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Soziologische Gegenwartsdiagnosen - Thesen Zygmunt Baumans im Kontext der Postmoderne

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Postmoderne
2.1 Begriffsdefinition in Abgrenzung zur Moderne
2.2 Soziologie der Postmoderne
2.3 Gesellschaftliche Manifestierung der Postmoderne

3. Baumans Grundthesen
3.1 Ambivalenz der Postmoderne
3.2 Konsumismus
3.3 Individualisierung
3.4 Kritische Diskussion

4. Ethik und Moral in der Postmoderne
4.1 Postmoderne Ethik
4.2 Moralische Verantwortlichkeit und moralisches Handeln
4.3 Kritische Diskussion

5. Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kulturelle Fremdbestimmung, gesellschaftliche Ausgrenzung und sozioökonomische Instrumentalisierung sowie Unsicherheit und Perspektivlosigkeit des Individuums sind in den Zeiten der Globalisierung zur prägenden Sozialerfahrung geworden. Soziale Widersprüche und Ausgrenzungsformen, welche als überwunden galten, haben eine neue Aktualität bekommen. Im Zuge dieser „postmodernen“ Entwicklung haben sich traditionelle Werte und Vorstellungen „verbraucht“. Statt durch kontinuierliche Progression wird die Gesellschaft durch Ambivalenzen und Paradoxien, durch neue Ungleichheiten und pluralistische Zukunftsperspektiven sowie Gesellschaftsdiagnosen geprägt. Die soziale Wohlfahrtsentwicklung stagniert. Die Postmoderne erkennt diese Fehlentwicklungen, doch werden diese als unvermeidlich angesehen.

Gehen von den eher negativen Veränderungen trotzdem produktive Impulse aus? Öffnen sich für die Individuen neue Chancen selbstbestimmten Handelns oder entwickeln sich neue Abhängigkeiten?

Im Rahmen dieses Status quo soll es Ziel der Arbeit sein, die Postmoderne als „Ideologie und Realität“ darzustellen; gleichzeitig, in Bezug auf die Grundthesen Zygmunt Baumans, soll versucht werden, die postmoderne Theorie der ethischen Grundlage moralischen Handelns zu skizzieren. Die unaufhebbare Ambivalenz menschlicher Existenz bedeutet das Ende der Eindeutigkeit und wir erfahren diese ängstlich als Unordnung und als Unbehagen, zwischen Alternativen wählen zu müssen. Hauptschwerpunkt der Arbeit soll es sein, Baumans „Postmoderne Ethik“ als „illusionslose Moderne“ darzustellen und diese Desillusionierung als Chance für eine „Wiederverzauberung“ der Welt zu begreifen und zu beschreiben. Ohne gemeinschaftliche Bindungen und allgemein anerkannte Werte führen die garantierten Freiheitsrechte jedes Einzelnen der Gesellschaft zu verantwortungslosem Handeln. Im Zuge einer Gesellschaft im Sinne einer „Verantwortungsgesellschaft“ (Etzioni) wäre der moralische Dialog in der Gesellschaft ein viel versprechender Anfang, die Abwärtsspirale, welche den sozialen Zusammenhalt gefährdet, zu stoppen. In diesem Zusammenhang soll ein Ausblick gegeben werden, wie die Abkehr von moralischen Verpflichtungen und Verantwortungen unter postmodernen Bedingungen im Sinne einer „Neuverzauberung der Welt“ (Bauman) Chance für eine Erneuerung moralischer Werte und Normen im heutigen globalen Kontext sein kann.

