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Exilliteratur: Stefan Zweig 'Castellio gegen Calvin'

Oder: Ein Gewissen gegen die Gewalt

von Hermann D. Janz (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stefan Zweig – Leben und Werke

3. Castellio gegen Calvin
3.1 Der historische Konflikt
3.2 Der historische Roman

4. Stefan Zweig und ,,Castellio gegen Calvin’’
4.1 Sinn des historischen Romans
4.2 Intention
4.3 Konzeption
4.4 Bedeutung
4.5 Kritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit innerhalb des Hauptseminars ,,Exilliteratur’’ handelt über den historischen Roman ,,Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt’’ vom Schriftsteller Stefan Zweig und soll dem Leser die vielen Facetten dieses Werkes näher bringen. Im Bezug auf das Seminarthema nimmt die Person Stefan Zweig eine wichtige Rolle ein, da dieser bereits zu Lebzeiten ein weltberühmter Schriftsteller war und das Exil wählte, um den Repressionen der aufsteigenden Nationalsozialisten in Österreich und Deutschland zu entkommen. Er unterscheidet sich jedoch von vielen anderen Exilschriftstellern in der Tatsache, dass er die Anfänge der faschistischen Diktaturen noch hautnah miterlebte.

Als Einstieg beginnt diese Arbeit mit einer biografischen Darstellung Stefan Zweigs, die für das Gesamtverständnis unabdinglich ist. Im Anschluss wird der historische Konflikt beleuchtet und der Inhalt des Romans in einer Kurzfassung wiedergegeben.

Den Kern dieser Arbeit stellt eine umfassende Untersuchung des Romans dar, bei der primär herausgestellt werden soll, welche Intention Zweig beim Verfassen des Romans verfolgte und vor allem wie er diese literarisch umsetzte. Dieser Aspekt ist von großer Bedeutung, da das Buch heute sowohl als Kampfschrift eines Exilanten gegen den Faschismus in Europa angesehen wird, aber auch einen wichtigen Stellenwert innerhalb der historischen Aufarbeitung der Person Johannes Calvins einnimmt, woraus teilweise Kritik resultiert.

Abschließend wird untersucht, welche Bedeutung dem Werk damals und heute beigemessen wird und wie die vereinzelte Kritik an dem Buch zu bewerten ist.

Bei der Ausarbeitung wurde neben dem Roman hauptsächlich auf Briefe und Biografien Stefan Zweigs zurückgegriffen. Als Kernliteratur dienten unter anderem die Veröffentlichungen von Hartmut Müller, Oliver Matuschek und Friderike Zweig, die allesamt den Titel ,,Stefan Zweig’’ tragen.

2. Stefan Zweig – Leben und Werke

Stefan Zweig wurde als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilunternehmers Moritz Zweig und dessen Frau Ida Brettauer am 28. November 1881 in Wien geboren und wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Alfred in einer Wohnung am Wiener Schottenring auf. Die Familie Zweig war nicht religiös, was sich unter anderem darin zeigt, dass sich Zweig später selbst als ,,Juden aus Zufall’’ bezeichnete.

Zweig genoss die typische Erziehung des gehobenen jüdischen Mittelstandes. 1899 legte er am Wiener Wasa-Gymnasium seine Matura ab und begann im Anschluss ein Studium der Germanistik und Romanistik an der Universität Wien. 1904 promoviert er zum Dr.phil. mit einer Dissertation über den französischen Philosophen Hippolyte Taine.[1]

Bereits während seines Studiums veröffentlichte er Lyrik, die Einflüsse von Rainer Maria Rilke und Hugo von Hoffmannsthal aufweist. 1901 veröffentlichte er unter dem Titel ,,Silberne Seiten’’ seine ersten Gedichte. Drei Jahre später erscheinen seine ersten Novellen. Er entwickelte eine markante Schreibweise, welche subtile Seelenkenntnis mit einem spannungsreichen Erzählstil verband. Neben eigenen Erzählungen und Essays arbeitete Zweig auch als Übersetzer der Werke Verlaines, Baudelaires und insbesondere Émile Verhaerens sowie als Journalist. Seine Bücher erschienen im Insel-Verlag in Leipzig, mit dessen Verleger, Anton Kippenberg, er ein freundschaftliches Verhältnis pflegte.

