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Individualpsychologische Grundlagen in der Jugendarbeit

Stärkung des Gemeinschaftsgefühls orientierungsloser Jugendlicher durch Bildung eines "Gruppenrats" für eine HipHop-Projektarbeit

Projektarbeit 2008 65 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Gliederung der Arbeit

Thema: Stärkung des Gemeinschaftsgefühls orientierungsloser Jugendlicher durch Bildung eines „Gruppenrats“ für eine HipHop-Projektarbeit

1. Heranführung an das benannte Thema
1.1. Persönliche Motivation und Beweggründe
1.2. Meine Einschätzung der Situation der Jugendlichen und Hintergründe für die Begriffswahl „orientierungslos“
1.3. Gründe für die Auseinandersetzung mit dem Thema und der Zugewinn für mich und andere
1.4. Themenvielfalt, Themenschwerpunkte und die Zielsetzung der Arbeit
1.4.1. Einbettung und Abgrenzung des Kernthemas in den Gesamtkontext der angrenzenden Themenvielfalt
1.4.2. Verdeutlichung meiner Themenschwerpunkte
1.4.3. Die Zielsetzung unter Berücksichtigung zu erwartender Schwierigkeiten und im Hinblick auf die geplante Projektarbeit

2. Ausgangssituationen, Begriffserläuterungen und persönliche Gedankenhintergründe
2.1. Ausgangssituationen
2.1.1. Jugendliche Die Lebenssituationen der Jugendlichen als Ausdruck von Mut- und Perspektivlosigkeit
2.1.2. Projekt Auszug aus der Projektentstehung und Einführung in die anspruchsvolle Arbeit des Jugendzentrums
2.2. Begriffserläuterungen
2.2.1. Die allgemeine Bedeutung, Funktion und Unterscheidung der Bezeichnungen „Bande“ und „Gang“
2.2.2. HipHop Eine kurze Einführung und die Verknüpfungen zwischen HipHop und Jugendbanden
2.3. Einführung und Begriffserläuterungen zu Individualpsycho- logischen Themenbereichen
2.3.1. Individualpsychologie - Ursprung und Ausrichtung
2.3.2. Gemeinschaftsgefühl: „Seinen Platz in einer Gemeinschaft finden und sichern, Verantwortung tragen und einen Beitrag leisten“
2.3.3. Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation: „Die Grenzen zwischen Angst- und Mutpegel kennen- lernen und ein persönliches Gleichgewicht finden“
2.3.4. Logische Konsequenzen: „Folgen nach einem Regelverstoß akzeptieren und ein genaueres Verständnis für die persönlichen Handlungen und die anderer entwickeln“
2.3.5. Das Prinzip „Familienrat“ nach Rudolf Dreikurs
2.4. Persönliche Gedanken Hintergründe vor dem Projekt
2.4.1. Die Projektarbeit als Möglichkeit um Wachstum und Potential für Veränderungen zu schaffen
2.4.2. Der Tanz als mögliches Ausdrucks- und Gewaltpräventionsmittel für die Jugendlichen

3. Überblick zum Projektverlauf, Vertiefung anhand von Beispielen und Zusammenfassung der Ergebnisse
3.1. Inhalt und Aufbau des Hauptteils
3.2. Angaben zum Inhalt und Verlauf des Projekts unter besonderer Betrachtung der Bildung des Gruppenrats und als Orientierungshilfe für die Eingliederung der folgenden Beispiele
3.2.1. Beginn des Projekts und Verlauf der ersten Treffen
3.2.1.1. Der Workshop
3.2.1.2. Fazit nach dem Workshop
3.2.1.3. Beginn des wöchentlichen Tanztrainings
3.2.2. Übertragung des Prinzips des „Familienrats“ auf die Gruppe
3.2.3. Der weitere Projektverlauf mit einem „Gruppenrat“ bis zum Projektabschluss
3.3. Beschreibung von vier exemplarischen Beispielen aus dem Projekt mit besonderem Fokus auf den Themen Gemeinschaft und „Gruppenrat“
3.3.1. Beispiel A: Annäherungsgespräch mit den Mädchen über ihre gewaltvollen Bandenhintergründe (Gesprächssituation während der Existenz des „Gruppenrats“)
3.3.1.1. Sinngemäße Wiedergabe von Inhalt und Verlauf des Gespräches
3.3.1.2. Beschreibung der Atmosphäre
3.3.1.3. Erkenntnisse und Ergebnisse aus dem Gespräch
3.3.2. Beispiel B: Diskussion über das Erarbeiten von Tanzbewegungen (Situation während der Existenz des „Gruppenrats“)
3.3.2.1. Beschreibung von Inhalt und Verlauf der Diskussion
3.3.2.2. Beschreibung der Atmosphäre
3.3.2.3. Erkenntnisse und Ergebnisse aus der Diskussion
3.3.3. Beispiel C: Diskussion über die Existenz des „Gruppenrats“
3.3.3.1. Beschreibung des Diskussionsverlaufs
und der Spaltung in zwei Interessengruppen
3.3.3.2. Beschreibung der Atmosphäre
3.3.3.3. Die Entscheidung über den „Gruppenrat“ als Ergebnis der Diskussion und Ausgangspunkt für den weiteren Unterricht
3.3.4. Beispiel D: Abschlussgespräch mit den Jugendlichen über den Gruppenrat nach dem Projekt
3.3.4.1. Sinngemäße Wiedergabe von Inhalt und Verlauf des Gespräches
3.3.4.2. Beschreibung der Atmosphäre
3.3.4.3. Zusammengefasste Ergebnisse aus dem Gespräch
3.4. Zusammenfassung der Ergebnisse und der persönlichen Erkenntnisse

4. Ableitungen und Konsequenzen
4.1. Der Gruppenrat als wertvollstes Instrument und „Schlüssel“ in der Arbeit mit den Jugendlichen
4.2. Eine Neubewertung der persönlichen Lebenssituationen der Jugendlichen und ein neu empfundenes Gemeinschaftsgefühl
4.2.1. aus der Sicht der Jugendlichen
4.2.2. aus meiner Sicht
4.3. Die Zusammenhänge der hervorgehobenen und angrenzenden Individualpsychologischen Themenbereiche in Bezug auf den Veränderungsprozess der Teilnehmerinnen
4.3.1. Pfeildiagramm zum Veränderungsprozess der Teilnehmerinnen
4.4. Abschlussfazit
4.4.1. aus fachlicher Sicht in Bezug auf die Individualpsychologischen Themenbereiche
4.4.2. aus persönlicher Sicht unter Berücksichtigung der zuvor angekündigten Schwierigkeiten
4.4.3. in Bezug auf die persönlichen Gedankenhintergründe
4.4.4. in Bezug auf offene und neue Themen für weitere Projekte

5. Entwicklungen nach dem Projekt
5.1. Checkliste als gedanklicher Erinnerungsleitfaden für kommende Projekte
5.2. Persönliche Weiterentwicklung nach dem Projekt und die daraus resultierenden Aktivitäten

6. Anhang
6.1. Literaturangaben / Web-Links - Inhalte sind in die Arbeit verwandt worden
6.2. Literaturangaben / Artikel / Fernsehbeiträge / Web-Links - zu verwandten und weiterführenden Themen
6.3. Auflistung der Fußnoten

1. Heranführung an das benannte Thema

1.1. Persönliche Motivation und Beweggründe

Vor Beginn einer neuen Arbeit oder eines Projekts steht immer die Überlegung, welche Arbeitsbereiche einen persönlich fesseln und motivieren. Bei mir sind es von je her Kinder und Jugendliche gewesen. Mit ihnen zu arbeiten, bringt mich stets auf neue Ideen. Denn ihr Umgang mit neuen Themen reicht von interessierter Spannung bis hin zu völligem Desinteresse. Gerade diese Unberechenbarkeit in der Arbeit mit Kindern macht für mich einen zusätzlichen Reiz aus und bringt mich dazu, meine Projektideen noch gründlicher vorzubereiten, um mein gewünschtes Ziel zu erreichen.

Mein Grundbestreben liegt darin, meine persönliche Faszination für die Bereiche Tanz, Musik und Bewegung weiterzugeben und eine weitere Möglichkeit der persönlichen Ausdrucksform aufzuzeigen. Diese Bereiche bringen eine unglaubliche Fülle von Themenbereichen mit sich, die dazu noch unterschiedlich kombinierbar sind und so einen scheinbar unerschöpflichen Pool der Möglichkeiten bieten.

