnehmenden auf seine Erlebnisinhalte sein.

Erlebnistönungen geben die Art der Bewertung eines Erlebnisinhaltes wieder, während Gefühle (Emotionen) sich direkt auf situative Aspekte, speziell auf Personen der Umwelt beziehen. Angst ist also das Gefühl, das entsteht, wenn eine Person eine Situation als bedrohlich erfaßt hat.

2.1.3 Streß

Will man „Streß“ und „Angst“ determinieren, stößt man unweigerlich auf eine Vielzahl von Begriffen, mit denen man „Streß“ definieren kann. Die Vorstellungen kreisen um objektive wie subjektive Konzeptionen von Anforderung, Beanspruchung, Belastung, Überforderung und Überlastung, die sich hinsichtlich ihrer jeweiligen inhaltlichen Bedeutung nur schwer differenzieren lassen.

Zur besseren begrifflichen Differenzierung zwischen belastender, (z.B. emotionsauslösender) Reizkonstellation und Belastungsreaktion, etwa ausgelöster Angstemotion, bezeichnet KRONE (1975) die entsprechende Reizkonstellation als Streß und die im Einzelnen analysierbaren belastenden, (beispielsweise angstinduzierenden) Reizaspekte als „Stressoren“. Streß bezieht sich also auf die objektiven Reizeigenschaften einer Situation, die in einem Individuum Angst auslöst. Nach bisherigen Untersuchungen haben sich als Angstauslöser bzw. Stressoren sowohl Lärm und Schmerz, als auch die psychologischen Stressoren wie Mißerfolgsdrohungen sowie Drohung vor sozialer Abwertung bewiesen.

2.2 Allgemeine Theorie der Angst

Zur Differenzierung zwischen Furcht, Angst und Aktivierung unterstellen EPSTEIN & FENZ, daß sich die drei Termini voneinander unterscheiden, aber trotzdem zusammenhängende Konzepte darstellen. Demnach ist

Furcht ein Motivationskonzept,

Aktivierung die richtungslose Komponente jeder Motivation, während Angst zwischen Furcht und Aktivierung liegt.

Nachdem EPSTEIN & FENZ Furcht und Aktivierung definiert hatten, stellten sie sich die Frage: „...ob das Angstkonstruckt überhaupt notwendig ist. Furcht als Vermeidungsmotiv definiert Aktivierung als die unspezifische Komponente jedes Motivs. Wir glauben an die Existenz eines speziellen qualitativen Zustandes, der als Angst beschrieben werden kann, weder Furcht noch Aktivierung ist, aber von beiden etwas beinhaltet. Wir definieren Angst als Zustand ungerichteter Aktivierung bei der Wahrnehmung von Gefahr. Angst unterscheidet sich von

Furcht darin, daß sie nicht in ein spezielles Vermeidungsverhalten kanalisiert wird. Sie unterscheidet sich von allgemeiner Aktivierung, da sie auf die durch die Wahrnehmung einer Gefahr ausgelöste Aktivierung beschränkt bleibt. Angst kann als ‘fast erreichte Furcht’ oder als Furcht werdende Aktivierung bezeichnet werden“ (EPSTEIN & FENZ).

Weiter schreiben EPSTEIN & FENZ zur Entstehung von Angst: „ Angst entwickelt sich aus der Antizipation eines hohen Aktivierungsniveaus und wird sofort zur Furcht, sobald die Erregung in spezifisches, sowohl kognitives wie motorisches Vermeidungsverhalten kanalisiert wird. Angst kann im allgemeinen nicht isoliert identifiziert werden, sondern wird erst bei Blockierung von Furchtreaktionen offenbar. Normalerweise geht Angst für extrem kurze Zeit der Furcht voraus und kann daher als elementarer Prozeß angesehen werden“.

