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Transformationsprozesse in der Gesellschaft am Beispiel von Nancy Tappers Ethnographie "Bartered Brides"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 29 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Durrani Paschtunen und Maduzai
2.1 Paschtunen und deren Segmente
2.1.1 Endogamie und Identität
2.1.2 Hypergamie und Hypogamie
2.2 Geschichtlicher Kontext

3 Realität und Konstruktion
3.1 Ethnie und Klasse
3.2 Transformation der wirtschaftlichen Strukturen
3.2.1 Substistenzwirtschaft und Überschussproduktion
3.2.2 Kontinuitätsbrüche und Ungleichzeitigkeit

4. Schluss

5. Bibliographie

1 Einleitung

In der folgenden Ausarbeitung möchte ich einige Aspekte aus Nancy Tappers Buch Bartered Brides – Politics, gender and marriage in an Afghan tribal society näher beleuchten und diskutieren (Tapper 1991). Zunächst soll es darum gehen, eine überblicksartige Zusammenfassung der Thematik darzulegen mit einer Akzentuierung auf die Konzepte, die in dieser Arbeit besprochen werden sollen. Da die Ausführungen Nancy Tappers in ihrer Ethnographie sehr umfassend und dicht sind, kann ich nur auf einzelne Elemente näher eingehen. So halte ich beispielsweise ihre Darlegungen was die verschiedenen Modi des Frauentausches angeht für einleuchtend und werde daher darauf nicht weiter eingehen.

Wichtig für mich ist, ihre gesammelten Daten mit den von ihr gewählten analytischen Interpretationen zu vergleichen. Dies ist von Interesse, um zum einen die gesellschaftlichen Konstruktionen der Informanten offen zu legen und zum anderen, um Tappers Modell – welches sie auf ihre gesammelten Befunde anwendet - zu betrachten. Dabei soll im Zentrum des Erkenntnisinteresses die Betrachtung der funktionalistischen und deterministischen Elemente in ihrer Analyse stehen, sowie das der Ethnographie inhärente evolutionistisch geprägte Modell der Entstehung sozialer Klassen. Somit gilt es die von ihr gewählten Kategorien zu diskutieren und einer Kritik zu unterziehen.

In einem nächsten Schritt sollen dann verschiedene Aspekte mit dem Buch Nationalism and Hybridity in Mongolia von Uradyn E. Bulag verglichen werden (Bulag 1998). Wenngleich die nomadischen Gesellschaften der Paschtunen, wie von Nancy Tapper betrachtet, viele Unterschiede zu den nomadisierenden Gruppen der Äußeren Mongolen aufweisen, die im Zentrum von Bulags Untersuchung standen, so gibt es in den jeweiligen Ethnographien jedoch interessante Parallelen: Beide Ethnologen versuchen in einer sehr umfassenden Art und Weise auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse innerhalb nomadisierender Gesellschaften einzugehen. Vielerlei geschichtliche Faktoren werden dabei in Betracht gezogen, um vorherrschende Handlungsstrategien der Akteure zu interpretieren. Des Weiteren hielt ich den Vergleich insofern für interessant, als dass Nancy Tapper ein Erklärungsmodell anwendet, welches sehr stark an die marxistische Theorie angelehnt ist, während Uradyn Bulag eine nomadische Gesellschaft untersucht, welche nahezu 70 Jahre einem sozialistischen System unterworfen war.

Dadurch, wie Bulag die Rückkehr vieler Mongolen in die alte Wirtschaftsform des Nomadismus und die Wiederbelebung traditioneller Klansysteme beschreibt, möchte ich die geradlinige und rationale gesellschaftliche Entwicklung in Tappers Analyse etwas versuchen zu entkräften. Die Grenzziehung zwischen einigen Kategorien wie etwa Sesshaftigkeit und Nomadismus oder aber auch die stufenweise Entwicklung und Herausbildung von Klassen halte ich für zu stark konstruiert. Ähnlich wie den Mongolen das sozialistische System in der Realität übergestülpt wurde, verfährt Nancy Tapper teilweise in Bezug auf ihre Interpretationsansätze, was meines Erachtens zu einer Verzerrung der Realität und zu einer sehr starken Modellhaftigkeit des Feldes und der darin Handelnden führt.