Durch meine persönliche Aus- und Weiterbildung ist es mir gelungen, mich in meinen bisherigen Projekten immer anspruchsvolleren Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu nähern und mit ihnen tänzerische und musikalische Projekte zu erarbeiten. Im Lauf dieser Entwicklung, angefangen beim Unterrichten in Kleingruppen bis hin zum Inszenieren ganzer Bühnenstücke, habe ich mich mit der jeweiligen Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen auseinandergesetzt. Ich wollte verstehen, warum sie unterschiedlich auf gleiche Aufgabenstellungen reagieren, was sie bewegt und beschäftigt. Diese Überlegungen brachten mich dazu, über meine persönliche Kinder- und Jugendzeit nachzudenken, über mein Umfeld, meine Anregungen und Beweggründe. Somit gelangte ich zum Ausgangspunkt für das Projekt dieser Arbeit.

Für mich stand zunächst fest, ein Projekt mit Jugendlichen zu gestalten - mit dem Ziel, sie von ihrem Sofa weg zu bewegen und sie in Bewegung zu versetzen. In der Auseinandersetzung mit der „Welt“ der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren und meiner „Welt“ wurde mir schnell klar, dass sich in dem sehr kurzen Zeitraum von nur 6 Jahren viel verändert hatte. Auch ich sah mich mit den Möglichkeiten meiner Lebensgestaltung konfrontiert, schien das Ganze aber mit 23 Jahren aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und zu bewerten als meine Zielgruppe.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine konkreten Zukunftspläne geschmiedet, jedoch allerlei Ideen, was einmal aus mir werden könnte. In meinen vielen Ideen und Möglichkeiten fiel es mir schwer, eine Entscheidung zu treffen. Die Vielfalt meiner Interessen erschien mir zu groß, um mich auf einen Bereich festlegen zu können. Ich selbst erschien mir orientierungslos, obwohl es bereits ein Stück Arbeit gewesen war, zu dem bisherigen Kenntnisstand zu gelangen. Damit begannen meine Überlegungen, nach welchen Aspekten sich die heutigen Jugendlichen in der Vielfalt der Lebensgestaltungsmöglichkeiten orientieren und entscheiden.

1.2. Meine Einschätzung der Situation der Jugendlichen heute und Hintergründe für die Begriffswahl „orientierungslos“

Im folgenden Abschnitt möchte ich einen Einblick in meine Beobachtungen der heutigen Lebenssituation von Jugendlichen geben.

Wenn ich nach den heutigen Möglichkeiten der Jugendlichen frage, erhalte ich sehr häufig die Antwort, dass die Vielfalt nie größer und die Möglichkeiten nie besser waren. Die ganze Welt scheint mit offenen Armen zu warten. Doch in dieser Welt voller offener Türen ist es schwer, sich zu orientieren. Wenn es theoretisch möglich ist, jeden Beruf zu erlernen, jedes Hobby auszuüben oder die Welt zu bereisen, stellt sich auch die Aufgabe der Entscheidung. In meinen Augen sind nur einige wenige Jugendliche in der Lage, die Palette der Lebensgestaltungsmöglichkeiten annähernd zu überblicken.

Die Weichen für die jeweilige persönliche Zukunft werden allerdings viel früher gestellt. Kaum ein Kind im Alter zwischen 9 und 12 Jahren denkt konkret über seine Zukunft nach oder kann gar die Folgen seines Handelns überblicken. Oft wird ihnen erst mit 16 Jahren bewusst, dass die Entscheidung, nicht auf eine weiterführende Schule zu gehen oder sich selbst mehr abzuverlangen, die falsche war.

Die Prioritäten der Jugendlichen liegen in anderen Bereichen. Sie wollen die Welt entdecken, und das in möglichst schillernden Farben und mit soviel Spannung und Action wie möglich. Wer sich anstrengt, möchte dafür eine Gegenleistung. Fehlt die Aussicht auf eine solche, verliert die Anstrengung ihren Reiz. Nichts scheint bei ihnen ohne eine Gegenleistung möglich zu sein. Sie erleben in ihrem Heranwachsen die Wechselwirkung von Leistung und Belohnung und meinen, die gesamte Welt müsste so funktionieren. Wenn nun auf jede Anstrengung eine Belohnung folgt, die angenehm und positiv ist, kann ich einen Jugendlichen verstehen, der für sich keinen Wert in der Suche nach einem Ausbildungsplatz erkennt. Zunächst hat er die Qual der Entscheidung, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Dann kommen die Suche und das Bewerbungsverfahren auf ihn zu, um am Ende täglich für einen Ausbildungslohn zu lernen und zu arbeiten. Wenn der Weg in die Unabhängigkeit und Freiheit so viel Anstrengung beinhaltet, ist die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen, durchaus leichter.

Eltern haben hier in meinen Augen oft keine Chance. Sie schmeißen ihre Kinder nicht aus dem Haus und verlieren durch ständiges Ermahnen und Ratschläge geben mehr und mehr den Zugang zu ihren Kindern. Die Jugendlichen sind in einer bequemen Spirale gefangen, die sich allerdings langsam nach unten bewegt.

Sie leben oft in einer Scheinwelt, die sie selbst frei gestalten können. Dank toller Medien und der bunten Welt des Internets können sie sich jede Information mit der Anstrengung eines Mausklicks verschaffen. Sie bekommen Einblicke in die Welt der Schönen und Reichen, die scheinbar ohne Anstrengung zu ihrem Erfolg gekommen sind. Deren schwerste Entscheidung scheinbar in der Wahl des Mittagessens oder der Nagellackfarbe liegt. Die Wertigkeiten verschieben sich und unwichtige Dinge gewinnen eine hohe Bedeutung. Wer etwas darstellen möchte, bekennt sich zu einer Gruppierung, einer Interessengruppe Gleichgesinnter. Er bemüht sich, stetig seinen Platz, sein Ansehen und seinen Stellenwert zu verbessern oder zu verteidigen. Es ist wichtig, was man für eine Hose trägt, wie man aussieht und welche Musik man hört. Theoretisch sollte jeder seinen individuellen Stil haben, jedoch nicht zu außergewöhnlich sein, um nicht aufzufallen. Jede Gruppe folgt ihren eigenen Regeln und Ansichten. Es bleibt nur die Entscheidung, dem Trend zu folgen oder eben nicht mehr im Trend zu liegen. Ich bin überzeugt, viele der Jugendlichen handeln aus Angst, ihr Umfeld oder ihr Gesicht zu verlieren, falls sie einen Trend oder eine Ansicht nicht vertreten. Sie machen dann trotzdem mit, ohne selbst von der Sache überzeugt zu sein. Sie hängen einem gemeinsamen Traum nach. Zum Beispiel „Superstar“ oder „Topmodel“ zu werden, wie gleichnamige Fernsehsendungen vorleben. Ihre Motivation ist, „in“ zu sein und einen gewissen Status zu erreichen.

In einer Welt, die so viel Wert auf Oberflächlichkeiten legt, fällt es schwer, seinen Neigungen und Interessen bedingungslos nachzugehen, sich zu finden und zu festigen. Jeder Jugendliche, der sich bewusst gegen Drogen entscheidet, lieber Sport macht oder sich für Mode begeistert, wird genauso in eine Schublade gesteckt wie ein Jugendlicher, der nichts tut oder einem Traum nachhängt, der unerreichbar scheint.

Meiner Meinung nach sind jedoch gerade die zukunftsfördernden Dinge wie Sport oder Kunstinteresse mit Anstrengungen verbunden. Der Vorteil: sie bereiten die Jugendlichen auf das Leben vor und trainieren sie, während es bei den anderen so wirkt, als ob sie auf der Stelle treten. Es ist schwer, einen Jugendlichen dazu zu bewegen, sich mit seiner Zukunft zu beschäftigen, wenn der Traum, auf einer Bühne zu stehen, für ihn aktuell viel bedeutsamer ist. Dieser Traum ist wichtig, um Möglichkeiten und Fantasie zu wecken, jedoch darf er nicht zum Lebensinhalt werden. Die gesteckten Ziele und Träume sind oft so hoch angesetzt, dass sie auf den ersten Blick unerreichbar erscheinen. Die Jugendlichen kapitulieren, bevor sie beginnen, sich anzustrengen. Für sie ist es besser, nichts zu tun und den schönen Traum dieses Lebens aufrechtzuerhalten, statt eventuell zu scheitern und der Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen. Ist erst einmal dieser Stillstand erreicht, fällt es ihnen noch schwerer, sich selbst zu motivieren und andere lebensnahe Ziele anzugehen. Bei der kleinsten Niederlage geben viele bereits auf, ihre Angst vor einem Fehlschlag wird immer größer. Der Traum, wegen seiner Unerreichbarkeit so gewaltig und erdrückend, überträgt sich auf den Alltag und seine Herausforderungen. Diese können dann scheinbar auch nicht mehr bewältigt werden. Die jugendliche Traumwelt vermischt sich mit der Realität, und beides hängt in einer Warteschleife.

