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Ingeborg Bachmanns „Undine geht“

Ein Vergleich mit Friedrich de la Motte-Fouqués „Undine“ und Jean Giraudoux' "Undine"

von Herta Mackeviciute (Autor)

Bachelorarbeit 2008 22 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Undine als liebendes Wesen

3. Fouqués Undine
3.1. Quelle und einige Bearbeitungen
3.2. Inhaltsskizze
3.3. Undines Gestalt

4.Jean Giraudoux’ “Undine“
4.1. Inhaltsskizze
4.2 Undines Gestalt

5. Ingeborg Bachmanns Biographie

6. Ingeborg Bachmanns Undine geht
6.1. Undines Gestalt

7.Resümee

Literatur

1. Einleitung

In meiner Arbeit möchte ich herausfinden, ob Ingeborg Bachmann sich wirklich auf Fouques Undine und Jean Giraudoux’ Ondine bezieht . Zunächst möchte ich das Märchen von Friedrich de la Motte Fouque „Undine“ anschauen und genauer analysieren und dann dieselbe Methode bei Giraudoux´ Ondine vornehmen. Ich finde die Biographie von Ingeborg Bachmann ist auch ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit um besser ihr Werk Undine geht verstehen zu können.

2. Undine als liebendes Wesen

Allen nun folgenden Erzählungen liegt das alte Melusinenthema zugrunde, das in groben Zügen in sehr vielen Volkserzählungen des indoeuropäischen Raumes immer wieder vorkommt und auf mythische Stoffe zurückgeht.

Es geht um die Liebesverbindung zwischen einem Naturwesen und einem Menschen, dem ersteren ermöglicht, menschliche Züge zu gewinnen, meistens ist damit (später durch den christlichen Einfluss) die Seele gemeint, die diese nicht besitzen, weil sie dem Tierischen zugeordnet werden. Die Aufrechterhaltung des gewonnenen Guts ist an bestimmte Regeln gebunden, die jedoch bei Überschreitung ungünstige Konsequenzen nach sich ziehen.[1] Das Naturwesen ist „überwiegend weiblichen Geschlechts; es ist eine Nymphe oder eine Wassernixe, eine Meermime, eine Meerfrei“.[2] Undinen müssen geliebt und geehelicht werden, um als Menschen leben zu können. Dazu geben sie oft ihr eigenes Ich auf und passen sich an. Umso schlimmer ist es, wenn sie von ihrem Geliebten verraten und betrogen werden. Sie geben sich tatenlos ihrem Schicksal hin und verfallen in tiefe Trauer und Leid. Ihren Schmerz tun sie mit Tränen kund und ziehen somit Sympathie und Mitleid auf ihre Seite.[3] In wie weit Ingeborg Bachmann sich an diese traditionelle Aufarbeitung des Stoffes hält, wird zu zeigen sein.

3. Fouqués Undine

Undine von Friedrich de la Motte Fouque erschien 1811 in der Berliner Zeitschrift Jahreszeiten, die von Fouqué selbst herausgegeben wurde[4]. Das Märchen erfreute sich so reger Beliebtheit, dass es noch im gleichen Jahr als selbständige Buchausgabe im Julius Eduard Hitzig Verlag veröffentlicht wurde.

3.1. Quelle und einige Bearbeitungen

Der Stoff der halbmenschlichen Wassernixe ist seit jeher ein äußerst beliebter in der Literatur. Die älteste bekannte Überlieferung ist jene von Paracelsus, die Fouqué selbst auch namentlich erwähnt. Während Arno Schmidt in seinem Aufsatz Undine[5] meint, es bestünden Ähnlichkeiten zwischen der Undine und der Melusinen- und Staufenberger-Sage, beruft sich Fouqué selbst auf Paracelsus, indem er sagt, dass er aus

„Theophrastus Paracelsus Schriften schöpfte. Ich benutzte die Ausgabe von Konrad Waldkirch zu Basel, vom Jahre 1590, in deren neuntem Theil […] das Liber de Nymphis, Sylphis, Pygmaeis et Salamandris et de caeteris spiritibus[6] mir das ganze Verhältnis der Undinen zu den Menschen, die Möglichkeit ihrer Ehen usw. an die Hand gab.“[7]

Auch in der Gegenwart verliert der Stoff der Wassernixe nichts an seiner Aktualität. Von Hans Christian Andersen für Kinder aufbereitet und von Jean Giraudoux 1939 den Franzosen wieder ins Gedächtnis gerufen. Fouqués Zeitgenosse E.T.A. Hoffmann komponierte sogar eine gleichnamige Oper.