Ich möchte in der Folgenden Ausarbeitung dahingehend argumentieren, dass Konzepte wie Klasse und Nomadismus keine strikten Grenzen besitzen, und dass die Akteure situationsbedingt und zum Teil auch paradox Handeln können, was nicht immer problemlos in ein Erklärungsmodell zu verorten ist. Ferner gilt es sich zu fragen, ob das Konzept der Klassenbildung, wie sie es nennt, oder aber auch die temporäre Sesshaftigkeit nicht vorher bereits aufgetreten sein können.

Zunächst gilt es jedoch das Feld Von Nancy Tapper zu beschreiben und ihre zentralen Aussagen darüber darzulegen das, was sie zu dieser Zeit in Nordafghanistan untersucht hat.

2 Durrani Paschtunen und Maduzai

In ihrem Buch befasst sich Nancy Tapper mit der Gruppe der Maduzai, einer subtribalen Einheit der so genannten Ishaqzai Durrani Paschtunen. Sie forschte von 1970 bis 1972 in der Provinz Saripul (in der Karte Sar-E Pul geschrieben), im Norden Afghanistans. Sie verortet das Feld in vielerlei Hinsicht in ein Gebiet der Extreme. Die landschaftlichen Bedingungen zeichnen sich durch starke Höhenunterschiede aus, wobei die Maduzai sowohl in den fruchtbaren Flusstälern, als auch im bergigen Hochland siedelten (Tapper 1991, S.26). Tapper teilt die 272 Haushalte (1900 Personen) der Maduzai in die Gruppen der a) besitzlosen Pastoralnomaden des Hochlandes, b) der Nomaden im fruchtbaren Saripul-Tal und c) den landbesitzende Halbnomaden ein, welche im Sommer unterwegs waren und die im Winter in festen Behausungen lebten (1991, S.35).

Der Kontext in welchem die Maduzai eingebettet sind, war multiethnisch. Entgegen ihres Herkunftsgebietes in dem vorwiegend Paschtunenverbände siedeln, fanden sich im Norden u.a. schiitische Hazara, usbekische Gruppen und kleinere Einheiten arabischer Nomaden (1991, S.26). Um nun die Differenz und Konkurrenz der verschiedenen Verbände hinsichtlich der Durrani Paschtunen zu erläutern, möchte ich auf deren Konzeptualisierung der Identität näher eingehen.

2.1 Paschtunen und deren Segmente

Die Paschtunen zählen zu der iranischen Sprachgruppe. Ein Grossteil lebt in Afghanistan und Pakistan. Laut einem Zensus von 1981 lebten etwa 10 Mio. Paschtunen in Afghanistan, womit sie die Hälfte der Bevölkerung ausmachen (Orywal 1999, S.285). Sie verstehen sich als staatstragendes Volk des Landes. Laut dem Eintrag in das Wörterbuch der Völkerkunde von Orywal 1999, besteht ihr Haupterwerb im Ackerbau, gefolgt von Handel, Handwerk und Pastoralnomadismus (1999, S.285). Im Gegensatz zu Tappers Darlegungen aus den siebziger Jahren, hat sich die gesamte paschtunische Gesellschaft in Afghanistan vom Nomadismus wegbewegt, was somit nun nicht mehr lediglich ein kennzeichnendes sozioökonomisches Phänomen des fruchtbaren Nordens darstellt (Tapper 1991 S.XVI). 1747 gründete Ahmad Shah Durrani, welcher dem Stamm der Durrani angehörte, das Königreich Afghanistan. Insofern entstand unter den einzelnen Verbänden der Durrani Paschtunen gegenüber anderen paschtunischen- und nicht- paschtunischen Gruppen eine ethnische Überlegenheit und auch eine politische Hegemonie 1991, S.38). Um als Durrani akzeptiert zu werden, bedurfte es vier Merkmalen: a) Man muss einer tribalen Paschtunen- Gruppe angehören, dessen Name durch Abstammung auf den Suffix –zai endet; b) man muss Sunni Islam praktizieren; c) man muss Kandahari Paschtu sprechen; d) man muss seine Töchter den Sayyids – den Nachfahren Mohammeds – geben oder anderen Durrani (1991, S.38). So ergibt sich daraus einen unmitelbaren Bezug auf die patrilineare Abstammung durch die Punkte a) und c). Zudem haben wir durch den Dialekt die Reproduktion eines lokalen und räumlichen Bezuges, während sich durch die Elemente b) und auch zum Teil durch d) der religiöse Bezug herstellt.