Das voran Beschriebene ist nur einer von vielen Aspekten, die das Heranwachsen von Jugendlichen prägen können. Ich möchte an dieser Stelle noch einen weiteren anführen, der speziell für die Gruppe von Jugendlichen in dieser Arbeit von Bedeutung ist.

Es handelt sich dabei um das Zusammenwachsen verschiedener Kulturkreise. In unserer Zeit treffen immer häufiger Menschen aus unterschiedlichen Ländern aufeinander. Leider sind ihre Beweggründe, in fremde Länder auszuwandern, selten positiv. Kriege, ethnisch motivierte Vertreibungen und andere Misstände in ihrer Heimat zwingen viele Menschen dazu, aus ihrer Heimat in ein anderes Land zu fliehen und so auch nach Deutschland auszuwandern. Sie und ihre Kinder müssen sich nun in einer fremden Welt mit einer neuen Sprache, einer anderen Religion und anderen Sitten zurechtfinden. Auch von den Kindern wird erwartet, sich möglichst schnell einzugewöhnen, anzupassen und mit dem „neuen“ Leben zurechtzukommen.

Die ideale Wunschvorstellung, dass die Jugendlichen gut aufgenommen werden, Hilfe von einheimischen Jugendlichen erhalten und sofort akzeptiert werden, wie sie sind, entspricht selten der Realität. Es prallen Welten mit unterschiedlichen Wertevorstellungen aufeinander, die im ersten Moment scheinbar nicht zusammen passen und daher oft von beiden Seiten abgelehnt werden. Es bilden sich daher Gruppen von Menschen mit gleicher Herkunft und Sprache, gleicher Religion oder Weltanschauung. Die Jugendlichen bleiben unter sich und können ein Stück ihrer Heimat in einem fremden Land bewahren.

In meinen Augen ist es wichtig, die „alte“ Herkunft zu bewahren. Die Anpassung und Auseinandersetzung mit der lokalen Kultur ist allerdings genauso notwendig. Für die Zeit der Ausbildung in der Schule mag es für die Jugendlichen noch weitgehend möglich sein, sich ausschließlich mit ihren Landsleuten zu umgeben, doch spätestens in der Erwachsenenwelt vermischen sich die Kulturkreise. Eine Anpassung und ein Einleben in die „fremde“ Welt erscheinen mir dann noch viel schwieriger als zur Jugendzeit. Das Ideal, dass beide Seiten zusammenkommen und voneinander profitieren, wird leider selten erreicht, denn die Probleme untereinander treiben die Gruppen auseinander. Leider kommen die Aspekte Arbeitslosigkeit, Gewalt und eine immer größer werdende Kluft zwischen „Arm und Reich“ noch hinzu. So wie eine unsichtbare Trennlinie in der Erwachsenenwelt besteht, entwickelt sie sich auch bei den Jugendlichen. Die „obere“ Schicht möchte sich deutlich abgrenzen. Die „untere“ Schicht versucht, die Annehmlichkeiten mit allen Mitteln zu erreichen, oder sie kapituliert vor der Schwere dieser Aufgabe und beschwert sich darüber. Beide Seiten haben deutliche Vorurteile voneinander und lassen sich in diesem Zusammenhang nur schwer von anderen positiven Positionen überzeugen.

Ein Jugendlicher heute wird zunächst nicht wissen, für welche der zahlreichen Möglichkeiten er sich entscheiden soll. Die große Vielfalt ist nur schwer zu überblicken und es ist kompliziert, die vielen Möglichkeiten gegeneinander aufzuwiegen.

Auch ich habe mich in dieser Vielfalt oft nicht zurecht gefunden und hätte mir gewünscht, Hilfe von Außen zu bekommen. Heute werden Jugendliche dabei leider oft allein gelassen. Vielleicht, weil sie sich selbst dazu entschieden haben, unabhängig sein möchten und ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen. Oder weil es so von ihnen erwartet wird und sie dieser Erwartungshaltung gern entsprechen möchten. In manchen Fällen fühlt sich der Jugendliche vielleicht auch unverstanden. In vielen Fällen ist dann niemand da, der ihm zuhört oder ihm weiterhelfen kann. Ich bin überzeugt, dass es für die Außenwelt schwer ist zu erkennen, ob ein Jugendlicher eine Hilfestellung benötigt, sie vielleicht sogar erwartet und wie er letztlich mit externen Anregungen zurechtkommen wird.

Nicht umsonst wird die Entwicklungsphase vom Kind zum Erwachsenen immer wieder als einer der anspruchsvollsten Abschnitte im Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern beschrieben. Für beide Seiten und weitere Außenstehende ist ein Auskommen miteinander oft schwierig. Der Jugendliche versucht, seinen Platz zu finden, wirkt dabei auf mich allerdings oft „orientierungslos“.

Bisher habe ich deutlich eine Gruppe heutiger Jugendlichen beschrieben. Jedoch möchte ich nicht versäumen, auch jene Jugendlichen zu erwähnen, die sich bei all diesen Entscheidungen gut zurechtfinden. Sicher ist es auch ihnen nicht leicht gefallen, aber sie haben Entscheidungen für ihr Leben getroffen, die sie auf eigenen Füßen stehen lassen. Es stellt sich die Frage, warum die einen so und die anderen so entscheiden. Doch ich glaube, diese Frage lässt sich, wenn überhaupt, nur schwer beantworten und würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Für mich kommt hier die Frage nach einer angebrachten Hilfestellung für die Jugendlichen viel eher ins Spiel. Was kann ich tun, um einen noch besseren Einblick in ihre Welt zu bekommen, und wie kann ich, ohne zu sehr einzugreifen, eine Hilfestellung geben? Diese Ausgangsfragestellung war ein weiterer Auslöser für die folgende Projektidee.

1.3. Gründe für die Auseinandersetzung mit dem Thema und der Zugewinn für mich und andere

Jeder von uns befindet sich immer wieder in Lebenssituationen, in denen er Menschen begegnet, denen er sich direkt verbunden oder fremd fühlt. So wie wir in der Lage sind, Informationen in wichtige und unwichtige Details einzuteilen, tun wir dies auch mit den Menschen, die uns umgeben. So bilden wir Gruppen aus Menschen, mit denen wir viel, weniger oder gar keinen Kontakt haben wollen, und uns letztlich im angemessenen Rahmen mit ihnen auseinandersetzen. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, was es bedeutet sich mit zunächst fremden Gruppen zu beschäftigen und behaupte aufgrund dieses Wissens, dass jeder davon profitieren kann. Selbst wenn man in seinem Alltag nichts mit Jugendlichen zu tun hat und zunächst keine Schnittstellen für sich sieht, kann der Inhalt dieser Arbeit wertvoll sein.

