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Heilige und Hure - Das Bild der Frau in Baudelaires „Les Fleurs du Mal“

Seminararbeit 2004 23 Seiten

Didaktik - Französisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die verschiedenartigen Frauentypen in Baudelaires Les Fleurs du Mal
2.1. Der exotische Frauentyp in Baudelaires Les Fleurs du Mal
2.2. Der engelhafte Frauentyp/ Der satanische Frauentyp in Baudelaires „Les Fleurs du Mal“
2.4 Die Prostituierte in Baudelaires Les Fleurs du Mal

3. Bedeutung der verschieden artigen Frauenbilder in Baudelaires Les Fleurs du Mal

4. Fazit/Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es soll untersucht werden, wie die einzelnen Frauenbilder in Baudelaires „Les Fleurs du mal“ dargestellt und eingeordnet werden. Durch die Darstellung und Herausarbeitung der verschiedenartigen Frauenbilder in seinen Werken, soll geklärt werden, wie die Einstellung Baudelaires zu dem speziellen Frauentyp war und wie er diese wahrgenommen und beschrieben hat. Untersucht wird auch, inwieweit Baudelaire selbst eine Affinität zu den beschrieben Frauentypen besitzt. Wichtig bei der Betrachtung ist die Tatsache, dass Baudelaire in der Frau ein Weg sieht, sich selber zu entfalten und durch die Intimität sich selber wahrnehmen kann. Das Streben mit einer Frau zusammen zu sein ist äquivalent zur Suche nach dem Rausch durch eine stimulierende Droge. Baudelaire setzt die Frau und die Droge auf eine Ebene, um durch diese beiden „Objekte“ sich selber zu finden und zu definieren und somit einen Weg zur Erfüllung zu finden. Die Frau ersetzt die Droge und umgekehrt. Beides sind Rauscherfahrungen für ihn, die er nicht klar voneinander abzugrenzen vermag und die beide gekennzeichnet sind durch das aktive Bestreben, diesen Zustand zu erfahren. Es ist folglich eine Suche nach beidem. Die Suche äußert sich in dem gewollten Aufsuchen jener Stimuli. Um aber die Frau als „Droge“ näher zu charakterisieren, bedarf es einer Herausstellung der vorhandenen Frauentypen in „Les Fleurs du Mal“. Durch diese Eingrenzung erhält man einen Überblick, welcher Frauentyp für Baudelaire anziehend war und welcher Typus für ihn die Rauscherfahrung symbolisierte.

Weiterhin wird versucht darzustellen, welchen Stellenwert die einzelnen Frauentypen für Baudelaire in „Les Fleurs du mal“ haben und zu welchem Frauentypus er tendiert. Wichtig bei der Erörterung wird auch die Frage sein, warum er so gegensätzliche Frauenbilder in seine Werke einfließen ließ und was der Grund dafür war. Um diese Fragen zu beantworten, werden die verschiedenen Frauenbilder, die in Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ auftauchen, dargestellt, analysiert und entsprechend eingeordnet. So wird der Reihe nach der exotische Typ dargestellt, der engelhafte und satanische und letztendlich die Prostituierte beschrieben und auf ihre Bedeutung und Wertigkeit in dem Werk hin untersucht.

In der Schlussbetrachtung wird darauf eingegangen, wie sich das Gleichnis Frau=Droge auswirkte und wie sich diese Feststellung bei den jeweiligen Frauentypen bemerkbar macht. Ferner, warum er diese Typen in seinen Gedichten behandelte und einfließen ließ und warum der Gegensatz Heilige und Hure in seinen Gedichten dargestellt ist und warum er diese beiden kontrastierenden Frauenarten eingebunden hat.

2. Die verschiedenartigen Frauentypen in Baudelaires Les Fleurs du Mal

2.1. Der exotische Frauentyp in Baudelaires Les Fleurs du Mal

Der exotische Frauentypus bei Baudelaire ist gekennzeichnet durch eine Naturverbundenheit, die den Körper der Frau in einer sehr naturhaften Form darstellt. So beschreibt Baudelaire in seinen Gedichten die exotische Frau als eine Frau, die durch ihre Urwüchsigkeit geprägt ist.

Dieser Frauentyp ist der pure Gegensatz zu dem Frauenbild in Europa. So kann man leicht die exotische Frau bei Baudelaire als eine dunkelhäutige, eher groß gewachsene Dame beschreiben, bei der die Proportionen des Körpers nicht im Vordergrund stehen. Im Gegensatz zum typischen Schönheitsideal der damaligen Zeit, zeichnet sich der Körperbau mit einer unproportionellen Verteilung aus. Das damalige Schönheitsideal einer Frau gründete auf einen wohl proportionierten Körperbau, mit Betonungen auf bestimmte Körperteile. Charakteristisch ist die absolut weiße, makellose Haut, da diese zum Ausdruck brachte, sich nicht mühend in der Sonne aufhalten zu müssen.[1]

Um die Beschreibung des exotischen Frauentypus zu unterstreichen, kann man gezielt auf Baudelaires Gedicht „La Géante“ verweisen (Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, XIX, „ La Géante “).