Im Zentrum der Theorie EPSTEINs steht der Begriff der Erregung. Zu den Begriffen der Angst, Entstehung von Erregung und Entwicklung eines Systems zur Erregungshemmung hat EPSTEIN folgende Ansichten:

- Organismen sind Systeme, die auf Energieeingabe reagieren. Diese Reaktion wird Erregung genannt. Um überleben zu können, müssen Organismen ihr Erregungsniveau in bestimmten tragbaren Grenzen halten.
- Ein geringer Erregungsanstieg führt zu erhöhter Aufmerksamkeit; ein starker Erregungsanstieg dagegen führt zu einer Reduktion der Aufmerksamkeit und wird von Abwehrreaktionen begleitet.
- Durch den Prozeß der Gewöhnung (Habituation) werden aufgrund ihrer Intensitätsmerkmale ursprünglich erregungssteigernde Reize jetzt als Hinweis- oder Signalreize wahrgenommen, die ihrerseits Erwartungen auslösen. Damit erweitert sich zwar einerseits der Spielraum der Erregungsquellen, andererseits wird jedoch der erregungssteigernde Effekt, der jetzt zu Hinweisreizen gewordenen Stimuli, vermindert.
- Vor zu starken Erregungsniveaus schützen sich Organismen durch den Prozeß der Hemmung, die wiederum eng mit der Erwartung verknüpft ist. Steigt die Erregung an, löst sie auch eine Hemmung aus, wobei die Hemmung in ihrer Stärke schneller ansteigt als die Erregung.
- Hohe Erregungsniveaus hängen mit jeder Erregung, nicht nur mit Angst oder Furcht zusammen. Zur Verteidigung gegen zu starke Erregung stehen dem Organismus verhaltensmäßig-motorische, psychologische und biologische Reaktionen zur Verfügung.
- Die Hemmung des Erregungsanstiegs verändert sich im Verlauf des Umgangs eines Individuums mit erregungsinduzierenden Stimuli. Da der Erregungsanstieg bei einer ersten Konfrontation mit entsprechenden Stimuli vor allem eine Reaktion auf die Intensitätskomponente dieser Stimuli darstellt, wird er durch vergleichsweise einfache Maßnahmen, wie z.B. Flucht gehemmt. Bei fortgesetztem Kontakt mit derartigen Stimuli wird ein (in der Regel weniger abrupter) Erregungsanstieg jedoch bereits durch Hinweisreize ausgelöst. Entsprechend feiner abgestimmt kann auch das Hemmsystem arbeiten.
- Die unterschiedlichen zur Verfügung stehenden Reaktionen sind in einem in der Breite und Tiefe organisierten System der Hemmung geordnet und eng miteinander verbunden. Unter einer Organisation in der Tiefe versteht EPSTEIN, daß dem Individuum bei der Wahrnehmung eines Erregungsanstieges zunächst einmal psychologische Abwehrfunktionen (z.B. Vermeidung) zur Verfügung stehen, als nächstes verhaltensmäßig-motorische Reaktionen (z.B. Flucht) und als Notfallfunkion Reaktionen auf der biologischen Ebene (z.B. Ohnmacht). Weiterhin werden auch einzelne physiologische Indikatoren der Erregung unterschiedlich gehemmt, die zwar einer zentralen Regulation unterliegen, jeder Indikator hat dennoch für sich eine begrenzte Funktion.

EPSTEIN unterscheidet folgende angstauslösende Faktoren:

1. Primäre Überstimulation bezieht sich auf Intensität und Frequenz erregungsauslösender Stimuli, wie z.B. Geräusche oder Schmerzreize.
2. Mit kognitiver Inkongruität soll das Unvermögen eines Individuums bezeichnet werden, angesichts bestimmter Vorgänge in seiner Umwelt valide Erwartungen aufzubauen.
3. Mit Reaktionsblockierung wird die Unfähigkeit beschrieben, auf Erregungssteigerungen konsequent zu reagieren (z.B. Angriff oder Flucht).
4. Der vorangegangene Erregungszustand hat einen entscheidenden Einfluß auf den momentanen Erregungsanstieg. Auf das Angstkonzept übertragen würde dies für die Empfindung von Ängstlichkeit sprechen. Bei hoch ängstlichen Personen ist die Grunderregung schon höher als bei normalen Vergleichspersonen. Dieser Ansatz wird von EPSTEIN nicht weiter ausgeführt.