Diese Arbeit gibt einen Einblick in die anspruchsvolle Zusammenarbeit mit straffällig gewordenen Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren, eine allgemein schwer zugängliche Gruppe. Sie gewährt einen Blick in die Innenwelt von Mädchengangs und ihren Werten, Lebensinhalten und Zukunftsvorstellungen. Darin wird deutlich, wie schwer eine Eingewöhnung in neue Regeln und Systeme sein kann und was passiert, wenn diese gänzlich aufgehoben werden. Begriffe wie Verantwortung, Gemeinschaftsgefühl und das Leisten eines eigenen Beitrags sind dabei von großer Bedeutung. Die Mädchen erhalten die Möglichkeit, sich anders zu entfalten, mitzuarbeiten und neu zu bewerten oder in ihrem Verbund zu bleiben. Das gemeinsame Interessengebiet des „HipHop“ verbindet alle Teilnehmer miteinander, obwohl sie sich sonst deutlich voneinander abgrenzen. Es bietet die Grundlage der Zusammenarbeit, denn HipHop schafft ein gemeinsames Ziel. In der Auseinandersetzung mit der Musik, dem Tanz und den anderen Teilnehmerinnen werden auf einer neutralen Ebene Auseinandersetzungen stattfinden, die auf viele andere Lebensbereiche übertragbar sind. Dies gilt letztlich dann nicht nur für die Mädchen und mich persönlich, sondern auch für den Leser. Abgesehen von den Informationen. die aus dieser Arbeit hervorgehen, hilft sie vielleicht auch, die Jugendlichen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

1.4. Themenvielfalt, Themenschwerpunkte und die Zielsetzung der Arbeit

In diesem Abschnitt möchte ich das Kernthema der Arbeit verdeutlichen und einen Einblick in meine vorangegangenen Überlegungen bieten. Ich werde auf mögliche Schwierigkeiten im Verlauf der Arbeit hinweisen und meine Herangehens- und Vorgehensweise begründen. Das Thema bietet eine Vielzahl an weiterführenden Themen, die den Rahmen der Arbeit sprengen würden und deshalb nur benannt werden.

Im Anhang befinden sich Literaturhinweise und Links, um diese Themenbereiche bei Interesse zu vertiefen. Ich weise darauf hin, dass alle Vorüberlegungen in diesem Abschnitt vor der Projektdurchführung von mir gemacht wurden und die Ergebnisse im Verlauf des Projekts davon abweichen können.

1.4.1. Einbettung und Abgrenzung des Kernthemas in den Gesamtkontext der angrenzenden Themenvielfalt

In meiner Annäherung an die Jugendlichen bin ich auf eine Vielzahl von Themen gestoßen, die mir als wichtige Informationsquellen dienten, um die Mädchen besser verstehen zu können. Meine bisherige Herangehensweise an neue Gruppen beschränkte sich zunächst weitgehend auf die Vorbereitung von möglichen Unterrichtsthemen und zu kleinen Anteilen damit, welche Art von Kindern oder Jugendlichen auf mich zukommen würden. In diesem konkreten Fall erwartete ich, dass der Zugang zu den Mädchen schwerer sein würde. Ich beschäftigte mich daher im Vorfeld so weit wie möglich mit ihren Hintergründen.

Als Ausgangspunkt für meine Hintergrundrecherchen dienten ein Besuch in der Wohngegend der Jugendlichen und ein Besuch des Jugendzentrums. Dabei wurde deutlich, dass hier Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Religion und finanziellen Möglichkeiten aufeinander treffen. Sie alle sind auf der Suche nach besseren Lebensumständen und sind teilweise als Flüchtlinge aus Krisengebieten nach Deutschland gekommen. Die Jugendlichen befinden sich in einem multikulturellen Umfeld, in einem fremden Land und müssen sich neu orientieren. Sie haben Integrationsprobleme im Schul- und Freizeitbereich und Schwierigkeiten mit der neuen Sprache. Ihre Eltern setzen sich häufig mit den gleichen Problemen in der Behörden- und Arbeitswelt auseinander und haben weniger Zeit, ihren Kindern Hilfestellung zu leisten. So passiert es, dass sich die Jugendlichen in Gruppen von Gleichgesinnten zusammenfinden, um den Anpassungsproblemen aus dem Weg zu gehen. Es werden kleine „Inseln“ geschaffen, in denen sie eine Zuflucht finden. Sie wagen nur selten den schweren Schritt, diese Isolation zu verlassen. In ihrer Gruppe sind sie stark und können ihre Probleme und Aufgaben vergessen. Trotzdem nehmen sie deutlich wahr, welche Möglichkeiten und Annehmlichkeiten die besser gestellten Jugendlichen in ihrer „neuen Welt“ haben. Auch sie möchten diese Annehmlichkeiten gern erreichen. Der Weg, sich diese Ziele zu erarbeiten, erscheint ihnen aber oft als zu schwierig und ein kriminelles Beschaffen einfacher.

Sie bilden Banden mit eigenen Ordnungs- und Regelsystemen und beschaffen sich all die Statussymbole an, die sie begehren. Die Zugehörigkeit zu einer Bande wird häufig durch Herkunft oder Religionszugehörigkeit bestimmt. Die tatsächlichen Beweggründe sind sich dabei oft ähnlich. Als Mitglied einer Bande fühlen sie sich verstanden, können ihre eigenen Regeln durchsetzen und bekommen eine Art Halt und Struktur. Die Jugendlichen erleben, wie sie durch ihre Familien, die Schule und den Gesetzgeber gemaßregelt werden, und möchten diesem Druck entfliehen. Sie fühlen sich überfordert, sehen wenige Chancen für sich selbst und leiden unter dem Desinteresse ihrer Eltern und deren Kapitulation vor den schwierigen Umständen, an denen sie zu scheitern drohen. Die einzige sinnvolle Zugehörigkeit empfinden sie in ihrem Bandenverbund.

Die Bildung von Banden nimmt mehr und mehr zu und verleitet die Jugendlichen zu Handlungen, die sie aus dem Wunsch der Zugehörigkeit tätigen. Auf der Suche, einen Platz zu haben, eine Funktion zu übernehmen und bedeutend zu sein, scheinen sie zu fast allem bereit. Banden und Gangs wie „MS 131“, übernehmen eine Vorbildfunktion für die Banden in den deutschen Großstädten. Sie zeichnen sich durch harte Aufnahmerituale, eine hohe Gewaltbereitschaft und hierarchische Machtstrukturen aus. Sie hegen eine Vorliebe für eine gewaltgeprägte Form des „HipHop“ und folgen dessen Lebensphilosophie. In der Musik des „HipHop“ verherrlichen sie ein Leben basierend auf Gewalt, Drogenmissbrauch und Machtbestreben. Sie besingen Misstände und rechtfertigen so ihre Vorgehensweise und Ordnungssysteme. Die positiven Ausläufer des „HipHop“ und seine durchaus fördernden Ausdrucksmöglichkeiten kommen dabei leider oft nicht zum tragen.

Die beschriebenen Sachverhalte gelten natürlich nicht nur für einen Teil ausländischer, sondern auch für einen Teil deutscher Jugendlicher. Somit befinden wir uns inmitten eines gesellschaftspolitischen Problems, dessen genauere Untersuchung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Dennoch ist es mir wichtig, die Umstände der Jugendlichen aufzuzeigen und den Hintergrund der Mädchen im folgenden Projekt zu umschreiben. Für mich stellte sich nun die Aufgabe, einen Zugangsweg zu den Mädchen zu finden, der sich an neuen Regeln orientieren und nicht nach dem gleichen Schema vorgehen sollte, dem die maßregelnden Institutionen Familie, Schule und Gesetzgeber üblicherweise folgen. Meine Vermutung war, dass die gleiche Vorgehensweise, mit Gesetzen und Verboten Ordnung schaffen, die Mädchen kaum dazu bringen würde, an meinem Projekt teilzunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Probleme der heutigen Jugendlichen sich auf weit mehr Bereiche und Themen ausweiten lassen. Es wäre eine umfassende Studie nötig, um allen Umständen gerecht zu werden. Diese Arbeit beschränkt sich in ihrem Umfang auf einen Kreis von Mädchen mit Migrationshintergrund. Sie entstammen unterschiedlichen Banden, die sich an dem Verhalten der Gruppierungen von MS 13 orientieren. Sie bringen eine hohe Gewaltbereitschaft mit, die sich deutlich in ihren Handlungen bis hin zur Straffälligkeit gezeigt hat. Ein weiterer kleiner Teil der Mädchen entstammt deutschen Familien. Diese Teilnehmerinnen kommen von Realschulen und Gymnasien und sind zuvor mit Banden nur entfernt in Berührung gekommen. Die Aufgabe des Projekts ist es, eine neue Form eines Gemeinschaftsgefühls zu wecken, die unterschiedlichen Gruppen zu verbinden, ein anderes Ordnungs-system einzuführen und gemeinsam an einem Ziel in einem gemeinsamen Interessengebiet zu arbeiten.