Der letzte Punkt ist meines Erachtens ein vermittelndes konstruktives Element, welches zeigt, dass die Religion eine Verhandlungsbasis darstellt, aufgrund derer eine Inkorporation in den Verband, auch ohne direkte Gruppenzugehörigkeit möglich ist. Dennoch muss festgehalten werden, dass die Abstammung ein grundlegendes Element darstellt, um sich von den anderen ethnischen Gruppen abzuheben und den Anspruch auf eine exklusive Rolle zu erheben. Dies äußert sich bereits in dem Terminus Paschtu, was soviel wie ehrenhaft oder auserwählt bedeutet. Weitere Abstufungen gibt es dann innerhalb der Gruppe, wobei die Durrani aufgrund ihrer Geschichte, die exklusivste Rolle in Afghanistan einehmen, während die Maduzai eine weitere Untereinheit der Ishaqzai Durrani Paschtunen bilden (1991, S.39). Die Zugehörigkeit zu einem der einzelnen Untersegmente richtet sich wiederum nach Patrilinearität, Verwandtschaft und wohnlicher Nähe. Der Tausch von Frauen zwecks Heirat, gilt innerhalb dieser Einheit als am ehrenhaftesten (1991, S.47). Somit wird im Sinne von Marshall Sahlins eine Hierarchie der Zugehörigkeit entworfen, wobei der Haushalt mit Kernfamilie die zentrale Kategorie darstellt, während die Lineage eine nächste Stufe wäre, während die Bindungsstärke und das Gefühl der Zugehörigkeit schließlich nach außen hin immer schwächer wird. Ein Ausdruck dessen bildet die Form des Reziprozität (Sahlins 1965, S.151).

2.1.1 Endogamie und Identität

Das Prinzip der Endogamie hält Tapper für elementar, um den Fortbestand der hegemonialen Rolle der Durrani zu gewährleisten und um im multiethnischen Kontext des afghanischen Nordens, als Gruppe bestehen zu können. Sie führt ferner aus, dass der kompetitive Charakter dieser Region mit seinen verschiedenen konkurrierenden Verbänden dafür gesorgt hat, dass die strengen Regeln des Frauentausches eine weitere Steigerung erfahren haben, welche sich in der zunehmenden Isolation der Frau ausdrückt (Tapper 1991, S.19). Nur so bleibt ihrer Meinung zur Folge der Zusammenhalt der Gruppe erhalten und die Reproduktion der Identität wird gewährleistet. Dies rückt die Frau und die Institution der Heirat ins Zentrum des Identitätsbegriffes bei den Maduzai (1991, S.25). Die Frau sichert durch die Geburt von Nachkommen sowohl das wirtschaftliche Überleben, als auch das symbolische Element Gruppenidentität. Die Reproduktion des Ökonomischen Kapitals wie auch des Symbolischen Kapitals liegt somit in den Händen der Frau, wodurch sie dem Mann durch die daraus resultierende Macht, als potentielle Bedrohung erscheint. Um dieser Bedrohung entgegen zu wirken, wird sie in ein komplexes moralisches Kontrollsystem eingebettet, um anderen Gruppen den Zugang zu der Ressource Frau zu verwehren. Zur symbolischen Abgrenzung und als Rechtfertigung für die Kontrolle der Frau, wird sie als von Natur aus unvollkommen und unrein angesehen. Ihr von Schande behafteter Charakter wird in direkte Opposition zu dem ehrenhaften Charakter des Mannes gesetzt (1991, S.52). Die Dichotomie Ehre/Schande wird analog dazu auch auf die exklusive Identität der eigenen Gruppe im Gegensatz zu den minderwertigen Gruppen der nicht- Paschtunen verwendet. Demgegenüber steht wiederum das Ideal der Egalität innerhalb der Gruppe männlicher Paschtunen.