2. Die Postmoderne

2.1. Begriffsdefinition in Abgrenzung zur Moderne

Die Postmoderne zeichnet sich durch eine Zurückweisung der Moderne aus, welche die mit der Aufklärung einsetzende Säkularisierung und Umgestaltung traditioneller Gesellschaften, Welt- und Lebensauffassungen nach Vorgaben einer universellen Vernunft und einheitlichen Ordnung (Produktion von Gewissheit, Einheitlichkeit der Wissens- und Wertesysteme, linearer Fortschritt und Kontinuität) bezeichnet. Insbesondere die Rationalität (Glaube an die Vernunft), Bürokratisierung („stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“) und Gesellschaftsplanung („Reisende folgen angelegten Wegen, statt sich ihren eigenen Weg zu bahnen“(Bauman 1997:60)) kennzeichnen das Bild der Moderne. Damit verbunden ist der Fortschrittsglaube, dessen Vorstellung von einem unbegrenzten Wachstum materieller Errungenschaften einhergeht.

Im Rahmen soziologischer Betrachtungen lässt sich eine Interpenetration[1] der sozialen und kulturellen Lebensbereiche feststellen; daraus entstand „[...] ein für moderne Gesellschaften stabiles Normen- und Wertesystem“ (Schäfers 2003:247), welches institutionell der Säkularisierung und Individualisierung der Gesellschaft dient. Die Abkehr vom Primat der Vernunft und gleichzeitig die Absage an die Zweckrationalität[2] der Moderne prägen dagegen das Bild der Postmoderne.

Baumans Leitgedanke: “Wir sind immer noch unterwegs, aber wir wissen nicht mehr wohin“ bedeutet in diesem Zusammenhang, die postmoderne Welt wird nicht auf ein Fortschrittsziel hin betrachtet, sondern definiert sich als pluralistisch, zufällig, chaotisch; die gesamte menschliche Identität stellt sich als instabil dar. Ein Nebeneinander partikulärer Diskurse mit Eigenlogik, welche nicht ineinander übersetzbar sind, steht hier dem Konzept einer universellen Vernunft der Moderne gegenüber.

Unter postmodernen Tendenzen kommt es zum Verlust des autonomen Subjekts als rational agierender Einheit zu Gunsten einer neu definierten Zuwendung zu Aspekten der Affektivität und Emotionalität in Bezug auf das moralische Handeln. Der universale Wahrheitsanspruch (entweder/oder) der Moderne im Bereich philosophischer Auffassungen wird im postmodernen Denken abgelehnt bzw. kritisch hinterfragt; an dieser Stelle kommt die Pluralität von Wahrheiten (sowohl/als auch) zum Tragen. Die Postmoderne, die durch die Ausbreitung gesellschaftlicher Ambivalenzen „durch das Versagen des modernen gesellschaftlichen Ordnungsstrebens gekennzeichnet werden kann“ (Bauman 1995b:313), zeigt die Instabilität von Solidarität als „Chance dritten Grades“ (ebd.) und die pluralistische Ordnung der Gesellschaft. Theorien der Postmoderne weisen hier auf einen Wechsel der Ordnungsmuster und der Formen sozialer Kontrolle[3] hin, in dessen Folge sichere soziale Beziehungsnetze auseinanderfallen. Ziel einer postmodernen Lebensplanung ist nunmehr nach Bauman die Vermeidung jeglicher Festlegung im Gegensatz zum Bestreben der Moderne, eine stabile Identität und Ordnung aufzubauen. Postmodernes Denken stellt nicht nur ein verführerisches Reich unkonventioneller Ideen dar, sondern steht auch für eine Selbstbeschreibung der sich globalisierenden ausdifferenzierten Gesellschaft.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Postmoderne eine Transformation der Moderne selbst ist: „Sie treibt die Probleme hervor, die in der Moderne schon immer angelegt sind“ (Welsch 1987). Sie konsolidiert sich, wenn der Paradigmenwechsel der Moderne nicht mehr in einen traditionellen Verstehenszusammenhang rückgebunden werden kann; in diesem Zusammenhang spricht Welsch auch von der „postmodernen Moderne“.