1.4.2. Verdeutlichung meiner Themenschwerpunkte

In Hinblick auf mein Kernthema liegt ein wesentlicher Schwerpunkt in der Suche nach dem richtigen Zugangsweg zu den Mädchen. Der Erfolg des Projekts hängt davon ab, inwieweit es mir gelingt, Vertrauen und eine Arbeitsgrundlage zu schaffen. Ohne diese Basis erscheint mir eine erfolgreiche Arbeit unmöglich.

Im Anschluss daran gilt es, ein neues Ordnungssystem zu definieren, das die Unterrichtsstunden regelt und alle Teilnehmerinnen gleich behandelt. Bei diesem Punkt handelt es sich um mein zentrales Hauptthema. Durch Übertragung des Prinzips des „Familienrats“ auf einen „Gruppenrat“ wird ein anderes System für den Bereich der Gruppenarbeit geschaffen. Die Erarbeitung und die Einführung des „Gruppenrats“ sowie der Verlauf der Unterrichtsstunden werden im Kernthema an Hand von Beispielen aus der Projektarbeit genauer beschrieben. Eine detaillierte Untersuchung, wie die Jugendlichen sich ohne und mit dem Gruppenrat verhalten haben, macht seine Auswirkungen deutlich.

Ein weiterer Themenschwerpunkt bezieht sich auf die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Jedes Mädchen im Projekt sollte sich als Individuum mit einer eigenen Meinung und Entscheidungsfreiheit sehen. Es sollte sein Anrecht, sich selbst zu erleben, seinen Platz zu finden und ein „echtes“ Gemeinschaftsgefühl zu empfinden, kennenlernen und möglichst ausleben. Die damit verbundene Verantwortung und das Leisten eines persönlichen Beitrags stehen in enger Verbindung mit inneren Grenzen und einem empfundenen Minderwertigkeitsgefühl. Im Verlauf des Projekts werden die Mädchen an ihre inneren Grenzen stoßen und die Wahl haben, sie zu überwinden oder zu belassen. Sie werden eigene Entscheidungen treffen und mit ihren Folgen zurechtkommen müssen. Dabei folgen auf ihre Handlungen logische Konsequenzen, die jede einzeln für sich zu akzeptieren und zu tragen hat.

Die angesprochenen Begriffe Gemeinschaftsgefühl, Verantwortung und die Leistung eines persönlichen Beitrags, Minderwertigkeit, persönliche Grenzen und logische Konsequenzen aus dem Bereich der Individualpsychologie, sowie das Prinzip des „Familienrats“ werden im folgenden Punkt 2.3. noch ausführlicher behandelt und erläutert.

Es wird deutlich, dass der Unterricht als solches mit seinen Tanzinhalten im Verlauf des Projekts nicht soweit im Vordergrund steht, wie die Auseinandersetzungen der Mädchen mit sich persönlich, untereinander und mit mir als Lehrkraft. Die entstehenden Konflikte und die Art, sie gemeinschaftlich zu lösen, sowie das Miteinander gewinnen eine entscheidende Bedeutung und übernehmen einen deutlichen Themenschwerpunkt. Die Funktion des „Gruppenrats“ spielt in diesem Zusammenhang die tragende Rolle.

1.4.3. Die Zielsetzung unter Berücksichtigung zu erwartender Schwierigkeiten und in Hinblick auf die geplante Projektarbeit.

Das Hauptziel des Projekts ist es, eine Gruppe von Mädchen aus unterschiedlichen Gangs in einer neuen Tanzgruppe zu organisieren und gemeinsam auf das Ziel einer Tanzaufführung hinzuarbeiten. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, dass es sich bei den Mädchen um Mitglieder rivalisierender Banden handelt und somit die Wahrscheinlichkeit, dass die Mädchen eine Zusammenarbeit zunächst ablehnen, sehr groß ist. Es wird schwierig sein, die Mädchen davon zu überzeugen, dass die Hierarchiestrukturen ihrer Bande während des Tanzunterrichts keine Bedeutung haben und sie sich in ein neues Ordnungssystem einfinden müssen. Es wäre wünschenswert, dass sich Mädchen verschiedener Gruppierungen zusammenfinden, um die Chance zu nutzen, sich gegenseitig kennenzulernen. Die Mädchen sollten erkennen, dass sie eine Vielzahl gleicher Interessen teilen und sich auch in weiteren Punkten ähnlich sind.

Je schneller die Mädchen sich in der Gruppe zurechtfinden, um so eher wird es möglich sein, regelmäßige Unterrichtsstunden abzuhalten. Es wird schwierig für mich sein, die Akzeptanz und den Respekt als Lehrkraft der Gruppe zu erhalten und gleichzeitig nicht auf die gleichen Verhaltensmuster zurückzufallen, wie sie von ihren Eltern, der Schule oder dem Gesetzgeber angewandt werden. Ich werde Mut und Durchhaltevermögen brauchen, um die Teilnehmerinnen so zu nehmen wie sie sind. Eine stetige Suche nach alternativen Ansätzen und das Einlassen auf eine völlig neue Arbeitsweise bedeuten für mich neue Herausforderungen. Auch die Teilnehmerinnen müssen sich solchen Herausforderungen stellen. Sie müssen sich öffnen, um neue Impulse aufzunehmen. Der Unterricht ist nicht auf Frontalunterricht2 ausgerichtet, sondern erfordert die Mitarbeit und Leistung jeder Einzelnen. Ein Ausprobieren und Erfahren neuer Bewegungen und die Gefahr, sich lächerlich zu machen, kommen auf sie zu. In diesen Anforderungen an die Mädchen sehe ich eine Vielzahl von Aufgaben, denen sie nicht gewachsen sein könnten und sie sich eventuell weigern, diese auszuprobieren.

Ein wichtiger Aspekt ist für mich die Art der Kommunikation, die in der Gruppe vorherrschen sollte. Die Teilnehmerinnen sind es gewöhnt, sich in ihrem Slang zu unterhalten, sich zu beschimpfen und durch gewaltsame Eingriffe Konflikte zu lösen. All diese Vorgehensweisen sind in der Tanzgruppe nicht erwünscht. Es könnte daher schwer werden, eine sachliche Kommunikationsebene in angemessener Sprache zu finden.

Bis auf die Information, dass die Teilnehmerinnen wenige bis keine Vorkenntnisse im Bereich Tanz mitbringen, kenne ich ihren Entwicklungsstand nicht. Deswegen vermute ich, dass sie nicht einschätzen können, wie viel Arbeit und Anstrengung es kostet, eine Tanzkombination zu erlernen, die ihre „Stars“ aus der „HipHop-Szene“ üblicherweise vorführen. Daher besteht die Gefahr, dass sie den Anspruch erheben, in kürzester Zeit größte Fortschritte zu machen, die nicht eintreten werden. Darauf könnte dann schnell die Ernüchterung folgen. An dieser Stelle gilt es dann, sie zum Durchhalten zu ermutigen und ihre Vorstellung in ein realistisches Bild ihrer Möglichkeiten zu verwandeln.

Sollte es gelingen, einen Großteil dieser möglichen Schwierigkeiten zu überwinden, kann das Projekt gelingen und neue Chancen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten für die Teilnehmerinnen eröffnen. Da der gesamte Ablauf wenig planbar ist, ist die Zielerreichung wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich. Auch ohne eine Aufführung des Erlernten können der Verlauf und die Entwicklungen im Projekt erfolgreich sein. Die Mädchen zu einer bandenübergreifenden und herkunftsunabhängigen Zusammenarbeit zu bewegen, zum Nachdenken anzuregen und einen funktionierenden „Gruppenrat“ zu schaffen, sind die entscheidenden Ziele.

2. Ausgangssituationen, Begriffserläuterungen und persönliche Gedankenhintergründe

In diesem Abschnitt werde ich weitere notwendige Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis der Arbeit geben. Die Ausgangssituation von mir persönlich sowie mein bisheriger Werdegang und die Ausgangssituationen der Jugendlichen und des Projekts werden im ersten Teil erläutert.

Darauf folgen im zweiten Teil Begriffserläuterungen und kurze Einführungen in die Hintergründe des HipHop und der Individualpsychologie. Es werden die Ursprünge sowie die Ausrichtungen dieser Bereiche definiert und ein Bezug zum Projekt hergestellt.