Zweig führte einen großbürgerlichen Lebensstil und reiste unter anderem 1910 nach Indien und 1912 nach Amerika. Diese Reisen verschafften ihm zahlreiche Kontakte zu anderen Schriftstellern und Künstlern, mit denen er oft lang anhaltende Korrespondenzen führte

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er zum Militärdienst untauglich befunden und im Archiv des Kriegsministeriums eingesetzt, in welchem er zusammen mit Rilke arbeitete. Unter dem Einfluss seines Freundes Romain Polland entwickelte sich Zweig zunehmend zum Kriegsgegner. 1917 wurde er vom Militärdienst zunächst beurlaubt und später ganz entlassen, woraufhin er nach Zürich in der neutralen Schweiz ging. Dort arbeitete er als Korrespondent für die Wiener ,,Neue Freie Presse’’ und publizierte auch Beiträge in der ungarischen deutschsprachigen Zeitung Pester Lloyd. Er nutzte diese Verbindungen um seine humanistische, den partei- und machtpolitischen Interessen völlig fern stehende Meinung zu veröffentlichen.

Nach Kriegsende kehrte Zweig nach Österreich zurück und lebte in Salzburg, wo er im Januar 1920 Friderike von Winternitz heiratete. Als engagierter Intellektueller trat Stefan Zweig vehement gegen Nationalismus und Revanchismus ein und warb für die Idee eines geistig geeinten Europas. Während dieser Zeit schrieb er zahlreiche Erzählungen, Dramen und Novellen. Die Novellenbände ,,Amok’’ von 1922 und vor allem ,,Sternstunden der Menschheit’’ von 1927 machten Zweig weltberühmt. 1928 bereiste Zweig die Sowjetunion, wo seine Bücher mit der Unterstützung seines Brieffreundes Maxim Gorki auch auf Russisch erschienen. Sein Buch ,,Die Heilung durch den Geist’’ aus dem Jahr 1930 widmete er Albert Einstein, welchen er in seinem Exil in Princeton in den Vereinigten Staaten besuchte. Für die Oper ,,Die schweigsame Frau’’ von Richard Strauss verfasste Zweig 1933 das Libretto.

Nach der Machtergreifung der NSDAP und der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurde der nationalsozialistische Einfluss auch in Österreich spürbar, so dass Zweig 1934 nach London emigrierte. Seine Bücher durften nicht mehr im Insel-Verlag erscheinen, sondern wurden fortan in Wien verlegt. Seine Kontakte nach Deutschland rissen jedoch keineswegs ab.

Im März 1933 kam die Verfilmung seiner Novelle ,,Brennendes Geheimnis’’ in die Kinos. Da der Titel in Hinblick auf den Reichstagsbrand zahlreichen Anlass zum Spott bot, untersagte Joseph Goebbels die weitere Aufführung des Films und befahl die Entfernung aller Bücher Zweigs aus dem Buchhandel. 1936 wurden schließlich Zweigs Bücher in Deutschland verboten. Seine erste Ehe wurde 1938 geschieden, seine zweite ging er im Folgejahr mit Charlotte Altmann ein. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 nahm Stefan Zweig die britische Staatsbürgerschaft an. Er verließ London und gelangte über die Stationen New York, Argentinien und Paraguay im Jahr 1940 nach Brasilien.

1942 erschien seine ,,Schachnovelle’’ und die Monographie ,,Brasilien’’. Am 22. Februar 1942 beging Zweig gemeinsam mit seiner Ehefrau in Petrópolis, einem Nachbarort von Rio de Janero, mittels Einnahme eines Giftes Suizid. Der Freitod ,,aus freiem Willen und mit klaren Sinnen’’ resultierte aus der Verdrossenheit über die Zerstörung seiner ,,geistigen Heimat Europa’’, aus der Perspektivlosigkeit des Exils und der Verzweiflung über das nationalsozialistische Regime. Stefan Zweig avancierte zu einem Symbol aller Intellektuellen, die vor den Nazis fliehen mussten. 1944 erschien posthum seine Autobiographie unter dem Titel ,,Die Welt von Gestern’’ im Bermann-Fischer Verlag in Stockholm.[2]