2.2 Soziologie der Postmoderne

Der Zustand der soziologischen Theorie in Bezug auf die Postmoderne wird sehr stark durch den Pluralismus der Ansätze und den Orientierungen geprägt, welche von den verschiedenen Weltanschauungen und Idealen der Wissenschaft abhängen. Hieraus leiten sich nach Chafetz (1993)[4] fünf Theorietypen ab; die Exegenese der Klassiker, die Paraphrasierung zeitgenössischer Metatheorien[5], epistemologische Betrachtungen, die Entwicklung von begrifflichen Systemen und die substantielle Theorie mit der Kraft der Erklärung. Im Kontext dieser Theorien kann man erkennen, das die Soziologie der Postmoderne von den modernen Vorgaben der Begriffe abhängig ist, d.h. wenn sich Begriffe der Moderne postmodernisieren, dann müssen auch die Konzepte der Soziologie neu überdacht und zeitgemäß formuliert werden.

Postmoderne Soziologie verweist auf ein wissenschaftliches Vorgehen ohne Restriktionen und Verbote. Die Theorie der Wirklichkeit wird nicht entdeckt, sondern erst konstruiert. Unter einer postmodernen soziologischen Theorie wird dem Verhältnis von Sprache und Realität eine besondere Bedeutung beigemessen – daraus entsteht der methodische Zweifel und das kritische Bewusstsein. Hier kommt auch die Dynamik des Differenz-Prinzips[6] zum Tragen, welches zu mehr Toleranz gegenüber Abweichendem und Fremdem als lokalen Einzelfall unter Verzicht auf universalistische Grundsätze führt. Rationalität steht dabei in der postmodernen Soziologie nicht mehr als einheitliches Prinzip, sondern als Dekonstruktion fest und führt zum postmodernen Relativismus. Relativismus, welcher Heterogenität und Pluralismus zulässt und somit eine entproblematisierende Haltung in Bezug auf Werte, Standorte, Interessen und Kommunikationsprobleme einnimmt.

In der Praxis ließ sich jedoch feststellen, dass empirische Referenz und pragmatische Anwendung soziologischer Theorien zu Gunsten Selbstreferenzen im Sinne elitärer und marginaler Spezialdiskurse der „großen“ Repräsentanten (Giddens, Habermas, Luhmann u.a.) vernachlässigt wurden. Als Alternative plädiert Seidman (1992:68)[7] für eine postmoderne soziologische Theorie, welche verstärkt narrativ vorgehen und an lokale Rahmenbedingungen unter Beachtung spezifischer Erfahrungen der untersuchten Sachverhalte geknüpft sein soll. Soziologie wird so befähigt werden, Intertextualität zwischen den Diskursen (öffentlich und theoretisch) herzustellen und auf “[...] Konstruktionen von Glauben und Glaubwürdigkeit hinzuweisen“ (Vester 1993:204), welche es der Soziologie der Postmoderne ermöglicht, im Sinne einer Bauman’schen Re-allokation von Aufmerksamkeit praktisch und politisch zu sein.

[...]


[1] wechselseitige Durchdringung

[2] im Weber’schen Sinne einer möglichst effizienten und effektiven Abwägung der Mittel der Erreichung eines Ziels

[3] charakteristisch für die Gegenwartsgesellschaft ist die ambivalente Form der Kontrolle, d.h. die Kontrollformen verändern sich qualitativ, werden abstrakt und unpersönlich und basieren auf dem Zwang zur individuellen Abarbeitung systemischer oder abstrakter Handlungsanforderungen

[4] in: Sociological theory: A case of multiple personality disorder, ASA

[5] z.B. die Kritische Theorie, Hermeneutik, Diskursanalyse, Semiotik, Poststrukturalismus u.a.

[6] im Derridaschen Sinne als „permanente Hervorbringung eines anderen Sinns“ (Vester 1993: 200)

[7] in: Postmodernism and social theory. The debate over general theory. Cambridge

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640482740
ISBN (Buch)
9783640482726
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141222
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Soziologische Gegenwartsdiagnosen Thesen Zygmunt Baumans Kontext Postmoderne

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