« Du temps que la Nature en sa verve puissante

Concevait chaque jour des enfants monstrueux... »[2]

Baudelaire beschreibt in diesen beiden Zeilen seinen Wunsch nach einer sehr ursprünglichen, rohen Natur, die die volle Macht ihrer Kräfte freilässt und zeigt.[3]

„Das Zusammenleben mit der von einer üppigen Naturkraft geborenen jungen Riesin stellt die Projektion eines Begehrens dar, dessen Erfüllung durch sein eigenes Übermaß problematisch wird.“[4]

Hier lassen sich Parallelen ziehen zu seiner Vorstellung einer exotischen Frau. Wie die Natur, ungebändigt und einflusslos, stellt er sich auch den Typus Frau als solche vor. Nämlich als eine robuste, von der Mutter Erde gezeichnete, erdverbundene Dame. Die ursprüngliche Natur in ihrer unberührten Reinheit, bringt dementsprechend einen solchen Frauentyp hervor. Die von der Zivilisation verschonte Umwelt, bringt Wesen hervor, die noch nicht zu stark von Regeln und Verhaltensweisen beeinflusst sind.

„…Die Exotin wird von allen natürlichen, zivilisierten, eben von allen christlichen Wertvorstellungen losgebunden…“[5]

Weiter schreibt er:

« J´eusse aimé vivre auprès d´une jeune géante,

Comme aux pieds d´une reine un chat volutueux. »[6]

Die letzten beiden Zeilen der ersten Strophe zeigen deutlich, dass er in dieser wilden Natur den Wunsch nach Schutz und Geborgenheit hat, da er sich der Kräfte der Umwelt schutzlos ausgeliefert fühlt. In dem Gedicht erkennt man ein Anwachsen der Intimität, da die begehrte Nähe immer weiter zunimmt und in einer Wunschphantasie der Beziehung endet. Für Baudelaire liegt hier die erotische Erfüllung( Suche nach dem Rauschempfinden) eines Wunschtraumes, der allein durch die unterschiedlich dimensionierten Auswüchse der Partner scheitert und nicht zu realisieren ist. Nicht verwunderlich ist hier, dass er das Bild einer Katze evoziert, die bei ihrer Herrin Unterschlupf findet. Eine Katze ist mit einem sehr stark ausgeprägten Sinn für Entdeckungen und Eigenwilligkeit ausgestattet, die aber dennoch das sichere Gefühl haben muss, ein geborgenes Zuhause zu besitzen.[7]

Genau wie die Katze in diesem Gedicht, ist Baudelaire mit einem ungeheuren Entdeckersinn ausgestattet. So bereiste er zu Lebzeiten mehrere Länder und studierte deren Kultur und Lebensweise.[8]

So ist es nicht abwegig zu behaupten, dass Baudelaire die Katze als Personifikation seiner selbst gewählt hat.

Um die Vorstellung Baudelaires eines exotischen Körpers noch zu verdeutlichen, findet man in dem Gedicht „ V „(Titellos) mehrere Passagen, die erahnen lassen, wie sich Baudelaire diesen Typus vorstellte und wie er diesen einordnet im Vergleich zu den Frauen in der zivilisierten, christlichen Welt.

In der ersten Strophe beschreibt er eine Szenerie, in der sich Mann und Frau gegenseitig beglücken und die sich in einer ehrlichen und aufrichtigen Weise ihre Zuneigung zeigen.

Es wird im Umgang miteinander nichts erzwungen und es wirkt nichts gekünstelt.

Das Beschriebene spielt sich wohlmöglich in einer längst vergangenen Zeit ab, da der Dichter in der zweiten Strophe einen Überblick über die Verhältnisse der damals heutigen Zeit gibt. Ebenfalls gibt Baudelaire gleich in der ersten Zeile der ersten Strophe zu verstehen, dass er sich einer ganz bestimmten Zeit entsinnt(…“J´aime le souvenir de ces époques nues …“ ).

« … Alors l´homme et la femme en leur agilité

Jouissaienet sans mensonge et sans anxiété ... »[9]

Weiter wird der Körper der freizügigen Dame beschrieben. Deren braune Hautfarbe („… Abreuvait l´univers à ses tétines brunes…“ ( V, 1 Strophe, Zeile 10)) und deren Ursprünglichkeit werden in diesem Gedicht besonders hervorgehoben. Baudelaire ist fasziniert von der Freizügigkeit und der Unbekümmertheit der damaligen Zeit. Er findet es geradezu bemerkenswert, wie natürlich die Damen damals mit ihrem Körper umgegangen sind und nicht wie heute den Körper verschönern müssen, indem sie sich pudern und den Körper in Kleider hüllen müssen.

Die Umgebung wirkt ebenfalls exotisch und rundet das Gesamtbild ab („ Fruits purs de tout outrages et vierges de gercures…“( V, 1 Strophe, Zeile 13)) . Makellose Früchte sind im Überfluss vorhanden und werden den Söhnen als Nahrung dargereicht.