Im letzten Teil gehe ich auf zwei weitere Aspekte meiner Gedankenhintergründe ein, die ich an dieser Stelle besonders hervorheben möchte. Ich habe sie bewusst aus dem Kontext der angrenzenden Themen herausgenommen, da es sich hierbei um persönliche Thesen handelt, die ich auch mit den Ergebnissen aus diesem Projekt weiter untermauern möchte. Das Erläutern dieser Thesen ist für den Bereich der Ableitungen und Konsequenzen nach dem Projekt von Bedeutung. Aus ihnen könnten Folgethemen und neue Überlegungen für weitere Projekte entstehen. Sie fließen in den Gesamtzusammenhang mit ein, übernehmen jedoch keinen Themenschwerpunkt.

2.1. Ausgangssituationen

In den Angaben zu den Ausgangssituationen beziehe ich mich auf die Kapitelüberschriften. Die Informationen sind beschränkt, um einen Überblick zu verschaffen und gehen nicht auf jedes Detail ein. Eine Beschreibung aller Umstände würde ausufern und ist zum Verständnis der Arbeit nicht notwendig.

2.1.1. Jugendliche

Die Lebenssituation der Jugendlichen als Ausdruck von Mut- und Perspektivenlosigkeit.3

Im folgenden Abschnitt werde ich das Umfeld und die Lebenssituationen der siebzehn Mädchen aus dem Projekt genauer beschreiben und begründen, warum sie mut- und perspektivlos in ihre Zukunft sehen. Diese Informationen habe ich aus den persönlichen Erzählungen der Mädchen erhalten.

Alle Mädchen, bis auf zwei deutsche Teilnehmerinnen, stammen aus unterschiedlichen Ländern4 und haben meist unfreiwillig ihre Heimat verlassen. Die Gründe für ihre Migration waren Kriege, Vertreibungen und die hohe Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern. Meist haben ihre Eltern im eigenen Land nur geringe Chance für sich und ihre Kinder gesehen und auf ein besseres Leben in Deutschland gehofft.

Viele der Eltern sind froh, an einem sicheren Ort zu leben, doch die Lebensumstände haben sie sich meist anders vorgestellt. Die erhofften Arbeitsplätze entpuppen sich als leichte Nebentätigkeiten, Hilfsarbeiten und niedrigere Beschäftigungen. Trotz guter beruflicher Qualifikationen im eigenen Land werden viele der Eltern sogar zu „Hartz - 4 -Empfängern“. In vielen Familien schwindet so die Hoffnung auf ein gutes Leben und auch der Optimismus in Bezug auf die erhofften Perspektiven für die eigenen Kinder schwindet.

Viele der Mädchen haben erlebt, wie ihre Eltern sich um die Absicherung der Familie gesorgt haben und nach und nach ihre Kräfte verloren. Ihre Eltern mussten sich intensiv um eigene Angelegenheiten kümmern, die neue Sprache erlernen und sich mit Behörden auseinandersetzen. Genügend Zeit, um sich ausreichend um die eigenen Kinder zu kümmern, blieb dabei wenig, so dass sich die Mädchen oft allein gelassen fühlen. Sie waren auf sich allein gestellt und sind ihren Weg selbst gegangen, so gut sie konnten.

Ein Großteil der Mädchen wurde in einer Wohnblocksiedlung groß, in der noch heute eine Arbeitslosigkeit von 75 Prozent herrscht. Circa 68 Prozent der dort lebenden Menschen stammen nicht aus Deutschland, und nur 17 Prozent von ihnen sprechen ausreichend Deutsch, um mit Mitbürgern und Behörden kommunizieren zu können.5 Es trifft eine Vielzahl von Sprachen, Kulturen und Religionen auf dichtem Wohnraum aufeinander und dennoch findet keine Durchmischung statt. Nach Aussage der Mädchen kümmert sich jeder lieber um seine persönlichen Angelegenheiten und regt sich über Nachbarn auf, als zu versuchen, mit ihnen auszukommen. Bei einem solch vorgelebten Verhalten kommt auch den Jugendlichen nicht wirklich der Gedanke, sich gegenüber gleichaltrigen aus anderen Ländern anders zu verhalten oder einander zu akzeptieren.

Der Großteil der Mädchen geht auf Hauptschulen, drei von ihnen suchen eine Lehrstelle und fünf haben zum Zeitpunkt des Projekts zu keiner Bildungsanstalt mehr Kontakt. In ihrer Freizeit hängen sie in Cliquen und Banden in ihrem Wohnviertel rum. Am liebsten treffen sie sich auf den trostlosen Spielplätzen zwischen den Wohnblöcken und überlegen, wie und wo sie sich als nächstes Geld für Alkohol und Zigaretten beschaffen können. Sie planen, wie sie rivalisierende Banden bekämpfen und deren Gebiete übernehmen können. Gedanken über ihre Aus- und Weiterbildung machen sie sich nicht oder verdrängen diese.

Ihre Chancen, bei der schlechten Ausbildungslage einen Platz zu bekommen, sehen sie als extrem gering an. Gerade den Hauptschülerinnen mit mittlerem bis schlechtem Abschluss bleibt oft nichts anderes übrig, als die „Restausbildungsplätze“ anzunehmen, unabhängig von ihren persönlichen Interessen und Neigungen. Die Plätze mit der Wunschausbildung werden oft von den Absolventen der Realschulen belegt.6

Die Hauptschülerinnen leiden unter den Klischees der Gesellschaft und fühlen sich nicht dazugehörig. Sie erschaffen sich durch ihrem Bandenverbund eine eigne Welt, in der ihre Gesetze und Regeln gelten. Es ist für sie schwer, sich selbst zu motivieren, weil ihre Eltern sie abgeschrieben haben und die Gesellschaft auf sie herabschaut.

Die jungen Mädchen verlieren den Mut, in der Gesellschaft bestehen zu können. Sie sehen für sich keine Perspektiven, jemals im Beruf ihrer Träume zu arbeiten oder aus ihrer trostlosen Wohnblockumgebung herauszukommen. Sie resignieren, bevor sie überhaupt versuchen, für sich nach Möglichkeiten zu suchen. Sie lösen sich aus ihrem Bezugskreis aus Eltern, Geschwistern und Lehrern, die ihnen scheinbar nur Vorschriften machen. Sie finden in den Banden Gleichgesinnte, die sie verstehen und die gleichen Sorgen teilen. Hier haben sie das Gefühl von Freiheit und sehen die Möglichkeit, sich in der Gruppe gegen alle Gegner durchzusetzen.

2.1.2. Projekt

Auszug aus der Projektentstehung und Einführung in die anspruchsvolle Arbeit des Jugendzentrums.

Vor Beginn des Projekts stand für mich fest, dass es sich um ein Jugendprojekt für 12- bis 17jährige mit den Schwerpunkten Tanzen und HipHop handeln sollte. Da ich eine neue Herausforderung suchte, die sich von meinen bisherigen Projekten unterscheiden sollte, habe ich in meinem Umkreis nach geeigneten Jugendeinrichtungen gesucht, die von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund besucht werden. Letztlich kamen fünf Zentren in Frage, mit denen ich telefonisch Kontakt aufnahm und um einen Gesprächstermin bat.

Meine Entscheidung fiel auf ein Jugendzentrum am Stadtrand von München. Die Schwierigkeit dieses Zentrums besteht darin, dass Jugendliche aus einem nahe gelegenen Brennpunktstadtteil und Jugendliche aus einem gut situierten Vorort, den gleichen Anspruch haben, das Zentrum zu besuchen. Hier treffen Hauptschülern und Gymnasiasten aufeinander und bringen all ihre Vorurteile und Ablehnungen gegeneinander mit. An ein Miteinander ist bei den meisten Angeboten des Jugendzentrums nicht zu denken. Für die Sozialarbeiter ist es eine der schwersten Aufgaben, beiden Interessengruppen gerecht zu werden, ihnen gute Freizeitangebote anzubieten und zu versuchen, sie miteinander zu verknüpfen. Aus diesem Grund fand meine Projektidee zunächst keinen großen Anklang. Der Leiter des Zentrums hatte große Bedenken, ein Angebot ins Programm zu nehmen, das beide Gruppen interessieren könnte. Er befürchtete Drohungen und Übergriffe zwischen den rivalisierenden Banden und gegenüber den Besuchern aus dem Vorort. Außerdem hatte er die Befürchtung, dass ich nicht wusste, worauf ich mich dabei einlassen würde.