Die stärkere Eingrenzung des Handlungsspielraumes der Frau in Nordafghanistan ist nun ein zentrales Element, welches Nancy Tapper als eine grundlegende Veränderung zu den Paschtunengruppen im Süden festgestellt hat. Die Heirat einer Frau mit einem Mann aus einer schandhaften und minderwertigen Gruppe würde die Integrität und den Fortbestand der Maduzai gefährden. Die Abstammungslinie, welche Grundlage der Identität und der Exklusivität bildet („Abstammung macht einen Stamm“), würde somit aufgebrochen (1991, S.45).

Die stärkere Kontrolle der Frau drückt sich nun darin aus, dass weibliche Nachkommen entgegen politischem und religiösem Recht keinen Anspruch auf Besitz haben. Da sie aber nur innerhalb der Gruppe der Durrani heiraten dürfen, umgeht man die Konfrontation mit diesen Übertritten. Weder die Frauennehmer noch die Frauen selbst machen den Anspruch auf Besitz geltend (1991, S.54). Die Frau hat – laut Tapper - bei den Durrani keine formale politische Position. Der Handlungsspielraum beläuft sich in erster Linie auf innerfamiliäre Beziehungen (1991, S.105).

Die stärkste Sanktionsmaßnahme bei Übertritten seitens der Frau ist die Erschießung bei Zuwiderhandlungen. Nancy Tapper führt im Bezug darauf ein Beispiel an, bei dem eine Frau der Maduzai einen Mann der schiitischen Hazara heiratet, wodurch sie die Familie entehrt. Man versucht sie zu finden und zu bestrafen, was allerdings nicht gelingt. Dieser Übertritt bezeichnet Tapper als subversive Strategie, was sie als potentielle Handlungsstrategien der Frau ansieht, um sich gegen das Kontrollsystem des Mannes zu erwehren. Die Frau macht dadurch Gebrauch von ihrer Macht und entehrt die gesamte Familie. Da man sie nicht zu fassen bekam, entging sie einer Bestrafung. Den verbliebenen Frauen drohte man allerdings mit der Erschießung vor den anderen Frauen der Maduza i, bei einer Übertretung dieser Art (1991, S.62; 63).

2.1.2 Hypergamie und Hypogamie

Der Diskurs des Gegensatzes von Hypergamie und Hypogamie innerhalb der Gruppe der Maduzai wird uns schließlich zu der Einbettung in den konkreten geschichtlichen Kontext führen, welcher laut Tapper ein Merkmal für die Entstehung von politisch-ökonomischen Klassen war. Die Hypergamie bezeichnet ein Verhaltensmuster, bei dem die Frau in eine höhere soziale Schicht einheiratet, während die Hypogamie eine Heirat in die entgegengesetzte Richtung darstellt (Beer 1999, S.182).

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Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640513369
ISBN (Buch)
9783640511822
DOI
10.3239/9783640513369
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Ethnologie
Erscheinungsdatum
2010 (Januar)
Note
1,3
Schlagworte
Afghanistan Gesellschaft Ethnologie Politische Ethnologie Transformation Maduzai Paschtunen Identität Frauentausch Handel Wirtschaftsanthropologie

Autor

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