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Der Bruch mit der Konventionalität. Die Dame und das Sänger-Ich bei Heinrich von Morungen

Seminararbeit 2003 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DAS SÄNGER-ICH UND DIE DAME IN DEN LIEDERN DER „HOHEN MINNE“
2.1 Ein Beispiel: Walther von der Vogelweide: „Bin ich dir unmære“
2.2 Die konventionelle Rolle der Dame
2.3 Die konventionelle Rolle des Sänger-Ichs

3. HEINRICH VON MORUNGEN
3.1 Daten zu Heinrich von Morungen
3.2 Heinrich von Morungen und sein Spiel mit den konventionellen Rollenmustern
3.2.1 „Uns ist zergangen“
3.2.2 „Ich waene, nieman lebe“
3.2.3 „Si hât mich verwunt“
3.2.4 „Ich wil ein reise“

4. FAZIT

5. SCHLUSSBEMERKUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Die weltliche Lyrik des Mittelalters befasste sich um die zweite Hälfte des 12. und im 13. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum hauptsächlich mit dem neuen Thema der „Minne“. „Minne“ steht hier für Liebe, auch für die geschlechtliche Liebe. Der sogenannte „Hohe Minnesang“, dessen Epoche während der oben angegebenen Zeit erblühte, beschäftigt sich vordergründig mit der Liebe eines Mannes zu einer Frau, aber auch mit gesellschaftlichen Fragen. Er gibt Auskunft darüber, wie sich Mann und Frau zueinander verhalten sollen und geht der Frage nach dem Verhältnis des Liebenden zur Gesellschaft nach. Wohlgemerkt geht es hier nur um das Leben der Menschen bei Hofe, Minnesang ist höfische Dichtung.[1] Der Inhalt der Lieder der „Hohen Minne“ ist also relativ beschränkt und die meisten dieser mittelalterlichen Dichtungen beruhen auf demselben Schema. Heinrich von Morungen spielt in vielfacher Weise mit dieser Konventionalität. Er ragt hervor, ohne die Ebene des Minnesangs zu verlassen. Inwiefern, soll in dieser Hausarbeit an einigen Beispielen erläutert werden. Dazu werde ich mit Hilfe eines Beispiels erst einmal auf die Rolle der Dame und der des Sänger-Ichs im konventionellen „Hohen Minnesang“ eingehen. Anschließend werde ich vier ausgewählte Beispiele aus Morungens Werk im Hinblick auf ihre Abweichungen von den konventionellen Rollenmustern untersuchen.

2. DAS SÄNGER-ICH UND DIE DAME IN DEN LIEDERN DER „HOHEN MINNE“

In den Liedern der „Hohen Minne“ spricht das lyrische Ich - welches hier durchgehend männlich ist - von oder zu einer Dame, die er[2] verehrt. Dieser Dame hat er sich in „staetem“, also dauerhaftem und treuem „Dienst“ unterworfen, was für ihn bedeutet, dass er sie besingt, umwirbt und auf ihre Zuneigung hofft. Da er diese nicht bekommt, leidet er ständig, obwohl seine „Herrin“ ihn in seinen Gedanken und durch ihren Anblick natürlich auch beglückt.

2.1 Ein Beispiel: Walther von der Vogelweide: „Bin ich dir unmære“

Als Beispiel dient mir hier ein Lied von Walther von der Vogelweide, in dem die konventionellen Rollenmuster sehr gut zu erkennen sind.

B: IV I

C: I-IV

E: I IV II V

s: III II IV Text nach C mit B

I Bin ich dir unmære,
des enweiz ich niht, ich minne dich.
einez ist mir swære,
dû sihest bî mir hin und über mich.
Daz solt dû vermîden,
ine mac niht erlîden
selke liebe â n grôzen schaden.
hilf mir tragen, ich bin ze vil geladen.

II Sol daz sîn dîn huote,
daz dîn ouge mich sô selten siht?
tuost dû daz ze guote,
sône wîze ich dir dar umbe niht.
Sô mît mir daz houbet,
daz sî dir erloubet,
und sich nider an mînen fuoz,
sô dû baz unmügest: daz sî dîn gruoz.

III Swanne ichs alle schowe,
die mir suln von schulden wol behagen,
sô bist dûz mîn frowe.
daz mac ich wol âne rüemen sagen.
Edel unde rîche
sint si sumelîche,
dar zuo tragent si hôhen muot:
lîhte sint si bezzer, dû bist guot.

IV Frowe, dû versinne
dich, ob ich dir zihte mære sî.
eines friundes minne,
diu ist niht guot, dâ sî ein ander bî.
Minne entouc niht eine,
si sol sîn gemeine,
sô gemeine, daz si gê
dur zwei herze und durch dekeinez mê.

V Sie beginnent alle,
mîner frouwen füeze nemen war.
mitten in dem schalle
sô sich, frouwe, ouch under wîlen dar.
Umbe die merkære
lâ dir sîn unmære:
den griffe ich wol nâher baz.
daz versuoche alrêrst sô denne daz.

2.2 Die konventionelle Rolle der Dame

Die angesprochene Dame verkörpert das - damalige - Ideal einer Frau: Sie ist tugendvoll und ausgesprochen schön (s. Strophe III), des Weiteren eine Dame höheren Standes, denn in Strophe III spricht das Sänger-Ich vom „hôhen muot“ der Damen. Der „hôhe muot“ bezeichnet eine aristokratische Hochstimmung, die die Adligen vom einfachen Volk absetzte. Daher stammt das neuhochdeutsche Wort „Hochmut“, dessen Bedeutung sich schließlich zur „Arroganz“ hin verschoben hat.

