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Vier Schritte zum ,,wissenschaftlichen Experten''

Wissenschaftlicher Aufsatz 2008 3 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Was ist Wissen?

Wenn wir im Alltag wissend reden, so unterstellen wir bestimmte Sachverhalte. Wir machen Erfahrungen und führen diese zurück auf bestimmte Gegebenheiten. Die gleiche Erfahrung können zwei Menschen auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten zurückführen. So wird ein Angehöriger eines afrikanischen Stammes für eine auftretende Krankheit einen ganz anderen Erreger annehmen, als ein Europäer für dieselbe Krankheit. Natürlich könnten wir Europäer immer behaupten, wir hätten die richtige Bezeichnung oder Erklärung. Das würde jedoch den Afrikaner nicht unbedingt dazu bringen, uns zu glauben. Er weiß nämlich, dass für seine Krankheit z.B. ein bestimmter Kobold verantwortlich ist.

Von ,,Wissen’’ lässt sich ab dem Moment reden, in dem ich anfange, mich gemäß etwas zu verhalten: Meinem Handeln liegt jetzt eine eigentümliche Sicherheit zugrunde, die meinem Leben einen Sinn gibt. Können wir auch sinnlos leben? Diese Frage ist soziologisch, wenn man versucht, sich die Situation derjenigen vor Augen zu führen, die eine ,,vertikale Mobilität[1] ’’ durchlebten. Ein Philosoph würde die Sinnfrage anders lösen als ein Soziologe: Letzterer beschreibt die Gesellschaft als Wissensgemeinschaft – deren Angehörige könnten sich eine sinnlose Situation gar nicht vorstellen, ohne, dass sich ihr Wissen von der Welt ändern würde.

Wissenschaft

Wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen, passiert es, dass sich ihr jeweiliges Weltbild ändert: Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Afrikaner aus obigem Beispiel nach einem Auslandsaufenthalt nun doch im europäischen Erreger die Ursache für seine Krankheit sieht. Auch der Europäer könnte umgekehrt für dieselbe Krankheit den Kobold als Erreger annehmen – das wäre nicht ausgeschlossen, nur unwahrscheinlich, weil im europäischen Raum das Thema ,,Krankheit’’ im Wissensprozess eine viel wichtige Rolle als in vielen afrikanischen Ländern spielt: Würde der Afrikaner während seines Auslandsaufenthaltes in den europäischen Diskurs eintreten, er würde relativ schnell mit dem Thema Krankheit konfrontiert. Die wichtige Rolle des Krankheitsdiskurses überträgt er bei seiner Heimreise nun in den Diskurs seiner Stammesangehörigen – die vorher vielleicht nie auf den Gedanken gekommen wären, die auftretenden Körpersymptome als Krankheit zu beschreiben, sie stattdessen immer auf den unbeugsamen Willen des Kobolds zurückführten.

Würden die Stammesangehörigen ihr Mitglied nun als Wissensüberbringer, als ,,Wissenschaftler’’ bezeichnen? Das hinge ganz davon ab, wie sie mit den neuen Erklärungen umgehen. Hat der Reisende eine Machtposition im Stamm inne, so werden seine Untergebenen ihm wahrscheinlich Glauben schenken – und von nun an die Symptome auf den europäischen Erreger zurückführen. Was aber, wenn der Angehörige nichts zu sagen hat? Seine Nachricht würde niemanden interessieren; der Anreiz, dem Reisenden zu glauben wäre für die Angehörigen wahrscheinlich äußerst gering.

[...]


[1] Karl Mannheim: Ideologie und Utopie S.8

Details

Seiten
3
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640518005
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141602
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
wissenschaftliche Expertise Expertise Wissenschaft Experte

Autor

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