Einige Umstände können eine Reaktion auf einen Erregungsanstieg blockieren. Diese Unsicherheit der Stimuli beschreibt eine zu vage Bedrohungssituation, so daß keine adäquate Handlung erfolgen kann. Bezüglich der Unterscheidung von Angst und Furcht schreibt EPSTEIN (1967), Furcht soll durch bekannte, Angst durch unbekannte Objekte ausgelöst werden. Das folgende Beispiel soll das verdeutlichen:

„Ein Autofahrer hört auf einer Dschungelstraße das Stampfen einer Elefantenherde. Gelingt es ihm, die Richtung, aus der das Geräusch kommt, auszumachen, kann er zur entgegengesetzten Richtung davonfahren. In diesem Fall wird er Furcht verspüren. Ist er in der Richtungsbestimmung jedoch unsicher und weiß nicht, in welche Richtung er sein Auto lenken soll, wird sich seine in Folge der Unsicherheit steigende Erregung als Angst manifestieren“ (S. 216).

Die Reaktionsunsicherheit ist eine weitere Besonderheit bei der Blockierung des Vermeidungsmotivs. Hierbei bewertet eine Person eine gefährliche Situation zwar als solche, ihr fehlen aber Handlungsmöglichkeiten zur Entscheidungsfindung. Auch das Vorhandensein vieler Handlungsmöglichkeiten führt durch die Reaktionsunsicherheit zu keinem Entschluß. Eine Verzögerung einer Reaktionsmöglichkeit führt ebenfalls zu Angst, dies ist beispielsweise bei einer Prüfungssituation gegeben (Die Prüfungsvorbereitung ist abgeschlossen, aber die Prüfung findet einige Zeit später statt).

Den Prozeß der Hemmung bezeichnet EPSTEIN auch als Angst-Furcht-Kontrolle und nimmt folgende Einteilung vor:

1. Vermeidung furchterzeugender Hinweisreize bei der Wahrnehmung, im Denken und bei offenen Reaktionen,
2. Erzeugung ablenkender Reaktionen, insbesondere solche, die mit Furcht und Angst unvereinbar sind und
3. Verstärkung der positiven Aspekte eines Zielobjektes.

Diese drei Punkte der Angst-Furcht-Kontrolle EPSTEINs können verschieden miteinander kombiniert werden. Daraus resultierende Abwehrreaktionen können:

a) selektive Wahrnehmung,
b) Verleugnung,
c) Stimulusverschiebung und
d) Triebverschiebung sein.

2.3 Die Theorie zur Angstverarbeitung

Nach LAZARUS (1966) sowie LAZARUS und AVERILL (1972) ist Angst eine Emotion, die entsteht, wenn ein Individuum eine Situation als bedrohlich bewertet. Die Bewertung einer Situation als bedrohlich und die Suche nach geeigneten Abwehrmaßnahmen ist nach LAZARUS ein mehrphasiger Prozeß, in dem nacheinander Möglichkeiten der Vermeidung oder Beseitigung der Bedrohung beurteilt werden.

Zu den Vorbedingungen sollen Situations- und Dispositionsvariablen wie z.B. Ängstlichkeit, kognitive Stille und Einstellungen gehören. Die psychischen Mediationsvorgänge werden als mehrstufiger Bewertungsprozeß verstanden, in dem auf einer Eingangsstufe, zunächst nur eine Bewertung hinsichtlich der Bedrohlichkeit einer Situation vorgenommen wird. Darauf folgt eine zweite Stufe, auf der, je nach vorangegangener Entscheidung, eine Einschätzung hinsichtlich des Vorhandenseins von Maßnahmen zur Vermeidung oder Auflösung eventueller Schädigungen abgegeben wird. Je nach Art des Ergebnisses dieser Einschätzung soll sich das Individuum bei den generellen Beantwortungsarten (coping) entweder für direkte Handlungen (Flucht oder Angriff) oder für intrapsychische Prozesse entscheiden. Die Frage nach der Natur dieser Prozesse ist für LAZARUS der eigentliche Gegenstand der Angst und Angstverarbeitungsforschung. Wenn eine Person keine direkten Handlungsmöglichkeiten zur Vermeidung einer Bedrohung sieht, werden intrapsychische Prozesse in Gang gesetzt. Intrapsychische Prozesse stellen damit kognitive Formen der Beseitigung eines Konflikts dar, wenn anfangs eine Situation als bedrohlich erkannt wurde und darauf keine adäquate

Beantwortung zur Lösung des Konflikts gefunden wurde. Einer der wichtigsten intrapsychischen Prozesse ist die Aufmerksamkeitsveränderung. Die Aufmerksamkeit in Bezug auf die Gefahrenquelle soll dabei variieren zwischen Vigilanz1 und Vermeidung2.