3. Castellio gegen Calvin

3.1 Der historische Konflikt

Der historische Konflikt zwischen Sebastian Castellio und Johannes Calvin steht im Kontext mit der Reformation in der Schweiz Mitte des 16.Jahrhunderts. Nach humanistischen Studien am Collège de la Trinité in Lyon begab sich Sebastian Castellio nach Straßburg, wo er das Vertrauen Calvins gewann.[3]

Nach politischen Umwälzungen kehrte Calvin, obwohl er 1538 aus Genf verbannt wurde, im Jahr 1541 auf Bitte des Stadtrates nach Genf zurück. Umgehend setzte er eine Kirchenordnung durch, welche in erster Linie die eigene Machtposition konsolidierte und einen, nach Calvins Auffassung, idealen Gottesstaat ermöglichte. Die neuaufgestellten Regeln griffen in nahezu alle Lebensbereiche der Bürger ein. Bei Verletzung der neugeschaffenen Auflagen drohten drakonische Strafen.

Sebastian Castellio wurde im gleichen Jahr auf Empfehlung Calvins als Rektor an die Genfer Schule berufen, die auf das theologische Studium vorbereitete. Als Lehrmittel für den Latein- und Bibelunterricht verfasste Castellio die ,,Diagli sacri’’[4]. Der Zusammenarbeit mit Calvin war jedoch keine lange Dauer beschieden. Meinungsverschiedenheiten ergaben sich aus der philologischen Bibelkritik des gelehrten Schulmeisters, aber auch aus dem Wunsch, in das Ministerium aufgenommen zu werden. Nach heftigen Auseinandersetzungen verließ Castellio Genf um 1544 und begab sich nach Basel, wo er beim Buchdrucker Johannes Oporin eine Anstellung als Korrektor fand.

Der Auslöser für den offenen Kampf Castellios gegen Calvin war die Verbrennung des spanischen Theologen, Naturphilosophen und Arztes Michael Servet am 27.Oktober 1553 in Champel. Servet wurde in einem Schauprozess in Abwesenheit wegen Ketzerei zu einer Todestrafe verurteilt. Andere protestantische Theologen unterstützen das Urteil des Schauprozesses, nur Sebastian Castellio schrieb 1554 eine Verteidigungsschrift für Servet und gegen die Ketzerverfolgungen. In diesem Kontext stehen auch die Castellios berühmte Zitate ,,Die Wahrheit zu suchen und sie zu sagen, wie man sie denkt, kann niemals verbrecherisch sein. Niemand darf zu seiner Überzeugung gezwungen werden. Die Überzeugung ist frei.’’ und ,,Einen Menschen töten heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten’’ Durch die mutige Fürsprache für Servet sowie wegen seiner freimütigen Bibelkritik war Castellio Calvin so verhasst, dass dieser ihn als „Werkzeug Satans“ bezeichnete. Er ging damit als Kämpfer für eine überkonfessionelle Toleranz in die Geschichte ein. Calvin schaffte es allerdings, dass das Werk Castellios ,,Contra libellum Calvini’’ nicht zu Lebzeiten gedruckt und veröffentlicht werden konnte. Sebastian Castellio starb am 29. Dezember 1563 in Basel. Sein Protestwerk erschien erst im 17.Jahrhundert in den Niederlanden

3.2 Der historische Roman

In dem ersten Kapitel des historischen Romans wird der Zeitraum von Calvins erster Genfer Periode und dem Beginn seiner zweiten Genfer Periode literarisch verarbeitet, weshalb Zweig durchaus nachvollziehbar die Überschrift ,,Die Machtergreifng Calvins’’ wählte. Der Roman setzt am Sonntag den 21.Mai 1536 auf einem öffentlichen Platz in Genf ein. Die Genfer Bürger wurden zusammengerufen, um sich öffentlich zum neuen, protestantischen Glauben zu bekennen. Mit diesem Tag des Monats Mai wird der Protestantismus in Genf gesetzlich zur allein anerkannten Konfession.