3.2. Inhaltsskizze

„ Du sollst wissen, […] dass es in den Elementen Wesen gibt, die fast aussehen, wie ihr, und sich doch nur selten von euch blicken lassen. In den Flammen glitzern und spielen die wunderlichen Salamander, in der Erden tief hausen die dürren, tückischen Gnomen, durch die Wälder streifen die Waldleute. Die der Luft angehören, und in den Seen und Strömen und Bächen lebt der Wassergeister ausgebreitetes Geschlecht.“[8]

Fouqué führt uns in eine Welt, die sich eine Art Parallelwelt neben sich stellen lässt. Die Repräsentantin dieser Parallelwelt ist vor allem Undine, die wir zunächst als „näckisches“, junges Mädchen kennen lernen. Eine Wassernixe in Menschengestalt, die bei einer Fischerfamilie aufwächst, nachdem ihr (der Familie) eigenes Kind in den See gefallen war. Trotz ihrer 18 Jahre ist Undine ein ungestümes Kind, das allein von ihren Trieben beherrscht wird; sie ist als Elementargeist seelenlos. So bleiben ihr höhere Tugenden wie z.B. Rücksichtnahme auf die Eltern, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, die Fähigkeit seelischen Schmerz zu verspüren und dergleichen, für sich selbst verborgen und ebenso unerreichbar wie ein Leben nach dem Tod.

„Wir wären weit besser daran, als ihr andern Menschen; - denn Menschen nennen wir uns auch, wie wir es denn der Bildung und dem Leibe nach sind; - aber es ist ein gar Übles dabei. Wir, und unseresgleichen in den andern Elementen, wir verstieben und vergehn mit Geist und Leib, dass keine Spur von uns rückbleibt, und wenn ihr andern dermaleinst zu einem reinern Leben erwacht, sind wir geblieben, wo Sand und Funk’ und Wind und Welle blieb. Darum haben wir auch keine Seelen; das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, solange wir leben, zerstäubt uns immer, sobald wir sterben, und wir sind lustig, ohne uns irgend zu grämen, wie es die Nachtigallen und die Goldfischlein und andre hübsche Kinder der Natur ja gleichfalls sind. Aber alles will höher, als es steht. So wollte mein Vater […], seine einzige Tochter solle einer Seele teilhaftig werden, und müsse sie darüber auch noch so viele Leiden der beseelten Leute bestehn.“[9]

Der einzige Weg für Undine, eine Seele zu bekommen, ist der, einen Menschen zu ehelichen. Als der Ritter Huldbrand von Ringstetten[10] durch den verwunschenen Wald nicht zufällig (er wird von Undines Onkel Kühleborn, einem mächtigen Wasserwesen, zu ihr geleitet) zu Undine findet und sich in sie verliebt, wird der Wunsch von Undines Vater erfüllt – es findet eine Vermählung statt und die Nixe wird (nach der Hochzeitsnacht) zum Menschen. Damit verändert sich ihr Wesen (nicht aber ihre Gestalt) grundlegend: „[…] still, freundlich und achtsam, ein Hausmütterlein, und ein zart verschämtes, jungfräuliches Wesen zugleich. […] engelmild und sanft.“[11] Nichts ist geblieben von den unbändigen, wilden, eigensinnigen, emanzipierten, impulsiven, temperamentvollen Zügen des Naturwesens[12], die Undine zuvor in sich vereinte: nun ist sie beseelt und muss „[…] darüber auch viele Leiden der beseelten Leute bestehn.“[13]

Huldbrand nimmt sie als seine Braut mit auf sein Schloss, wo Undine Bertalda, die ehemalige Geliebte ihres Mannes, kennenlernt. Sie ist, wie sich später herausstellt, die leibliche Tochter der Fischersleute. Huldbrand kann sich im Laufe der Zeit der Anziehung zu Bertalda nicht erwehren. Er wendet sich immer mehr von Undine ab, bis er sie schließlich auf einer Schiffsreise in ihr Verderben stürzt. Trotz des Wissens, seine Ehefrau nicht in der Nähe eines Gewässers „schelten“ zu dürfen, entzürnt ihn seine Wut darüber, dass Undine noch Verbindung zu den Wasserwesen hat (sie will Bertalda ein Korallenhalsband aus dem Wasser reichen, weil diese ihre Kette gedankenverloren in den Fluss fallen hat lassen), so sehr, dass er auf sein Versprechen vergisst und sie anschreit: „Bleib bei ihnen in aller Hexen Namen mit all deinen Geschenken, und lass uns Menschen zufrieden, Gauklerin du!“[14] Indem Huldbrand diesen Satz ausspricht, verflucht er Undine, und sie muss zurück zu ihren ehemals Verwandten: den Wasserwesen.