Auf einer dritten Stufe der psychischen Vermittlungsvorgänge kommt es zu einer Neubewertung der Situation. Diese Stufen des Mediationsvorganges werden wiederholt durchlaufen. Abbildung 2-1 gibt eine schematische Darstellung des Modells von LAZARUS (siehe dazu auch LAZARUS & AVERILL, 1972 und KRONE, 1976).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-1: Beurteilungsprozesse ("appraisal") und Angstverarbeitungsstrategien ("coping") in der Theorie von LAZARUS

Viele dieser Ansätze werden kontrovers diskutiert. Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie Angst und ihre Verarbeitung zu erklären sind. Für mich zeichnet sich aber ab, daß die kognitiven Theorien der Arbeitsgruppen um LAZARUS und EPSTEIN am besten geeignet sind, Angst und ihre Verarbeitung zu beschreiben.

2.4 Angstpotentiale beim Sporttauchen

Die einmalige Vielfalt von Tieren, Pflanzen und ganzen Landschaften der Unterwasserwelt bietet immer wieder neue und unbekannte Erlebnisse. Diese Welt unter Wasser kann sich uns als friedlich, bizarr, wohlig, entspannend, romantisch - aber auch als abenteuerlich, aufregend, beängstigend und atemberaubend darstellen. Das Gefühl der Schwerelosigkeit, des Schwebens und des Sichfallenlassens, ist eine Empfindungsebene, die ein absolutes Wohlbefinden herbeiführt. Diese Umgebungsbedingungen bieten aber auch die Möglichkeit, Nervenkitzel zu erleben, Risikobereitschaft und Leistungsmotivation zu befriedigen oder die Grenzen der eigenen körperlichen und emotionalen Belastbarkeit auszutesten (vgl. SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ, 1994).

Das Sporttauchen ist eine der Sportarten die man bis ins hohe Alter betreiben kann. Es strengt selten an, das Genießen, Erleben und Entspannen steht stets im Vordergrund. Es stellt sich also die berechtigte Frage: Wie kann hier Angst entstehen?

Ein Problem besteht darin, daß absolutes Wohlbefinden und höchste Lebensgefahr beim Sporttauchen dicht beieinanderliegen. Der kleinste Fehler kann fatale Folgen für das eigene Leben und das anderer Taucher haben. Nach Tauchunfallstatistiken ist die Hauptursache für Tauchunfälle der Mensch selbst. Fast alle Tauchunfälle in der Vergangenheit hätten vermieden werden können, wenn die einfachsten Grundregeln des Sporttauchens, wie „Tauche nie allein“ oder „gegenseitiger Check der Tauchausrüstung vor jedem Tauchgang“, eingehalten worden wären. Ursachen für Unfälle sind also nicht Umgebungsbedingungen oder technische Ausfälle, sondern menschliches Versagen, unzureichende Ausbildung, fehlerhafte Tauchgangsplanung oder Sich-Hinreißenlassen von sowohl positiven als auch negativen Gefühlen.

Da sich unsere Rezeptoren und Organe im Lauf der menschlichen Entwicklung weitgehend dem Leben an der Luft angepaßt haben, fällt es uns im Wasser schwerer, bedrohliche Situationen zu erkennen und zu bewerten. Uns fehlen die geeigneten Rezeptoren unter Wasser, um Reize der Umwelt genügend wahrnehmen zu können. Der Mensch muß hier die Technik zu Hilfe nehmen und auch sein

Verhalten den physikalischen Gesetzmäßigkeiten anpassen. Für Anfänger ist die Reizüberflutung der hauptsächliche Problembereich.

2.4.1 Angstauslöser durch Reizüberflutung

SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ nennt folgende angstauslösende Faktoren, die bei Anfängern auftreten können:

- veränderte Wahrnehmung,
- veränderte Körperlage,
- veränderter Atemablauf,
- unterentwickelter Orientierungssinn für hoch/tief,
- ungewohnte Kleidung und technische Gerätschaften sowie
- Kälte.