Zu diesem harmonischen, unbesorgten Bild( exotische Szenerie) des Umgangs der Geschlechter untereinander und der Umgebung, welches in der ersten Strophe des Gedichtes vermittelt wird, steht als Gegensatz in der zweiten Strophe die Beschreibung der Damenwelt zu Lebzeiten Baudelaires. Er beklagt das grauenvolle Bild, das er ertragen muss.

« … Devant ce noir tableau plein d´épouvantement.

Ô monstruosités pleurant leur vêtement !

Ô ridicules troncs ! torses dignes des masques !

Ô pauvres corps tordus, maigres, ventrus ou flasques... »[10]

Er bedauert den ständig fortschreitenden Verfall der angeborenen Natürlichkeit und des Verfalls der Schönheit.

Um ein genaueres Bild der exotischen Frau nach Baudelaires Auffassung zu gewinnen, muss man sich mit dem Gedicht „Le beau Navire“ beschäftigen. Dort wird die Beschreibung des Frauenkörpers in die Beschreibung des Schiffes verpackt.

So beschreibt er ein fülliges Mädchen, welches ihren Kopf auf vollen, massigen Schultern trägt und der sich aus einem runden Hals erhebt ( „Sur ton cou large et rond, sut tes épaules grasses, Ta tête se pavane avecd´étranges grâces…“ )[11].

Allein an diesen beiden Versen erkennt der Leser die Wertschätzung des Dichters an einer massigen, kräftigen Frauengestalt. Schnell erkennt man, dass die in dem Gedicht auftretende Frau, beginnend von oben bis unten, eingehend beschrieben wird. Als nächstes werden ihre Brüste veranschaulicht, die als hohe Brüste die Seide des Kleides straffen und als vorgewölbt erscheinen (…“Ta gorge qui s´avance et qui pousse la moire, Ta gorge triomphante es tune belle armoire…“ )[12] .

Folgt man der Anschauung des Körpers, so werden nun die Arme der Dame näher dargestellt, die als so stark und massig gezeichnet werden, dass sie in der Lage sind, spielend Herkules zu umfangen. Der Dichter geht sogar einen Schritt weiter und misst den Armen so ungeheure Kräfte zu, so dass er behauptet, sie könnten mit einer blanken Riesenschlange fertig werden.

Baudelaire zieht den Vergleich mit der Schlange heran, um die Geschmeidigkeit der Frau und deren Eleganz zu illustrieren, aber auch das Hinterhältige. So spielt gerade in der Bibel die Schlange ein Symbol der Tücke und Versuchung.[13]

Die wuchtigen Arme können aber durchaus als Objekt genutzt werden, um dem jeweiligen Geliebten ihre Liebe zu zeigen, indem sie die Arme fest um den Geliebten legt, wie um ihr Bild in seinem Herzen einzuprägen.

« … Tes bras, qui se joueraient des précoces hercules

Sont des boas luisants les solides émules,

Faits pour serrer obstinémenst,

Comme pour l´imprimer dans ton coeur, ton amant... »[14]

Es spiegelt sich der Drang der Frau wider, den Angebeteten unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu halten. Um dies zu erreichen, kann sie gesetzt den Fall, ihre Kräfte ausspielen, und den Mann nicht fortkommen lassen. Daraus ergibt sich eine bestimmte Machtposition der Frau, die dem Mann, wenn nicht überlegen, dann doch ebenbürtig in ihren Kräften ist. Sie ist demnach fähig, ihre Kräfte und ihre Überproportionalität zweckmäßig einzusetzen.

[...]


[1] www.wikepedia.de

[2] Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, XIX, « La Géante », 1861

[3] Donner, Frank : Polymorphe Frauenbilder in Charles Baudelaires « Les Fleurs du Mal », Osnabrück, 2002.

[4] Greiner, Thorsten: Ideal und Ironie. Baudelaires Ästhetik der „modernité“ im Wandel vom Vers- zum Prosagedicht. Max Niemayer Verlag, Tübingen, 1993, S. 135.

[5] Donner, Frank : Polymorphe Frauenbilder in Charles Baudelaires « Les Fleurs du Mal », Osnabrück, 2002 ,S.42

[6] Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, XIX, « La Géante » 1861

[7] Linder: Biologie, Stuttgart: J.B. Metzler, 19. Auflage, 1983

[8] Autorenkollektiv : Der Brockhaus in einem Band, Leipzig/ Mannheim, 1994

[9] Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, V, 1861, 1 Strophe, Zeile 2-4

[10] Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, V, 1861, 2 Strophe, Zeile 19-22

[11] Baudelaire, Charles : Les Fleurs du Mal, LII, « Le beau Navire »,Zeilen 9-10, 1861

[12] Baudelaire, Charles : Les Fleurs du Mal, LII, « Le beau Navire »,Zeilen 17-18, 1861

[13] Daniel, Frank : Die Frau bei Baudelaire, Duisburg, 1965 , Seite 80

[14] Baudelaire, Charles : Les Fleurs du Mal, LII, « Le beau Navire »,Zeilen 33-36, 1861

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640479771
ISBN (Buch)
9783640482016
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140696
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Heilige Hure Bild Frau Baudelaires Fleurs Mal“
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Titel: Heilige und Hure - Das Bild der Frau in Baudelaires „Les Fleurs du Mal“