Um einen besseren Einblick zu bekommen, besuchte ich das Zentrum während des „offenen Treffs“7 und konnte mir so ein genaueres Bild der Situation machen. Es wurde mir schnell klar, dass jeweils eine Bande oder Interessengruppe an einem Abend der Woche die Räume für sich beanspruchte und Außenstehende an dem Tag nicht willkommen waren. Dies stand im Widerspruch mit den Regeln des „offenen Treffs“, zu dem theoretisch jeder kommen konnte. Die Sozialarbeiter begründeten die Lage damit, dass sie froh waren, die problematischen Jugendlichen so wenigstens einmal die Woche sehen zu können. Würden sie auf die Einhaltung der Regeln bestehen, wäre in ihren Augen die Wahrscheinlichkeit, dass die Jugendlichen regelmäßig kommen würden, noch geringer.

Ein Teil der Jugendlichen schätzt das Zentrum als alternativen Aufenthaltsort zu den trostlosen Spielplätzen ihrer Wohngegenden, und die anderen sind froh über die zusätzlichen Party- und Freizeitangebote.

Die Sozialarbeiter bieten umfassende Programme zur Beratung für alle Lebensbereiche der Jugendlichen an. Es gab jedoch keinen Ansatz zur Gewaltprävention oder Alternativen zu den Gesprächen, mit denen die Sozialarbeiter einen Zugang zu den Jugendlichen bekamen. Wir einigten uns darauf, das Angebot anfangs sehr offen zu formulieren und zunächst mit einem Workshop zu beginnen, um zu sehen, welche und wie viele Jugendliche sich überhaupt interessierten. Der Ausschreibungstext8 im Programmheft war daher sehr offen formuliert. Für den Workshop meldeten sich mehr als 35 interessierte Mädchen und Jungs an. Die meisten kamen, um mal zu sehen, was im Workshop so gemacht wurde, und um zu sehen, wer sonst noch kam. Ich freute mich über das rege Interesse und darüber, dass die Teilnehmer aus unterschiedlichen Banden und aus dem Vorort zumindest an diesem Nachmittag versuchten friedlich mitzumachen. In meinen Augen war der erste Startschuss für das Projekt getan, und auch der Leiter des Jugendzentrums stimmte einer Fortsetzung zu.

2.2. Begriffserläuterungen

2.2.1. Die allgemeine Bedeutung, Funktion und Unterscheidung der Bezeichnungen „Bande“ und „Gang“

Der Begriff „Bande“ wird von dem französischen Wort „bande“ für „Truppe“ und aus dem provenzialischen Wort „banda“ für die dem gleichen Banner folgenden abgeleitet. Unter einer Bande versteht man heute den Zusammenschluss von mindestens drei Bandenmitgliedern9, die in der Regel kriminellen Handlungen nachgehen. Dabei treffen sie Entscheidungen weitgehend gemeinsam und wirken organisatorisch zusammen. In der Regel gibt es einen Anführer, bzw. Bandenchef.

Mit dem Begriff der „Gang“ bezeichnet man die Straßenbanden der USA. Sie gehen auf die bereits im Jahr 1860 gebildeten kriminellen Vereinigungen in New York zurück, beispielsweise die „irischen Boodles“. Angeschoben durch die Einwanderungswelle während dieser Zeit, verstärkte sich die Bildung ethnisch orientierter Straßenbanden. Sie wurden auch als „Big Five“10 bezeichnet, da es sich um fünf große Gruppen handelte. Bis zum Jahr 1920 hatten sich diese Organisationen weitgehend aufgelöst. Eine besondere Form der „Gang“ hat sich allerdings bis heute in der HipHop- Szene gehalten. In diesem Umfeld kam es zu einer Romantisierung des Ghetto-Lebens. Das Leben als „Gangster“11 in einer Straßenbande wird im „Gangsta-Rap“12 glorifiziert.13 Es ist schwer, eine klare Trennlinie für die Begriffe zu zeichnen, da sie in ihrer Grundausrichtung so ähnlich sind.

Eine Vermischung der Begriffe findet statt, indem die europäischen Jugendlichen ihre Vorbilder meist in den „Gangs“ der USA finden und sich somit auch als „Gang“ bezeichnen. In der deutschen Rechtssprechung14 unterscheidet man diese Begriffe jedoch und verwendet den Begriff der „Bande“ und „Jugendbande“. Nicht immer muss diese Bezeichnung direkt mit kriminellen Handlungen in Verbindung stehen. Hierzulande wird deswegen eine Distanz zwischen den Begriffen hergestellt. Sie unterscheiden sich im Härtegrad der jeweiligen Handlungen der Gruppierung. Von mir wurde aus diesen Gründen bewusst die Bezeichnung der „Bande“ verwendet, obwohl die Jugendlichen selbst im Verlauf des Projekts den Begriff „Gang“ bevorzugten.

2.2.2. HipHop

Eine kurze Einführung und die Verknüpfungen zwischen HipHop und Jugendbanden.

Die Ursprünge des HipHop finden sich in der musikalischen Kultur der US-Afrikaner der 1970er Jahre. Seine Verbreitung in Deutschland Anfang der 1980er Jahre geschah durch amerikanische Soldaten, die hier stationiert waren. Es entstand eine HipHop-Welle, die durch Filme wie „Wild Style15“ und „Beat Street16“ immer mehr deutsche Jugendliche zum Breaken17, Sprayen18 und Rappen19 animierte.

Die Welle flaute Mitte der 1980er Jahre ab und hinterließ vereinzelt interessierte Jugendliche. Sie begannen, sich durch ihre Kleidung zu kennzeichnen und veranstalteten „HipHop- Jams20“ in Jugendzentren und zu Hause. Dabei kamen HipHop-Begeisterte aus der Region und aus ganz Deutschland zusammen, um sich auszutauschen und das gegenseitige Können unter Beweis zu stellen. Mit der Zeit etablierte sich auch die deutsche Sprache im Rap, und es entstand eine Vielzahl von Ausprägungen dieses Genres.

Die Themen der Raptexte befassen sich grundlegend mit Lebensumständen, Gewaltbereitschaft, Drogen, Sex, Rassismus, Politik und Gesellschaft. Die Verfasser der Texte benutzen gern Metaphern, schrecken jedoch auch nicht davor zurück, mit genauen Beschreibungen und Schimpfwörtern um sich zu schmeißen. Ähnlich wie Banden und Gangs versuchen sie, durch Wortkämpfe ihre Gebiets- und Bezirksansprüche zu halten, zu verteidigen und auszudehnen. Diese Form des Wortkampfes heißt „dissen21“ und wird von Rappern angewendet, um ihre Anhängerschaft zu vergrößern.

Es fällt auf, das sich die Probleme der Jugendbanden wie Arbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit, Rassismus, Drogen und Beschaffungskriminalität in den Themen des HipHop widerspiegeln und so ein Adaptieren dieses Lebensstils für die Jugendlichen in den Banden nahe liegt. In heutigen HipHop-Texten werden immer öfter die sozialen Brennpunkte wie das Wohngebiet der Jugendlichen aus dem Projekt thematisiert und oft als „Ghettos“ bezeichnet, obwohl die Interpreten damit meist keinen direkten Vergleich mit den US-amerikanischen Ghettos herstellen möchten. Überhaupt werden von den Jugendlichen oft falsche Schlüsse aus den Texten gezogen und ungewollte Bezüge hergestellt. Tatsachenberichte werden als Aufforderung zu Gewalttaten verstanden und verspottende Anspielungen als Ansichten des Rappers interpretiert. Durch diese falsche Interpretation entstehen neue Ansichten über Gewaltanwendungen, Diskriminierung und die Art zu Leben, mit denen die Jugendlichen jegliches Verhalten begründen können. Die Bedeutung von richtigem und falschem Verhalten bekommt einen anderen Wert und verliert den ursprünglich erlernten Bezug.

Die durchaus positiven Aspekte des HipHop - die zusätzlichen Möglichkeit sich auszudrücken, das Tanzen oder das Zusammenbringen von Menschen - gehen dabei verloren. So entsteht ein negatives Bild dieser Musikrichtung. Die Gesellschaft beurteilt alle HipHop-Anhänger gleich und verzichtet auf die notwendige Unterscheidung. Nicht jeder HipHop-Liebhaber ist am Kleidungsstil zu erkennen oder automatisch drogenabhängig. Das Wissen über die unterschiedlichen Facetten dieser Musikrichtung hat sich in der Gesellschaft noch nicht etabliert.