Durch die Anpassung unserer Sinne an das Leben über Wasser nehmen wir die Informationen unter Wasser nur ungenau oder fehlerhaft wahr.

Licht wird unter Wasser anders gebrochen als an der Luft. Dadurch erscheint mit bloßem Auge im Wasser alles unscharf. Erst das Luftpolster im Maskeninnenraum ermöglicht ein normales Sehen. Es bewirkt zusammen mit der Glasscheibe noch etwas anderes. So erscheinen alle Gegenstände im Wasser ein Drittel größer und ein Viertel näher. Die Netzhaut nimmt so alle Gegenstände vergrößert war. Um auf das Wahrgenommene richtig zu reagieren, müssen erst alle ankommenden Informationen in übergeordneten Hirnzentren umgerechnet und neu bewertet werden. Die momentane Situation kann danach als normal erkannt werden. Diese übergeordneten Hirnzentren setzen die von den verschiedensten Sinnesorganen gemeldeten Informationen in Beziehung und schätzen so die augenblickliche Lage realistisch ein. Über Wasser geschehen diese Vorgänge unbewußt, hier hat der Mensch es nicht mehr nötig, sein Großhirn zu bemühen. So denken wir nicht mehr über mögliche Reaktionen auf ein Stolpern nach, wir machen den größeren Schritt automatisch, um unseren Körper abzufangen. Diese überall im Alltag vorkommenden Automatismen der Reaktion auf bestimmte Reize, entlasten unser Großhirn und machen es uns erst möglich, komplexe Aufgaben zu erfüllen. Unter Wasser gibt es diese Automatismen oder Reflexe nicht. Unser Großhirn verrichtet hier Schwerstarbeit. Daher fällt es dem Menschen so schwer, in 40 Metern Tiefe,

simpelste mathematische Aufgaben richtig zu lösen. Kommt es bei dieser Schwerstarbeit noch zu widersprüchlichen Informationen (z.B. die Augen vermitteln eine andere Situation als die Gleichgewichtsorgane, bei einseitig mangelhaftem Druckausgleich) oder zu zueinander nicht passenden Informationen (z.B. Möglichkeit des Atemholens in einem Medium, wo es eigentlich nicht möglich ist, beispielsweise während des Schnorchelns ohne Maske), ist das Großhirn überfordert die augenblickliche Lage realistisch einzuschätzen. In solchen Situationen vermitteln die Emotionszentren je nach Ausprägungsgrad ein Gefühl von Unwohlsein über Verwirrung und Angst bis hin zur Panik (vgl. SCHIÖBERG- SCHIEGNITZ, 1994).

2.4.2 Persönlichkeitsbedingte Angstauslöser

Nach SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ sind das:

- Einsamkeit,
- Ausweglosigkeit und Engegefühl,
- Abhängigkeit von technischen Apparaten sowie
- Prüfungsangst.

SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ stellt weiter fest, daß Angst nicht nur durch die Umweltbedingungen ausgelöst wird, sondern auch von der persönlichen Grundstimmung und Selbsteinschätzung, der subjektiven Beurteilung der Situation und der eigenen Erwartungshaltung abhängt. Damit lassen sich auch die häufigen Unfälle während Tauchprüfungen erklären.

Bei Tauchprüfungen sind Einflußgrößen, wie

- innere Anspannung und
- ungewohnte Umgebungsbedingungen

durch den hinzukommenden persönlichen Leistungsdruck noch zusätzlich erhöht. Tauchschüler und Tauchschülerinnen haben oft Angst davor zu versagen oder sich vor den anderen zu blamieren (vgl. SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ 1994).

2.4.3 Angstauslösende Bedingungen

Zu diesen Bedingungen zählen:

- Reizüberflutung,
- widersprüchliche Informationen und
- Informationsdefizite.

Mit Reizüberflutung ist ein Angstauslöser genannt, der vor allem für Anfänger und unerfahrene Taucher zutrifft. Für ihren Körper ist es sehr schwierig, aus der Flut von neuen Reizen die für die Entscheidungsfindung relevanten herauszufiltern und zu verarbeiten. Aber auch ein Defizit an Information kann zu Angst führen. Wenn es an genügend Informationen fehlt, die momentane Situation richtig zu beurteilen, entsteht Angst. Solche Situationen können sein:

- Orientierungsverlust,
- Dunkelheit,
- unklare Aufgabenstellung und
- technische Ausfälle der Tauchausrüstung (vgl. SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ 1994).