Hinter der radikalen Durchsetzung der reformierten Religion steht in erster Linie das Wirken eines fanatischen Mannes, des Predigers Farel. Mit seinen Anhängern bekämpfte er den katholischen Glauben auf brutalste Art und Weise und schreckte in der Vergangenheit keinesfalls davor zurück in Kirchen und Klöster einzudringen, um dort Heiligenbilder von den Wänden zu reißen und zu verbrennen. Am Tag seines Triumphes steht er dennoch vor dem Nichts. Nachdem man alles zu bekämpfende zerstört und zertrümmert hatte, brach nun die Zeit an etwas neues Aufzubauen, eine neue Ordnung zu schaffen. Aber mit dieser Aufgabe ist Farel hoffnungslos überfordert. Gleichzeitig deutet sich in Europa eine Zersplitterung des Protestantismus in Einzelkirchen an.

Unerwartet nimmt Farels Schicksal eine positive Wende, als er erfährt, dass sich Johannes Calvin während einer Reise für einen Tag in Genf aufhält. Mit seinem 1535 veröffentlichten Werk ,,Institutio religiones Christianae’’ ist der Sohn eines bischöflichen Zolleinnehmers und Notars längst zu einer unbestrittenen Autorität innerhalb der reformatorischen Bewegung geworden. Nun soll dieser Johannes Calvin die geistliche Führung Genfs übernehmen und mit seinen Fähigkeiten das reformatorische Werk aufbauen. Nach einiger Zeit gibt er dem beharrlichen Flehen Farels nach und nimmt die ihm angetragene Aufgabe an, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich der Genfer Prediger vollständig seiner Person unterordnet.

Schon die ersten Maßnahmen Calvins deuten eine Entwicklung an, die später in einer theokratischen Diktatur enden sollten. So formuliert er zahlreiche strenge Prinzipien, die der Rat für die reformatorische Arbeit als leitende Vorgabe anerkannte. Jeder Bürger der Stadt Genf war inzwischen verpflichtet Calvins Katechismus öffentlich zu bekennen und beschwören. Wer sich dem neuen Bekenntnis verweigerte, sollte umgehend zur Ausreise aus der Stadt gezwungen werden.

Doch früh entwickelt sich ein massiver Widerstand gegen den neuen Reformator. Die Bürgerwahlen fallen zu Gunsten der Gegner Calvins aus. In kürzester Zeit entsteht ein Konflikt zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt, der darin endet, dass Calvin die Strafe des Exils auferlegt wird.

Während Calvins Abwesenheit kommt der einst energische begonnene Aufbau der Reformation in Genf ins Stocken und überall werden vermehrt Stimmen laut, die eine Rückkehr Calvins fordern. Als schließlich die verdrängte katholische Kirche wieder versucht sich in Genf zu etablieren, sieht der Magistrat keinen anderen Ausweg als Calvin um seine Wiederkehr zu bitten. Dieser hält sich vorerst zurück und wartet auf den Zeitpunkt, bis sich die Genfer Führung in erniedrigender Art und Weise einverständlich erklärt, sich nun seiner Macht kompromisslos unterzuordnen. Als die strengen Edikte wieder in Kraft gesetzt sind erscheint Calvin am 13. September 1541 und beginnt unverzüglich mit der ausnahmslosen Gleichschaltung eines Volkes, welches von Zweig im zweiten Kapitel des Romans mit der Überschrift ,,Die >>discipline<<’’ verarbeitet wird. Nach wenigen Jahren unter dieser Disziplin, die sich für das Genfer Volk vor allem in Folter, Gefängnis- und Exilstrafen zeigt, wandelt sich der einst so fröhliche Ort in eine trostlose Stadt, die von Angst und Repressionen gezeichnet ist.

[...]


[1] Müller: Stefan Zweig (1988), S.38.

[2] Scheuer, Helmut: Stefan Zweig. In: Metzler Autoren-Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller. Hrsg. von Bernd Lutz. Stuttgart: Metzler 1986, S.655 f.

[3] Nijenhuis, Willem: Calvin. In: Theologische Realenzyklopädie. Hrsg. von Gerhard Müller. Berlin: de Gruyter 1993, S.633.

[4] 1542

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640495498
ISBN (Buch)
9783640495375
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141743
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Exilliteratur Stefan Zweig Castellio Calvin Oder Gewissen Gewalt

Autor

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    Hermann D. Janz (Autor)

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