2.3. Begriffserläuterungen zu individualpsychologischen Themenbereichen

2.3.1. Individualpsychologie - Ursprung und Ausrichtung

Der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler (1870 - 1937), entwickelte eine Richtung der Tiefenpsychologie, die sowohl eine Theorie der Persönlichkeit als auch eine darauf basierende Form der Psychotherapie beschreibt. Das Individuum wird als zielgerichtete Einheit aufgefasst. Im Gegensatz zum kausalen, nach Ursachen suchenden Ansatz der Psychoanalyse22, fragt die Individualpsychologie mehr nach der Zweckhaftigkeit des akuten Erlebens und Verhaltens. Dies wird als finale Betrachtungsweise bezeichnet. Grundantriebe des menschlichen Verhaltens sind das Streben nach Macht und Vollkommenheit, das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit, sowie das Gemeinschaftsgefühl. Das Machtbestreben entwickelt sich kompensatorisch aus dem Erleben von Schwäche und Hilflosigkeit im Kindesalter. Dies steht in Zusammenhang mit der biologischen Unterlegenheit des Kindes gegenüber den Erwachsenen. Körperliche Mängel, soziale Benach- teiligung oder Kränkungen können das Gefühl der biologischen Minderwertigkeit hervorheben und sich bis hin zu einem Minderwertigkeitskomplex verstärken.

Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit entwickelt sich aus dem primären Bedürfnis des Kleinkindes nach Zuwendung, Aufmerksamkeit, Nähe und Geborgenheit. Das Gemeinschaftsgefühl entsteht aus dem Bedürfnis der Mitmenschlichkeit und der Zugehörigkeit.

Aus diesen Grundbedürfnissen entwickelt sich ein Lebensstil oder Lebensplan, der zu einer individuellen Zielsetzung führt. Diese gibt vor, in welcher Art und Weise das Individuum den Umgang mit sich selbst und seiner Umwelt organisiert. Lebensstil und Lebensplan spiegeln somit die Ansichten des Individuums über seine Umgebung und „die Welt“ wieder. Eine gesunde Persönlichkeit entwickelt so einen realisierbaren Lebensplan. Eine „gestörte“ (neu- rotische) Persönlichkeit ist durch Minderwertigkeitskomplexe belastet. Sie neigt zu Über- kompensation, die sich sowohl im Streben nach Macht, Geltung und Dominanz, als auch in Form von übertriebenen Sicherungstendenzen und Selbstentwertung ausdrücken kann. Es handelt sich dann um einen fehlerhaften Lebensplan der jedoch durch intensives Bewusstmachen der Tatsachen eine andere Ausrichtung bekommen kann.

Wenn Lebenspläne von Personen, die aufeinander angewiesen sind, nicht miteinander vereinbar sind kommt es zu Beziehungskonflikten. Diese Konflikte finden sich häufig in Zweierbeziehungen und Familiengemeinschaften.23

[...]


1 MS 13; „Mara Salvatrucha“ steht für: „salvadorianische Wanderameise“; gilt als gefährlichste Gang der USA, Ursprung: Mittelamerika, ca. 10.000 Mitglieder in 33 Bundesstaaten der USA. Durch Migration in den Westen stehen die Türen für eine internationale Ausbreitung offen. weitere Informationen: siehe Anhang

2 Frontalunterricht; diese Art des Unterrichts ist geprägt von den Vorgaben der Lehrkraft. Die Lehrkraft allein steht „frontal“ vor der Schülergruppe und gibt den gesamten Inhalt und Ablauf des Unterrichts vor und die Schüler folgen und machen nach.

3 Hintergrundwissen zur Vertiefung des Themas siehe im Anhang: „Die Lebenssituation von Jugendlichen“

4 Länder wie: Kroatien, Serbien, Bosnien, Ukraine, Weißrussland, Polen

5 Prozentangaben stammen aus einer statistischen Erhebung des Bürgeramtes der Stadt München

6 Siehe hierzu: „Endkrass chancenlos?“; Artikel aus der Beilage Nr. 26 der Süddeutschen Zeitung / 27. Juni 2008

7 „offener Treff“: Ein Angebot des Jugendzentrums für jeden der möchte in ihren Räumlichkeiten Freunde zu treffen. Der Treff findet an bestimmten Wochentagen für unterschiedliche Altersstufen satt. Und bietet die Möglichkeit mit einem Sozialarbeiter zu sprechen.

8 HipHop Steetdance im Gleis 3 Für alle tanzbegeisterten , coolen Mädchen und Jungs ab 12 Jahren gibt es nun genau das Richtige. Eine ausgebildete Tänzerin studiert mit euch die neuesten Moves, Breakes und Streetdances ein. Workshopsamstag am 18.Feb. ,von 14:00h bis 18:00h, später Dienstags von 20:00h bis 21:30h, alles für 0,0 €. (Text wurde vom Jugendzentrum verfasst und erschien in ihrem Veranstaltungskalender)

9 „Mind. drei Bandenmitglieder“; Entscheidung des Großen Senats in Strafsachen / BGH-Beschluss vom 22. März 2001, GSSt 1/00)

10 „Big Five“; Bandenmitglieder organisierten sich in fünf Gruppen; die Iren in den Whyos, Hudson Dusters und Gophers, die Italiner in der Five Points Gang und osteuropäische Juden in der Eastman Gang:

11 „Gangster“; Bezeichnung für ein Bandenmitglied mit angesehenem, kriminellen Lebensstil. Kurzform, umgangssprachl. „Gee“ oder „G“; „G-Rapper“ oder „Gangsterrapper“

12 „Gangster-Rap“, Bezeichnung der Musikform, des Sprechgesangs der von den Gangs bevorzugt gehört wird. Im Rap werden vor allem die Lebensbereiche Gewalt, Härte, Liebe verwandt.

13 Informationen zu den Begriffen „Bande“ und „Gang“siehe: http://de.wikipedia.org weiterführende Informationen siehe Anhang

14 Besondere Strafrechtslehre / Bande: http://de.wikipedia.org/wiki/Bande_%28Gruppe%29

15 Wild Style“, (Regie: Charlie Ahearn), USA, 1982. Der erste Film über Hip-Hop; semidokumentarisch.

16 „Beat Street“, (Regie: Stan Lathan), USA, 1984 (bedeutendes Dokument der Frühzeit des Hip-Hops)

17 „Breaken“; definiert eine Tanzform auch „Break Dance“ genannt, es wird hauptsächlich am Boden getanzt, Akrobatische Figuren werden dabei mit Hilfe der Muskelkraft und möglichst wenigem Bodenkontakt in der Luft gehalten.

18 „Sprayen“; darunter versteht man das Sprühen eines Wandbildes (Graffiti) an Mauern und Wände von öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen

19 „Rappen“; rhythmischer Sprechgesang

20 „HipHop-Jams“, Party auf der sich Jugendliche HipHop-Begeisterte mit ihrem Sprechgesang (Rap) versuchen zu überbieten (batteln).

21 „dissen“; im eigenen Rap einen anderen Rapper beleidigen, schlecht machen, verurteilen und auch sich für einen „Diss“ an einem anderen Rapper rechen.

22 Psychoanalyse; von Sigmund Freud (1856 - 1939) entwickelte Behandlungsmethode zur Erforschung der Ursachen für seelische Erkrankungen (Neurosen)

23 Angaben / Zusammenfassung über den Bereich der Individualpsychologie unter Zuhilfenahme von: „Praxis und Theorie der Individualpsychologie“, A. Adler, Fischer Verlag, ISBN: 3-596-26236-4 „Wozu leben wir?“, A. Adler, Fischer Verlag, ISBN: 3-596-26708-0 „Der Sinn des Lebens“, A. Adler, Fischer Verlag, ISBN: 3-596-26179-1 persönliche Seminaraufzeichnungen

Details

Seiten
65
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668795037
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140463
Institution / Hochschule
x+1 Akademie
Note
Sehr gut
Schlagworte
individualpsychologische grundlagen jugendarbeit stärkung gemeinschaftsgefühls jugendlicher bildung gruppenrats hiphop-projektarbeit

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Titel: Individualpsychologische Grundlagen in der Jugendarbeit