Ein weiterer Hinweis auf die höfische Herkunft der Dame verbirgt sich in der Tatsache, dass sie von einer „huote“ umgeben ist und von dieser bewacht wird (s. Strophe II und V). Die „huote“ beschreibt die Art, wie sich Damen in der mittelalterlichen Gesellschaft zu verhalten hatten, um beschützt zu sein. Es können damit aber auch persönliche Wächter gemeint sein.

Noch einmal zusammengefasst: Der besungenen Dame werden die höchsten Tugenden nachgesagt und sie ist grundsätzlich die Schönste von allen. Dabei wird sie aber nie genauer beschrieben. Ihr Äußeres wird zum Ideal hochstilisiert und sie selbst bleibt unidentifizierbar. Zudem ist ihre Rolle meist passiv. Sie reagiert nicht auf den Verehrer, sie spricht nicht mit ihm, hier schenkt sie ihm nicht einmal einen Blick.

2.3 Die konventionelle Rolle des Sänger-Ichs

Aber nicht nur die Dame gehorcht einem immer gleichen Schema, auch die Rolle des Sänger-Ichs ist sehr beschränkt und bestimmt. Sein „staeter dienst“ zu der Dame, die er liebt hat das eigentliche Ziel zu beweisen, dass er in seiner Liebe beständig ist. Vordergründig wünscht er sich nichts sehnlicher als die Aufmerksamkeit der Dame und letztendlich die sexuelle Vereinigung mit ihr. Doch würde er diesen „Lohn“ erhalten, wäre seine Aufgabe als leidender Verehrer und Sänger zu Ende geführt.[3] Während das Sänger-Ich also von der „tugend“ und der Schönheit seiner Herrin schwärmt (s. Strophe III), leidet er unter ihrer Zurückweisung bzw. Nichtbeachtung (s. Strophe I, Vers 3-8). In vielen Minneliedern versucht das Sänger-Ich mit der Dame eine geheime Zeichensprache zu verabreden (s. Strophe II, Vers 7-8), da er meint, sie reagiere auf Grund der „huote“ nicht so, wie er es sich wünscht (s. Strophe II, Vers 1-2). So ist es auch in „Bin ich dir unmære“ von Walther von der Vogelweide dargestellt.

Auf jeden Fall unterwirft sich das Sänger-Ich der Dame.

3. HEINRICH VON MORUNGEN

3.1 Daten zu Heinrich von Morungen

Von der mittelalterlichen Lyrik ist vermutlich nur ein kleiner Teil verschriftlicht worden und uns damit bis heute erhalten geblieben. Minnelieder wurden mündlich vorgetragen und auf diese Art weitergegeben. Von den Liedern, die niedergeschrieben wurden, lässt sich nur schwer sagen, von wem sie stammen und es ist fraglich, inwieweit die schriftlichen Zeugnisse den mündlichen Originalen gleichen. Von einigen Liedern gibt es mehrere variierende Überlieferungen.[4]

So verhält es sich auch mit den Liedern Heinrichs von Morungen. Sein Amt als Ministeriale unter dem thüringischen Markgrafen Dietrich von Meißen, sowie dass er um 1220 dem Leipziger Thomas-Kloster eine Rente vermachte, gilt als bezeugt.[5] Er soll selbst in das Kloster eingetreten und dort verstorben sein.[6]

Viel mehr ist über Heinrich von Morungen leider nicht bekannt.

3.2 Heinrich von Morungen und sein Spiel mit den konventionellen Rollenmustern

Jeder Künstler hat seine eigenen Besonderheiten, und bei Heinrich von Morungen gibt es einige Merkmale, die man für ihn als „typisch“ bezeichnen kann. Ich möchte in dieser Hausarbeit jedoch nur auf die inhaltlichen Besonderheiten bei Heinrich von Morungen eingehen. Meiner Meinung nach tritt bei ihm die Dame und das Werben um diese in den Hintergrund. Im Vordergrund steht die Liebe des Sänger-Ichs und die Faszination, mit der er von der Dame gefangen ist. Es ist hauptsächlich von den Qualen, die die Schönheit der Dame verursacht, die Rede. Auch Max Wehrli meint, dass die Lieder Heinrichs von Morungen von einer ganz eigenen Stimmung getragen werden:

„Hoher Minnesang sind auch Morungens Lieder im vollsten Sinn, doch tritt die ideologische und ethische Motivation zugunsten rein „ästhetischer“ Fassung zurück: Minne ist Berücktsein durch die Schönheit der Herrin, Dienst ist Schauen, Verlorensein im Anblick dieser Schönheit. Aber gerade dieser völlig ins Schauen gesammelte, gebannte Blick entrückt, verwandelt und transzendiert die Frau vollends ins Unerreichbare [...]“

[...]


[1] Vgl. Thomas Bein: Germanistische Mediävistik. Eine Einführung. - Berlin: Erich Schmidt 1998. S. 138.

[2] Im Folgenden werde ich für das lyrische Ich bzw. Sänger-Ich statt dem Personalpronomen es das Personalpronomen er verwenden, denn dahinter steckt immer – wenn auch nur ein fiktiver - Mann.

[3] Ebenda. S. 141.

[4] Ebenda. S. 139.

[5] Vgl. Max Wehrli: Geschichte der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. - In: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart; Bd. 1. - Stuttgart: Reclam 1980 (RUB 10294). S. 369.

[6] Vgl. De Boor/ Newald: Geschichte der deutschen Literatur II, München 1960. S. 277.

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638195478
ISBN (Buch)
9783656182405
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14043
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Germanistisches Institut
Note
2,7
Schlagworte
Bruch Konventionalität Dame Sänger-Ich Heinrich Morungen Proseminar Lieddichtung Heinrichs

Autor

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