„[…] nur bleibe treu, dass ich sie dir abwehren kann. Ach, aber fort muss ich, fort muss ich auf diese ganz junge Lebenszeit. O weh, o weh, was hast du angerichtet! […] Und über den Rand der Barke schwand sie hinaus. – Stieg sie hinüber in die Flut, verströmte sie darin, man wusst es nicht; es war wie beides und wie keins. Bald aber war sie in die Donau ganz verronnen; nur flüsterten noch kleine Wellchen schluchzend um den Kahn, und fast vernehmlich war’s, als sprächen sie: O weh, o weh! Ach bleibe treu! O weh!“[15]

Nach einer kurzen Phase der Trauer beschließen Huldbrand und Bertalda, zu heiraten. Huldbrand denkt nicht an die Warnung, die Undine vor ihrem Sturz in die Donau aussprach und bricht somit den Schwur, ihr treu zu bleiben. Am Hochzeitstag gelingt es Undine, durch einen unverschlossenen Brunnen[16] den Weg zu Huldbrand zu finden. Als Konsequenz für seine Untreue muss sie sich rächen, oder zumindest den Willen der Wasserwelt befolgen und nach deren vorgegebenen Regeln handeln.

„Sie haben den Brunnen aufgemacht, sagt sie leise, und nun bin ich hier, und nun musst du sterben.“[17]

Wehmütig verkündet sie dieses Urteil, für den Leser spürbar, dass sie ihm selbst ausgeliefert und dazu gezwungen ist, es zu vollstrecken. In Undines Sprache liegt noch so viel Liebe und Zärtlichkeit, keine Spur von Groll oder Eifersucht kommt in ihr zum Vorschein. Huldbrands Unbeständigkeit scheint wie vergessen. Er selbst entdeckt die alten Gefühle zu „seiner Undine“ wieder und begreift, welche fatalen Fehler er begangen hatte. Alles, was ihm nun wichtig erscheint, ist, mit Undine vereint zu sein; ob im Leben oder im Tod.

[...]


[1] Vgl. Jürgen Jannig: Vom Menschenbild im Märchen. Kassel: Röth, 1981.S.59 ff.

[2] Ebd. S.59

[3] Vgl. ebd. S.59 ff.

[4] „Jahreszeiten“ erschien im Julius Eduard Hitzig Verlag von 1811 bis 1814, jährlich eine Ausgabe. Die Titel waren den Jahreszeiten zugeordnet, Undine erschien im „Frühlings-Heft“.

[5] Arno Schmidt: „Undine“. In: Arno Schmidt: Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in 4 Bänden. Sämtliche Nachtprogramme und Aufsätze. Bd. 3, Zürich 1988, S. 52 f.

[6] Zu deutsch: „Das Leben der Wassergöttinnen, Sylphen, Däumlinge, Salamander und Erdgeister“

[7] Klaus Tieke: „Ich war so leicht, so lustig sonst.“ Zum Frauenbild in Friedrich de la Motte Fouqués Erzählung „Undine“. In: Praxis Deutsch 20, 1993. S. 54.

[8] Friedrich de la Motte Fouque: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 46.

[9] Friedrich de la Motte Fouqué: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 47 f.

[10] Hier wird der romantische Bezug zum Mittelalter deutlich, im Gegensatz dazu bezieht sich die Klassik auf die Antike.

[11] Friedrich de la Motte Fouqué: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 45.

[12] Eigenschaften, die man auch den Stürmern und Drängern zuschreibt.

[13] Friedrich de la Motte Fouqué: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 48.

[14] Friedrich de la Motte Fouqué: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 85.

[15] Ebd. S. 85 f.

[16] Undine ließ die Brunnen immer mit einem großen Stein verschließen, damit keine Wasserwesen, z.B. ihr Onkel Kühleborn, sie belästigen konnten. Bertalda lässt nach Undines Tod die Brunnen wieder öffnen.

[17] Friedrich de la Motte Fouqué: Undine. Reclam Verlag, Stuttgart 2001. S. 96.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640498529
ISBN (Buch)
9783640498253
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140201
Note
2
Schlagworte
Ingeborg Bachmanns Vergleich Friedrich Motte-Fouqués Jean Giraudoux Undine

Autor

  • Herta Mackeviciute (Autor)

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Titel: Ingeborg Bachmanns „Undine geht“