Angst wird ausgelöst in Situationen mit konfliktauslösendem Informationsgehalt. Ein Angstauslöser kann etwas ganz Simples sein, wie ein schlecht sitzender Tauchanzug, der die Fortbewegung im Wasser behindert und die Atmung durch die zusätzliche körperliche Anstrengung erschwert.

All diese Situationen haben nach SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ ein einheitliches Charakteristikum:

a) drohender Kontrollverlust,
b) Unsicherheit in der Bewertung und
c) Überforderung durch Entscheidungszwang

führen zu einem erhöhten Erregungsniveau, das gleichbedeutend ist mit Angst.

Aber nicht nur durch erhöhte elektrische Nervenaktivität und durch negative Gefühlsempfindungen kann Angst ausgelöst werden. Auch ein Sauerstoffmangel oder eine Kohlendioxyd-Erhöhung im Blut bewirken chemische Reaktionen, die angstauslösend sein können. Somit ist Angst nicht nur ein Zustand negativer Gefühlsempfindungen, sondern auch verbunden mit Veränderungen des Eingeweidesystems (Aktivierung des Nervus Sympathikus). Gerade diese Veränderungen (beschleunigter Puls, beschleunigte Atmung bis hin zur Hyperventilation, Einschränkung des Gesichtsfeldes, Muskelzittern) verstärken die bereits bestehende Angst (vgl. SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ, 1994). Diesen Kreislauf soll Abbildung 2-2 verdeutlichen.

Angst entwickelt sich stufenweise bedingt durch eine zunehmende

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-2: Wechselwirkung der von Angst hervorgerufenen Körperreaktionen und der Angst selbst (EHM 1974).

Nervenaktivierung (arousal). Infolge des Einflusses der Wirkung auf die Ursache selbst, können sich angstauslösende Momente schnell potenzieren und Angst kann sich schnell bis hin zur Panik steigern. SCHIÖBERG-SCHIEGNITZ (1994) beschreibt Panik speziell im Tauchsport als einen „...Zustand der absoluten Regellosigkeit, in dem die Vernunft ausgeschaltet ist, und der bewußt nicht mehr zu beherrschen ist. Panik unter Wasser führt zum unkontrollierten ‘Nach-oben- schießen’, ausgelöst durch einen Urinstinkt, weil die Luft an der Oberfläche als lebensrettend empfunden wird. So entsteht eine Situation, die für den Betroffenen

höchste Lebensgefahr bedeutet, aber auch für den Partner, der rettend eingreifen will.“

2.5 Panik beim Sporttauchen

Angst kann der Vorbote einer Panik sein, wobei beide Begriffe nicht miteinander zu verwechseln sind. So äußert sich Angst meist durch rationale Körperreaktionen wie erhöhte Herzfrequenz, Verkrampftheit oder Zittern. In einer solchen Situation ist man aber immer noch in der Lage, vernünftige Entscheidungen über Vermeidungshandlungen zu treffen. Anders ist es bei einer Panik, die nur Flucht oder Lähmung als Wege des unbewußt gesteuerten Handelns kennt.

„Beim Tauchen entsteht Panik meistens durch eingebildeten oder durch tatsächlich vorhandenen Luftmangel. Die Reaktion ist fast immer die Flucht zur Oberfläche“ (RAHIMI, 1997).

Um Paniken unter Wasser verhindern zu können, müssen die auslösenden Faktoren bekannt und Antwortreaktionen darauf vorher im Kopf, als auch praktisch durchgespielt worden sein.

Welche Situationen sind das, die eine Panik hervorrufen können? RAHIMI nennt die folgend beschriebenen Aspekte:

[...]

Details

Seiten
116
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638100045
ISBN (Buch)
9783656061274
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sportwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Angst Verarbeitung Sporttauchen Emotion Angstverarbeitung Tauchen

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Titel: Die Angst und ihre Verarbeitung beim Sporttauchen